Ballverliebt Classics: Old-School-Deutsche, im WM-Finale vom hochmodernen Norwegen zerlegt

Deutschland gegen Norwegen im Finale eines großen Frauen-Turniers in Schweden – das EM-Finale 2013 ist nicht das erste Mal, dass es diese Kombination gibt. Im Jahr 1995 fand die Weltmeisterschaft in Schweden statt, und auch damals trafen sich diese beiden Teams im Endspiel von Stockholm. Wenn auch mit anderen Vorzeichen: Norwegen war klarer Favorit und setzte sich auch problemlos mit 2:0 durch.

Weil man unter Trainer Even Pellerud dem deutschen Gegner mit brutalem Pressing und extrem schnellen Umschalten nach Ballgewinn innerhalb kürzester Zeit den Nerv gezogen hatte. Das ist sogar im Jahr 2013, achtzehn Jahre später, ein extrem moderner Zugang.

Norwegen - Deutschland 2:0 (2:0)
Norwegen – Deutschland 2:0 (2:0)

Dabei fehlte Norwegen mit Sechser Heidi Støre das eigentliche Hirn der Mannschaft, sie war im Semifinale gegen China ausgeschlossen worden. Statt ihre rückte Anne Nymark-Andersen in die Mannschaft. Ein Niveau-Verlust in Pelleruds 4-3-3 war nicht zu merken. Der damals 42-Jährige stellte hinten eine Viererkette auf’s Feld, in der die Außenverteidiger aber vornehmlich hinten blieben. Davor aber ging’s rund.

Mit dem zentralen Trio, bestehend aus eben Anne Nymark, dazu Tone Haugen halblinks und Hege Riise – der kongenialen Partnerin von Heidi Støre – rückte gegen den Ball eng zusammen und wurde dabei von den drei Stürmerinnen, die ebenso alle gegen den Ball arbeiten mussten, unterstützt. Dabei stürzten sich immer mindestens zwei, meistens aber sogar drei Norwegerinnen auf die ballführende Deutsche.

Die hatte dadruch oft nicht mal die Zeit, den Ball vernünftig anzunehmen, von einer sinnvollen Weiterverarbeitung ganz zu schweigen. So wurde ein Aufbau des DFB-Teams im Keim erstickt und es gab viele norwegische Ballgewinne in der deutschen Hälfte. Daraufhin wurde blitzschnell umgeschaltet. Die deutschen Manndecker Anouschka Bernhard und Birgitt Austermühl hatten keine echten Gegenspieler und hingen entweder in der Luft oder ließen sich von Aarønes und Pettersen außen aus der Position ziehen. Libero Ursula Lohn war heillos überfordert, schlug am laufenden Band an Bällen vorbei, war gedanklich zu langsam.

Als Riise das 1:0 für Norwegen erzielte, war die einzige Überraschung, dass es 37 Minuten gedauert hatte.

DFB-Team ohne den Funken einer Chance

Deutschland hatte Probleme von hinten bis vorne. Die Abwehr versank im Chaos, die Flügelspieler Pohlmann und Meinert rieben sich in der Defensive auf und konnten keine Impulse setzen, den Kreativspielerinnen Silvia Neid und Martina Voss fehlte die Zeit am Ball – und Birgit Prinz vorne war sogar noch die mit Abstand schlechteste Deutsche. Die damals gerade mal 17-jährige Stürmerin konnte nicht einen Ball halten, womit auch die Option „hoher Ball“ für Deutschland nicht in Frage kam.

Einzig der schlampigen Chancenverwertung von Norwegen hatte es das komplett chancenlose deutsche Team zu verdanken, dass es nicht schon viel früher deutlich im Rückstand lag. Am Ende der ersten Hälfte stand es 9:0 an Eckbällen für Norwegen, 8:2 an Torschüssen – eine ernsthafte deutsche Torchance war da aber nicht dabei. In der 37. Minute sorgte ein Riise-Weitschuss für die Führung, drei Minuten später erkämpfte sich Aarønes einen Pressball an der Strafraumgrenze, dieser kam zu Medalen. Deren Schuss konnte DFB-Goalie Goller nur zur Seite abklatschen, wo Pettersen völlig frei stand. Der Pausenstand von 2:0 für Norwegen schmeichelte Deutschland massiv.

Weniger Druck von Norwegen, aber kaum deutsche Gefahr

DFB-Teamchef Gero Bisanz nahm Prinz schon vor der Halbzeit raus und brachte statt ihr die routinierte Patricia Brocker. Sie ließ sich dann deutlich weiter ins Mittelfeld fallen, um dort das deutsche Spiel zu stärken. Und tatsächlich bekam Deutschland nach dem Seitenwechsel deutlich Ruhe ins Spiel. In der 49. Minute hatte Heidi Mohr die erste echte Mini-Chance für ihr Team, als ein Steilpass in den Rücken der Viererkette ankam.

Deutschland kam aber auch deshalb besser ins Spiel, weil Norwegen einen Gang zurückschaltete. Völlig logisch: Einerseits führte man 2:0, andererseits hatte das ohnehin laufintensive Spiel beim starken Regenfall und dem damit tiefen Boden noch mehr Substanz gekostet als sonst. Das Mittelfeld-Trio agierte nun deutlich tiefer. Bisanz brachte im Laufe der zweiten Hälfte noch die junge Wunderlich und die noch jüngere Smisek (positionsgetreu für die Flügelspieler Pohlmann und Meinert).

Aber echter, dauerhafter Druck konnte gegen die sicher stehenden Norwegerinnen nicht erzeugt werden. Erst ein Kopfball von Silvia Neid in der 76. Minute kam einem möglichen Torerfolg tatsächlich Nahe, ebenso wie Smisek in der 85. Minute. Aber ein wirklicher Impuls von draußen kam nicht – wenig überraschend, in einer Zeit, in der Deutschland generell von taktischen Finessen wenig gehalten wurde.

Norwegen brachte das 2:0 problemlos drüber, ohne noch viel zu tun. Auch bei Kontern rückten maximal drei Spielerinnen mit auf – Kontrolle war angesagt.

Geschichtliche Einordnung

Norwegen war damals – dem EM-Semifinal-Aus gegen Schweden vier Monate vorm WM-Endspiel zum trotz – die klare Nummer eins in Europa und auch weltweit in der absoluten Spitze. 1991, bei der ersten Frauen-WM, verlor man das Finale gegen die USA erst durch ein Gegentor zwei Minuten vor Schluss mit 1:2, war 1993 Europameister und wurde 1995 eben Weltmeister – mit 23:1 Toren in sechs Spielen, als mit massivem Abstand beste Mannschaft des Turniers.

Es war der absolute Höhepunkt der großen Generation um Heidi Støre und Hege Riise. Sechs Spielerinnen vom Finale 1991 (Støre, Riise, Espeseth, Haugen, Medalen und Svensson) waren auch in Stockholm dabei. Dazu hatte man mit Turnier-Schützenkönigin Ann-Kristin Aarønes, 1.82m groß und kopfballstark, als in den Strafraum ziehende Linksaußen eine kaum zu verteidigende Waffe dazubekommen, dazu mit Bente Nordby eine solide Torfrau. Die unveränderte Mannschaft holte ein Jahr später Olympia-Bronze in Atlanta.

Und auch die nächste Generation aus Norwegen holte mit Gold in Sydney noch einen großen Titel – das einzige Olympia-Turnier, das nicht die USA gewannen.

Bei Deutschland entwickelte sich eine Mannschaft, die in den kommenden fünfzehn Jahren zur dominanten Kraft der Frauenfußball-Welt wurde – mit der im Finale von Stockholm erst 17-jährigen Birgit Prinz als Gesicht der Mannschaft. Mit ihr begann der Aufstieg zur echten Macht, mit ihrem Karriere-Ende war auch der Nimbus der deutschen Unbesiegbarkeit verflogen. Aber zwei WM-Titel (2003 und 2007) und fünf EM-Titel (1995, 1997, 2001, 2005, 2009) sprechen eine deutliche Sprache.

Und ein sechster EM-Titel in Folge kommt dazu – wenn man die Revanche für damals, das EM-Finale 2013, gegen Norwegen gewinnt.

Das Personal

Norwegen: Bente Nordby (20) – Tina Svensson (28), Nina Nymark Andersen (22), Gro Espeseth (22), Merete Myklebust (22) – Hege Riise (25), Ana Nymark Andersen (22), Tone Haugen (31) – Marianne Pettersen (19), Linda Medalen (29), Ann-Kristin Aarønes (22). Teamchef Even Pellerud (42, seit sechs Jahren).

Deutschland: Manuela Goller (24) – Birgitt Austermühl (29), Ursula Lohn (28), Anouschka Bernhard (24) – Maren Meinert (22), Silvia Neid (31), Bettina Wiegmann (23), Martina Voss (27), Dagmar Pohlmann (23) – Birgit Prinz (17), Heidi Mohr (28). Eingewechselt: Particia Brocker (29), Pia Wunderlich (20), Sandra Smisek (17). Teamchef Gero Bisanz (59, seit 13 Jahren).

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.