Wieder verloren! Seit 18 Jahren heißt Schwedens Albtraum „Tyskland“

Schweden drückte.Warf alles nach vorne, traf einmal aus Abseitsstellung, einmal den Pfosten, mehr als einmal rettete Nadine Angerer in höchster Not. Nachdem man selbst den offensivsten Fußball des Turniers gezeigt hat und sich Deutschland ins Halbfinale gewurschtelt hatte, war am Ende doch alles wie immer: Es ist knapp, es ist eng, aber am Ende hat die DFB-Elf die Nase vorn. Diesmal, im Halbfinale der schwedischen Heim-EM, hieß es 0:1. So war es in den letzten 18 Jahren immer: Nie konnte Sverige in diesem Zeitraum ein wichtiges Spiel gegen Tyskland gewinnen…

EM-Semifinale 2013: Deutschland gewinnt 1:0
EM-Semifinale 2013: Deutschland gewinnt 1:0

„Ich bin stolz auf mein Team“, sagte Schwedens Teamchefin Pia Sundhage nach der bitteren Niederlage, „weil wir ein sehr gutes Spiel gezeigt haben. Alles versucht haben. Am Ende hatten wir da und dort ein wenig Pech, waren da und dort auch nicht gut genug.“ So oder so ähnlich lautete das Fazit aber fast immer, wenn Schwedens Frauen in den letzten 18 Jahren gegen Deutschland spielten: Am Ende gibt’s nur Lob (Neid: „Pia macht einen tollen Job, bei der WM in zwei Jahren wird die Mannschaft ein heißer Tipp sein!“), aber den Sieg nehmen dann doch die Deutschen mit.

Das begann schon, als die mittlerweile 52-Jährige Sundhage noch selbst auf dem Platz stand – im Finale der Europameisterschaft 1995. Als die Serie von fünf deutschen EM-Titeln in Folge begann. Und die Leidenszeit des Trekronor-Teams gegen die „großen und brutalen Deutschen“ (O-Ton Kosse Asllani).

Angstgegner seit fast zwei Jahrzehnten

EM-Finale 1995: Deutschland gewinnt 3:2
EM-Finale 1995: Deutschland gewinnt 3:2

Im Spiel um Platz drei bei der ersten Frauen-WM 1991 behielt Schweden noch mit einem klaren 4:0 die Oberhand. Aber vier Jahre später, als sich die beiden Teams das nächste Mal zu einem bedeutenden Spiel trafen, ging’s los – eben im Finale des EM-Turniers von 1995. Die Schwedinnen, die drei Monate später ihre Heim-WM vor der Türe hatten, mussten im Endspiel nach Kaiserslautern – und verloren. Der schnellen Führung durch Malin Andersson (3.) folgten drei deutsche Tore (durch Meinert, Prinz und Wiegmann). Der Anschlusstreffer von Anneli Andelén kurz vor dem Schlusspfiff war zu spät. Für Deutschland war es der erste von fünf EM-Titeln in Folge, für Schweden ein schlechtes Omen für die Heim-WM. Dort besiegte man zwar Deutschland in der Gruppenphase, scheiterte aber im Viertelfinale von Helsingborg an China – Annica Nessvold versagten im Elferschießen die Nerven, ihren ganz schwach ins linke Torwart-Eck geschossenen Versuch parierte Gao Hong problemlos. Deutschland kam ins Finale, verlor im strömenden Regen von Stockholm aber 0:2 gegen Norwegen.

Generationswechsel bei beiden Teams

Nach der WM 1995 und Olympia 1996 erfolgte bei beiden Teams ein Generationswechsel. Bei beiden Teams hörten langjährige Stützen auf (etwa Sundhage, Videkull und Leidinge bei Schweden; Neid, Mohr und Pohlmann bei Deutschland); beide Teams wechselten ihre Teamchefs – Tina Theune-Meyer statt Gero Bisanz, bzw. Marika Domanski-Lyfors statt Bengt Simonsson.

EM-Halbinale 1997 - 1:0 für Deutschland
EM-Halbinale 1997: Deutschland gewinnt 1:0

Die beiden Teams waren im kommenden Jahrzehnt die dominiernden in Europa, aber Deutschland war immer knapp voran. Wie bei der EM 1997, die in Schweden und Norwegen stattfand. Schweden war locker durch die Vorrunde marschiert, Deutschland hatte (wenn auch in einer schwereren Gruppe) mehr Mühe. Im Halbfinale empfing Schweden im ausverkauften Stadion von Karlstad das Team von Deutschland, dominierte es vor allem in der ersten Halbzeit nach Belieben – aber ein Tor von Bettina Wiegmann – ein unmögliches Ding aus noch unmöglicherem Winkel – in Minute 84 besiegelte das schwedische Aus. Drei Tage später besiegte die DFB-Elf im Finale Italien mit 2:0 und verteidigte so den EM-Titel.

Zwei Final-Schlappen mit Golden Goals

Nach einem 1:0 für Deutschland in einem Gruppenspiel von Olympia 2000 in Sydney kam es ein Jahr danach zum nächsten bedeutenden Spiel zwischen den ewigen Rivalen: Bei der EM 2001 in Deutschland.

EM-Finale 2001: Deutschland gewinnt 1:0 n.V.
EM-Finale 2001: Deutschland gewinnt 1:0 n.V.

Als Stürmerin Hanna Ljungberg, die im Semifinale von 1997 verletzt fehlte und noch heute Schwedens erfolgreichste Torschützin ist, und Malin Moström – die wohl beste Mittelfeld-Strategin, die das Trekronor-Team jemals hatte – die Bühne betraten, setzte sich Schweden sukzessive endgültig von Norwegen ab. Mit den beiden kam man nach einem 1:3 in der Gruppenphase gegen die Deutschen in Erfurt mit einem 1:0 über Dänemark im Semifinale ins Endspiel der EM 2001.

Wo man in Ulm dem DFB-Team Paroli bot, sich mit einem torlosen Remis nach 90 Minuten in die Verlängerung kämpfte – nur, um dort in Minute 98 das Golden Goal durch die nach einer Stunde für Sandra Smisek eingewechselte Claudia Müller zu schlucken. Deren Jubel mit ausgezogenen Trikot im Sport-BH wurde zu einem der bekanntesten Bilder im Frauen-Fußball, zwei Jahre nach Brandi Chastains noch bekannterem Freudenschrei nach dem gewonnen WM-Finale.

2003 trafen bei der WM in den Staaten die Turnier-Favoriten Deutschland und USA im Halbfinale aufeinander. Die DFB-Elf hatte in einem hochklassigen Spiel, das alle als das vorgezogenen Finale betrachteten, ganz knapp die Nase vorne, die beiden Tore in den Minuten 91 und 94 zum 3:0-Endstand verzerren die Optik. Schweden hingegen profitierte davon, dass Halbfinal-Gegner Kanada zuvor schon Mitfavorit China eliminiert hatte. Einmal den Überraschungs-Gegner mit einem schnell abgespielten Freistoß übertölpelt, dann stand die damals 20-jährige Jossan Öqvist am langen Pfosten frei: Schweden gewann 2:1, war im Finale.

WM-Finale 2003: Deutschland gewinnt 2:1 n.V.
WM-Finale 2003: Deutschland gewinnt 2:1 n.V.

Und ging im Endspiel von Los Angeles, das um 10.00 Uhr vormittags (!!!) Ortszeit angepfiffen wurde, kurz vor der Pause durch Hanna Ljungberg sogar in Führung, ehe Maren Meinert – die für die WM nach ihrem Team-Rücktritt reaktiviert worden war – gleich nach Wiederanpfiff den Ausgleich markierte. Mit dem 1:1 ging es in die Verlängerung, wo Stürmerin Victoria Svensson mit einem unnötigen Foul einen Freistoß für Deutschland hergab. Renate Lingor brachte diesen hoch in den Strafraum, Nia Künzer (kurz vor Ablauf der regulären Spielzeit für Pia Wunderlich gekommen) bekam ihren Kopf dran – Tor.

Wieder ein Golden Goal, wieder in der 98. Minute, wie zwei Jahre zuvor im EM-Endspiel. Dennoch: Mit dem Erreichen des Finales 2003 schaffte das Team in Schweden den absoluten Durchbruch. 13.000 Fans feierten das Team im Kungsträdsgården von Stockholm wie Weltmeister, das Finale sahen 3,8 Millionen Schweden im Fernsehen – also fast die halbe Bevölkerung des Landes. Spielerinnen wie Hanna Ljungberg, Malin Moström, Victoria Svensson und Malin Andersson sind noch heute Stars in Schweden.

Auch bei Olympia 2004 ging’s schief…

Um Olympia-Bronze 2004: Deutschland siegt 1:0
Um Olympia-Bronze 2004: Deutschland siegt 1:0

Bei den olympischen Spielen in Athen scheiterte Schweden im Halbfinale mit 0:1 an Brasilien, mit Marta die neue Kraft im Frauen-Fußball; während ein Patzer von Torfrau Silke Rottenberg den Deutschen in der Verlängerung gegen die USA das Final-Ticket kostete. So trafen die ewigen Konkurrenten im Spiel um Bronze aufeinander.

Wo nur eine Mannschaft spielte, nämlich die in gelb. Alleine Torfrau Silke Rottenberg und ihren unglaublichen Reflexen war es zu verdanken, dass man nicht bis zur 25. Minute schon aussichtslos 1:3 in Rückstand lag, nachdem Renate Lingor das DFB-Team früh in Führung gebracht hatte. Deutschland zitterte das 1:0 über die Zeit und hatte Bronze gewonnen.

Bei der EM 2005 in England hießen die Favoriten logischerweise wieder Deutschland und Schweden, aber das Trekronor-Team verlor das Halbfinale gegen Norwegen hauchdünn mit 2:3 nach Verlängerung. Es folgte der Schnitt, nach dem (verletzungsbedingten) Karriere-Ende von Hanna Ljungberg und dem (freiwilligen) Karriere-Ende von Malin Moström neigte sich auch die große Zeit der ganzen Mannschaft dem Ende zu.

Thomas Dennerby übernahm von Marika Domanski-Lyfors, bei der WM 2007 in China ging es aber nach der Vorrunde in den Flieger nach Hause: In der „Todesgruppe“ mit den USA und Nordkorea reichte es nur für Rang drei, während Deutschland – mittlerweile war Silvia Neid von der Co-Trainerin zum Chef aufgestiegen – ohne im ganzen Turnier auch nur ein Gegentor zu kassieren souverän den WM-Titel verteidigte.

Olympia-Viertelfinale 2008: Deutschland, 2:0 n.V.
Olympia-Viertelfinale ’08: Deutschland, 2:0 n.V.

…und 2008 wieder

Mit neuen Kräften wie Lotta Schelin vorne und Caroline Seger im Mittelfeld-Zentrum kam es bei Olympia 2008 schon im Viertelfinale zum Duell der beiden Teams, die sich nun also längst nicht mehr auf Augenhöhe befanden. Dennoch: Wieder ging es nach 90 torlosen Minuten in die Verlängerung. Dort aber schlief Schweden erst bei einem Eckball zum 0:1, dann griff Torfrau Hedvig Lindahl daneben. Nach dem 0:2 war die Reise für Schweden beendet, Deutschland lief drei Tage später in eine 1:4-Ohrfeige von Brasilien und rettete danach noch Bronze.

Dass sich die Blau-Goldenen für Olympia 2012 qualifizierten, und nicht Schwarz-Rot-Gold, war gut für das Selbstverständnis und führte Schelin und Co. nach dem dritten Platz bei der WM ins Viertelfinale von London (wo gegen Frankreich Schluss war), war aber letztlich vor allem die Folge einer glücklichen Auslosung bei der WM und dem überraschend frühen deutschen Aus bei ihrem Heim-Turnier.

Kein Wunder, dass nach dem 1:0 von Göteborg nun Saskia Bartusiak, die überragende Deutsche auf dem Feld, sagte: „Ich kann mich schon reinfühlen, wie es denen jetzt gehen muss…“

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.