Testspiel
Wörtherseestadion, Klagenfurt, 5. März 2014
Österreich - Uruguay
1-1
Tore: 14' Janko bzw. 66' Á. Pereira

Überzahl in Ballnähe entscheidend: Erst Österreich mit Vorteilen, dann Uruguay

Das Ergebnis, ein 1:1 gegen Uruguay, sieht gut aus. Die erste Halbzeit, in der Österreich den amtierenden Südamerika-Meister an die Wand spielte, sah ebenfalls sehr gut aus. Dass es auf die logischen Änderungen beim Gegner für die zweite Hälfte aber keinerlei nennenswerte Reaktion gab, sah gar nicht gut aus. Ein Test mit durchaus Licht, aber auch mit einigem Schatten.

Österreich - Uruguay 1:1 (1:0)
Österreich – Uruguay 1:1 (1:0)

Kein Cavani bei Uruguay – kein Nachteil für Österreich. Ohne den PSG-Stürmer brachte Tabárez ein 4-4-2 auf’s Feld, das einen ganz großen Nachteil gegenüber dem durchaus spritzigen ÖFB-Team hatte: Die ungeheure Langsamkeit der teil massiv in die Jahre gekommenen Akteure.

Österreich im 3-gegen-1-Vorteil

Das auffälligste bei Österreich war, neben dem nennenswerten Offensiv-Pressing der vier vorderen Spieler, vor allem die geschickte Art und Weise, wie im Mittelfeld Überzahl geschaffen wurde. Dabei hatte Österreich natürlich den Vorteil der numerischen Überlegenheit im Zentrum (systembedingt), außerdem hielt sich Diego Pérez fast ausschließlich in der Nähe von Alaba auf. Das ging doppelt daneben: Zum einen war Alaba dennoch der unumstrittene Boss auf dem Feld, zum anderen entstanden so noch größere Löcher im uruguayischen Zentrum.

So gelang es Österreich fast immer, wenn Uruguay den Ball nach vorne tragen wollte, den Ballführenden zu stellen. Und zwar nicht nur mit 2-gegen-1-Situationen, sondern oft sogar mit 3-gegen-1. Die Abstände zwischen den Spielern und das fehlende Tempo dieser Spieler machte es Uruguay unmöglich, auf diese Weise vor das Tor von Robert Almer zu kommen. Suárez hing in der Luft und war in der ersten Hälfte kaum ein Faktor.

Nach Ballgewinn schnell und direkt

Dass das österreichische Offensiv-Pressing bald nachließ, hatte einen simplen Grund: Wenn man selbst zwei Drittel Ballbesitz hat, gibt es einfach keinen Gegner mit Ball, den man anpressen könnte. Gegen die in der Defensive durchaus kompakt stehenden Urus tat sich Österreich mit dem eigenen Aufbau allerdings durchaus schwer. Von hinten heraus erfolgte die Spieleröffnung zumeist über Hinteregger, und da oft über lange Diagonalpässe. In puncto körperlicher Robustheit hat Uruguay allerdings einen Vorteil, so taten sich Arnautovic und Harnik recht schwer. Auch, weil die Außenverteidiger Suttner und Garics (später Klein) sehr vorsichtig begannen und erst nach und nach ein wenig auftauten.

Deutlich besser klappte es bei Österreich, wenn man in den erwähnten Überzahl-Situationen im Mittelfeld den Ball eroberte und schnell umschalten konnte. Dann ging es mit schnellen, direkten Vertikalpässen innerhalb kürzester Zeit in den gegnerischen Strafraum. Dass Maxi Pereira der Ball vor dem 1:0 für Österreich verspringt, konnte man nicht einkalkulieren, aber dass aus genau so einer Situation das Tor fiel, ist logisch und alles andere als Zufall. Wie es auch kein Zufall war, dass das österreichische Team – das wann immer möglich den Abschluss suchte – bis zur Pause noch einige weitere gute Torgelegenheiten hatte.

Tabárez stellt um…

Großmeister Tabárez erkannte die Probleme natürlich und reagierte entsprechend. Er nahm den gegen Alaba untergehenden Pérez raus (positionsgetreu kam Gargano) und, noch wichtiger, er ließ den unsichtbaren Forlán draußen und brachte quasi gemeinsam mit Gastón Ramírez von Southampton ein neues System – ein 4-1-4-1. Damit hatte er die massive Unterlegenheit im Zentrum zahlenmäßig schon einmal ausgeglichen. Weil Gargano ein weiter gestreutes Betätigungsfeld hatte als nur Alaba nachzulaufen.

Zweite Halbzeit
Zweite Halbzeit

Und, weil Ramírez seinen Part sehr giftig spielte und so die pure Körperlichkeit von vor der Pause in ein gezieltes Angehen der Österreicher umgewandelt wurde. Inhaltlich ganz simpel: Nun schaffte es Uruguay besser, im Zentrum Überzahl-Situationen in Ballnähe herzustellen, damit bekam die Celeste das ganze Spiel besser in den Griff. Nun wirkte es sich auch noch mehr aus, dass den österreichischen Flügelspielern (nun Arnautovic rechts und Ivanschitz links) nicht so viel gelang – obwohl zumindest Arnautovic, der negativen Körpersprache zum Trotz, viel versuchte und nie aufsteckte. Für den Maestro das Signal, die Daumenschrauben weiter anzuziehen: Es kamen Álvaro Pereira und Nico Lodeiro.

…und zieht die Daumenschrauben an

Der ob der sich klar geänderten Kräfteverhaltnisse war das 1:1, obwohl im speziellen Fall es eine patschert verteidigte Ecke und kein taktischer Geniestreich war, folgerichtig. Wie auch, dass Uruguay nun mit zwei offensiv denkenden zentralen Mittelfeld-Leuten (neben Ramírez eben Lodeiro) das Geschehen auch weiterhin im Griff behielt.

Weil Ivanschitz gegen Aushilfs-Rechtsverteidiger Gargano (ein Duell zweier eigentlich Zentral-Spieler auf der Seite, auch nicht uninteressant) keinen Stich machte und die Wechsel von Koller zwar das Personal änderten (Kavlak für Leitgeb, dann Hinterseer für Junuzovic), aber nicht so sehr die Raumaufteilung. Einem möglichen Siegtreffer war nun Uruguay deutlich näher, von Österreich kam keine nennenswerte Reaktion mehr.

Fazit: Erst super, dann ohne Reaktion – wie in Schweden

Es erinnerte bei Österreich sehr viel an das entscheidende WM-Quali-Spiel in Stockholm: Eine großartige erste Halbzeit, in der die Marschrichtung passte und von den Spielern sehr gut umgesetzt wurde, ehe der Gegner in der Pause umstellt, das Heft in den Hand bekommt – und von Österreich aber keine Reaktion mehr kommt. So sehr man sich über die funktionierende Taktik zu Beginn freuen darf, so sehr muss man sich über ausbleibende Adaptierungen nach solchen des Gegners wundern.

Das Ergebnis, ein 1:1 gegen den amtierenden Südamerika-Meister, ist sehr respektabel, wiewohl natürlich allen klar sein muss, dass diese Mannschaft aus Uruguay ihren Zenit schon ganz deutlich überschritten hat. Österreich hat gezeigt, dass man sich auch vor Teams aus der erweiterten Weltspitze nicht fürchten muss. Eher schon davor, dass man guten Änderungen beim Gegenüber noch immer hilflos gegenüber steht.

Das darf sich ruhig ändern.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

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  • Martidas

    Irgendwie ist Kollers Konzept bei Führung Österreich weder Fisch noch Fleisch. Erstens muss ich mich ja nicht zurückziehen und kann versuchen, den Gegener über Ballbesitz zu frustieren oder aber wenn ich mich zurückziehe, dann muss es auch ein wirkliches Defensivkonzept geben!

    Es spricht nichts gegen die Taktik eine Führung halten zu wollen, aber wenn Österreich genau gleich spielt wie vorher, nur 30m tiefer steht, kann das nichts werden. Ich kann auf Konter spielen (dann brauch ich aber Junuzovic, Harnik und Hosiner / Weimann im Spiel) oder ich errichte einen Abwehrriegel (dann bringen aber Ivanschitz oder Hinteseer rein gar nichts, Janko dafür schon). Die Offensive hatte sichtlich keine andere Anweisung als tiefer zu stehen. Während Janko vorne eine Waffe ist mit seinem Stellungsspiel und die Mitspieler teilweise Weltklasse einsetzt, kommt er tiefer stehend nicht zur Geltung.

    Und eine Achse Alaba – Arnautovic auf links würde ich wirklich gerne mal sehen, mit Illsanker und Leitgeb in der Mitte.

    Sonderlob für Janko und Suttner, starke Partie von beiden.

    • antonino

      guter kommentar! die defensivvariante braucht eindeutig noch mehr linie und die kontervariante war in der ersten hälfte wesentlich stärker, vor allem bei der einen (beinahe schon dortmundesken) situation mit 6 vs 4 mit zug auf uruguays tor… leider vergeben von einem überhasteten abschluss in überzahl, ich glaub von suttner. diese dinge muss man konsequent zu ende spielen, und nach 30min alles klar machen. dann spielt sich auch das defensivkonzept leichter.

      als alternative zur alaba arnautovic achse würde ich gern auch mal den alaba als linken offensiven mit juno in der mitte und arnautovic oder harnik oder auch weimann auf rechts sehen. suttner und ulmer sind durchaus in der lage, die linke seite aufzuräumen und auch offensive akzente zu setzen. mit einem kongenialen parter wie alaba vor sich, kann sich glaub ich grad der ulmer gut in szene setzen. dazu leitgeb und ilsanker als 6er, und janko als spitze.

      und ja, janko wirklich eine bereicherung! aber vor allem innerhalb des gegnerischen strafraums, wenn er 2 leute auf sich zieht und damit platz für den rest macht. und wenn er dann wirklich mal zum ball kommt, dann hat er das tor bislang selten verfehlt. hut ab!

  • Peter

    Auch wenn die Zögerlichkeit in der abgelaufenen Qualifikation wohl sogar die Entscheidung zu Ungunsten Österreichs herbeigeführt hat. ABER:
    Kann man Koller die Nichtreaktion auf den Spielverlauf wirklich anlasten, wenn er im Vorfeld ja schon bekanntgibt, dass er in dem Testspiel (!) weiter an einer defensiveren Spielweise – also am Plan B – arbeiten wird?

    Ich finde nicht.

    • klaus

      trotzdem wär eine Reaktion um Minute 60 sinnvoll gewesen. Kann ja eine noch defensivere Variante sein mit Räume im Abwehrzentrum ganz eng machen und bei Ballgewinn mit 2-3 Passes kontern, wie es Albanien im U21 gegen uns erfolgreich praktiziert hat. Aber so wollten wir doch noch mitspielen und hatten dabei wenig Erfolg

      • Peter

        Ich bin ehrlich gesagt auch enttäuscht darüber wie man sich mit Fortdauer der Partie präsentiert hat. Aber eben nicht mit dem Zurückziehen an sich, weil das ja eh angekündigt wurde und ich wundere mich jetzt ein wenig über unsere Medien (König, Prohaska, aber auch z.B. hier), dass für die alle so überraschend und unverständlich sei.

        Die Ausführung selbst ist aber sehr wohl verbesserungswürdig. Da waren nicht wirklich gelungene Abstimmungen zu sehen und die Wechsel sind unter dem Geswichtspunkt auch fragwürdig. Wenn ich mich zurückziehe, wozu dann Hinterseer und eine Doppelsechs, deren Stärke nicht gerade körperliche Präsenz ist?
        Warum kein 4-1-4-1 mit Ilsanker zwischen den Linien?
        Wie soll man zügig kontern, wenn erstens alle Schnellen ausgewechselt werden und zweitens offensichtlich keine Abläufe dafür eintrainiert sind?

  • klaus

    Da ist euch wieder eine sehr detailreiche und überzeugende Analyse gelungen – ihr könntet euch aber drübertrauen und eine oder mehrere Szenarien beschreiben, wie wir den Urus in der 2ten Halbzeit Parole bieten hätten können, wenn es schon der Koller mit seinen Wechseln und (womöglich ohne) Reaktionen nicht geschafft hat. Zb den Ansatz von GERHARD oben find ich schon probierenswert.

  • gerhard

    interesant wäre gewesen nach der pause alaba als lv spielen zu lassen und das mittelfeld mit ilsanker und leitgeb zu besetzen. jedenfalls von unserer linken seite aus wäre dann mehr gegangen.

    und nicht zu unterschätzen: leitgeb und ilsanker haben das irre pressing der salzburger voll intus und würden zu zweit vermutlich schon ein pressing gewicht erzeugen. alaba kann das sicherlich auch und florian klein sowieso, auch wenn er nicht immer erste wahl bei den salzburgern ist.

  • Michi

    Guter Artikel! Weiter so

  • Hansi Maier

    Forza Kärnten !!