Eingespieltheit zahlt sich aus: Fast gelingt Salzburg Sieg gegen Fenerbahçe

Tempo, Flügelspiel, anständige Defensive, ordentliches Zweikampfverhalten, Schwächen beim Gegner erkennen und auch zu nützen versuchen: All jene Attribute, die Salzburg vor einem Jahr bei der Blamage gegen Dudelange gefehlt haben, waren nun gegen Fenerbahçe da. Die Folge: Eine richtig feine Leistung gegen ein an sich nicht so schlechtes Team, das aber auch nicht seinen besten Tag erwischt hat. Auf jeden Fall aber zeigt es deutlich Wirkung, dass im Bullenstall mal ausnahmsweise nicht im Sommer alles anders wurde.

Red Bull Salzburg - Fenerbahçe SK 1:1 (0:0)
Red Bull Salzburg – Fenerbahçe SK 1:1 (0:0)

Es hat eine dreiviertel Saison gedauert. Aber mit jenem 4-1-3-2, das er im Laufe des Frühjahrs bei Salzburg einführt, um Soriano UND Alan in die Mannschaft zu bringen, hat Trainer Roger Schmidt sein System gefunden. Und weil im Sommer, völlig Salzburg-untypisch, ausnahmsweise mal nicht alles über den Haufen geworfen wurde, kann er mit einer eingespielten Mannschaft in die Champions-League-Quali gehen.

Klare Struktur bei Salzburg

Was man auch sah. Vor allem im Vergleich zu Fenerbahçe lief das Werk schon ziemlich rund. Anders als bei den Türken: Der neue Trainer Ersun Yanal (der Aykut Kocaman ablöste) stellte von 4-2-3-1 mit einer klassischen Zehn zumindest für dieses Spiel auf ein 4-3-3 um, in dem Emre als höhere der beiden Achter immer wieder nach vorne ging, aber dabei keine Wirkung offenbarte.

Bei Salzburg kam es vor allem auf zwei Sachen an: Zum einen, den ballführenden Gegenspieler die Zeit zum geordneten Abspiel zu nehmen, und zum zweiten, nach Ballgewinn im Vorwärtsgang das ballentfernte Halbfeld zu suchen. Heißt: Im Spiel in Richtung gegnerisches Tor wurden die Seiten gewechselt. Meistens wurde der Ball auf der rechten Salzburger Angriffsseite erobert (im Rücken von oder direkt von Emre), über Ilsanker und den sehr aktiven Kampl wurde dann zumeist Mané in den freien Raum zwischen Meireles, Topuz von Yobo geschickt.

Mehr Druck von Mané

Mané entwickelte mehr vertikalen Drang als Marco Meilinger auf der anderen Seite, was sicher auch an den Gegenspielern lag. Hatte Meilinger mit Dirk Kuyt einen auch defensiv sehr fleißigen Gegenspieler, der nach vorne durchaus für Wirbel sorgen konnte, bearbeitete Mané die ganz deutlich schwächere Fenerbahçe-Seite. Rechtsaußen Alper Potuk war ein Totalausfall, zudem war er für RV Mehmet Topuz (der oft weit aufrückte, um zumindest ein wenig für Belebung zu sorgen) keinerlei Hilfe. Und selbst wenn Topuz den Zweikampf mit Mané suchte, scheiterte er zumeist.

Durch das gute Engmachen von Raum und Zeit für den Fenerbahçe-Ballführenden hatte Salzburg das Spiel in der ersten Phase der ersten Hälfte sehr gut im Griff und sorgte dann, als die Gäste sich im Mittelfeld ein wenig befreien konnte, zumindest dafür, dass der eigene Strafraum nicht in ernsthafte Gefahr kam.

Gute, aber späte Wechsel von Yanal

Yanal wechselte zweimal aus. Zweimal richtig – aber im Grunde auch zweimal zu spät. Anstatt ihn schon in der Halbzeit auszuwechseln, ließ er Alper Potuk eine Stunde lang auf dem Feld, ehe er für die gleiche Position den nach vorne deutlich gefährlicheren Moussa Sow zu bringen. Dieser vernachlässigte zwar wie Potuk das Defensiv-Spiel, forderte aber Ulmer mehr in der Defensive.

Mit der offensichtlicheren Umstellung wartete Yanal sogar bis nach dem 0:1 (das, entgegen der sonstigen Angriffswege, durch das Zentrum entstanden war): Den komplett überflüssigen Emre nämlich vom Feld zu nehmen und mit Cristian Baroni einen echten Zehner zu installieren. Damit wurde aus dem System wieder das aus der letzten Saison gewohnte 4-2-3-1 mit dem gewohnten zentralen Dreigestirn (Topal auf der Sechs, Meireles auf der Acht, Baroni auf der Zehn).

Fenerbahçe macht Druck

Damit fühlte sich Fenerbahçe merklich wohler. Baroni brachte sofort Schwung bei den Gästen. Er ging auch mal in ein 1-gegen-1, versuchte sich an Dribblings, holte Standards heraus und damit entstanden auch Chancen – wie jener Schuss, den Bullen-Keeper Gulacsi gerade noch an die Latte lenken konnte. Außerdem hatte nun Ilsanker tatsächlich einen echten Gegenspieler und so war Kampl gezwungen, mehr nach hinten zu tun.

Nicht, dass Fenerbahçe mit Mann und Maus auf den Ausgleich gedrängt hätte. Salzburg kam immer noch vor allem über die Flügel zu einigen guten Entlastungsangriffen und blickte einem knappen, aber sicher nicht unverdienten 1:0-Sieg entgegen. Ehe Ulmer tief in der Nachspielzeit einen Sow-Flanke an die Hand bekam und Referee Duarte Gomes – der zumindest einmal, womöglich zweimal zu Unrecht nicht auf Elfer für Salzburg entschieden hatte – zögerte nicht, den (korrekten) Elfmeter zu geben. Baroni verwandelte – 1:1.

Fazit: Ordentliche Leistung der Bullen

Es war nicht der Gala-Auftritt, zu dem das Spiel hochstilisiert werden könnte. Aber es war eine sehr ordentliche Leistung von Salzburg, die sich durchaus den 1:0-Sieg verdient gehabt hätte. Man nahm dem Gegner, der im Mittelfeld eine ungewohnte Raumaufteilung spielte, geschickt die Zeit und damit die Möglichkeit, sich selbst zu finden. Man zeigte sich sehr aktiv in der Laufarbeit, achtete darauf, dass immer jemand anspielbar ist und bohrte die Schwächen von Fenerbahçe durchaus an.

Im Grunde also all das, was vor einem Jahr gegen Dudelange nicht passiert ist.

Die Chancen auf ein Weiterkommen in die Playoff-Runde sind immer noch gegeben, wenn man im Rückspiel eine ähnlich couragierte Leistung zeigt und sich nicht von den bekannt heißblütigen Fener-Fans aus der Ruhe bringen lässt. Der Europa-League-Semifinalist kocht auch nur mit Wasser und ist absolut nicht unschlagbar – zumindest das hat Salzburg gesehen.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.