Danke fürs Wichtigmachen, Willi!

Christian Russegger von “Österreich” hat Willi Ruttensteiner, seit er den Teamchef-Job interimistisch übernommen hatte, konsequent als “Willi Wichtig” diffamiert. Einer, der alles anders macht als Constantini: Er reist durch die Weltgeschichte, war dabei zum Teil in drei verschiedenen Ländern an nur einem Wochenende. Und vor allem: Er redete mit den Spielern, auch den Constantini-Outcasts. Und jetzt hat uns der Technische Direktor des ÖFB Marcel Koller gebracht. Man kann nur sagen: Danke, dass du dich so wichtig gemacht hat, Willi. Das war wichtig.

Denn der Schweizer Marcel Koller ist genau das, was das längst im 21. Jahrhundert angekommene Spielermaterial aus Österreich braucht: Einen ruhigen, akribischen Arbeiter. Einen, der sich international auskennt. Einen, der aus einem Underdog das Optimum heraus holen kann. Und keinen, der jeden Versuch eines Diskurses pampig abwürgt. Keinen Phrasendrescher. Keinen Medien- oder Fanliebling.

Und die Bestellung des 50-Jährigen ist auch als Eingeständnis zu deuten, dass zumindest gewisse Kräfte im ÖFB erkannt haben, an wen es sich wirklich zu orientieren gilt. Natürlich hilft es, sich aus Deutschland abzuschauen, was auch sinnvoll im zehnmal kleineren Österreich umgesetzt werden kann. Aber es ist ein Land wie die Schweiz, die ein echtes Vorbild ist. Vergleichbar an Ressourcen und Möglichkeiten. Jedoch meilenweit voran, wenn es um andere Dinge geht.

Die Eidgenossen haben etwa eine funktionierende Ausbildungsliga, in der sich alle, auch Primus FC Basel, dazu bekennen. Der SFV verfügt über eine organisatorische und sportliche Struktur, die klar definiert ist und auch konsequent durchgezogen wird – seit vor etwa 15 Jahren auf externe Experten gesetzt wurde. Der Lohn: Seit 2004 war die Schweiz bei jedem Turnier dabei, und sogar nach dem kompletten Fehlstart in die aktuelle Quali gibt’s tatsächlich noch realistische Chancen.

Koller ist kein umfassender Heilsbringer

Freilich: In Koller einen totalen Heilsbringer zu sehen, wäre vermessen. Er hat nicht das Standing, nicht die Position und auch eigentlich nicht die Aufgabe, den ÖFB umzukrempeln. Aber sportlich ist es  ein großer Schritt in die richtige Richtung. Koller ist von seiner Herangehensweise einer, der sich nicht der Öffentlichkeit oder den Medien gegenüber verantwortlich fühlt, sondern der Mannschaft und dem ÖFB. Schon alleine die Tatsache, dass er noch nie etwas mit Österreich zu tun hatte (außer, dass er zwei Jahre lang der Trainer von Christian Fuchs war), macht ihn zu einer guten Wahl. Koller wird keine Rücksicht auf typisch österreichische Befindlichkeiten nehmen und das ist gut so.

Koller war immer schon ein Trainer, der mit begrenzten Möglichkeiten das Optimum heraus holt. Nicht nur beim FC St. Gallen, den er überraschend zum Meister machte. Sondern auch in Bochum – und wenn man so will, ist der VfL so ein wenig das Österreich der deutschen Bundesliga-Landschaft. Eingeklemmt zwischen Top-Teams (in diesem Fall Schalke und Dortmund), schon respektiert aber nicht so richtig ernst genommen. Bochum gibt’s halt, aber außerhalb der Stadt selbst eigentlich uninteressant.

Noch viel Arbeit für Ruttensteiner

Das mit dem ÖFB umkrempeln, das wird eher der Job von Willi Ruttensteiner. Man kann davon ausgehen, dass die Personalie Koller seine Idee war – denn andere im Gremium dürften einen wie den Schweizer auch intern vehement zu verhindern versucht haben. Dafür schon mal ein “Danke” an Ruttensteiner, dass er sich hier durchgesetzt hat.

Seine Arbeit ist aber noch längst nicht getan. Und wie schwierig es sein wird, wirklich etwas weiter zu bringen, wird sichtbar, wenn man sich in die Niederungen der Amateurfußball-Sportplätze begibt. Hier, an der Basis, ist Ruttensteiner nicht beliebt. Hier sehen viele Beobachter in dem Oberösterreicher einen (Zitat) “Depperten Schreibtitschtäter, der net amoi weiß, wie man sich an Fußballschuh bindet” – mit anderen Worten: Das Problem ist nicht der ÖFB an sich, sondern die allgemeine Fortschrittsfeindlichkeit vor allem an der Basis.

Es ist dieses Denken, dass die moderne Herangehensweise an den Fußball im 21. Jahrhundert ein großes Übel ist, dass eh komplett wurscht ist, ob jetzt ein Constantini oder ein Mourinho auf der Trainerbank sitzt, das radikal aus den Denkmustern der konservativen Betonköpfe heraus muss. Da hat Ruttensteiner noch einen langen Weg vor sich.

Typ-Wechsel – mit Konsequenzen?

Worauf sich Koller in seinem neuen Job einstellen müssen wird: Dass ihm jene maßgeblichen Meinungsmacher in Fernsehen und Print, die Constantini nicht nur mit Wattehandschuhen angegriffen, sondern ihm bis zuletzt die Stange gehalten und nie wirklich kritisch hinterfragt haben, brutal auf ein einhacken werden. Das war zum Teil schon zu lesen, bevor Koller überhaupt offiziell präsentiert wurde. Das war, vor allem im Fall Karel Brückner, bei Herbert Prohaska offensichtlich – und Schneckerl gibt sich auch sofort unnachgiebig, wo wieder ein Teamchef kein persönlicher Haberer von ihm ist.

Die Bestellung von Koller ist ein brutaler Wechsel – die Internet-Generation steht ihm wohl eher positiv gegenüber, die “Alteingesessenen” eher skeptisch. Das ist eine grandiose Chance, aber auch ein Risiko, denn wenn es mit Koller nicht den erhofften Erfolg gibt, besteht die Gefahr, dass diese Tendenz, sich tatsächlich an den Typus “Akribische, taktischer Arbeiter” heran zu wagen, wieder abgewürgt wird.

Die Abmontierung von Koller, bzw. seines Typs von Trainer, zu verhindern, wird am ÖFB hängen bleiben. Hier darf man aber durchaus hoffen. Denn Präsident Leo Windtner wollte schon an Constantini eisern festhalten, aber nicht, weil er ihn für so toll hielt, sondern, weil er auf Kontinuität setzen wollte. Nur halt mit dem falschen Teamchef.

Und vor allem dürfte es nun tatsächlich so sein, dass mit Willi Ruttensteiner der wohl fähigste Mann im Verband ein deutlich gewichtigeres Wort hat als zuvor. Und das kann für den österreichischen Fußball nur gut sein. Danke, Willi!

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

  • Pingback: Herzog als Teamchef? Machtkampf gegen die Reformation im ÖFB()

  • Herrlich, das heute erneut lesen zu dürfen. Danke. An alle. ;)

    https://www.youtube.com/watch?v=28jImw9V6XA&feature=youtu.be&t=1m11s

    und ganz aktuell:

    https://youtu.be/rkElYNLKUAo

  • El10z

    @Thomas und Peter: Gerade wegen dieser vorhersehbaren Ressentiments der alteingesessenenVerhaberer wäre es notwendig gewesen, dass Windtner sich noch deutlicher zu diesen Personalentscheidungen persönlich bekennt, seine persönliche Rückendeckung und Verantwortung (das Verstecken hinter dem Direktorium ist de facto Unfug, W muss am Ende so oder so dafür gerade stehen und das ist gut so) für K&R deutlich und gut hörbar ausdrückt auch für den Fall, dass nicht sofort Resultate kommen. Das kann er aber in den nächsten Tagen auch noch nachholen.

    W, K und R müssen das jetzt konsequent, ohne Rücksicht auf den Boulevard & Stammtisch durchziehen, es ist ohnehin ihre einzige (K) bzw. auch letzte (W, R) Chance.

  • Peter

    Es fällt mir schwer aufgrund der Entscheidung nicht in Euphorie zu verfallen!!

    Mit dem Engagement Kollers ist erst ein kleiner Schritt getan und die Meldungen der Haberer (Jara:”..Das Anforderungsprofil hätte auf mich sicher besser zugetroffen, weil ich im Ausland mehr Erfolg hatte und mehr Titel geholt habe als Koller. ..” ; Prohaska:”..Aber es ist auch sehr, sehr wichtig, was du für eine Rückendeckung hast. Er wird ganz wenig haben und keinen Bonus, den etwa Andreas Herzog mitbringt. ..” ; Stöger:”..Dass es kein Österreicher geworden ist, ist für mich persönlich schade. ..”) geben einen Vorgeschmack auf den Gegenwind, den er in der Szene zu erwarten hat. Dagegen stehen alle Spieler (und Trainer wie Moniz, Daxbacher) hinter ihm.

    Man darf gespannt sein.

  • El10z

    Ich bin mit jedem Satz von phe einverstanden. Sehr treffender Kommentar.

    Man soll und muss der breiten Fraktion der fußballerisch Viertelgebildeten an den Stammtischen und im Fußballgeschäft, den Verhaberern, Neidern, den alteingessesenen Ex-Kicker-Promis und Journalisten mit noch viel mehr Arroganz und Verachtung begegnen, sobald Argumente und professionelle Arbeit nicht zur Kenntnis genommen werden bzw. unsachlich, hinterfotzig, perfid wie z.B. im Fall Russegger torpediert werden.

    Koller und der aufgewertete Ruttensteiner mit nun endlich freier Hand sind eine excellente Wahl, mit der sich Windtner rehabilitiert hat.

  • Thomas

    Bei deinen Lobgesängen auf Ruttensteiner kann man denken du bist sein PR-Berater. Aber ok, jeder soll so seine Meinung und seine Sympathien für gewisse Menschen haben, das ist auch ok so.
    Bedauerlich und inkompetent finde ich allerdings deine Aussage zur Amateurfußball-Basis. Da wird von vielen Menschen gute Arbeit geleistet und die ist weit fortschrittlicher als so mancher denkt. Vor allem mit den kaum vorhandenen Ressourcen.
    Ruttensteiner behandelt die “Basis” (wie du es nennst) aber mit Arroganz und sehr herablassend. Daher darf sich dein Freund Ruttensteiner nicht wundern wenn er dort verhasst ist.
    Bleibt nur zu hoffen, dass Koller nicht nur die Marionette von Ruttensteiner ist, sondern seinen eigenen Weg geht. Koller wirkte auf mich bisher immer sehr sympathisch und kompetent. Ich wünsche ihm viel Erfolg mit unserem A-Team!

  • alles gute! marcel.