Archiv der Kategorie: Österreich

Epilog gegen Frankreich: Des Bundesadlers Brut und die WM 1998, Teil 4

Zufrieden war niemand mit dem Abschneiden Österreichs bei der WM. Ein Weltuntergang war das Aus nach den beiden Remis gegen Kamerun und Chile sowie der Niederlage gegen Italien jedoch auch nicht. Das vorrangige Gefühl war, dass mit etwas mehr Mut zum Risiko das Erreichen des Achtelfinales gegen Brasilien absolut drin gewesen wäre und dass die WM eine verpasste Chance war.

Fünf Wochen nach dem Final-Triumph über Brasilien gastierte der frischgebackene Weltmeister Frankreich im fast ausverkauften Happel-Stadion. Österreich empfand dies als große Ehre und als Chance – einerseits darauf, sich selbst zu beweisen, dass man so ein Weltklasse-Team schon fordern kann. Andererseits darauf, ein Signal auszusenden: Die WM war kein Erfolg, aber wir sind gut genug aufgestellt, um mittelfristig das Niveau halten zu können.

Punkt eins gelang gut, man trotzte Frankreich ein 2:2 ab. Man redete sich auch ein, dass damit Punkt zwei als bestätigt zu betrachten ist – und im Nachhinein ist die Diagnose klar: Man verkannte die Realität. Umso schmerzhafter war ein halbes Jahr später in Valencia der Aufprall auf dem Boden der Realität. Weil man den in dieser Form nicht kommen gesehen hat. Nicht nur, aber auch wegen des Spiels gegen Frankreich am Mittwoch, dem 19. August 1998.

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Österreich 1, Italien 2: Des Bundesadlers Brut in Frankreich 1998, Teil 3

Nach den umfehdeten Jahren unter Arrigo Sacchi war Italien 1998 wieder so, wie man Italien eben erwartete. Auch wenn eine leichte Auslosung das Team ins WM-Finale von 1994 gespült hat: Das taktisch rigide und auf viel Training basierende 4-4-2-Pressingspiel von Sacchi hat auf Nationalteam-Ebene nie geklickt. Mit Cesare Maldini war die defensive Stabilität wieder Trumpf.

Vor Libero und Manndeckern waren drei unkreative Läufer platziert, zwei alleingelassene Stürmer sollten es auf dieser extrem auf Stabilität bedachten Basis mit individuellem Genie richten, einen Spielgestalter sah Maldini als zu großes Risiko. Mit Glück hatte Italien spät ein 2:2 gegen Chile gerettet und gegen Kamerun hatte man nach der raschen Führung viel sterilen Ballbesitz und null Ideen, zwei späte Tore schraubten das Ergebnis zu einem absurden 3:0 hoch. Italien konnte davon ausgehen, dass ein Remis gegen Österreich zum Gruppensieg reicht und man damit einem drohenden Achtelfinal-Duell gegen Brasilien ausweicht – bei einer Niederlage drohte aber das Vorrunden-Aus.

Das waren keine guten Voraussetzungen für Österreich. Auch das ÖFB-Team litt unter zu wenigen Ideen, zu wenig Mut im Vorwärtsgang und unter der lädierten Zehe von Andi Herzog. Wie gegen Chile saß Herzog zunächst auf der Bank, aber Prohaska löste sein eigenes defensives Dreier-Mittelfeld auf und zog Hannes Reinmayr UND davor Mario Haas als zweite Spitze neben Toni Polster ein. Nach den beiden Remis gegen Kamerun und Chile war für Österreich klar: Ein Sieg musste her.

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Österreich 1, Chile 1: Des Bundesadlers Brut in Frankreich 1998, Teil 2

Das 1:1 gegen Kamerun war besser als das drohende Nichts, aber was war es wert? Denn vor der Brust stand nun das Match gegen Chile. Iván Zamorano, jahrelang Stamm-Stürmer bei Real Madrid und frischgebackener Europacup-Sieger mit Inter Mailand, und der um viel Geld von River Plate zu Lazio transferierte Marcelo Salas waren ein gefürchtetes Sturm-Duo.

Chile hatte im ersten Spiel erst kurz vor Schluss durch einen ärgerlichen Elfmeter einen Sieg gegen Italien verloren (Endstand 2:2) und im Frühjahr in einem Testmatch im Wembley mit 2:0 gegen England gewonnen. Bis auf die Stürmer aber war die fast komplett in der heimischen Liga aktive Mannschaft ein komplett unbeschriebenes Blatt.

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Österreich 1, Kamerun 1: Des Bundesadlers Brut in Frankreich 1998, Teil 1

Es war der 25. März 1998. Die Party zur geschafften WM-Qualifikation, jener ausgelassene Oktober-Abend im Happel-Stadion nach dem 4:0 über Weißrussland, war noch eine schöne Erinnerung, die echte WM-Euphorie war beim ersten Testspiel des neuen Jahres aber schon verflogen. Das Happel-Oval war nicht einmal halbvoll, als man Ungarn zu Gast hatte. Um die Form und das Personal für die WM zu testen und um die gemeinsame EM-Bewerbung für 2004 zu promoten.

Und dann kam Béla Illés. Der ungarische Zehner war für Kühbauer und Mählich im defensiven Mittelfeld-Zentrum kaum zu halten, die Ungarn gewannen mit 3:2, Illés erzielte zwei Treffer. „Man soll nicht gleich wieder alles in Frage stellen“, sinnierte Teamchef Herbert Prohaska danach, „aber wenn sich das nicht ändert, muss ich mir überlegen, ob wir es verkraften können, bei der WM mit so einer offensiven Aufstellung anzutreten!“ Gegen Ungarn hatten Polster und Vastic vorne begonnen, mit Herzog als Zehner dahinter. Reinmayr kam in der zweiten Halbzeit statt Kühbauer als zusätzlicher Spielmacher hinein.

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Die U-17 und das WM-Finale – Signalwirkung, Freude, aber auch Vorsicht

Sie haben Spanien eliminiert, England verräumt, Japan niedergerungen und Italien ausgeschaltet. Der letzte Schritt, jener gegen Europameister Portugal im WM-Finale, war für die österreichischen U-17-Burschen, der eine, der ein wenig zu groß war. Dennoch: Mit dem erstmaligen Einzug einer rot-weiß-roten Fußball-Mannschaft ins Finale einer Weltmeisterschaft in irgendeinem Format auf irgendeinem Level hat der Jahrgang 2008 Geschichte geschrieben – und gleichzeitig nach einigen dünnen Jahren im Nachwuchs ein Signal ausgesendet.

Bis vor ein paar Wochen hatte praktisch noch niemand mitbekommen, dass die Truppe überhaupt bei der WM dabei ist, spätestens mit dem 4:0-Sieg im Achtelfinale über England waren die Augen aber auf sie gerichtet – vor allem im Lichte des katastrophalen Europacup-Herbstes und der generellen Schwäche der heimischen Liga. Nicht nur, aber vor allem WM-Torschützenkönig Johannes Moser aus dem Red-Bull-Nachwuchs ist nun in Österreich ein bekannter Name und die Hoffnungen, welche die Truppe für die Zukunft geweckt hat, wachsen – typisch Österreich – schon wieder in lichte Höhen.

Aber mal langsam.

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Die Geister von Leipzig vertrieben: Österreich nach Nervenspiel bei der WM

Wohin mit der ganzen Freude? Marcel Sabitzer saß eingesunken auf dem Rasen, der aufgezuckerte Siegtorschütze Michael Gregoritsch umarmte jeden, der ihm in den Weg kam. David Alaba, 94 Minuten lang ein nervöses Wrack in der Coaching-Zone, und ein gelöst lächelnder Ralf Rangnick lagen sich in den Armen. Das vorbereitete Transparent, auf dem „Das Crazy Oida“ stand, wurde im ersten Versuch nur so halb ausgerollt, ehe das halbe Team wieder ganz woanders hin abbog. Marko Arnautovic verhedderte sich feixend im TV-Interview zwischen der Ansage, dass man auch ohne Alkohol feiern können sollte, und dem Nachsatz, dass er ja selbst Hochprozentiges verkauft.

Die Österreicher feierten gemeinsam das gerettete WM-Ticket, und doch war irgendwie jeder damit beschäftigt, das gerade Geschehene für sich selbst zu begreifen, zu verarbeiten, einzuordnen. Und die Zuschauer? Der Roar beim so heiß ersehnten Ausgleich in der 77. Minute dürfte noch bis Bratislava zu hören gewesen sein, jener beim erlösenden Schlusspfiff ebenso.

Was sie erlebt haben, war eines der ganz großen Spiele in dieser alten Schüssel. Eines, das in die Geschichte eingehen wird. Wie jener Abend im September 1997, als Andi Herzogs Weitschuss-Tor – in der 76. Minute damals, diesmal war es die 77. Minute, welch eine Parallele – den harten Brocken Schweden besiegte. Wie im Oktober 1989, als Toni Triplepack beim 3:0 gegen die DDR doch noch die WM-Teilnahme sicherte. Wie damals im Herbst 1958, als dem Sportclub im Europacup das legendäre 7:0 gegen Juventus Turin gelang.

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Rumänien 1, Österreich 0: Die Lust am Motzen ist zurück

So ganz unverdient war sie ja nicht, die 0:1-Niederlage von Österreich in Rumänien. Und sie legte auch (altbekannte) Schwächen offen – dabei haben die Rumänen nichts gemacht, was man nicht seit dem relativ souveränen österreichischen Sieg in Wien im Juni nicht gewusst hätte. Es war sehr wenig Schönes dabei, an diesem Abend in Bukarest, auch sehr wenig Überraschendes.

In der WM-Qualifikation zwingt man sich nun in einen Druck-November, in dem in den beiden Spielen in Limassol gegen Zypern und im Happel-Stadion gegen Bosnien noch vier Punkte her müssen, um das direkte WM-Ticket einzukassiern. Die Ausgangslage ist immer noch sehr gut, und doch war schon während, aber umso mehr nach dem Spiel eines zu erkennen: Die Lust des Österreichers am Motzen.

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Toni, müssen wir reden: Nach Arnautovic‘ Tor-Rekord bei 10:0-Sieg

42, 43, 44, 45 – und Marko Arnautovic, der mit 128 Einsätzen längst Rekord-Teamspieler ist, ist nun auch alleiniger Rekord-Torschütze für Österreich. Er hat beim 10:0-Rekordsieg gegen eine überforderte Mannschaft aus San Marino Geschichte geschrieben, wie auch das ganze Team einfach vor Bock aufs Kicken sprühte, auch nach der eh schon in den ersten zehn Minuten gefallenen Entscheidung nie dauerhaft nachließ.

Über das Spiel selbst groß zu reden, lohnt nicht. Österreich war gedankenschneller, technisch viel besser, hatte eine sehr gute Raumaufteilung, schob die Außenverteidiger nach vorne und hatte so praktisch sieben Leute permanent im Angriffsdrittel, dauernd Überzahl in Ballnähe. Ja, es gab ein paar Gegenstöße der Gäste in eine weitgehend verwaiste österreichische Hälfte, zwei mittelgute Torchancen, aber das war alles nicht der Rede wert.

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Sturm in der Europa League: Wiedersehen macht Freude

Wer sagt, dass die Europa League weniger Freude machen muss als die Champions League? Nicht nur, dass Sturm nun die Heimspiele auch wirklich daheim austragen darf und nicht nach Klagenfurt muss – nein, es gibt auch viele attraktive Gegner. Und auch erstaunlich viele Wiedersehen mit Vereinen, die man schon in der Vergangenheit zu großen Spielen getroffen hat.

Oder, anders gesagt: Sturm trifft in den kommenden Monaten viele alte Bekannte.

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Rapid bricht den Bann gegen Győr – aller guten Dinge sind sieben

Sechs Mal haben sie’s probiert, sechs Mal sind sie gescheitert. Aber nun, im siebenten Versuch, ist es Rapid gelungen. Nach einer souveränen Quali-Runde und zwei, in denen man sich das Leben deutlich schwerer gemacht hat als notwendig, steht Grün-Weiß wieder in der Liga-Phase der Conference League. Der Viertelfinalist der vergangenen Saison ist damit das erste österreichische Team, das es aus dem liga-internen Europacup-Playoff kommend in den internationalen Herbst schafft.

Und nicht selten haben sich die österreichischen Vertreter dabei richtig angeschüttet. Klingelt etwa beim Namen FC Vaduz etwas? Oder bei Breiðablik? Oder bei Ilves Tampere? Oder… beim FK Haugesund?

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