Salzburg legt die Saat: Mit Pressing-Fußball endlich in Europa angekommen

Es begann mit einer erstaunlich guten Leistung gegen Fenerbahçe, es endete mit einem Selbstfaller gegen Basel – dazwischen sorgte Salzburg in der ersten „echten“ Europacup-Saison unter Roger Schmidt mit hochattraktivem Tempo-Fußball und extrem aggressivem Pressing für eine der besseren Europacup-Saisonen, die je ein österreichisches Team absolviert hat. Ballverliebt blickt noch einmal auf die insgesamt 14 Spiele der Bullen auf internationalem Parkett zurück.

Fenerbahçe

1:1 (0:0) gegen Fenerbahçe
1:1 (0:0) gegen Fenerbahçe

Schon Fenerbahçe bekam in der ersten Quali-Runde zur Champions League zu spüren, was für ein unguter Gegner Salzburg sein kann. Die Türken bekamen keine Zeit am Ball, kamen so nicht wirklich zu Geltung und lief der Musik eher hinterher. Eine System-Umstellung in der zweiten Hälfte – auf 4-2-3-1 – und eine aktivere Spielweise ließ Fener besser ins Spiel kommen, doch Alan markierte halb durch die zweite Hälfte das 1:0. Bei dem es auch geblieben wäre, hätte nicht Ulmer in der Nachspielzeit den Ball im Strafraum an die Hand bekommen und Fenerbahçe den fälligen Elfmeter zum 1:1 verwandelt.

1:3 (1:3) bei Fenerbahçe
1:3 (1:3) bei Fenerbahçe

Im Rückspiel startete Salzburg wie aus der Pistole geschossen, ging durch Soriano schon nach vier Minuten in Führung, kassierte in der Folge aber zwei billige Tore als Resultat von etwas naivem Abwehrverhalten – vor allem Ramalho, der bis kurz davor noch Regionalliga für Liefering gespielt hatte, wirkte zuweilen etwas überfordert. In rasendem Tempo aber sollte der zu diesem Zeitpunkt 21-Jährige in den folgenden Wochen und Monaten zum unumstrittenen Stammspieler und Leistungsträger werden.

Dennoch blieben die Bullen spielbestimmend, wiewohl schon zu merken war, dass Fenerbahçe – drei Monate davor noch im Europa-League-Halbfinale – immer noch zulegen könnte, wenn es nötig gewesen wäre. Nach einer halben Stunde fiel das 3:1, und obwohl Salzburg genug Chancen gehabt hätte, den Rückstand aufzuholen, klappte es nicht mehr. Ein Gefühl, das man später in der Saison noch einmal haben sollte.

Žalgiris

5:0 (3:0) gegen Žalgiris
5:0 (3:0) gegen Žalgiris

Wegen des drohenden Ausschlusses von Fenerbahçe in Folge des Manipulations-Skandals spielte Salzburg schon nur unter Protest, doch während etwa Metalist Kharkiv wegen ähnlichen Vergehens sehr rasch aus der CL-Quali genommen worden war, zog sich die Sache bei Fener hin. Salzburg wurde im Play-Off zur Europa-League-Gruppenphase indes gegen Žalgiris Vilnius gelost.

Die Litauer erlebten dann, was auch in der österreichischen Bundesliga noch viele erleben sollten: Einen Abschuss erster Güte. Schon im mit 8.000 Zusehern sehr überschaubar besetzten Hinspiel (nachdem jenes gegen Fener ausverkauft gewesen war) machten sich die Bullen einen Spaß, Soriano traf dreimal, auch Mané durfte mal und sogar Innenverteidiger Hinteregger trug sich in die Schützenliste ein.

2:0 bei Žalgiris
2:0 bei Žalgiris

Auffällig ist im Rückblick, dass die Position von Kampl in dieser Saisonphase noch nicht fixiert war, sondern er entweder zentral oder auf dem Flügel agierte – je nachdem, wer neben ihm, Mané und Ilsanker der vierte Mittelfeld-Mann war. Leitgeb spielte in den Überlegungen von Roger Schmidt zu diesem Zeitpunkt keine echte Rolle, nachdem er nur geblieben war, weil sich kein anderer Klub für ihn interessiert hatte.

Mal spielte Meilinger, zurück von seiner Leihe in Ried, auf dem Flügel, mal Hierländer zentral vor bzw. neben Ilsanker und wenn Berisha in der Mitte spielte, hatte das System fast schon etwas 4-2-3-1-haftes. Nach dem etwas gelangweilten 2:0-Sieg im Rückspiel in Vilnius bekam Salzburg die Gruppe mit Elfborg, Esbjerg und Standard Lüttich – ein Aufstieg in die K.o.-Phase wurde sofort als absolute Pflicht gesehen. Wie sich zeigen sollte, zu Recht.

Elfsborg daheim, Esbjerg auswärts

4:0 (2:0) gegen Elfsborg
4:0 (2:0) gegen Elfsborg

Dass Fenerbahçe nach den Duellen mit Arsenal doch noch aus dem Bewerb genommen wurde, sorgte für einiges Murren – realistisch betrachtet hätte es aber vermutlich keinen Unterschied gemacht, da die Türken gegen die Gunners chancenlos waren und es Salzburg vermutlich kaum besser ergangen wäre.

So also ging es in eine in der Tat mäßig attraktive Gruppe, die mit einem besseren Trainingsspielchen begann. Der zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie entthronte Meister der ohnehin schwachen schwedischen Liga, IF Elfsborg, stellte sich von Beginn an mit einem 4-5-1 ganz tief hinten rein und betete, dass das Ausmaß der sportlichen Katastrophe sich in Grenzen halten möge. Nach diversen verdaddelten Chancen sorgte Alan nach etwas über einer halben Stunde für die Führung, Soriano doppelte noch vor der Pause per Elfmeter nach. Zwei weitere Treffer des Spaniers sorgten für einen auch in der Höhe verdienten 4:0-Erfolg für Salzburg.

Und dafür, dass Elfsborg-Coach Lennartsson von einer Spieler-Revolte aus dem Amt gejagt wurde, die Kicker selbst waren mit der ultra-destruktiven Spielweise nämlich überhaupt nicht einverstanden.

2:1 (2:0) in Esbjerg
2:1 (2:0) in Esbjerg

Im Spiel beim dänischen Cupsieger Esbjerg fehlte Ilsanker, daher rückte Ramalho ins Mittelfeld und Rodnei bekam wieder seine Chance – der aus Kaiserslautern geholte Brasilianer kam aber nie über die Rolle des wackeligen Ersatz-Mannes hinaus. Zu wenig solide waren seine Leistungen.

In Esbjerg wurde bei Salzburg erstmals jener Eindruck deutlich, den man im ganzen Europacup-Herbst haben sollte: Diese fast schon aufreizende Langeweile und die totale Selbstverständlichkeit, mit der die Bullen durch diese Gruppe marschierten. Je ein Alan-Tor am Anfang und am Ende der ersten Hälfte sorgten für eine lockere 2:0-Führung. Mit dieser im Rücken schläferte sich Salzburg danach aber beinahe selbst ein, rutschte vom Verwalten-Modus immer mehr in den Zitter-Modus und gab nach dem Gegentor in der 89. Minute beinahe sogar noch den Sieg aus der Hand.

Standard Lüttich

2:1 (0:0) gegen Standard Lüttich
2:1 (0:0) gegen Standard Lüttich

Mit was für Eiern diese Truppe ausgestattet ist, zeigte sich erstmals so wirklich im Heimspiel gegen Standard Lüttich. Die Belgier kamen in einem fast schon schmerzhaft eindimensionalen 4-4-2 daher, in dem sie es aber gut verstanden, die Räume extrem eng zu machen. Daran änderte auch der Ausschluss von Stürmer Carcela nichts.

Bemerkenswert war aber, wie nach der (an Dämlichkeit kaum zu überbietenden) gelb-roten Karte für Mané gespielt wurde. Da war nämlich nix mit einen Stürmer opfern und Balance auf die dezimierte Seite bringen, nein, da beackerte Linksverteidiger Ulmer die komplette Außenbahn einfach ganz alleine weiter. Und er machte das mit einer Wucht und einem Furor, dass den Belgiern ganz anders wurde, dass Soriano nach der Pause das 1:0 erzielte, und dass sich Kanu zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ. Mit neun Feldspielern gegen acht ließen die Bullen nichts mehr anbrennen; Ramalho erzielte in der Schlussphase das 2:0 und das Elfmeter-Tor von Mujangi-Bia (nach einem Foul von Hinteregger) war nur noch Kosmetik.

3:1 (2:0) bei Standard Lüttich
3:1 (2:0) bei Standard Lüttich

Christoph Leitgeb hatte sich zwischenzeitlich beim ÖFB-Team Selbstvertrauen geholt und sicherte sich nun auch bei Salzburg jenen Platz im Mittelfeld, den Schmidt bis dahin immer eher vakant gelassen hatte. Im strömenden Regen von Lüttich hatte Salzburg deutlich besseren Zugriff auf das Spiel wie noch beim eher zähen Heimsieg, schon nach wenigen Sekunden hätte Kampl die Führung erzielen müssen. Kurz vor der Halbzeit sorgte ein Doppelschlag durch Svento und Kampl dann doch für die verdiente 2:0-Führung – Lüttich konnte nicht mit dem hohen, aggressiven Pressing der Bullen umgehen und kam kaum selbst zur Entfaltung.

Und dann wurde auch noch das zarte Pflänzchen Hoffnung, das nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 nach knapp einer Stunde aufkam, auf das spektakulärste zertreten: Alans unglaublicher Fallrückzieher zum 3:1 legte die Partie auf Eis und bescherte Salzburg schon nach dem drittletzten Spiel fix das Ticket für die K.0.-Runde.

Elfsborg auswärts und Esbjerg daheim

1:0 (1:0) bei Elfsborg
1:0 (1:0) bei Elfsborg

Womit noch zwei weitgehend sinnfreie Spiele blieben, in denen es „nur noch“ um die endgültige Fixierung des Gruppensieges ging. Daher ließ Roger Schmidt in Borås auch einige Stammkräfte außen vor: Soriano, Kampl waren ohnhin angeschlagen, Ramalho und Leitgeb spielten auch nicht, Alan nur zehn Minuten, dafür kam Florian Klein in den Genuss, mal als defensiver Mittelfeld-Mann zu agieren.

Das Tor von Marco Meilinger kurz vor der Halbzeit fixierte den 1:0-Sieg in einem Spiel, an das man sich dann auch nicht weiter erinnern muss. Für die Schweden war die Saison längst gelaufen, die Kulisse von 3.000 Zusehern im November-kalten Westschweden war auch nicht gerade prickelnd. Klar: Auch diese B-Elf konnte das Salzburg-typische Pressing gut ausführen und kam gegen die erneut überforderten Schweden zu einer Fülle an Chancen, aber Berisha und Nielsen sind nun mal nicht Alan und Soriano.

3:0 (1:0) gegen Esbjerg
3:0 (1:0) gegen Esbjerg

Für das letzte Gruppenspiel nahm Gegner Esbjerg, obwohl es ja immer noch (zumindest theoretisch) um den Gruppensieg ging, auch das komplette Reserve-Team nach Salzburg mit, um dort die Weihnachtsfeier abzuhalten. Anders gesagt: So richtig ernst nahmen auch die Dänen das spiel nicht mehr, entsprechend kampffrei überließen sie es den Bullen dann auch.

Alan holzte zwar zweimal aus zwei Metern über das jeweils leere Tor, aber nicht mal das konnte einen lockeren 3:0-Sieg der Bullen verhindern – Mané traf doppelt, dazu netzte auch Kampl. Damit war das Kunststück aus dem Herbst 2009, als Salzburg schon einmal alle sechs Europa-League-Gruppenspiele gewann, wiederholt. Der erste Klub, dem dies ein zweites Mal gelang.

Ajax

Der holländische Renommier-Klub kam als einer der Gruppendritten aus der Champions League in die erste K.o.-Runde der Europa League; zwei Tage vor Salzburgs 1:0 in Borås bezwang Ajax immerhin den FC Barcelona. Allgemeiner Tenor in Österreich war aber dennoch: Da ist ein Weiterkommen absolut möglich wenn nicht gar wahrscheinlich. Realistisch betrachtet, war das wohl eine überzogene Erwartungshaltung.

3:0 (3:0) bei Ajax
3:0 (3:0) bei Ajax

Es hat aber niemand auch nur im Ansatz für realistisch gehalten, wie die Realität dann tatsächlich aussah. Denn am Tag, an dem Österreichs Nordische Kombinierer bei Olympia Team-Bronze holten, überfuhren die Bullen Ajax mit einer Wildheit, einer Überlegenheit, einer alles niederwalzenden Selbstverständlichkeit, die bei den Spielern von Ajax nur hilfloses Schulterzucken und Blicke zu Tage förderte, in denen sich die Frage manifestierte, was denn das für ein Frachtzug war, der da gerade Kleinholz aus ihnen gemacht hat.

Wohl hatte sich Ajax nicht vorstellen können, dass sich Salzburg, diese in der Liga unterforderte Mannschaft, die eine unsagbar leichte Gruppe überstanden hatte, auch gegen sie, das große Ajax, das hohe Offensiv-Pressing zeigen trauen würde. Das Gegenteil war der Fall, die Salzburger wetzten mit einem fast schon nie gesehenen Furor auf den jeweils ballführenden Holländer, sodass deren Akteure nach fünf Minuten höchst verwirrt waren, nach zehn Minuten hilflos, nach einer Viertelstunde im Rückstand, nach einer halben Stunde der Widerstand gebrochen war und Ajax nach Sorianos Tor von der Mittellinie zum 3:0 nach erst 35 Minuten vom dritten Blattschuss getroffen endgültig leblos im Straßengraben lag.

3:1 (0:0) gegen Ajax
3:1 (0:0) gegen Ajax

Salzburg konnte sich sogar leisten, bereits in der zweiten Halbzeit des Hinspiels auf Halbgas umzuschalten und verschonte Ajax so vor einer durchaus möglichen noch schlimmeren Peinlichkeit. Das wirklich erstaunliche aber: Selbst nach der Lehrstunde im Hinspiel hielt es Ajax-Coach Frank de Boer nicht für nötig, seine Taktik für das Rückspiel wirklich zu überdenken.

Denn auch im ausverkauften Klessheimer Stadion fühlte sich kein Ajax-Mittelfeld-Akteur bemüßigt, den in der Spieleröffnung unter Dauerdruck stehenden Verteidigern zu helfen, wurde wieder im Zentrum erstaunlich durchschaubar agiert, hingen die Stürmer wieder in der Luft.

Und wenn der Gegner schon nicht mal versucht, was dagegen zu halten, dann kann mit ihm auch ruhig nochmal eine mitgeben. Salzburg stellte in der zweiten Halbzeit innerhalb von 20 Minuten erneut auf 3:0, das Gegentor in der Schlussphase machte keinen Unterschied mehr. Ajax wurde mit einem Gesamtscore von 1:6 aus dem Bewerb geprügelt und musste froh sein, dass Salzburg damit sogar noch Gnade walten hatte lassen.

Basel

Aus der Euphorie wurde bei einigen Beobachtern durch die Gala-Auftritte gegen Ajax zusehens Übermut. Klar: Die Salzburger erinnerten in all ihrer Intensität, ihrer Go-for-it-Mentalität, ihrem ultra-heftigen Pressing und ihrem Aus-dem-Nichts-Kommen frappant an jene megageile Truppe von Athletic Bilbao, die vor zwei Jahren bis ins Finale marodierte und auf dem Weg dorthin auch Manchester United der Lächerlichkeit preisgab, wie Salzburg Ajax der Lächerlichkeit preisgegeben hatte.

0:0 in Basel
0:0 in Basel

Der Schweizer Serien-Meister aus Basel stellte sich aber nicht so naiv an wie Ajax. Man versuchte nicht, aus einem (falschen) Gefühl der Überlegenheit heraus, Salzburg das eigene Spiel aufzudrücken. Stattdessen entschied sich Murat Yakin dafür, sein Team voll und ganz auf den Gegner aus Salzburg einzustellen. Was hieß: Statt dem gewohnten 4-1-4-1, das Basel in der Regel spielt, gab’s eine Dreier-Abwehrkette gegen das Salzburg-Sturmduo mit Soriano und Winter-Neuzugang Zulj (er den gesperrten Alan ersetzte), hatte dank der Dauer-Besetzung beider Flügel durch die Degen-Zwillinge aber auch gegen Kampl und Mané immer Überzahl.

Die Folge: Salzburg kontrollierte das Spiel, konnte dadurch aber nicht das gewohnte Pressing- und Umschaltspiel aufziehen. Nicht, dass es nicht dennoch einige großartige Torchancen gegeben hätte, aber in der Not rettete für Basel der künftige Gladbach-Torhüter Yann Sommer oder die fehlende Genauigkeit der Bullen im Torabschluss. So stand am Ende ein 0:0, mit dem aber auch keines der beiden Teams so richtig unzufrieden sein wollte.

1:2 (1:0) gegen Basel
1:2 (1:0) gegen Basel

Für das Rückspiel behielt Yakin seine Dreierkette bei, stellte aber mit dem nun wieder fitten Marco Streller einen zweiten echten Stürmer auf das Feld. Was aber auch nichts geholfen hätte, wenn Salzburg etwas weniger schludrig mit den zahlreichen Top-Torchancen in der ersten Hälfte umgegangen wäre. Wobei den Bullen sicher auch half, dass Basel-Abwehrchef Suchý nach einem ganz besonders dämlichen und überdies ziemlich rüden Foul an der Mittellinie schon nach acht Minuten vom Platz flog.

Zwar konnte sich Basel in einer durch wildgewordene Idioten im Basler Fan-Block verursachten Spielunterbrechung nach einer halben Stunde etwas sammeln, aber die 1:0-Pausenführung durch Soriano war hoch-hochverdient. Kurz nach Wiederanpfiff schoss Soriano aus zwei Metern daneben – zwei Minuten später glich Basel nach einem Eckball aus. Und nach zehn weiteren Zeigerumdrehungen verflog sich Keeper Gulácsi nach einer weiteren Ecke, Sauro verwertete zum 2:1. Nachdem überdies Referee Gräfe Basel-Verteidiger Ajeti nach einem Kopfstoß fälschlicherweise nur Gelb gezeigt hatte.

So brilliant Salzburg gegen Ajax spielte, so sehr man das Duell mit Basel da schon längst hätte für sich entschieden haben müssen, so sehr scheiterten die Bullen nun an der Blockade im Kopf. Mané und Kampl brachten keinen Pass mehr an den Mann und verloren Bälle am laufenden Band, es gab kaum noch echte Torchancen, und die Einwechslungen der international nicht gerade erfahrenen Robert Zulj, Marco Meilinger und Valon Berisha konnte das Ruder auch nicht mehr herumreißen. Dass hinten drei von vier Mann aus der Stamm-Viererkette fehlten (Schwegler und Ulmer verletzt, Hinteregger gesperrt), half zwar nicht, war aber auch nicht entscheidend.

Jenes Team, das bis dahin 93 Tore in 27 Liga-Spielen erzielt hatte, war letztlich an der mangelnden Chancen-Verwertung gescheitert. Ein Treppenwitz, eigentlich. Die Reise war zu Ende – drei Tage, ehe man sich am neuntletzten Spieltag zum frühesten österreichischen Meister aller Zeiten gekürt hatte. Mitte März, bei nasskaltem Schmuddelwetter und Temperaturen, die von „zweistellig“ weit entfernt waren.

Fazit: In der Europas gehobener Mittelklasse angekommen

Der Hauptunterschied zur ersten, wirklich starken Europacup-Saison der Red-Bull-Ära: Waren im Herbst 2009 unter Huub Stevens die sechs Siege gegen Lazio, Villarreal und Levski Sofia auf der Basis von kompakter Defensive (mit einem reinen Abräumer wie Schiemer auf der Sechs), dem individuellen Genius von Somen Tchoyi und der Torgefahr von Marc Janko zu verdanken, konnte man nun mit sehr viel Eigeninitiative und einem hochattraktiven Wir-sind-die-Chefs-am-Platz-Fußball in Sphären vorstoßen, die man davor nur von weitem sah.

Im neunten Jahr unter der Patronanz von Red Bull ist nun endlich zum ersten Mal eine stringente Philosophie zu erkennen, wie man über einen längeren Zeitraum hinweg das eigene Spiel gestalten will. Mit einem Unterbau in Form des FC Liefering, der (obwohl mit einem 4-3-3) die selbe grundsätzliche Spielanlage zeigt. Mit Spielern, die erst in Salzburg zu Stars wurden – Kampl kam aus Aalen in der 2. deutschen Liga, Mané aus Metz in der 2. französischen Liga, Soriano von Barcelona II aus der 2. spanischen Division, Ilsanker einst aus Mattersburg und Ramalho aus dem eigenen Ableger in Brasilien, Hinteregger als 14-Jähriger aus Kärnten.

Holte man in der Vergangenheit fertige Spieler, die sich in Salzburg einen gut bezahlten Vorruhestand gönnten und in der Regel schlechter wurden, gelang es nun erstmals, praktisch einen gesamten Kader über den Zeitraum von anderthalb Jahren um so viel besser zu machen, dass er von einem Aus gegen Düdelingen dazu überging, Ajax zu demütigen. Und das mit so ziemlich dem modernsten Fußball, den man derzeit europaweit so sieht.

Salzburg ist damit noch kein Spitzenklub von europäischem Format. Hat aber gezeigt, dass man durchaus das Potenzial hat, in einer Champions-League-Gruppenphase eine Rolle zu spielen, wie es etwa der FC Basel seit Jahren konstant schafft: Immer zumindest locker Dritter, wenn’s gut läuft auch mal eine Runde weiter. Einerseits ist der limitierende Faktor dabei natürlich die Frage, inwieweit es gelingt, Leistungsträger wie Soriano, Alan, Kampl und Mané zu halten.

Andererseits ist es mit dieser seit der Ankunft des Duos Roger Schmidt/Ralf Rangnick etablierten klaren Philosophie deutlich leichter, passende Puzzleteile zu finden, die einzelne, wegbrechende Stücke ersetzen können. Die Saat für eine vernünftige mittelfristige Zukunft ist gelegt.

Das ist ja schon mal was.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.