WM 2022: Alte Köpfe, neue Pflöcke – Schlusspunkt und Neuanfang

Lionel Messi hat den Fußball durchgespielt. Mit der WM hat der 35-jährige Argentinier nun wirklich jeden für ihn theoretisch möglichen Titel geholt. Neben dem Gastgeber, den große Teile der weltweiten Beobachter aus Gründen rundheraus ablehnen, ist es die Krönung des größten Fußballers, den Argentinien seit Maradona hervorgebracht hat.

Da war aber noch mehr.

Ein Turnier als personelle Zeitenwende

Wer erinnert sich noch an die EM 2004? Wie aufregend, wie qualitativ hochwertig das Turnier war, aber auch wie groß es sich anfühlte? Die EM damals stand nämlich an einer Zeitenwende. Etablierte, alternde Welt-Stars (Zidane, Figo und Rui Costa, Beckham, Nedvěd, Larsson, Davids und Stam, Kahn) kamen mit der letzten bzw. maximal vorletzten Chance auf einen Titel daher, während schon eine ganze Reihe an jungen, potenziellen Superstars von morgen – Ronaldo (19), Rooney (19), Robben (20), Lahm (20), Ibrahimovic (22) und Torschützenkönig Baroš (22) – ins Rampenlicht drängten. Der griechische Sieg fühlte sich damals auch deshalb so unbefriedigend an, weil sie am Ende alle verloren haben, angesichts der defensiven Spielweise der Griechen auch die Zuseher.

Nie seither hat ein Turnier eine alte und eine neue Generation so vereint wie diese WM. Es war eine WM der Alten: Von Messi (35), Ronaldo (37), Modrić (37), Lewandowski (34), Bale (33), Müller (33), Cavani und Suárez (beide 35) – mit höchster Wahrscheinlichkeit war es für sie alle die letzte WM; mehr als eine hat Neymar (30) vermutlich auch nicht mehr im Tank. Es war aber auch ein Turnier der Jungen: Von Bellingham (19), Pedri (19) und Gavi (18), von Álvarez (22) und Fernández (21), von Musiala (19) und Davies (22), von Vini Jr. (22) und Gvardiol (20), auch von Gakpo (23). Im Grunde fehlte da nur Erling Håland.

Das dominierende Narrativ der Zehner-Jahre – Messi vs. Ronaldo – hat in Katar ihre große Schlusspointe bekommen. Gleichzeitig wurden die Pflöcke für die Zukunft eingeschlagen, die Basis für die Storylines der Zwanziger-Jahre gelegt. Kylian Mbappé hat sich 2018 schon ins Rampenlicht geschossen, nach diesem Turnier gehört der Torschützenkönig zu den Säulenheiligen den Welt-Fußballs. An ihm wird sich die neue Generation messen und noch lange abarbeiten.

Finale: Argentinien – Frankreich 3:3 n.V., 4:2 i.E.

Die vielen disziplinierten Defensiv-Reihen…

Verteidigen kann heute jeder! Ja, keine ganz neue Erkenntnis. Und in der begrenzten Zeit, die ein Nationaltrainer mit seiner Mannschaft zur Verfügung hat, ist ein ausgeklügeltes Angriffsspiel einzuüben auch annähernd ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Umständen haben für ein extremst zähes EM-Turnier von 2016 gesorgt. Anstatt den eigenen Strafraum zu verbunkern, machten Mannschaften schon für den Pass ins Angriffsdrittel die Räume zu.

Was sechs Jahre später immer noch gleich ist? Dieser Ansatz war bei fast allen Teams zumindest ein Teil des Repertoires. Das machte es den meisten Gegnern ungemein schwer, Lösungen zu finden und das machte so manches Spiel – vor allem in der Vorrunde, wo es noch nicht in jedem Spiel um Siegen oder Fliegen geht – ein wenig langatmig. Die Hälfte der Gruppenspiele gingen mit einem 0:0 in die Pause, oftmals war aufgrund der fehlenden Ideen auch das Tempo gering.

Sobald das erste Tor gefallen war, brach dafür so manches ganz wilde Spiel aus. Man denke an Portugal gegen Ghana oder an Kamerun gegen Serbien.

…und die Suche nach spielerischen Lösungen…

Auffällig war, dass bei allem Ballgeschiebe im Sechserraum, zu dem gerade nominell stärker Teams gezwungen waren, die Brechstange kein Mittel war. Selbst lange Abschläge der Torhüter waren relativ selten: Es wurde flach von hinten aufgebaut. Das mag zwei Gründe haben: Erstens schickt man damit die Mitspieler sofort in Zweikämpfe im dichten Mittelfeld und verengt so den bespielbaren Raum noch mehr. Und zweitens ist es eine Möglichkeit, den Gegner ein wenig zum Aufrücken zu bewegen. Man muss es ja nicht gleich so extrem einladen wie die ÖFB-Frauen im EM-Viertelfinale gegen Deutschland, aber vielleicht ergibt sich ja so ein wenig bespielbare Luft.

Manche haben hingegen den Luxus, über Spieler zu verfügen, die sich als Gegengift für solche disziplinierte Defensiv-Reihen eigenen. Jamal Musiala schon in den Monaten vor der WM bei Bayern München groß aufgespielt und war auch im DFB-Trikot eine absolute Erscheinung: Er geht in Dribblings, geht in Zweikämpfe, die er mit seiner Technik statt mit Robustheit gewinnt, er sorgt für Unordnung beim Gegner. Portugal lieferte gegen die Schweiz ein famoses Spiel, als die statische Rolle von Ronaldo weg war und João Félix und Gonçalo Ramos ihre Wuseligkeit ausspielen konnte. Jude Bellingham riss das Offensivspiel bei England an sich, Antoine Griezmann in ungewohnter Rolle in Frankreich ebenso, Sadio Mané hätte das beim Senegal sein sollen.

Anderen, wie eben Spanien, fehlte so ein Element.

…sowie Sinn und Unsinn einer klassischen Neun

Deutschland, Land der Strafraumstürmer: Der moderne Fußball mag es geschafft haben, ihnen den Libero zu nehmen, aber die Klassische Nummer 9 ist heilig. Das merkt man an der Hysterie, wie die deutsche Fußball-Öffentlichkeit einen solchen verlangt und wie groß die Genugtuung war, als Niclas Füllkrug den Ausgleich gegen Spanien erzielte.

Tatsächlich ist die Strafraumbesetzung ein großes Thema und sie war bzw. ist bei Deutschland ein Problem. Auch Spanien hat „nur“ einen (Morata), Belgien hatte ohne den angeschlagenen Lukaku keinen Neuner von ausreichendem Niveau. Neidvoll geht der Blick daher nach Polen, nach Frankreich, England oder Marokko, wo es solche Spieler gibt.

Die Krux an dem Spiel mit einem Mittelstürmer ist, dass man ihn erstmal involviert bekommen muss, damit er Sinn hat. Man opfert mit ihm einen Spieler, der potenziell zwischen den Linien anspielbar ist – der Umstand, dass die Passempfänge zwischen den Linien regelmäßig als Statistik bei den TV-Übertragungen eingeblendet wurde, verdeutlicht die Bedeutung davon. Es ist bei Hansi Flick, bei Luis Enrique oder auch bei Lionel Scaloni gar nicht zwingend eine grundsätzliche Abneigung gegen eine Klassische Neun. Sondern eher eine taktische Notwendigkeit, mehr Spieler in den Zehnerraum zu bekommen – gerade bei einem Nationalteam, das ja einer Klubmannschaft an Komplexität zwangsläufig hinterherhinkt.

Wie großartig das funktionieren kann, hat ja Scalonis Umstellung gezeigt, als er im Turnierverlauf Julián Álvarez statt Lautaro Martínez in die Startformation befördert hat: Das Problem ist nicht so sehr der Spieler, der für die Strafraumbesetzung sorgt und die Torchancen nützen soll, sondern der Weg dorthin. Darum hat die Diskussion in Deutschland – niemand hinkte dem eigenen Expected-Goals-Wert so weit hinterher wie die DFB-Elf mehr Berechtigung als etwa in Spanien, wo es gegen Japan und Marokko ja kaum einmal gelang, überhaupt in Abschlusspositionen zu kommen.

Ein oft gewähltes Mittel waren zudem flache Flankenbälle nicht vor das Tor, sondern zurück zur Strafraumgrenze. „Der letzte, der am Strafraum ankommt, ist der erste, der schießen soll“, formulierte es Pep Guardiolas Mentor und Co-Trainer Juanma Lillo bei The Athletic. Hier ist der Neuner auch eher der Verteidiger bindende Lockvogel.

Vielfalt der Ansätze

2010 hatte fast keiner spielerische Phantasie. 2014 versuchten viele, die abflauende Pressing-Welle Hitze-kompartibel zu machen. 2018 schließlich regierte die Suche nach der Balance und aus diesem Bemühen heraus fächerte sich das Portfolio an Optionen sehr breit auf, was bei diesem Turnier absolut zu sehen war. Die Frage ist universell: Wie bekomme ich meine Stärken bzw. meinen besten Spieler optimal eingesetzt, ohne das Risiko zu erhöhen? Die Antworten darauf waren vielfältig.

Frankreich zog sich zurück, um Mbappé mit Tempo in freie Räume schicken zu können – was auf der linken Außenbahn zunehmend schwer fiel, wie in den letzten drei Spielen zu erkennen war. Bei Kroatien konzentriert sich alles auf das Trio im Mittelfeld, das nicht nur Bälle, sondern auch die Aufmerksamkeit der Gegner aufsaugt. Brasilien sicherte hinter einem Offensiv-Quartett mit vielen Freiheiten mit einer strengen 3-2-Staffelung. Marokko ließ defensiv nichts zu und rückte nach Ballgewinn in Mannschaftsstärke auf. Louis van Gaal setzte auf fast sklavische Mannorientierungen und das Freiräumen der Flügel für die offensiven Wing-Backs, Lionel Scaloni ließ fünf andere Spieler die Lauf- und Kampfarbeit für Messi erledigen, damit dieser seine Traumpässe anbringen kann.

Es ist nicht, wie vor zehn Jahren, die Frage: Pressen oder absorbieren? Oder wie vor 20, 25 Jahren, die Frage: Libero oder Viererkette? Der zugrundeliegende Gedanke ist heute immer der gleiche. Aber die Lösungsansätze sind sehr divers und sehr individuell auf die Kaderbesetzung abgestimmt. Diese ist bei Nationalteams ja auch wesentlich weniger leicht zu ändern als bei Vereinen.

Stil vor System

Dazu gehört auch, dass die Systemfrage bei dieser WM eigentlich keine war. So viele Teams wie noch nie wirbelten von einem Spiel zum nächsten fröhlich ihr System durcheinander: Ecuador und Uruguay spielten drei verschiedene Formationen, Argentinien wechselte je nach Spielertypen und Gegner, Kanada ebenso, die USA changierte sogar mit selbem Personal zwischen 4-3-3 und 4-4-2.

Wenn es eines Beweises bedurft hatte, dass System und Spielstil nichts miteinander zu tun haben, war es dieses Turnier. Denn in den meisten Fällen ging es nicht um die Strategie an sich, die sich mit dem System änderte, sondern nur die Raumaufteilung und die Bereiche auf dem Feld, auf den der Fokus gelegt wurde.

Zeitpunkt im Jahr

Ein in den letzten sieben Jahren immer wieder genannter Kritikpunkt an dem Turnier in Katar war der Zeitpunkt, von Mitte November bis kurz vor Weihnachten anstatt, wie wir es von solchen Turnieren gewohnt sind, von Juni bis Juli. Angesichts der zahlreichen viel, viel größeren Probleme, die sich mit Katar als Gastgeber einer solchen Mega-Veranstaltung bieten, fühlte sich dieser Punkt immer wie ein kleinliches Beharren auf Befindlichkeiten an. Ich will meine Grillerei bei 35 Grad zum WM schauen! Die Saisonen müssen unterbrochen werden! Wenn’s so heiß ist dort, im Sommer, dann soll man doch gar keine WM dorthin vergeben!

Wahr ist aber, dass der Zeitpunkt der WM der Qualität auf dem Rasen keineswegs geschadet hat, sondern ihr sogar eher zuträglich gewesen ist. Natürlich: Spielern wie Sadio Mané und Karim Benzema, die sich kurz vor WM-Start verletzt haben, fehlte die Zeit zur Rekonvaleszenz, aber Verletzungen sind oft genug auch im Trainingslager oder in Testspielen passiert (wie Zidane 2002). In den ersten beiden Gruppendurchgängen vor allem war auch oft zu sehen, dass es an Vorbereitungszeit fehlte: Teams wirkten nicht eingespielt, mussten sich im Turnierverlauf finden.

Andererseits aber waren die Spieler nicht annähernd so ausgebrannt, wie sie das nach einer langen, anstrengenden Saison waren, was schon so manches Turnier ruiniert hat (2002, 2010, 2016). Die Kicker waren voll im Saft, waren frischer. Die körperlichen Folgen dieser WM mit praktisch null Reisestrapazen und klimatisierten Stadien sind im Rahmen – maximal sieben Spiele in vier Wochen ist kaum härter als der Kalender im Klub-Fußball.

Die mentalen Folgen werden wohl eher ein Thema werden, vor allem bei denjenigen Spielern, die lange dabei waren.

Die lange Nachspielzeit

Besonders auffällig war bei dieser WM die ausufernde Nachspielzeit. Im Schnitt wurden bei den 64 Spielen satte 12 Minuten pro Match nachgespielt – also grob gesagt vier Minuten in der ersten und acht Minuten in der zweiten Hälfte. Schiri-Chef Pierluigi Collina bestätigte, dass das Absicht war und Mannschaften bestrafen sollte, die bewusst den Spielfluss stören, um Zeit von der Uhr zu nehmen.

Die beiden Tore des Iran beim 2:0 gegen Wales fielen in der 98. und 101. Minute, Holland rettete sich in der 101. Minute gegen Argentinien in die Verlängerung. England und der Iran standen sich 117 Minuten und 16 Sekunden gegenüber – in einem Gruppenspiel, das 6:2 endete.

Diese Maßnahme hat für einiges an Drama und tatsächlich für mehr gespielten Fußball gesorgt, aber auch für – zumindest – hochgezogene Augenbrauen, auch bei den Verantwortlichen der großen Ligen und den Aktiven. Die Spielergewerkschaft FIFPro hat sich bereits deziediert gegen eine Übernahmen im Klub-Fußball ausgesprochen – 10 bis 15 Prozent längere Spiele bestenfalls gleichbleibender Regenerationszeit erhöht das Verletzungsrisiko deutlich.

Die Premier League schließt sich dem an, in Deutschland „nehmen wir das zur Kenntnis“, wie es mit skeptischem Unterton heißt und auch in Spanien soll sich zumindest vorerst nichts ändern und es „normale“ Nachspielzeit geben. In Italien hingegen, der Heimat von Pierluigi Collina und schon immer Europas unumstrittene König in Sachen Nachspielzeit, wird man die Direktive auch in der Serie A umsetzen. Bei den Zusehern kam die längere Spieldauer tendenziell gut an, wie etwa eine YouGov-Umfrage ergab.

Katar und die FIFA und alles

Niemals zuvor stand ein Gastgeber und alles wofür dieser – und die FIFA – stand, so sehr am Pranger wie Katar. Neben unseren Gedanken vom Turnierstart zu diesem Thema wollen wir an dieser Stelle an den hochgeschätzten Kollegen Tobias Escher verweisen, die sich in seinem „Laptoptrianer“-Blog dieser Thematik gewidmet hat.

Den angesprochenen Mist haben wir nun also hinter uns gebracht. Wenn wir nur betrachten, was auf dem Rasen passierte, war es eine durchaus unterhaltsame WM die einen wehmütig zurücklässt, dass es die letzte mit dem Ideal-Format von 32 Teilnehmern ist. Wenn man die Begleitumstände betrachtet, wird der Blick auf die WM 2022 immer einen Beigeschmack haben.

Einzel-Bilanzen aller 32 Teams

Südamerika: Krönung für Argentinien, Zwiespalt für Brasilien
Europas Große: Klares Top-Trio, der Rest mit Aufgaben
Europas zweite Reihe: Allgemeine Stagnation
Afrika: Gute Figur mit einheimischen Trainern
Asien: Raus aus der Lethargie
Nord-/Mittelamerika: Junges US-Team auf der Überholspur

Link-Tipps:
Was uns die EM 2021 gezeigt hat
WM 2018: Balance, Absicherung, Video-Referee
10 Erkenntnisse der EM 2016 in Frankreich
WM 2014: Rückkehr der Dreierkette, gute Goalies und die ewige Diskussion um die Refs
WM 2010: Toter zweiter Mann, besoffene Schiefe und andere Erkenntnisse

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.