WM-Qualifikation für 2014
Friends Arena, Stockholm, 11. Oktober 2013
Schweden - Österreich
2-1
Tore: 56' M. Olsson, 86' Ibrahimovic bzw. 29' Harnik

Aus und vorbei: Schwedens Umstellungen beenden Österreichs WM-Chancen

Aus der Traum! Österreich verliert 1:2 in Schweden und wird damit die Quali-Gruppe auf dem dritten Rang beenden. Obwohl das ÖFB-Team in der ersten Hälfte sehr viel richtig machte und verdient vorne war, doch Schweden reagierte richtig und drehte das Spiel. Eine Niederlage, die nicht sein hätte müssen, die aber aufzeigt, woran es noch fehlt.

Schweden - Österreich 2:1 (0:1)
Schweden – Österreich 2:1 (0:1)

Damit war eher nicht zu rechnen: Aleksandar Dragovic spielt als Sechser in einem 4-1-4-1. Als Kettenhund für Ibra? Nein: Als Balleroberer und Spieleröffner. Was in der ersten Halbzeit gut funktioniert hat. Wie überhaupt die ersten 45 Minuten aus österreichischer Sicht äußerst positiv zu bewerten sind.

Kollers 4-1-4-1 und die Rolle von Dragovic

Marcel Koller stellte Junuzovic und Alaba vor Dragovic zentral auf. Warum er das tat, wurde auch schnell klar: Die beiden pressten  hoch und aggressiv auf die beiden in der Zentrale aufgestellten Schweden, Elm und Svensson. So drückten sie die Gastgeber nach hinten, verhinderten einen geordneten Aufbau über die Mitte (in Form etwa von somit praktisch nicht vorhandenen Pässen in den Lauf von Ibrahimovic) und versuchten so, Ballgewinne in der Nähe des gegnerischen Sechzehners zu provozieren. Die ersten beiden Ziele gelangen gut, Letzteres auch aufgrund der Routine und der Absicherung durch eine sehr flache Abwehr-Vierkette nicht so sehr.

Die Gefahr, wenn die beiden Achter beide pressen, besteht im Gegenzug darin, dass hinter ihnen Platz frei wird. Das verhinderte Dragovic durch mutiges Aufrücken. So unterband er, dass Schweden durch die österreichische Pressinglinie hindurch auf Ibrahimovic und Elmander spielen konnten. Wenn Dragovic den Ball hatte, machte er keine spektakulären Dinge damit, er machte aber auch wenig verkehrt.

Erstaunlich im Bezug auf den Umgang der Schweden mit Dragovic waren zwei Dinge: Zum einen, dass es überhaupt keinen Druck gab, der auf den gelernten Innenverteidiger auf der völlig ungewohnten Position ausgeübt wurde, und zweitens, dass Ibrahimovic als hängende Spitze fast nie zentral hinter Elmander spielte, sondern immer links oder recht schräg versetzt. So ging er Dragovic aus dem Weg. Wenn der Plan war, ihn aus der Position zu ziehen und damit Raum für Elmander zu schaffen, ging er schief.

Probleme von hinten heraus

Wenn Österreich in der Abwehr den Ball hatte und es darum ging, das Spiel zu eröffnen, passierte das zumeist in Form von langen Bällen. Das ging ein-, zweimal fast gut (wie bei einem Pass auf Alaba, den Isaksson noch abfangen konnte), zumeist landeten diese Pässe aber eher im Nirwana. Über die rechte Seite mit Garics und Harnik ging ebenso relativ wenig, weil sich Schwedens RM Kacaniklic deutlich höher orientierte und auch wesentlich agiler wirkter als sein Pendant auf der anderen Seite, Seb Larsson. So fehlte es Harnik an Hilfe von Garics und damit an der Bindung zum Spiel.

Auf der anderen Seite jedoch klappte das Zusammenspiel von Fuchs und Arnautovic recht gut. Larsson konnte den beiden rwenig entgegensetzen und auch der schwedische LM Lustig  konnte den flinken Moves von Arnautovic nicht viel entgegen setzen. Am besten aber war das Spiel nach vorne, wenn der Ball bei Junuzovic und vor allem Alaba war: Dann nämlich kam sehr schnell eine Vertikalität ins Spiel, die den Schweden zusetzte.

Genauso im Übrigen wie die sehr giftige Zweikampfführung seitens der Österreicher, und auch deren Gedankenschnelligkeit. Während Österreich nach Ballverlusten schnell nachsetzte und oft auch ein Nebenmann half, ließen die Schweden nach Ballverlusten recht flink vom Gegenspieler ab und stellten sich. Dass Österreich mit einer 1:0-Führung in die Halbzeit ging, war hochverdient und man sah Förbundskapten Erik Hamrén seine Sorgen am Ende des ersten Spielabschnitts an.

Hamrén reagiert richtig

Er kam aber mit der richtigen Lösung daher, nach dem Seitenwechsel änderte Schweden nämlich einige entscheidende Punkte. Zum einen wurde Dragovic deutlich weniger Zeit am Ball gelassen. Mal bearbeitete ihn nun doch Ibrahimovic, mal schob Svensson etwas nach vorne, in jedem Fall aber konnte Dragovic nun nicht mehr so aufrücken, wie er das noch in der ersten Hälfte völlig ungehindert machen konnte.

Zum zweiten schob Schweden die Außenverteidiger weiter nach vorne. Waren Lustig und Olsson in der ersten Halbzeit praktisch immer annähernd auf einer Linie mit den Innenverteidigern, waren sie ihren Vorderleuten Larsson und Kacaniklic nun eine größere Hilfe als noch zuvor, als die Schweden hauptsächlich durch die Mitte nach vorne kommen wollten, obwohl Österreich da sehr gut zumachte.

Dadurch, dass die Schweden das Spiel breiter machten, mussten auch Alaba und Junuzovic (bzw. dann Leitgeb) mehr horizontal verschieben, um an den Außenbahnen zu helfen, was wiederum um Svensson und Elm im Zentrum mehr Zeit zum Aufbauen gab. Und als nach knapp einer halben Stunde in der zweiten Hälfte das österreichische Zentrum mürbe gespielt war, kam mit Ballverteiler Källström statt dem Balleroberer Elm einer, der das Ausnützen sollte.

Schweden klar spielbestimmend

Schlussphase
Schlussphase

Ein weiteres Element, dass zum Umschwingen des Pendels in die schwedische Richtung beitrug, war die wesentlich aggressivere Zweikampfführung nach der Pause. Hatte Österreich in diesem Bereich davor klar die Oberhand, fuhren die Schweden nun schon mal einen Härtegang nach oben – wie etwa Svensson gegen Janko. Der Ausgleich durch Olsson nach 56 Minuten war zudem hervorragend herausgespielt: Die Schweden zwangen mit ihrer guten Kombination die österreichische Defensive zu drei Richtungswechseln innerhalb von kaum fünf Sekunden, da ergibt sich bei der besten Defensive schon mal ein Loch. Vor allem, wenn mit Olsson auf einmal der Linkverteidiger im Zentrum aufraucht.

Marcel Koller brachte nach rund einer Stunde Leitgeb für Junuzovic, der nach seiner Verletzungpause deutlich noch nicht die Luft für 90 derart intensive Minuten hat. In einem ohnehin an Präsenz einbüßenden Zentrum war der Salzburg-Reservist leider kein Upgrade gegenüber Junuzovic. Das zuvor schon erlahmende Pressingspiel der beiden Achter war nunmehr de facto inexistent, auch deshalb machte es durchaus Sinn, dass Hamrén danach Källström brachte.

Auch Remis hält nicht

Schon in dieser Phase ging es nur noch darum, zumindest as Remis über die Zeit zu retten. Weimann kam für den nicht besonders auffälligen Harnik, fiel aber – wie schon gegen Irland – in erster Linie durch eine für einen Premier-League-Stammspieler erstaunlich holprige Ballbehandlung auf. Weder konnte er auf dem Flügel für Belebung sorgen, noch konnte er den durchaus ansprechend spielenden Janko nach seiner Auswechslung (ein Krampf, auch auf lange fehlende Spielpraxis zurückzuführen) adäquat ersetzen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Spiel auch 1:1 geendet wäre, wenn nicht Schweden einen Weltklassestürmer wie Ibrahimovic in seinen Reihen hätte. Seine starke Ballmitnahme nach dem Pass von Källström (ein Duo übrigens, das sich privat absolut nicht ausstehen kann), sein einkalter Abschluss zum 2:1 fünf Minuten vor dem Ende – die Entscheidung.

Fazit: Schwedens Umstellungen brachten mehr

Eine Halbzeit lang hat Österreich vieles richtig gemacht: Auf’s Zentrum gepresst, aktiv gespielt, gedankenschnell gehandelt, damit auch verdient in Führung. Doch auf die Umstellungen, die Schweden danach eine nach dem anderen ausgepackt hat, fehlten die adäquaten Reaktionen. Dabei kann man die Entscheidung, statt des müdegelaufenen Junuzovic ausgerechnet Leitgeb zu bringen, durchaus hinterfragen: Baumgartlinger oder Kavlak hätten wohl mehr defensive Stabilität bewirkt, Ivanschitz wohl mehr gebracht, wenn man gegen Elm und Svensson wieder proaktiv agieren hätte wollen. Mit Leitgeb gab’s weder das eine noch das andere.

Trotzdem ist der Sieg der Schweden mehr eine Sache davon, was das Trekronor-Team richtig gemacht hat, als davon, was das ÖFB-Team falsch gemacht hat. Hamrén – der in Schweden wegen seiner Zögerlichkeit und seiner mitunter fragwürdigen Enscheidungen durchaus unter Beschuss steht – hat die Problemstellen erkannt und die Spielanlage entsprechend adaptiert. Um aber etwa auf deutlich nach vorne geschobenen schwedischen Außenspieler zu reagieren, fehlt Koller auch das Personal. Wen außer Weimann hätte er bringen sollen? Einen Sabitzer kann man aufgrund seiner ihm (noch) fehlenden internationalen Erfahrung in so einer Situation nicht bringen und sich erwarten, dass er das Spiel herumreißt.

Letztlich waren die Schweden sowohl in diesem Spiel als auch über die ganze Quali nicht unbedigt ein besseres Team als jenes aus Österreich, aber ein etwas reiferes; auch von Ibrahimovic abgesehen. Leute wie Seb Larsson, Rasmus Elm oder Johan Elmander sind keine Weltbesieger, aber sie kennen solche Situation und können mit einem unerwartet auftretenden Gegner besser umgehen als ein österreichisches Team, das erstmals in dieser Lage war.

Dennoch: Die Richtung stimmt beim ÖFB-Team. Das hat diese Quali eindeutig gezeigt.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Pingback: 2011 bis 2016 - die 54 ÖFB-Länderspiele unter Marcel Koller()

  • Pingback: Wieder keine Antwort auf Umstellungen: Österreich rettet 2:1 - Ballverliebt()

  • Pingback: Österreich löst mit 4:1 in Schweden das EM-Ticket()

  • Pingback: Die jüngsten drei Anläufe von Österreich gegen Schweden (und ein Bonus) - Ballverliebt()

  • Pingback: Österreich erfüllt mit 3:0 auf den Färöern die Pflicht - mehr aber auch nicht - Ballverliebt()

  • Pingback: #Link11: Verbandsfußball | Fokus Fussball()

  • charles

    Kavlak oder Baumgartlinger statt Leitgeb wäre in der Situation wohl besser gewesen…
    Koller entschied sich aber aufgrund der positiven Erfahrung im IRL-Spiel für Leitgeb.

    Generell jedoch sind wir an einer gewissen Unreife oder mangelnder Cleverness gescheitert.
    Keiner, auch nicht Alaba, war fähig nach dem 1:1 jemals wieder Ruhe und Ordnung ins Spiel zu bringen. Angst und Unsicherheit stiegen in die Köpfe und wir hatten keine Antworten mehr auf die schlussendlich erfolgreichen Umstellungen der Schweden. Aber sowas kann passieren.

    Ausgeschieden sind wir nicht allein deswegen, fehlende Punkte liegen in Kazachstan und auch in Wien gegen D, wo zu viele Chancen vergeben und leider ein 2:2 verpasst wurde.
    3 Punkte, die uns fehlen und uns im finalen Spiel gegen die Färoer noch fürs Playoff hätten qualifizieren lassen. Aber insgesamt ein stark verbessertes A-Team, die beste Quali seit 1998
    und es Freude bereitete die Spiele zu sehen als sich mit Graus abzuwenden.
    EM 16 ist aber dann wirklich Pflicht!

    • tf

      der Satz “EM wirklich Pflicht”, den ja auch der ÖFB Präse mehrfach ausgesprochen hat, hat eine interessante Konsequenz für das Team: zum ersten Mal seit vermutlich 50 Jahren (oder mehr) wird die Teilnahme an einem Turnier gefordert. Was wird das in den Köpfen der Spieler und Funktionäre auslösen?

  • tf

    “Um aber … zu reagieren, fehlt Koller auch das Personal. Wen außer Weimann hätte er bringen sollen?”
    An der Stelle möchte ich einhaken: der zögerliche schwedische Coach hat nach dem Spiel in Wien sein Team mitten in der Quali kräftig umgebaut. Koller hat seinen Kader sehr eng gehalten und dann fehlen eben die Alternativen. Ein Royer spielt in der CL eine super Partie nach der anderen, schießt Tore und ist vor allem in der Lage, gegen Klasseverteidiger den Ball zu behaupten, ein 1:1 zu gewinnen. Ein Royer statt Harnik wäre eine hervorragende Alternative gewesen, um wieder mehr Zweikampfstärke und Ballbesitz zu erlangen, um das Momentum zu ändern. Es gibt noch einige andere unbeachtete Kandidaten mit intl. Erfahrung wie zb Trimmel, der dank Schnelligkeit, enormer defensiver Zweikampfstärke, Kopfballstärke und offensiven Fähigkeiten eine interessante Alternative zu Garics sein kann. Ein Teamchef sollte einen größeren Kader zu Lehrgängen und Spielen einberufen, um dann die derzeit besten auswählen zu können.

  • Martidas

    Nachdem die Emotionen sich langsam wieder auf Normalebene einpendeln, ein paar kritische Anmerkungen zur Taktik der Österreicher.

    Das klingt jetzt blöd, aber wir hatten im Amateurbereich genau dasselbe Spiel letztens. Zwei ungefähr gleich starke Gegner, der Gegner erfahrener, wir talentierter. Wir haben mit aggressiven Pressing begonnen -> Halbzeitstand 3:1. Danach haben sich unsere beiden besten Spieler verletzt, da wir personell unterbesetzt waren, mussten diese durchhalten. Wir versuchten unser System aufrechtzuerhalten -> Endstand 3:4.

    Man kann ein Spiel auch mal dreckig nach Hause spielen, vor allem wenn die Kondition sichtbar ausgeht. Die Schweden haben nicht die Mittel eine massive Betonabwehr konsequent auszuhebeln. Darauf zu hoffen, dass eine Abwehrreihe Fuchs-Pogatez-Prödl-Garics, gegen jede Vernunft, so brilliant steht um das Risiko eines hoch stehenden Mittelfeldes dauerhaft abzufangen, ist halt schon ein Wagnis.

    Schon klar, die Psyche und die Unmöglichkeit am Feld direkt zu reflektieren, machen gerade in solchen Entscheidungsspielen einen Turnaround der Taktik schwer. Aber hier muss einfach das Trainerteam hart durchgreifen. Wenn ich sehe, dass meine Spieler eigentlich nicht genau wissen, warum ihr Spiel nicht mehr funktioniert (siehe auch die teilweise histerischen Kommentare der Spieler untereinander), dann muss ich den Spieler wieder Mittel in die Hand geben. Und sei es die Maßnahme, das Ergebnis zu halten. Das ist ja kein Verbrechen. Ein Ibrahimovic darf (trotz Traumpasses) in der 85 Minute nicht bloß einen Gegenspieler haben. Punkt.

    Weites fehlt uns einfach ein gescheiter RV. Garics hat mittlerweile sämtliche meiner Nerven aufgebraucht. Und die Abseitsfalle wird er auch nicht mehr lernen.

    Und gerade gegen die Schweden tut ein Ausscheiden weh, denn Sympathiepreis gewinnen die keinen. Die Attacken gegen Janko (starkes Spiel!) waren ausnahmslos gelbwürdig, dass hier der Schiri nicht eingreift… und die Aktion von Elmander war sowieso jenseits von Gut und Böse, ich hätte ihn durch den Fernseher erwürgen können! Schade überhaupt um Arnautovic, er war der Einzige der in der zweiten Halbzeit eine Idee hatte. Er wurde aber links leider konsequent ignoriert. Das eine Mal wo er angespielt wurde, war gleich wieder Zug zum Tor da.

    Und Weimann darf erst wieder eingewechselt werden, wenn er seine dumme Übermotivation losgeworden ist. Der half den Schweden durch seine unnötigen Fouls mehr als uns.

    Und zum Schluss, nehme ich noch die Niederlage auf meine Kappe. Als Källström eingewechselt wurde, habe ich in die Runde gesagt “Der wirds entscheiden.” und recht sollte ich behalten. Tut leid, Jungs.

  • MartinW

    Eine gute Zusammenfassung der Ereignisse, wie immer bleibt die Frage ” was wäre gewesen, wenn…” einmal mehr ungeklärt, somit auch erwartet unbeantwortbar.
    Wenn man Pogatetz zur Halbzeit aus dem Spiel genommen hätte, rückbeordert und an die Stelle im Mittelfeld Kavlak spielen lassen hätte, wäre eben möglicherweise einiges anders gekommen. Wie gesagt – möglicherweise.