Euro-Classics 2008 – Ein böser Fluch

Was ist ein Gruppensieg wirklich wert, bei einem großen Turnier? Wenn es nach den Resultaten im Viertelfinale der Euro 2008 geht, gar nichts – er lag wie ein böser Fluch über den betroffenen Teams. Portugal, Kroatien, Holland und Spanien, die alle schon vorzeitig als Gruppen-Erster festgestanden waren, schonten in ihren letzten Partien ihre Stammspieler – und drei aus dem Quartett verabschiedeten sich danach im Viertelfinale.

Zufall oder nicht, jedenfalls zeigte sich, dass sich taktische Variabilität auszahlt. Bei den Deutschen, die mit einem neuen System spielten. Die Türken, die wegen tonnenweise Ausfällen ohnehin in jedem Spiel zu einer völlig neuen Formation greifen müssen. Die Russen die sich anders als in der Vorrunde erst einmal zurückzogen und so den Holländern die Angriffsfläche nahmen. Und natürlich gehört auch Glück dazu. Das Glück, dass Semih in der 121. Minute gegen Kroatien der Ball zufällig vor die Füße fällt. Und das Glück, dass man auch mal im Elferschießen braucht, um Komplexe aus der Vergangenheit zu bewältigen – wie die Spanier…

Die Deutschen hatten sich also mit dem 1:0 über Österreich ins Viertelfinale gezittert. Dort sah man sich selbst gegen Portugal als klaren Außenseiter. Kein Wunder, nach der durchwachsenen eigenen Vorrunde und der doch recht souveränen von Portugal. Zudem war Bundestrainer Jogi Löw nach seiner Verbannung auf die Tribüne im Österreich-Spiel gesperrt, für ihn saß Co-Trainer Hansi Flick als Verantwortlicher auf der Bank

Deutschland - Portugal 3:2 (2:1)

Für dieses Spiel gingen die Deutschen vom gewohnten 4-4-2 ab und stellten sich in einem 4-2-3-1 auf. Das war zuvor nur ein einziges Mal getestet worden, und zwar beim 2:1-Erfolg in England zur Eröffnung des neuen Wembley ein Jahr davor. Ballack rückte vor auf die Zehn, hinter ihm spielten Rolfes (tiefer) und Hitzlsperger (etwas höher).

Für diesen Wechsel gab es zwei Gründe: Zum einen, weil es alle drei Gruppengegner geschafft hatten, das mit zwei Mann besetzte Zentrum (Ballack und Frings) ohne einen echten Zehner kaltzustellen. Zum anderen, um sich nicht vom extrem spielstarken portugiesischen Mittelfeld überrennen zu lassen – denn Deco und Moutinho waren schon andere Kaliber als Ivanschitz oder Krzynowek.

Das Kalkül ging nicht so schlecht auf. Durch die doppelte Absicherung wurde Deco gezwungen, immer wieder extrem weit aus seiner ursprünglichen Position rauszurochieren. Doch egal, wo er hinging, fast immer war ein Deutscher bei einem möglichen Pass-Empfänger. Die Raumaufteilung im deutschen Team war hervorragend – zumindest auf der linken Abwehrseite.

Dort war mit Arne Friedrich ein gelernter Innenverteidiger gegen Cristiano Ronaldo gestellt, zudem war Bastian Schweinsteiger (nach seiner Rot-Sperre zurück) sehr fleißig im Rückwärtsgang. Er neutralisierte Paulo Ferreira, Rolfes und Hitzlsperger stellten die Passwege auf Ronaldo zu, und der Star von Manchester United war de facto aus dem Spiel.

Anders sah das auf der linken Abwehrseite aus. Lukas Podolski verrichtete längst nicht so viel Defensiv-Arbeit wie Scherinsteiger, wodurch Bosingwa ziemlich freie Bahn hatte und er gemeinsam mit Simão Überzahl-Situationen gegen Lahm herstellen konnte. Dor mit der Hilfe aus dem defensiven Mittelfeld und von Metzelder, die gemeinsam mit Lahm den portugiesischen Flügelspieler in dessen Ballbesitz konsequent nach außen drängten, wurde die Situation zumindest kaum einmal wirklich heiß.

Natürlich: Sehr viel Kreatives hatten die Deutschen, bei aller Kontrolle, die sie ausübten, auch nicht anzubieten. Das 1:0 nach rund zwanzig Minuten – Flankenlauf Podolski, Pass zur Mitte, Tor Schweinsteiger – war das absolute Highlight. Kurz darauf versenkte Klose einen Freistoß per Kopf, Deutschland führte 2:0, und Portugal hatte ein Problem. Scolari brachte nun Meireles statt Moutinho, somit etwas mehr Kampfkraft ins Mittelfeld. Aber letztlich war es Podolski, der den Portugiesen das Anschlusstor ermöglichte. Eine Schlafmützigkeit von ihm beim Umschalten nach Ballverlust, und der portugiesische Konter hatte Platz ohne Ende. Nuno Gomes staubte letztlich ab.

Eine Situation, die einen schon wundern lässt, warum Scolari nicht Cristiano Ronaldo die Seiten tauschen ließ, schließlich hätte er gegen den inkonsequente Podolski deutlich mehr Freiräume gehabt als gegen den sehr disziplinierten Schweinsteiger. Stattdessen ging Ronaldo nach dem Seitenwechsel weg vom Flügel ins Halbfeld, um zwischen den Linien für Betrieb zu sorgen, Friedrich womöglich aus der Position zu ziehen und Paulo Ferreira so den Weg aufzumachen. Aber wenn notwendig, stand ihm sofort wieder ein Deutscher auf den Füßen, und als Ballack (erneut nach einem Standard) nach einer Stunde auf 3:1 erhöhte, war für Scolari die Zeit zum Umstellen gekommen.

Er brachte Nani statt Sechser Petit und spielte nun in einem 4-1-3-2; mit Ronaldo und Nuno Gomes (später Postiga) vorne, Nani rechts und Simão links, dahinter Deco als Zehner und Meireles als Absicherung. Vor allem Nani brachte viel Schwung, weil nun ein Spieler gegen Podolski agierte, der dessen defensiver Nachlässigkeiten besser anbohrte als Simão davor. Die Portugiesen setzten sich stark in der gegnerischen Hälfte fest, während Hansi Flick mit seinen Wechseln Sicherheit reinbringen wollte – Fritz für Schweinsteiger, später Jansen für Klose auf die linke Seite.

Die Devise lautete nun, keine zwei Tore mehr zu kassieren. Und es gelang – Postiga gelang nur noch der Anschlusstreffer. Mit einer disziplinierten Defensive und Effizienz vor dem Tor, mithin der besten Turnierleistung bis dahin, besiegte Deutschland das Team aus Portugal mit 3:2. Im einzigen Viertelfinale, das nach 90 Minuten entschieden war.

Die Liste der fehlenden Spieler im türkischen Team wurde immer mehr zum Running Gag, je länger das Turnier dauerte. Im Viertelfinale gegen Kroatien waren zwar die beiden in der Gruppenphase kurzfristig ausgefellanen Innenverteidiger Gökhan Zan und Emre Aşık wieder dabei, dafür fehlte Abwehrchef Servet und mit Güngör eine weitere Alternative für diese Position. Ebenso wie der etatmäßige Kapitän Emre (verletzt), Sechser Mehmet Aurélio (gelbgesperrt) und Torhüter Volkan Demirel (rotgesperrt).

Türkei - Kroatien 1:1 n.V. (0:0, 0:0)

Deshalb brachte Fatih Terim im vierten Spiel eine vierte, völlig neue Aufstellung. Diesmal war es ein 4-3-3, Altıntop rückte von rechts hinten auf die Halbposition im Mittelfeld, Tuncay spielte gegenüber den Gruppenpartien deutlich zurückgezogen. Arda agierte dafür links sehr hoch, zuweilen als zweite Spitze neben Nihat; Kâzım auf der linken war dafür gegen Pranjić und Rakitić mit Defensiv-Aufgaben eingedeckt.

Überhaupt, die Defensive. Sie war Trumpf in dieser Partie. Denn auch die Kroaten, die in der Erfolgs-Formation vom Deutschland-Spiel antraten, zeigten sich erstaunlich gehemmt. Gegen den Humorlosen Altıntop kam der kroatische Spielgestalter Modrić überhaupt nicht in seinen Rhythmus. Die Türken hatten in der Anfangsphase viel Ball, aber es kam nicht zum letzten Pass, weil sich die Kroatien sehr diszipliniert permanent mit acht Feldspielern hinter diesem formierte.

Erst nach rund 20 Minuten löste sich bei den Kroaten ein wenig die Handbremse. Die Mannschaft hörte auf, sich auf Modrić‘ Pässe zu verlassen und nahm das Spiel über die Flügel selbst in die Hand. Srna und vor allem Pranjić wurden immer fleißiger, die Anwesenheit von Kranjčar zwischen den Reihen verwirrte die Türken ein wenig. Die beste Chance hatte Olić nach einer (seltenen) Flanke von Modrić, auf kürzester Distanz traf Olić aber nur die Latte.

Generell war dieses Viertelfinale aber alles andere als ein Augenschmaus. Die Fehlpass-Quote war enorm – teils über 30 Prozent – was natürlich einem geordneten Spielaufbau auf beiden Seiten sehr hinderlich war. Die Türken pressten schon recht hoch auf die ballführenden Kroaten, konnten nach deren Ballverlust aber kein Kapital daraus schlagen, weil zu langsam umgeschaltet und nachgesetzt wurde. Was zeigt, dass auch das generelle Tempo recht überschaubar war. Und das Risiko im Spiel nach vorne praktisch nicht vorhanden war, verdeutlicht die Tatsache, dass es über eine Stunde dauerte, ehe das erste Mal ein Spieler ins Abseits lief (es war Olić).

Immerhin: Beide Trainer stellten im Laufe der Partie zumindest von der Idee her offensiv um. Bilić wechselte nach einer Stunde Petrić für Kranjčar ein, diese Maßnahme verpuffte aber ebenso wie jene von Terim, Uğur Boral für Kâzım zu bringen (Arda spielte fortan auf rechts, Boral links). Danach wechselte Terim, wie in jedem Spiel, auch sein System, als er Stürmer Semih für Sechser Topal brachte. Nun spielten die Türken in einem 4-4-1-1, standen weiterhin sicher, aber sie schafften es nicht, Nihat und Semih ins Spiel zu bringen.

Und als sich das mühsame Spiel, das ausschließlich von der Spannung lebte, schon fast im Elferschießen befand, wagte der türkische Torhüter Rüştü einen sinnlosen Ausflug der Linie entlang, wie ihn schon Nikopolidis fünf Tage zuvor gegen die Russen fabriziert hatte – Modrić erkannte die Situation, flankte in die Mitte zu Klasnić und dieser traf in der 119. Minute zum 1:0 für Kroatien. Die Entscheidung? Nicht gegen die Türken, die schon zuvor zwei Spiele gedreht hatten. Eine Minute Nachspielzeit war angezeigt, in der die Kroaten die überhasteten Versuche der Türken locker abwehrten.

Bis Rüştü einen langen Ball nach vorne holzte. Im Getümmel sprang der dem bis dahin recht unsichtbaren Semih vor die Füße, der zog ab – und mit 121 Minuten und 1 Sekunde auf der Uhr schlug es zum 1:1 ein. Ein pures Zufallsprodukt von Tor, aber es ging ins Elfmeterschießen. Wo den Kroaten, die sich schon im Halbfinale wähnten, komplett die Nerven versagten: Modrić schoss rechts am Tor vorbei, Rakitić links, und der Versuch von Petrić wurde vom Torhüter pariert. Der vierte Türke musste schon gar nicht mehr antreten.

Wie zur Strafe für zu wenig Wille zum Spielen gegen komplett harmlose Türken in den 120 Minuten davor.

Hiddink gegen Holland! Das war die Haupt-Schlagzeile vor dem dritten Viertelfinale. Das ganz anders begann, als viele erwartet hatten. In der Vorrunde hatte Holland großen Erfolg mit schnellem Pressing gleich zu Beginn. Allerdings gegen ein langsames Team (Italien), ein altes (Frankreich) und ein ängstliches (Rumänien). Das russische Team war aber weder alt, noch langsam, und ängstlich schon gar nicht. Dachte Marco van Basten. So ließ er auf das schnelle Pressing zu Spielbeginn verzichten. Risiko zu groß.

Russland - Holland 3:1 n.V. (1:1, 0:0)

Allerdings hatte sich auch Hiddink was gedacht. Dem zu erwartenden Pressing versuchte er zu entgehen, indem er den Holländern gar keine Angriffsfläche zum angehen bot. Sprich: Die Russen zogen sich zurück und überließen den Holländern den Ball. Die wussten nicht so recht, was sie nun tun sollten.

Das wussten die Russen umso besser. Aus einer gesicherten Abwehr heraus schalteten sie nach Ballgewinn blitzschnell um und überrannten die Holländer mit überfallsartigen Kontern. Zudem orientierte sich Igor Semshov deutlich defensiver als in den Gruppenspielen, wodurch die holländischen Spielgestalter nicht ins Spiel kamen. Semshov, Semak und Anyukov kümmerten sich zu dritt um Sneijder und Van der Vaart. Diese beiden kamen zudem mit der robusten Gangart der russischen Defensive überhaupt nicht zu Rande.

Hiddink nahm eine Änderung gegenüber dem extrem starken Spiel gegen Schweden vor: Er beließ Diniyar Bilyaletdinov auf der Bank, brachte dafür Ivan Saenko für die rechte Seite. Effekt: Anders als in den Spielen davor hatte er beide Flanken nicht invers besetzt. Sprich: Rechtsfuß Saenko rechts, davon ging Konstantin Siryanov auf die linke Seite. Saenko hatte zwar immer noch eine leichte Tendenz nach innen, aber dennoch wurden durch die doppelte Besetzung beider Außenbahnen – anders, als wie wenn Siryanov rechts nach innen zieht – die Flügel der Holländer gut kontrolliert. Die mit Kuyt und dem psychisch angeschlagenen Boulahrouz (seine Frau erlitt zwei Tage vor dem Spiel eine Todgeburt) sowieso, aber auch jene mit Sneijder (der sich zwischen Semak und Anyukov aufrieb) und Van Bronckhorst.

Vor allem Wesley Sneijder machte, je länger das Spiel dauerte, einen immer verzagteren Eindruck. Seine Körpersprache war negativ, umso mehr, nachdem die Russen nach einer Stunde in Führung gingen. Siryanov ging an der linken Seitenlinie durch, er flankte, und in der Mitte verwertete Pavlyuchenko.

Marco van Basten setzte auf vermehrte Kreativität. Statt Kuyt hatte er schon zur Halbzeit Van Persie für die linke Seite gebracht; nach dem Rückstand kam Afellay statt Engelaar; der neue Mann ging auf die rechte Außenbahn, dafür rückte Sneijder auf die Zehn und Van der Vaart auf die Acht. Allerdings machten die Russen defensiv sehr diszipliniert weiter. Mehr als Fernschüsse hatten die Holländer nicht zu bieten. Ideen, wie man die aggressiv verteidigenden Russen ausmanövrieren soll – Fehlanzeige. Hätte nicht Van Nistelrooy kurz vor Schluss per Kopf einen Freistoß zum 1:1 verwertet, wäre die Verlängerung ausgefallen.

In dieser änderte sich das Bild aus holländischer Sicht aber kaum. Im Gegenteil: Hiddink hatte mit Torbinski einen frischen, fleißigen Zehner für das Zentrum gebracht, dazu war Bilyaletdinov für Saenko gekommen. Die Holländer schafften es durch das frühe nach innen ziehen von Van Persie und vor allem Afellay nicht, Räume zu kreieren, Van der Vaart kam auf seiner neuen Position nicht zur Geltung. So konnte man schon beim 2:1 durch Torbinski – wieder nach Flanke von links – schon davon ausgehen, dass die Russen weiterkommen.

Und nach dem 3:1 durch Arshavin kurz vor dem Ende, einem Schuss durch die Beine von Edwin van der Sar hatte Hiddink seine Landsleute endgültig eliminiert. Und war im dritten Viertelfinale der dritte Gruppensieger raus geflogen.

„Ich hatte ohnehin überlegt, die beiden draußen zu lassen!“ Das war Roberto Donadonis lapidarer Kommentar zu den Gelbsperren von Andrea Pirlo und Rino Gattuso. Statt den beiden rückten also Massimo Ambrosini und Alberto Aquilani in die Mannschaft; hinter den Spitzen im 4-3-1-2 begann Simone Perrotta. Bei den Spaniern kehrte Luis Aragonés nach dem Reservisten-Kick gegen Griechenland zur Stammformation zurück.

Spanien - Italien 0:0 n.V., 4:2 i.E.

Es entwickelte sich recht schnell ein zähes Spiel, in dem vieles, was die beiden Trainer wohl vorgehabt haben, nicht funktioniert hat. Auffällig war vor allem bei den Spaniern die massiv fehlende Breite im Spiel: Iniesta und David Silva spielten sehr weit innen vor Senna und Xavi und überließen Ramos und Capdevila die Außenbahnen. Alleine: Die beiden rückten kaum auf.

Was erstaunlich war, schließlich sind die Italiener bekannt dafür, alles im Zentrum zusammen zu ziehen und den Außenverteidigern praktisch alleine die Flanken zu überlassen. Was im großen und ganzen auch hier der Fall war – einzig die Rolle von Antonio Cassano fiel dabei etwas aus dem Rahmen. Cassano nämlich spielte nicht vorne an der Seite des weiterhin glücklosen Luca Toni, sondern kam von der linken Seite. Die Italiener wussten: Zwar hält David Silva im Normalfall die Linie recht konsequent, aber Iniesta nicht. Und genau im Rücken von Iniesta machte sich Cassano breit – nicht ohne Erfolg, er nützte den Platz immer wieder zu schnellen Vorstößen.

Ansonsten aber: Viel Leerlauf. Die Spanier kamen durch die Mitte nicht durch und somit auch kaum zu Chancen, zumal sich David Villa nicht annähernd so viel ins Mittelfeld zurück fallen ließ wie noch in der Gruppenphase. Auch der Flankentausch von Silva und Iniesta nach rund 20 Minuten machte da keinen Unterschied. Zudem wurde Xavi zwischen Aquilani und Perrotta in die Mühle genommen, die Passwege nach vorne waren zu, und das Werk stand ziemlich still.

Allerdings war auch Donadoni mit dem Spiel nach vorne nicht zufrieden. Im Laufe der 120 Minuten setzte er auf der Zehner-Position drei Spieler ein: Erst eben Perrotta, die viel für die Defensive tat. Dann Camoranesi, der sich überlicherweise auf der Außenbahn wohler fühlt als im Zentrum, was man auch sah. Und schließlich Alessandro del Piero, der dort quasi die letzte Schicht übernahm.

Aragones nahm nach einer Stunde einen interessanten Doppelwechsel vor. Weniger, dass er Iniesta wieder durch Cazorla ersetzte, schließlich schleppte sich Iniesta mit den Nachwirkungen einer Lebensmittelvergiftung durch das Turnier und hatte nicht für länger als rund 60 Minuten Luft. Aber gleichzeitig kam auch Fàbregas für Xavi. Ein Poker, der nicht in vollem Umfang ausgehen sollte. Sicher wollte Aragones dadurch etwas mehr Bewegung und auch mal das eine oder andere Solo aus der Tiefe nach vorne sehen, was Xavi davor sowohl wegen seiner generellen Spielweise als auch wegen des von den Italienern eng gemachte Zentrum nicht zeigte.

Allerdings nützten nun eher die Italiener aus, dass Fàbregas höher stand als Xavi und dadurch im Rücken mehr Platz für Gegenstöße war. Donadoni brachte dann Di Natale für Cassano, ebenfalls mit dem Auftrag, die Seiten zu bearbeiten. Im Falle von Di Natale war das eher die rechte Angriffsseite. Die Spanier hatten mehr Ballbesitz – allerdings nicht so viel, wie man meinen hätte können, der Wert lag recht deutlich unter 60 Prozent – aber die klareren Chancen hatten die Italiener. Dennoch ging es, fast logisch ob der mühsamen 120 Minuten, ins Elfmeterschießen.

Vor dem die Spanier eine ziemliche Phobie hatten. Viertelfinale und Elferschießen, das passte nicht. So flog man 2002 gegen Südkorea aus der WM, genau wie 1996 gegen England und 1986 gegen Belgien – und alle diese Shoot-Outs waren am 22. Juni des jeweiligen Jahres. Genau wie dieses Mal, in Wien gegen die Italiener. Doch während bei den Iberern „nur“ der für Torres eingewechselte Güiza vergab, parierte Casillas die Versuche von De Rossi und Di Natale. Womit der Weltmeister raus wa.

Und Spanien erstmals nach 24 Jahren wieder das Halbfinale eines großen Turniers erreicht hatte.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.