Union düpiert die Hertha

74.000 Zuschauer in einem Zweitliga-Spiel – in Deutschland ist sowas möglich. Im Berliner Derby ging Tabellenführer Hertha BSC programmgemäß im Führung, aber Underdog Union gab sich nicht auf, stellte gut um und drehte das Spiel senstationell noch zu einem 2:1-Sieg!

Hertha BSC Berlin - Union Berlin 1:2

Die einen sind seit Jahrzehnten die Nummer eins in der Hauptstadt, der Platzhirsch, der den Betriebsunfall Bundesliga-Abstieg so schnell wie möglich zu korrigieren sucht. Die anderen kultivieren ihr Underdog-Image, kämpfen mit viel Herz und wenig finanziellen Mitteln gegen den Abstieg aus der 2. Bundesliga und haben nichts zu verlieren. Unterschiedlicher könnten die Vorzeichen beim 2. Berliner Derby vor sensationellen 74.200 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion zwischen Hertha BSC und Union (das 1:1 im Hinspiel war überhaupt erst die Premiere!) nicht sein.

Und das Spiel begann gleich mal mit einer Unterbrechung – schon in der 2. Minute krachten Herthas Niemeyer und Unions Parensen so heftig zusammen, dass letzterer gleich ausgewechselt werden musste – Thomik kam und nahm die Position des Rechtsverteidigers ein. Dann wurde aber schnell klar, dass bei der Hertha die deutlich besseren Spieler auf dem Feld standen: Der Favorit begann mit wesentlich höherem Tempo, zudem wirkte Union ob der Kulisse recht nervös.

Vor allem die Tatsache, dass Raffael – eigentlich ein klassischer Zehner – aus der Tiefe des 4-4-1-1 kam, spielte der Hertha in die Hände. Weil sich sein eigentlicher Gegenspieler Menz oftmals nach hinten orientierte und so mitunter einen zweiten Sechser neben Peitz gab, hatte der Brasilianer einiges an Platz, sodass er mit seinem Bruder Ronny und dem fleißigen Linksverteidiger Kobiashvili die deutlich schwächere Union-Seite ziemlich aufwirbeln konnte. Der Schlüsselspieler in der Hertha-Offensive war aber der Kolumbianer Adrian Ramos.

Der hängenden Spitze stand Union-Sechser Peitz zwar ziemlich auf den Füßen, sodass Ramos sich sehr viel bewegen musste. Aber das tat er sehr gut: Links raus, rechts raus, dann wieder nach hinten, und mitunter auch nach vorne neben (den komplett blassen) Friend. Ramos war derjenige, der am meisten Gefahr erzeugen konnte, wann immer der Kolumbianer am Ball war, wackelte Union bedenklich.

Oder: Noch bedenklicher als sonst. Denn es brauchte nicht einmal ein übermäßiges Pressing der Hertha, dass der Underdog kaum drei Pässe an den Mann brachte. Und es war auch folgerichtig, dass die Hertha in der 13. Minute mit 1:0 in Führung ging: Union klärte einen Freistoß zu kurz, der aufgerückte Mijatovic chipte den Ball zum aufgerückten Hubnik, der stand nicht im Abseits – und nickte den Ball ins Tor.

Union kommt besser rein

Bei Union ging es, wenn etwas ging, nur über die linke Seite. Linksverteidiger Kohlmann war sehr fleißig in seinem Offensivdrang, unterstützt wurde er in erster Linie von Kapitän Mattuschka – weil der eigentliche Flügelmann Chinedu Ede komplett unsichtbar war. Nachdem sich die Hertha nach einer halben Stunde etwas zurückgelehnt hatte, sorgte jene linke Seite für die meiste Entlastung. Auch, weil sich Hertha-Flügelmann Rukavytsya nicht allzu sehr um die Defensive kümmerte.

Dennoch kam es eher aus heiterem Himmel, als Union in der 37. Minute den Ausgleich erziehlte – logisch war aber, dass John Jairo Mosquera ihn erzielte. Ramos’ kolumbianischer Landsmann nahm eine lange Flanke mit der Schulter (oder war’s doch der Oberarm?) an, hob ihn über Hubnik und versenkte den Ball zur Überraschung aller im Tor. Mosquera zeigte sich schon vor dem Ausgleich (wie Ramos) sehr laufstark, mit sehr viel Einsatz und immer im Bemühen, anspielbar zu sein.

Die Hertha lässt sich einlullen

Im Wissen, dennoch die klar bessere Mannschaft zu sein, ging die Hertha nur mit einer kleinen Änderung in die zweite Hälfte: Ronny und Rukavytsya haben die Seiten gewechselt. Der Underdog aber ließ sich nicht mehr so wie in der ersten Hälfte hinten reindrängen und nach etwa einer Stunde nahm Trainer Uwe Neuhaus eine entscheidende Änderung vor: Der Union-Coach nahm den erschreckenden Ede vom Platz und brachte mit Karim Benyamina eine neue Spitze.

Was bedeutete, dass Mosquera die Position von Ede einnahm und Benyamina die Solospitze gab. Das bedeutete auch, dass Mosquera das rechte Hertha-Duo Lell/Ronny viel mehr beschäftigte als Ede vor ihm und somit das Spiel des Tabellenführers immer mehr erlahmte. Man hatte den Eindruck, dass sich die Hertha von der nun auch etwas rustikaleren Spielweise des Unserdogs  beeindrucken und von der ausgelicheneren, aber nicht allzu spritzigen Spielanlage von Union einlullen ließ.

Der Favorit wirft die Ordnung weg

Nach dem Wechsel Ede/Benyamina fing das Mittelfeld von Union auch an zu rochieren: Da tauchte Kolk schon mal im Zentrum oder gar in der Spitze auf, mitunter auch Mosquera rechts und Benyamina im Mittelfeld. Das sah aber nicht unorganisiert aus, die Mitspieler agierten sehr umsichtig und die Grundordnung ging nicht verloren. Ganz anders als bei der Hertha nach dem Schock in der 71. Minute. Da nämlich ging Union durch einen direkt verwandelten Freistoß von Mattuschka mit 2:1 in Führung. Ein Tor, bei dem Hertha-Goalie Aerts nicht gut ausgesehen hat.

Denn ab diesem Zeitpunkt regierte im Hertha-Mittelfeld das pure Chaos. Raffael orientierte sich sofort weit nach vorne, Niemeyer blieb hinten; das Zusammenspiel zwischen Friend und Ramos klappte überhaupt nicht mehr und als Babbel mit Domovchiskyi (statt Ronny) eine zusätzliche Spitze brachte, was das 40-Meter-Loch zwischen Abwehr und Angriff endgültig perfekt. Die Bälle wurden nur noch lang und weit nach vorne gedroschen, durchdachter Aufbau fand nicht mehr statt.

Und weil Ramos zwei tolle Chancen vernebelte, gelang der Ausgleich nicht mehr.

Fazit: Hertha fehlt’s am Plan

Die Hertha war in der ersten halben Stunde hoch überlegen und hätte schon höher als 1:0 führen müssen. Union legte aber spätestens mit dem Ausgleich die Nervosität ab und die gescheite Umstellung von Uwe Neuhaus nach einer Stunde nahm den immer schläfriger agierenden Herthanern die letzte Stärke. Somit feiert Union einen wichtigen Sieg – sowohl für das Selbstbewusstsein, als auch im Kampf gegen den Abstieg. Die Hertha bleibt zwar Tabellenführer, zeigte aber auch, voran es hapert: Am Toreschießen zum einen, und zum anderen an der Ordnung im Mittelfeld, wenn es wirklich gefordert ist – Raffael ist zwar trickreich, es fehlt im aber eklatant an jener Spielintelligenz, die etwa Ramos an den Tag legt.

Was auch zeigt: Die Tabellenführung von Hertha BSC fußt in erster Linie an der individuellen Klasse der einzelnen Spieler, weniger an durchdachter Taktik und ausgeklügeltem Spielzügen. Das reicht für die 2. Liga und wohl auch für den Aufstieg in die Bundesliga. Dort wird aber deutlich mehr notwendig sein, um nicht sofort wieder im Tabellenkeller festzusitzen…

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.