Wieder keine Antwort auf Umstellungen: Österreich rettet 2:1

Immerhin: Österreich gewinnt in Georgien das erste Pflichtspiel nach der verpatzten EM mit 2:1 und startet mit dem erwarteten (und notwendigen) Sieg in die WM-Qualifikation. Das Resultat ist aber auch das Beste an diesem Spiel. Zwar hatte man Georgien vor der Pause gut unter Kontrolle. Auf die Umstellungen des Gegners blieb das Team von Marcel Koller aber – einmal mehr – eine Antwort schuldig.

Georgien - Österreich 1:2 (0:2)
Georgien – Österreich 1:2 (0:2)

Vor fast genau fünf Jahren hat ein von Vladimir Weiss trainiertes slowakisches Team die österreichische Mannschaft (unter Constantini) am taktischen Nasenring durch das Klagenfurter Stadion gezogen. Nun coacht Weiss Georgien – und die Kaukasus-Kicker stellten sich taktisch eher an wie Steinzeit-Menschen. Darum sagt die erste Halbzeit auch mehr über die Schwäche von Georgien aus als über eine wirkliche Rehabilitation Österreichs nach der verpatzten EM.

Ein Move reicht aus

Im georgischen 4-2-3-1 standen die vier offensiven Leute oft sehr hoch, die Abwehrkette aber fand keine richtige Positionierung. Für ein Einladen von österreichischem Druck stand sie zu hoch, für das eigene Ausüben von Druck aber zu tief. Hinzu kam noch, dass die beiden Sechser zwar einerseits viel horziontal in Richtung Ball verschoben, aber die restliche Spielfeldbreite nicht abgedeckt wurde weil der AV nicht ein- und das offensive Mittelfeld nicht zurück rückte.

Im Grunde genommen reichte es Österreich also völlig aus, einen Move immer und immer wieder zu bringen: Den Vertikalpass hinein in den offenen Sechserraum der Georgier, auf die etwas halblustig im Raum herumhängende Abwehrkette zu. Das war vor allem der Job von Alaba und Baumgartlinger, Empfänger waren vor allem Arnautovic und Junuzovic.

Die Kompaktheit im eigenen Aufbau war bei Österreich damit natürlich nicht gegeben, aber es machte sehr wohl den Eindruck, als sei die eher weite Staffelung im De-facto-4-2-4 gegen die schlechte Raumaufteilung der Hausherren durchaus so gewollt.

Georgien ohne Tempo im Angriff

Defensiv agierte Österreich in der ersten Hälfte über weite Strecken recht konzentriert, besonders schwer machten es ihnen die Georgier aber auch lange nicht. Da sie so hoch standen, kamen die georgischen Offensivleute praktisch nie mit Tempo an den Ball, so war es Österreich ein leichtes, Zielräume und Passwege recht flugs zuzustellen.

Die einzige wirkliche Quelle von Bauchweh war Markus Suttner. Der (vorläufige?) Nachfolger von Fuchs als Linksverteidiger zeichnete sich durch unpassendes Stellungsspiel aus; immer wieder mussten Alaba bzw. Baumgartlinger einkippen und / oder Hinteregger wurde aus der Position gezogen.

Die eine Riesen-Chance, die sich daraus ergab, schoss Ananidze links am Tor vorbei. Da führte Österreich aber schon verdient mit 2:0.

Wie so oft: Gegner reagiert…

Dass Weiss aber durchaus weiß, was er tut, sah man dann nach dem Seitenwechsel. Er hatte die Problemfelder erkannt und einige (wenn auch nicht alle) behoben.

2. Hälfte
2. Hälfte

Aus dem 4-2-3-1 wurde nun eher ein 4-1-3-2, zudem liefen die Georgier nun konsequenter die österreichische Eröffnung an und im Zentrum hatten Baumgartlinger und Alaba deutlich schneller einen Gegenspieler (in der Regel Kasha, davor auf der Sechs, in der Schlussphase nach einigen Umstellungen als IV) auf den Füßen stehen. Es war nicht die komplette Mann-Orientierung, die Österreich vor allem gegen Holland und Ungarn so zu schaffen gemacht hat, aber es zeigte massiv Wirkung.

Georgien hatte nun die permanenten Vertikal-Pässe von Österreich auf Junuzovic und Arnautovic unterbunden und damit das Spiel merklich unter seine Kontrolle gebracht. In der 51. Minute wurde noch Junuzovic geschickt (eher in Richtung Eckfahne), in der 56. Janko und Arnautovic (was das 3:0 hätte sein müssen) – aber davon abgesehen, hatte man Österreich den Lieblings-Spielzug genommen und damit weitgehend kaltgestellt. Es gab noch ein paar Halbchancen (wie der Weitschuss von Alaba in der 70. Minute und ein verweigerter Elfer nach einem Foul an Arnautovic), aber mehr auch nicht.

Außerdem wurde der erkennbare Schwachpunkt Suttner nun noch mehr angebohrt – mit der Folge, dass Georgien ein ums andere Mal über die rechte Angriffsseite in den Strafraum kam – am gefährlichsten war in der 65. Minute der Pfosten-Kopfball der Georgier nach einem Angriff über die Suttner-Seite. Und natürlich die Aktion zum georgischen Tor, als Suttner den Spielzug erst scharfmachte und dann nicht entschärfte. Der Schuss an sicher war stark, aber die Entstehung hätte dreimal verhindert werden können.

…Koller nicht

Alaba reagierte schnell, indem er sich zwischen die Innenverteidiger fallen ließ, um sich ein wenig der direkteren Deckung zu entziehen. Das war auch durchaus ein Sicherheitsnetz gegen den Ball, andererseits fehlte seine Präsent natürlich weiter vorne – wo Georgien zunehmend das Spielgeschehen diktierte.

Die Reaktion von Koller war, dass es im Grunde keine Reaktion gab. Alle drei Wechsel waren positionsgetreu (erst Schöpf für Junuzovic, danach Sabitzer für den isolierten Harnik, und schließlich Gregoritsch beim Debüt für Janko). So konnte Georgien, ohne groß etwas weiter ändern zu müssen, einfach weitermachen und mehr und mehr Gefahr ausüben.

Die großen Abstände, die vor der Pause noch durchaus praktikabel waren, wurden nun gegen die deutlich verbesserte Raumaufteilung und das schnellere Anlaufen der Georgier zum Problem, Alabas zeitweiliger Rückzug aus dem Mittelfeld ebenso. Koller änderte nichts Grundlegendes durch seine Wechsel. Österreich bekam die Kontrolle über das Zentrum und damit über das Spiel nie wieder zurück.

Bedenkliche Abwehrarbeit

Kurz dem Tor zum 1:2 spielte Weiss dann volle Offensive: Er nahm erst Innenverteidiger Amisulashvili raus (für Offensivspieler Okriashvili – Kasha ging in die IV, Okriashvili auf die Zehn), kurz nach dem Anschlusstreffer auch noch Rechtsverteidiger Lobshanidze (für Offensivspieler Tchanturia). Das gehorchte nun keiner Formation mehr, das war einfach pure Brechstange, ein Alles-nach-vorne-Werfen.

Und Österreich ließ sich beeindrucken. Die Konzentration und die (von Suttner abgesehen) gute Ordnung aus dem ersten Durchgang waren völlig weg. Das Stellungsspiel war nun praktisch von allen Abwehrspielern mangelhaft, ständig standen zwei bis drei Georgier frei, im Zweifel wurde der Ball nur noch weg gedroschen – und kam kurz darauf schon wieder auf das Tor von Almer zu.

Österreich hätte sich nicht beschweren dürfen, wenn Georgien noch der Ausgleich gelungen wäre.

Fazit: Wo war die Reaktion?

Für eine Rehabilitation nach der verpatzten EM war die Leistung von Tiflis deutlich zu wenig, andererseits war sie nicht so schlecht, um den (typisch österreichischen) zynischen Komplett-Pessimismus zu rechtfertigen, der nach der EM um sich gegriffen hat.

Dennoch: Die Defizite wurden sehr deutlich. Einmal mehr gab es nicht nur keine adäquate, sondern im Grunde sogar überhaupt keine Reaktion auf einen Gegner, der in der Halbzeit seine Spielanlage umstellt – wie heuer gegen die Türkei, wie einst auch gegen Schweden oder auch gegen Uruguay. Auch, wie das Team mittelfristig sein Repertoire erweitert haben will, bleibt unbeantwortet; nicht nur das Personal glich der jüngeren Vergangenheit, auch die Spielanlage.

Natürlich: Es war dies kein Spiel, in dem man glänzen kann oder gar etwas Wildes ausprobieren. Dazu ist die Gemengelage zu kritisch und ein etwaiger Punkteverlust zu schwerwiegend. Und die Panik in der Schlussphase ist sicher auch den Erfahrungen aus dem bisher mäßigen Länderspiel-Jahr 2016 geschuldet. Aber ein spürbarer Impuls von der Bank in einer solch kritischen Phase wie der letzten halben Stunde in Tiflis darf schon erwartet werden.

Kleiner Blick zu Serbien-Irland (2:2)

Serbien - Irland 2:2 (0:1)
Serbien – Irland 2:2 (0:1)

Irland ist von der EM noch ganz gut bekannt und auch beim Spiel in Serbien machten sie nichts Unerwartetes.

Die Serben spielten unter ihrem neuen Trainer Slavoljub Muslin in einem 3-4-3, das jenem von Gent unter Hein Vanhaezebrouck ähnelt. Die Außenstürmer spielen sehr zentral, dahinter sind die beiden ZM auf einer Höhe und verteilen vertikal in die Kanäle, welcher immer sich auftut: Über die Wing-Backs, über die Außenstürmer, oder auch auf den Mittelstürmer. Es offenbarten sich aber einige Probleme.

Zum einen, dass die irischen Achter (Brady und Hendrick) ziemlich massiv auf die beiden serbischen Passgeber (Gudelj von Ajax und Milivojevic von Olympiakos; Chelseas Matic fehlte) pressten und sie somit aus dem Spiel nahmen. So war der serbische Spielaufbau lange mehr oder weniger tot, nachdem Irland nach einem Freistoß früh in Führung gegangen war.

Und zum anderen, dass die Schnittstellen rund um Branislav Ivanovic oft offen wie ein Scheunentor waren: Nastasic spielte stur den Holzprügel in der Mitte und bewegte sich keine zwei Schritte von dort weg, selbst wenn Ivanovic an der Seitenlinie stand. Andererseits stand Rukavina oft extrem hoch, wodurch Ivanovic andererseits aber dazu gezwungen war, sich von Nastasic weg zu bewegen.

Nach der Pause ließ der irische Druck etwas nach, die Serben kamen nun besser in den Strafraum und wurde auch mit zwei Toren innerhalb von kurzer Zeit belohnt. Danach aber stellte man das Spiel wieder komplett ein und fing sich prompt den irischen Ausgleich nach einer Ecke.

Letztlich hatte Serbien die höhere Qualität und Irland den besseren Spirit, aber – wenn man sich vernünftig auf diese beiden Gegner einstellt – muss man sich vor keinem der beiden fürchten. Zumindest auf dem Papier ist Österreich sicher besser als beide diese Teams. Und so ganz nebenbei ist es für Rot-Weiß-Rot sicherlich kein Nachteil gewesen, dass sich die beiden nominellen Verfolger schon mal gleich schön gegenseitig die Punkte wegnehmen.

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Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.