EM mit 24 Teams: Die Sache mit den Gruppendritten

Mit der bevorstehenden Auslosung für die EM 2016 – und der ungewohnten österreichischen Beteiligung daran – lohnt sich ein Blick auf den Turnier-Modus. Genauer gesagt: Auf die Tatsache, dass die vier besten der insgesamt sechs Gruppendritten ebenso in die K.o.-Runde kommen. Die Frage ist: Welche Bilanz reicht, um unter diese vier Dritten zu kommen?

Die Weltmeisterschaften von 1986 und 1990 wurden im selben Modus (6 Gruppen zu 4 Teams, danach Achtelfinale) ausgetragen, Österreich war in Italien 90 der fünftbeste Gruppendritte – mit einem Sieg und zwei Niederlagen. Allerdings galt damals noch die Zweipunkte-Regel. Das kann als Erfahrungswert also nicht wirklich herangezogen werden.

Seit Einführung der 3-Punkte-Regel (bei Großturnieren seit USA 1994, in allen nationalen Ligen verbindlich seit 1995/96) gab es 16 Turniere, die in diesem Modus gespielt wurden – zehnmal die U-20-WM, fünfmal die U-17-WM und die Frauen-WM in diesem Sommer. Mit diesen Daten lässt sich arbeiten.

Übrigens: Sollten der viert- und der fünftbeste Dritte punktgleich sein, werden zunächst die Tordifferenz und die erzielten Tore herangezogen, danach das Fair-Play-Ranking. Erst wenn auch dieses gleich ist, wird gelost. Damit hat die UEFA die Konsequenzen aus der heftigen Kritik nach der Frauen-EM 2013 gezogen – damals wurde bei Punktgleichheit sofort gelost.

Punkte insgesamt

Fünf Punkte oder mehr reichten bisher zu 100% für das Achtelfinale, zwei Punkte so gut wie nie.
Fünf Punkte oder mehr reichten bisher zu 100% für das Achtelfinale, zwei Punkte so gut wie nie. Bei drei Punkten steht es praktisch fifty-fifty.

Für die grobe Hochrechnung gilt: Ab vier Punkten ist man im Achtelfinale, mit zwei Punkten ist man ausgeschieden. Damit es bei einem Sieg und einem Remis nicht reicht, muss es schon mit dem Teufel zugehen – und um mit zwei Remis weiterkommt, müsste man damit Gruppenzweiter werden. Das funktioniert nur in einer Konstellation 9-2-2-2 (also: Gruppensieger gewinnt alle Spiele, die anderen spielen untereinender ausschließlich unentschieden).

In den 64 Gruppen, die bei diesen 16 Turnieren gespielt wurden, ist das genau ein einziges Mal vorgekommen. Ist also eher, naja, eher unwahrscheinlich.

Punkte als Dritter

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Nimmt man nur die Gruppendritten her, ergibt sich ein ähnliches Bild: Vier und mehr reichen, zwei oder weniger nicht. Wird man mit drei Punkten Dritter, erreicht man zu 39% das Viertelfinale.

Fast 85 Prozent der Gruppendritten haben entweder vier oder drei Punkte – ein erwartbarer Wert. Wie es auch generell gilt, ist mal auch als Dritter bei vier Punkten safe (97 Prozent der Gruppendritten mit vier Punkten – also 38 von 39 – kamen weiter). Als Gruppendritter mit zwei Punkten kam man noch nie ins Achtelfinale.

Die Spreu trennt sich also bei den Dreipunkte-Teams vom Weizen. Die Tatsache, dass 61 Prozent der Mannschaften, die mit drei Punkten weiterkommen (25 von 44), legt den Schluss nahe, dass drei Remis (also eine ausgeglichene Tordifferenz) reichen. Was meistens der Fall ist: 83 Prozent der Fälle kam man mit drei Punkten und ausgeglichener oder positiver Tordifferenz weiter.

Tordifferenz als Dritter

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Sechsmal (x-Achse) reichte eine Tordifferenz von exakt -1 (y-Achse), um als Gruppen-Dritter mit drei Punkten weiterzukommen (grüne Punkte) – hier liegt der Median (grüne Linie). Der Median (rote Linie) der Ausgeschiedenen (rote Punkte) liegt bei -3.

Generell zeigt die Verteilung aller 43 Gruppendritten mit drei Punkten eine reichlich unübersichtliche Streuung: Mit 3 Punkten und +2 Toren ist man schon ausgeschieden, mit 3 Punkten und -10 Toren ist man schon weiterkommen.

Probieren wir’s mit dem Medianwert. Dieser spuckt aus, dass von allen Teams, die drei Punkte als Dritter hatten, die Tordifferenz der Weitergekommen bei -1 liegt und jene der Ausgeschiedenen bei -3 Toren. Nun lässt sich natürlich die Frage stellen, wie sinnvoll es ist, überhaupt alle Dritten mit drei Punkten einzubeziehen. Guatemala kam bei der U-20-WM 2011 schließlich nur darum mit 3 Punkten/-10 Toren weiter, weil die schlechteren Dritten gar nicht erst auf drei Punkte gekommen sind.

Wenn drei Punkte reichen UND nicht reichen

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So sieht’s aus, wenn der Cut genau durch jene Teams mit drei Punkten verläuft. Bei -1 sieht es ganz gut aus, ab -2 oder schlechter nicht so gut.

Also sehen wir uns an, wie die Zahlen liegen, wenn der Cut genau durch die Teams mit drei Punkten verläuft; also wenn drei Punkte reichen UND nicht reichen. Hier zeigt sich, dass man mit einer positiven Tordifferenz noch nie ausgeschieden ist und mit einer schlechteren als -5 noch nie weitergekommen ist.

Die Mediane sehen gegenüber jenen mit allen Dreipunkte-Teams recht ähnlich aus: Jener der ausgeschiedenen weiterhin bei -3, jener der Weitergekommenen bei einem ausgeglichenen Torverhältnis. Auffällig ist, dass der Wechsel in der Realität zwischen -1 und -2 verläuft: Mit -1 kamen die Teams überwiegend noch ins Achtelfinal, mit -2 überwiegend nicht mehr.

Und das heißt?

Die Praxis hat gezeigt, dass man mit einem Sieg und zwei knappen Niederlagen intakte Chancen hat, die Gruppe zu überleben, mehr aber auch nicht. Mit der Bilanz von 1990 hätte Österreich (1 Sieg, 2 Niederlagen und 2:3 Tore) etwa das Achtelfinale um ein Tor verpasst (statt damals mit der Zweipunkte-Regel um einen Punkt).

Wenn man sicher sein will, die Gruppenphase bei sechs Vierergruppen zu überstehen, sollte man vier Punkte sammeln. Das gilt vor allem bei einem Turnier, dessen zu erwartende Leistungsdichte so ausgeprägt ist wie bei der EM-Endrunde im Sommer. Bei den Turnieren, die hier herangezogen werden (Junioren- und Frauen-WM) gibt es ein größeres Leistungsgefälle.

Fünf Punkte könnten also durchaus zum Gruppensieg reichen, es ist aber gleichzeitig durchaus denkbar, dass bei der EM in Frankreich selbst für Gruppendritte vier Punkte notwendig sein werden, um den Sprung ins Achtelfinale zu schaffen. Anders gesagt: Eine Niederlage in der Gruppenphase ist auf jeden Fall erlaubt, eine zweite könnte aber womöglich schon zu viel sein.

Und, was auf jeden Fall von Vorteil ist: In den Gruppen E oder F spielen. Diese werden als Letzte mir ihren Spielen fertig und wissen daher schon genau, wie viele Punkte genau reichen. Österreich spielte 1990 in der Gruppe A – das Aus stand erst zwei Tage nach dem 2:1 über die USA im letzten Spiel des ÖFB-Teams fest.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.