Zwischen Schrimps und abgepacktem Sandwich, von Glasfassade bis zum Zelt

Einheitliches Branding, einheitliche Wegweiser, einheitliche Akkreditierungen, einheitliches Erscheinungsbild der Voluntieers. Natürlich ist bei der Frauen-EM in Schweden auf den ersten Blick in allen sieben Spielorten (ok, bislang sechs, Stockholm sieht nur das Finale) alles gleich. Und doch sind die Unterschiede hinter den Kulissen zum Teil beträchtlich. Mit dem 3:1 des Gastgebers gegen Italien in Halmstad habe ich nun jeden der sechs Venues zumindest jeweils einmal abgeklappert. Zeit, ein wenig zu vergleichen. Die Erkenntnis gleich vorweg: Zuweilen scheint die linke Hand nicht zu wissen, wie die rechte arbeitet.

Am Beispiel: Parallelspiel

Der Screen in Göteborg: Parallelspiel sehen kein Problem.
Der Screen in Göteborg: Alles kein Problem

Wie im letzten Beitrag schon erwähnt, gibt’s zuweilen einige Verwirrung darüber, ob die Journalisten das jeweils andere Spiel des Tages in ihrem Arbeitsbereich sehen dürfen. Das ist etwa in Göteborg überhaupt kein Problem: Es gibt zwar im ganzen Journalisten-Raum dort nur einen einzigen Schirm, und der ist nicht besonders groß, aber am ersten Spieltag lief dort Italien-Finnland und am zweiten Spieltag wurde zu Italien-Dänemark sogar die Aufstellung des Spiels verteilt.

Linköping: Da hat man schon so einen Riesen-Screen im Media-Room herumstehen...
Linköping: Da hat man schon so einen Riesen-Screen herumstehen…

Etwas mühsamer war das ganze schon in Linköping. „Zeigen die das Frankreich-Spiel gar nicht?“, fragte ich einen schwedischen Fotograph, der neben mir sitzt. „Moment“, sagt der, „ich frag mal.“ Da hat man schon zwei Screens herumstehen, die in ein normales Wohnzimmer schon fast gar nicht mehr reinpassen – aber von selbst auf den Gedanken zu kommen, darauf das andere Spiel zu zeigen, war dann offenbar doch ein wenig zu viel verlangt. Immerhin: Auf Nachfrage klappte es dann doch, Frankreichs Auftakt-3:1 gegen Russland zu verfolgen.

In Kalmar haben sie’s gar nicht erst versucht, nach Norwegen-Island – was ein 18-Uhr-Spiel war – die darauf folgende Partie der Deutschen zu zeigen. Sie hätten’s wahrschneinlich gemacht, wann man gefragt hätte, aber groß war das Interesse daran bei den isländischen Kollegen ohnehin nicht, die noch da waren.

Norrköping. "Ihr müsst auf Internet-Steams schauen, sorry!"
Norrköping. „Ihr müsst auf Internet-Steams schauen, sorry!“

Die erste Begegnung mit den offensichtlichen Problemen, das Bild vom in Schweden übertragenden Sender TV4 zu benützen, betrachtete ich in Växjö – wo einer von der UEFA einen Internet-Stream von Norwegen-Holland via Beamer auf die Wand projezierte, aber das Bild so groß machte, dass man das TV4-Logo nicht sah – und damit zuweilen auch den Ball nicht. Ehe es in Norrköping zuletzt erwähnten Szenerie kam. „Ihr könnt ja über’s Internet schauen“, meinte da einer der Volunteers im Medienraum achzelzuckend, das TV4-Bild dürfen wir aus rechtlichen Gründen nicht nehmen. Dann wurde doch TV4 aufgedreht, dann der TV-Feed ohne das Sender-Logo, dann wieder TV4.

Am Beispiel Catering

Auch hier gilt: Göteborg gewinnt. Jumbo-Zimtschnecken, Schrimps-Brötchen, die vor Belag fast übergehen beim ersten Spiel. Schnitzel mit Kartoffeln – wenn auch abgepackt und rationiert – beim Zweiten. Dazu Äpfel, Bananen, Birnen (die überraschend reißenden Absatz fanden). Vom obligaten Kaffee und Tee mal ganz abgesehen.

Wer nun aber glaubt, Journalisten würden bei der EM versorgt wie Gott in Frankreich, braucht keinen Neid aufkommen lassen. In den anderen Stadien gibt’s statt Schnitzel Sandwiches. Die sind ganz okay, aber nichts, was man nicht in jedem Interspar auch bekäme. Aber wir sind ja auch zum Arbeiten hier, und nicht zum Schlemmen. Der ganze Schrank voll Carlsberg-Flaschen, der in jedem Medienraum herumsteht, ist bis Spielschluss hingegen per Vorhängeschloss verriegelt: „Wird erst nach dem Spiel geöffnet!“

Göteborg: Keine Flaschen im Innenraum.
Göteborg: Keine Flaschen im Innenraum.

Höchst unterschiedlich gestaltet sich dafür wiederum, ob wir Mineralwasser-Flaschen mit auf den Arbeitsplatz im Stadion-Innenraum nehmen dürfen. „Inte fläsker“, rief etwa in Göteborg der stets freundliche Göran Andersson, der im Gamla Ullevi die Medienplätze koordiniert, jedem nach, der sich bei an die 30 Grad eine Flasche mitnehmen wollte – jeder musste den Inhalt in einen der Plastik-Becher mit „Carlsberg“-Aufdruck umleeren.

In Norrköping: Sogar Flaschen-Nachschub im Innenraum.
In Norrköping: Sogar Flaschen-Nachschub im Innenraum.

In Norrköping dafür darf man nicht nur mit Flaschen auf die Presse-Plätze im Stadion-Innenraum – nein, da steht sogar noch Nachschub bereit, damit man nicht die 100 Meter in den Media Room zurück muss, um sich dort neu zu versorgen. Dabei wäre das etwa beim Spiel Frankreichs gegen Spanien gar nicht so dringend notwendig gewesen. Da war’s zwar nicht so kalt und zugig wie etwa in Kalmar oder in Växjö, aber man trocknete jetzt auch nicht direkt aus.

Am Beispiel PK-Raum

Etwa eine Viertelstunde nach dem Schlusspfiff beginnt die offiziele Pressekonferenz. Dass die Räumlichkeiten im Fernsehen alle gleich aussehen, liegt an der Interview-Wand hinter dem Tischchen, an dem Trainer und „Player of the Match“ Rede und Antwort stehen. Tatsächlich sehen die Räume aber alle unterschiedlich aus – was natürlich nicht an den Organisatoren liegt, sondern einfach an der ARt und Weise, wie die Stadion halt gebaut wurden.

Da drin finden in Göteborg die PKs statt...
Da drin finden in Göteborg die PKs statt…

Da gibt es etwa in Göteborg einen nicht ganz so kleinen Raum mit Glasfassade dahinter, der sich direkt neben dem Arbeits-Raum befindet. Das ist praktisch, spart Zeit und Nerven beim Suchen und es haben auch alle ausreichend Platz. Ganz ähnlich stellt sich das etwa in Växjö dar, wo die deutsche Mannschaft ihre ersten zwei Gruppenspiele absolviert hat, und auch in Kalmar – dort jeweils halt ohne die Glasfassade.

...Hope Powell musste in Linköping in einem deutlich deprimierenderen Raum die deprimierenden englischen Leistungen kommentieren...
…Hope Powell musste in Linköping in einem deutlich deprimierenderen Raum die deprimierenden englischen Leistungen kommentieren…

Deutlich weniger Charme verbreitet dafür der Räum in Linköping – erstaunlich, schließlich wurde das Stadion erst vor ein paar Monaten fertig. In jenem Stadion, in dem England alle drei Vorrunden-Spiele austrägt, gibt es weit und breit keine Fenster, hat somit eher den Charme von einem Atomschutz-Bunker und passte somit auch wieder irgendwie zu den schwachen Leistungen des englischen Teams.

Zugig ist es, im PK-Zelt von Norrköping
Zugig ist es, im PK-Zelt von Norrköping

Den Vogel hat aber diesbezüglich Norrköping abgeschossen: In einem verteufelt zugigen, schlecht beleuchteten und akustisch nicht gerade optimalen Zelt auf dem Parkplatz zwischen Kabinen-Ausgang und Team-Bus lässt man dort die Verantwortlichen antreten. Entspricht dem Rahmen nur in mäßigem Ausmaß. Auch, weil die Arena von Norrköping ansonsten eigentlich eine recht Schöne ist.

Schweden nicht ohne Probleme

Schweden - Italien 3:1 (0:0)
Schweden – Italien 3:1 (0:0)

Das Stadion in Halmstad ist wieder ein Kapitel für sich – das ist ein richtiges Old-School-Stadion. In dem Schweden zum Abschluss der Gruppe A mit 3:1 gegen Italien gewonnen hat. Der ganz große Spannungsbogen (den dieses Spiel aber ohnehin nie wirklich hatte, von der Konstellation in der Gruppe her) war endgültig weg, als klar war, dass Cabrini sechs Spielerinnen schont. „Das Viertelfinale war ohnehin schon zu 99 % fix, da hielt ich es für wichtiger, einige der anderen Mädels zu Einsätzen zu verhelfen“, nuschtelte Cabrini nach dem Spiel in seiner ihm eigenen grummeligen Art.

Mit den personellen Änderungen ging auch eine Umstellung vom üblichen 4-3-3 auf ein 4-4-2 einher. „Hängt aber mit unseren Umstellungen zusammen, nicht mit dem Gegner“, so Cabrini. Was aber auch logisch gewesen wäre, denn so konnte man Schweden die Flügel mit klaren 2-gegen-2-Verhältnissen gut neutralisieren. „Von den Außenbahnen hätte mehr kommen können“, nickte auch Pia Sundhage nach dem Spiel. Das innerhalb von ein paar Minuten nach der Pause entschieden war, als zwei abgefälschte Schüsse und ein schnell gewonnener Abschlag innerhalb von zehn Minuten aus einem 0:0 ein 3:0 machte.

Dänemark, bottling it again

Wie schon bei den letzten beiden EM-Turnieren verdaddelte währenddessen Dänemark einmal mehr mit einem Umfaller das Viertelfinale – zumindest sieht es nach dem 1:1 gegen Finnland nicht so gut aus, ist man auf jede Menge fremde Hilfe angewiesen, um noch als einer der besseren beiden Dritten reinzurutschen. Mit zwei Punkten – schwer. Dabei hätte man das Spiel gegen Finnland niemals aus der Hand geben dürfen – 20:4 Torschüsse sprechen eine klare Sprache. In Minute 87 schlug es dann aber doch noch ein.

Jetzt heißt es für den Sieger der österreichischen Quali-Gruppe warten: Ein Remis mit 2:2 oder weniger Toren im Duell zwischen Holland und Island würde Dänemark ins Viertelfinale bringen; auch wenn in Gruppe C England UND Russland beide verlieren, reicht’s.

Da hätte man das Viertelfinale auch leichter haben können.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.