Major League Soccer | Finale 2011
Home Depot Center, Los Angeles, 20. November 2011
Los Angeles Galaxy - Houston Dynamo
1-0
Tore: 72' Donovan

Donovans Außenrist-Chip beschert David Beckham das Happy End

Es waren eine umsichtige Vorlage von Robbie Keane und wunderschönes Tor von Landon Donovan, die in einem sonst enttäuschenden MLS-Finale den Los Angeles Galaxy den 1:0-Sieg über Houston sicherten. Aber alles drehte sich um David Beckham – der so im letzten Spiel seines Fünf-Jahres-Vertrages doch noch seinen ersten Titel in den Staaten holte.

Los Angeles Galaxy - Houston Dynamo 1:0

Letztes Jahr trafen sich beim 2:1-Sieg nach Verlängerung von Colorado gegen Dallas zwei Außenseiter im Endspiel der Major League Soccer – diesmal hatten sich in den Playoffs zwei Teams durchgesetzt, die sich schon in der Regular Season in den Favoritenkreis erhoben haben. Houston vor allem ab dem Sommer, und die favorisierten L.A. Galaxy schon das ganze Jahr. Donovan, Beckham und Co. waren das klar beste Team der Liga und hatten mit den New York Red Bulls (im Viertelfinale) und dem Halbfinale gegen Salt Lake auch den deutlich schwereren Weg in den Play-Offs.

Zudem hatte Los Angeles im Finale, MLS-Cup genannt, Heimvorteil. Als Zweiter im Osten schloss Houston die 34 Spiele umfassende Regular Season mit schlanken 18 Punkten weniger ab als die Galaxy. Und mit Brad Davis, der über die linke Seite im flachen 4-4-2 kommt, fehlte Houston auch noch der wichtigste Spieler mit einem beim 2:0 im Semifinale in Kansas City erlittenen Muskelfaserriss. Kurz: Alles sprach vor dem Spiel gegen den Meister von 2006 und 2007.

Nach forschem Beginn schläft Houston ein…

Dessen Trainer Dominic Kinnear wegen den Ausfalls von Davis zu Umstellungen gezwungen war: Linksverteidiger Corey Ashe rückte ins Mittelfeld auf, dafür fing Jermaine Taylor links hinten an. Das nahm dieser Seite natürlich etwas die Qualität und so konnten die „Orange Crush“ auch ihr gewohntes Spiel nicht wie erhofft aufziehen: Schnelles, unkompliziertes Spiel über die Flügel, mit einem sich viel bewegenden und sich immer auch eher tiefer anbietenden Sturm-Duo vorne.

Houston schien gleich klarzumachen, wie man die Nachteile gegenüber den Gastgebern ausgleich könnte: Mit ordentlichem Pressing. Die beiden Stürmer Carr und Ching gingen in den ersten Minuten sofort auf Beckham und Juninho, sobald diese den Ball hatten, und ließen ihnen kaum Zeit um das Spiel zu gestalten. Das funktionierte gut – umso unverständlicher, dass das nach wenigen Minuten aufhörte und Houston in jene Lethargie verfiel, die der Außenseiter nicht mehr so recht abschütteln konnte.

…und Los Angeles übernimmt die Kontrolle

Mit Zeit am Ball konnte Beckham seine zumeist punktgenauen Pässe aus der Tiefe schlagen (dazu mehr weiter unten), und die Galaxy konnten im Aufbau über die Flügel ihre Stärken dort ausspielen: Mit Donovan und Magee rückten die Mittelfeld-Flügel relativ früh ein, die konsequent aufrückenden Außenverteidiger Franklin und Dunivant hinterliefen und kontrollierten die Seitenlinie.

Vor allem Jermaine Taylor war überfordert. Der Notnagel hatte Probleme im Zweikampf, konnte das Spiel nicht nach vorne tragen und wirkte vor allem mental etwas langsam. Er war aber nur die Spitze des Eisbergs bei Houston: Selbst nach Ballgewinn wurde kaum einmal versucht, schnell umzuschalten und mögliche Unordnung in der Rückwärtsbewegung von Los Angeles auszunützen.

Der eine Sechser nimmt nicht teil…

Luiz Camargo agierte eher sparsam: Nur 23 Pässe im ganzen Spiel. Grafik: mlssoccer.com

Das größte Problem im Spiel nach vorne bei Houston war also weniger das Fehlen einer starken linken Seite, sondern viel mehr die Tatsache, dass vor allem der Brasilianer Luiz Camargo nur körperlich anwesend war. Er spielte während des gesamten Spiels lächerliche 23 Pässe (davon gar nur sechs in der ersten Hälfte), er holte nicht einen einzigen Ball im Zweikampf und schoss im ganzen Spiel nicht auf das gegnerische Tor. Was natürlich viel zu wenig ist, wenn man in einem flachen 4-4-2 auf die Flügel, die sonst die Hauptlast tragen, verzichten muss.

Das hatte zur Folge, dass bei Houston die komplette Arbeit an Adam Moffat hängen blieb. Der Schotte mühte sich nach Kräften ab und kam im Gegensatz zu seinem Nebenmann auch auf starke Zahlen – 73 Pässe versucht (Erfolgsquote 87 %), zwölf Mal den Ball erkämpft (verglichen mit exakt Null bei Camargo).

Moffat war fleißig, verlagerte das Spiel aber zu oft und beschleunigte zu selten. Grafik: mlssoccer.com

…der andere macht das Spiel langsam

Die tiefe Positionierung  von Moffat und Camargo ermöglichte es Donovan und Magee selten, den Raum zwischen Viererkette und Sechsern zu bearbeiten, weil kaum ein Platz da war. Sie konnten die Galaxy halbwegs in Schach halten, stiegen aber nach vorne nicht von der Bremse. Diesen Vorwurf muss sich Moffat bei allem Kämpferherz und seinem Bemühen gefallen lassen.

Denn zu selten bediente er schnell die ihm nahe rechte Seite mit dem im Semfinale noch so starken Hainault und mit Cruz, aber permanent flogen die Bälle über den halben Platz auf die durch das Fehlen von Davis ohnehin gehandicapte linke Seite. So konnten sich die Galaxy in aller Ruhe hinten dem Ball formieren, und bei Houston gab es kaum einmal drei ankommende Pässe hintereinander. Torgefahr strahlten die in der Luft hängenden Stürmer Ching und Carr nicht einmal im Ansatz aus.

Beckham, der Denker und Lenker

Nicht falsch verstehen: Die Galaxy zeigten auch nicht allzu viel Nennenswertes. Dennoch waren die Hausherren die deutlich bessere Mannschaft, obwohl auch sie zuweilen einen fahrigen Eindruck machten. Lediglich Beckham sorgte aus der Zentrale heraus mit seinen langen Bällen und seinem guten Auge für Präzision im Spiel. Und vor allem auffällig, verglichen mit seinen Pendants beim Gegner: Quer- oder gar Rückpässe waren bei Beckham die Ausnahme, er suchte wann immer möglich den Pass nach vorne.

Aus der Zentrale war Beckham deutlich präziser (Die erfolgreichen Pässe hier in Grün, Fehlpässe in Violett). Grafik: mlssoccer.com

So waren die besten Szenen von Los Angeles jene, in denen Beckham seine Füße mit im Spiel hatte – allerdings nur, wenn er seine Position im Zentrum hielt und nicht hinter einem einrückenden Donovan auf die rechte Seite zog. Der Grund ist simpel: Bei allem Einsatz ist Becks nicht mehr der schnellste, und aus dem Zentrum hat er zumeist vier mögliche Anspielstationen, von der Flanke aus bestenfalls zwei. Und die Innenverteidiger von Houston machten einen guten Job.

Und doch hatte vor allem Cristman beste Chancen. Schon in der Anfangsphase vergab der für den verletzten Chad Barrett in die Startformation gerückte Sturmpartner von Robbie Keane (dem man die Reisestrapazen der letzten Woche deutlich anmerkte) nach einer Beckham-Ecke völlig freistehend. Er alleine hätte schon vor dem Seitenwechsel trotz eines nicht gerade zwingenden Auftritts seiner Mannschaft mit drei Toren das Spiel bereits entscheiden müssen.

Houston rückt auf, Arena reagiert

Nach dem Seitenwechsel traute sich bei Houston vor allem Corey Ashe auf der linken Seite etwas mehr zu, womit er Sean Franklin nach hinten drängen und Landon Donovan ein wenig vom Nachschub abschneiden konnte. Zudem rückten Moffat und (vor allem) Camargo mehr auf. Die Fehlpass-Quote ging dramatisch zurück und so gelang es Houston, das Spiel etwas offener zu gestalten. Grund dafür: Die rechte Seite von L.A. war in Schach gehalten, Beckham und Juninho in defensivere Rollen gedrängt, somit vorne Keane und Cristman aus dem Spiel.

Aber das Tor von Galaxy-Keeper Saunders kam nicht wirklich in Gefahr. Bruce Arena reagierte, indem er nach einer Stunde Cristman vom Platz nahm, Donovan nach vorne in die Spitze beorderte und mit Birchall die linke Mittelfelseite neu besetzte. Das machte zwar die linke Flanke nicht besser – im Gegenteil, Birchall konnte Taylor nicht so testen – aber mit Donovan kam deutlich Bewegung in die vorderste Front. Er ließ sich auch immer mal wieder etwas nach hinten fallen, um das im flachen 4-4-2 entstehende Loch hinter den Spitzen etwas zu stopfen.

Und genau deshalb war auch das 1:0 in der 72. Minute möglich: Keane spielte den Ball auf den aus der Tiefe heranstürmenden Donovan, der mit seinem Tempo beide Innenverteidiger aus dem Spiel nahm und den Ball mit einem gefühlvollen Außenrist-Chip aus vollem Lauf über den heraustürmenden Houston-Goalie Tally Hall hob. Ein sensationelles Tor.

Kinnear wirft alles nach vorne

Houston-Coach Dominic Kinnear zog in der Folge Cameron aus der Innenverteidigung nach vorne ins Mittelfeld, löste damit seine Viererkette auf. Dazu kam mit Clark (statt Cruz) ein neuer Stürmer – mit der Brechstange wollte Houston nun die fehlenden spielerischen Mittel ausgleichen. Mit Costly (schon zuvor für Carr gekommen) und Ching vorne, dazu Clark neu auf der rechten und Ashe (bzw. in den Schlussminuten Ja-Vaughn Watson) auf der linken Seite hatte Houston nun de facto vier Stürmer.

Die Dreierkette hinten war indes keine echte solche, weil Hainault und Taylor weiterhin auf den Flanken verblieben und somit im Spielaufbau Boswell alleine hinten verblieb. Das machte Houston natürlich anfällig für schnelle Gegenstöße der Galaxy, die sich nun etwas zurücklehnten. Aber wirklich viel bekam L.A.-Goalie Saunders weiterhin nicht zu tun – sodass fast noch Beckham den Schlusspunkt mit dem 2:0 hätte setzen können. Seinen Freistoß in der 93. Minute konnte Hall aber stark parieren.

Fazit: Galaxy aus der Zentrale deutlich konkreter

Dass der Titel an die über das Jahr gesehen klar beste Mannschaft der Liga geht, steht sowieso außer Frage. Aber auch in diesem Finale waren die Galaxy letztlich die deutlich konkretere Mannschaft, wenn auch es sicherlich nicht die beste Saisonleistung war. Bei der zwar Keane und Donovan für das entscheidende Tor sorgten, aber dennoch David Beckham – nun der erste Engländer seit Trevor Steven vor bald 20 Jahren, der in drei Ländern Meister wurde – der Mann den Spiels war. Nicht nur, weil sich die ganze Story natürlich um den 36-Jährigen und seinen vermutlich letzten Auftritt nach fünf Jahren MLS drehte.

Sondern auch, weil Becks nochmal eine richtig starke Leistung auf den vom Regen aufgeweichten Rasen zauberte. Er schlug quasi als Quarterback vor allem aus dem Zentrum heraus präzise Pässe und suchte vor allem wann immer möglich den Weg nach vorne – anders als der Gegner aus Houston, der sich aus der Spielfeldmitte zu wenig traute, schnell den Weg nach vorne zu suchen. Und ohne den verletzten Davis waren auch noch die Flügel aus der Gleichung heraußen.

Und so sorgte die Co-Produktion von Robbie Keane und Landon Donovan für David Beckhams Happy End.

(phe)

VIDEO: Ausführliche Zusammenfassung

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.