Auslosungs-Spuk kurz vor Mitternacht: Noch mehr Lotterie als Elferschießen

Wirklich wohl war bei der ganzen Sache keinem, die Stimmung war angespannt bis negativ im schlecht beleuchteten PK-Zelt auf dem Stadion-Parkplatz von Norrköping. Ein kleines Podest wurde zwischen die Sitzreihen geschoben und die darauf gestellte Kamera hielt auf den Tisch vor der Sponsoren-Wand, auf dem schon die Schüssel mit den zwei braunen Kugeln platziert war. Eine andere, die vorne im Eck stand, hielt auf die russische Mannschaft, die sich hinten im Zelt eingefunden hatte. Und alles starrte gebannt auf Karen Espelund von der UEFA. Sie ist so etwas wie der Gianni Infantino für den Frauen-Fußball.

Sie nahm die Auslosung vor, welcher der punktgleichen Gruppen-Dritten das letzte Team im Viertelfinale der Frauen-EM sein würde. Dänemark – oder eben Russland.

Der Rahmen für den Los-Entscheid hätte auch etwas würdiger sein können als das zugige PK-Zelt am Parkplatz
Der Rahmen für den Los-Entscheid ums Viertelfinale hätte auch etwas würdiger sein können als im zugigen PK-Zelt auf dem Parkplatz vor dem Stadion von Norrköping

„Ich bin nur froh, nicht direkt beteiligt zu sein“, stöhnte ein schwedischer Journalist eine Viertelstunde, ehe der Spuk losging – also rund 60 Minuten, nachdem Russland mit einem 1:1 gegen Spanien den zweiten Punkt holte und damit ebensoviele auf dem Konto hatte wie Dänemark, der Dritte der Gruppe A. Das neue Reglement sieht vor: In dem Fall muss gelost werden. Keine Tordiffernz, kein Ranking, keine Fair-Play-Wertung. Nichts.

„Stell dir vor, du arbeitest zwei Jahre, mit Qualifikation, mühst dich durch’s Play-Off, und dann kommt’s drauf an, was die Espelund aus der Schüssel zieht“, antworte ich. „Oh my“, verdreht der Kollege die Augen und vergräbt sein Gesicht in seinen Händen, „ich will gar nicht daran denken!“ So ging es schon uns Journalisten, die wir uns an den Seiten des PK-Zeltes in Norrköping aufstellten. Sitzen konnte eh kaum noch jemand.

Dann marschierte hinten die komplette russische Mannschaft ein, stellte sich auf, die Hände über den Schultern der Nebenfrau. Eine Stunde vorher waren sie wie bestellt und nicht abgeholt auf dem Rasen herumgestanden, weil sie nicht so recht wussten, was sie von diesem 1:1 halten sollten. Vorne moderierte ein Moderator des dänischen Fernsehens die Auslosung an. „Natürlich übertragen wir die live“, hat er uns davor noch erklärt.

Das russische Team in gespannter Erwartung
Das russische Team in gespannter Erwartung

Wer es mehr verdient hätte? Müßige Diskussion.

Dänemark holte gegen Schweden ein hochverdientes Remis. War dann gegen Italien 60 Minuten das klar bessere Team und schaffte es irgendwie, dennoch mit 1:2 zu verlieren. Und war zuletzt gegen Finnland drückend überlegen, kassierte aber in Minute 87 noch das 1:1.

Russland war gegen Frankreich chancenlos, hatte dann aber England am Rande der Niederlage und kassierte da erst tief in der Nachspielzeit durch ein Dusel-Tor das 1:1. Ehe man gegen Spanien nach einem intelligenten Wechsel von Teamchef Lavrentiev (der nach einer halben Stunde die überforderte Kostyukova aus dem zentralen Mittelfeld auswechselte) aktiver war und kurz vor dem Ende um einen glasklaren Elfmeter geprellt wurde.

Die beiden Teams, die sich jeweils via Österreich für die EM qualifiziert hatten, hätten dort also deutlich mehr Punkte auf dem Konto haben müssen, als sie letztendlich hatten. Wer es mehr verdient gehabt hätte? Müßig, darüber zu diskutieren.

Unverständnis allerorten

Russland oder Dänemark?
Russland oder Dänemark?

„Das kannst du so nicht machen“, schüttelte ein deutscher Fotograph den Kopf, „nicht bei einer Europameisterschaft!“ Tordifferenz, Fair-Play-Wertung, meinetwegen ein anberaumtes Elferschießen zwischen den Beteiligten am Tag danach. Das ist noch nicht ganz so viel Lotterie. Alles besser als Auslosen. Nein, Auslosen geht gar nicht.

Und auch Karen Espelund fühlte sich in ihrer Haut sichtlich unwohl, als sie um 23:36 Uhr as Zelt betrat und zur Tat schritt. Sie hastete durch die Erklärung, was nun genau passiert, wer in welchem Fall gegen wen und wo im Viertelfinale spielen würde. Bis sie „Ich werde dann nachher nochmal zusammenfassen“ sagte und in den Topf griff. Die Kugeln drehen ließ, nach etwa fünf Sekunden reingriff. In der linken Hand immer noch das Mikro, in der rechten eine der beiden braunen Kugeln: „Dieses Team kommt ins Viertelfinale!“

Die Fotoapparate knatterten, als Espelund das Mikro beiseite legte, die Kugel öffnete, das Mikro wieder in die Hand nahm. Und sagte:

„Denmark!“

IMG_1218Wie vom Blitz getroffen froren bei den Russinnen die Gesichtszüge ein, beinahe fluchtartig verließen sie das Zelt. Espelunds Ausführungen, was das nun genau für das Viertelfinale heißt, nahm niemand mehr war. Die meisten Russinnen gingen sofort zum Team-Bus. Einige blieben noch kurz vor dem Zelt stehen und versuchten, sich gegenseitig gut zuzureden. Und eine flüchtete hinter einen Baum neben jenem Parkplatz, auf dem das PK-Zelt aufgestellt war.

Um im Schock alleine sein zu können, niemanden sehen zu müssen. Im Schock über das Aus per Los-Entscheid.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.