Abo-Champ wehrt Herausforderinnen noch mal ab – aber Abstand wird kleiner

Seit 2003 holten die Frauen von Neulengbach jedes Jahr das Double – doch die Zeit der absoluten Konkurrenzlosigkeit neigt sich dem Ende zu. Mit Spratzern, dem Nachbarn aus St. Pölten, gibt es endlich wieder ein Team, das dem Klassenprimus Nahe kommt. In der Liga überwinterten die Teams punktgleich, aber im direkten Duell im Cup-Viertelfinale behielt der Favorit die Oberhand. Auffällig beim (viel zu hohen) 4:1-Erfolg: Libero und Manndeckung, zwei Wing-Backs, unterbesetzte Zentralen und ein Team, das Fehler eiskalt nützt.

SV Neulengbach – ASV Spratzern 4:1

National haben in dieser Saison weder der Abo-Meister noch der neue Herausforderer ein Spiel verloren – das direkte Duell endete 0:0, alle anderen Spiele wurden jeweils gewonnen. So durfte man dieses Duell im Viertelfinale des ÖFB-Cups, mit dem die Frühjahrs-Saison startet, durchaus als Standortbestimmung sehen, wie nahe Spratzern wirklich schon dran ist. Zumal mit Teamspielerin Nadine Prohaska im Winter ein Kracher für das Mittelfeld von Bayern München verpflichtet werden konnte.

Libero und Manndeckung

Der Respekt vor Spratzern muss bei Neulengbach enorm gewesen sein. Schließlich wurden die drei größten Offensiv-Waffen, also das Sturm-Duo Walzl/Legenstein, sowie Linksaußen Makas knallhart in Manndeckung genommen. Bell kümmerte sich um Makas auf dem Flügel, Biróová um die nicht nur wegen ihrer Dreadlocks auffälligen Walzl und Celouch spielte den Kettenhund für Tanja Legenstein. Monica verblieb als Libero, sie lenkte die Abwehr und half aus, wo es nötig war.

So war das, was nominell ein 4-4-2 war, ein ziemlich schräges Gebilde, in dem sich die Abwehr zuweilen auf den Füßen stand, Mona Kohn die komplette linke Seite beackern musste (dazu später mehr) und in dem es auch ein nicht optimal besetztes Mittelfeld-Zentrum gab. Weil der brasilianische Winter-Neuzugang Darlene in die Mannschaft kam, musste für Maria Gstöttner, die bisher neben Nina Burger gestürmt hatte, ein neuer Platz gefunden werden. Der im zentralen Mittelfeld wurde es in diesem Spiel, der Weisheit letzter Schluss ist das aber nicht.

Mittelding aus 4-4-2 und 3-4-3

Inhaltlich war es also der Favorit, der auf den Herausforderer reagierte. Auch bei Spratzern hing die Formation ziemlich schräg auf dem Platz, hier griff aber viel eher ein Mannschaftsteil in den anderen. Die linke Seite, besetzt durch Nina Klima (auch zu ihr etwas später mehr) und Nationalteam-Joker Lisa Makas, stand wesentlich höher als die Kolleginnen auf der anderen Flanke. Dort spielte RV Jasmin Fischelmaier sehr defensiv und Kapitänin Zubkova kam eher von tieferen Positionen.

So präsentierten sich die Gäste gegen den Ball in einem 4-4-2, das bei Ballbesitz aber sehr flott zu einem 3-4-3 wurde. Zudem hatte man im Zentrum (das allerdings bei beiden Teams eher unterrepräsentiert wirkte) durch die Übersicht und das Auge von Nadine Prohaska, die wie schon zuletzt beim ÖFB-Team-Test in Spanien auf der Sechs spielte, leichte Vorteile. Spratzern war die klar spielbestimmende Mannschaft, Neulengbach kam nur aus Standards (wie einem Celouch-Freistoß an die Latte, 17.) oder individuellen Fehlern von Spratzern zu Chancen.

Von den Umständen zu Wing-Backs gemacht

Die generell hohe Positionierung auf ihrer Seite (Klima) bzw. die durch ihre Manndecker-Aufgabe sehr zentrale Rolle von Celouch (Kohn) hatte zur Folge, dass es auf bei beiden Teams einen linken Wing-Back gab, die ihre jeweiligen durchaus heiklen Aufgaben beide recht ordentlich lösten.

Das Aufrücken von Klima erlaubte es auf Seiten von Spratzern Linksaußen Makas, sich zumeist auf einer Höhe mit dem Sturmduo Walzl/Legenstein zu bewegen. Das hatte zur Folge, dass Makas‘ Gegenspielerin Romina Bell extrem viel defensiv gebunden war und Giovana, Neulengbachs Waffe auf der linken Außenbahn, offensiv auf sich alleine gestellt war. Was wegen der fehlenden Rückwärtsbewegung von Makas kein Problem hätte sein sollen – aber Klima zeigte gutes Positionsspiel (indem sie Giovana nicht zu tief empfing, sich aber auch nicht billig von ihr hinterlaufen ließ) und ein ebenso gutes Zweikampfverhalten. Giovana hatte gegen die 22-Jährige recht wenig zu melden.

Nicht weniger beeindruckend war aber auch die Vorstellung der erst 16-jährigen Mona Kohn bei Neulengbach. Im Gegensatz zu ihrem Pendant beim Gegner hatte die U17-Teamkapitänin nämlich nicht nur zumeist keine Absicherung hinter sich (weil Celouch fast nur im Zentrum war), sondern auch keine Offensivkraft vor sich. Dafür gleich zwei Gegenspielerinnen – zumindest nominell, Fischelmaier machte da ja wie erwähnt nicht so arg viel. Dennoch schaffte es Kohn, dass Zubková, obwohl Spratzern das Mis-Match auf diesem Flügel natürlich erkannte und das anzubohren versuchte, nicht viel zuzulassen.

Aber Spratzern bekam keinen Zugriff auf den Strafraum: Zubková kam zu selten gegen Kohn durch, und die konsequente Manndeckung gegen die anderen drei Offensiv-Kräfte von Spratzern plus Monica als umsichtiger Libero erfüllten ihren Zweck vollauf.

Durch Goalie-Fehler wendet sich das Blatt

In der ersten Hälfte war Spratzern damit das aktivere Team, wenn auch die großen Chancen fehlten. Man hielt ohne viele Schreckmomente (wie erwähnt, Neulengbach hatte nur zwei Torchancen, keine davon selbst herausgespielt) das 0:0. Bis zur 38. Minute: Da stellte sich Spratzern-Goalie Bianca Reischer bei einer 25-m-Bogenlampe von Natascha Celouch reichlich ungeschickt an, der Ball hüpfte hinter ihr ins Tor. Die Pausenführung für Neulengbach, aus heiterem Himmel, aus dem Nichts.

Nach der Pause (die wegen eines Flutlicht-Defekts um zehn Minuten verlängert werden musste) zeigte sich aber immer mehr das Manko von Spratzern: Gegen die recht kompromisslose Defensive von Neulengbach (sieben Gegentore im Herbst) fehlte ein Plan B. Der Favorit hatte es hervorragend geschafft, die gefährlichen Gegenspielerinnen aus der Partie zu nehmen und im defensiven Mittelfeld machte Kathrin Entner extrem viele Meter und verhinderte, dass Prohaska und Petrušová für Gefahr sorgen konnten.

Und als nach einer Stunde die aufgerückte Manndeckerin Biróová nach einem Eckball von links am zweiten Pfosten alleine gelassen wurde und sie per Kopfball auf 2:0 stellen konnte, war das Spiel entschieden.

Neulengbach presst Schwachstelle gnadenlos an

Was man den Herausforderinnen auch anmerkte. Coach Brigitte Entacher versuchte zwar, mit Julia Tabotta (die Makas positionsgetreu ersetzte) neue Impulse zu bringen, aber die Luft war entwichen. Vor allem aber hatte Neulengbach die große Schwachstelle im Defensiv-Verbund von Spratzern entdeckt: Die Ballsicherheit von Innenverteidigerin Monika Matysová. Der Wohlfühl-Faktor der routinierten Slowakin am Ball war äußerst klein. Schon ohne Druck waren viele ihrer Pässe (fast immer zu Fischelmaier) unpräzise, wenn eine Gegenspielerin druckvoll auf sie zulief, potenzierte sich das natürlich.

Was sich in gesteigerter Unsicherheit in der Abwehr der Gäste niederschlug. So durfte Mona Kohn ihre starke Leistung in der 75. Minute mit dem 3:0 krönen, nachdem sie von niemanden angegangen wurde, und in der 86. Minute erhöhte Darlene gar zum schon lächerlich hohen 4:0. Vier Tore, so viel hatte Spratzern im gesamten Herbst kassiert.

Schlussphase

Dabei war Darlene war zuvor ziemlich unsichtbar: Während Nina Burger sich nicht zu schade war, auch viel nach hinten zu arbeiten, stand die Brasilianerin oft nur vorne und wartete auf Zuspiele. Das wird gegen die deutlich schwächere Liga-Konkurrenz sicher zu eine Vielzahl an Toren führen, hier hatte es aber eher den Effekt, dass das Spiel an ihr vorbei lief.

Spratzern stellte zehn Minuten vor Schluss noch einmal um – Prohaska ging nun nach vorne, dafür wurde mit Wronski (Mittelfeld-Zentrale) für Legenstein eine Stürmerin geopfert. Das führte dazu, dass sich Monica und Biróová nun die Bewachung von Walzl teilten, Prohaska weitgehend unbewacht blieb – und vor allem dazu, dass Natascha Celouch ohne eine wirkliche Gegenspielerin etwas sinnlos zwischen Abwehr, Mittelfeld und linker Außenbahn hing.

Die ob der klaren (aber um mindestens zwei Tore zu hohen) Führung etwas schleißig gewordene Defensive bei Neulengbach ermöglichte Kathrin Walzl nach einem schönen Alleingang noch das Anschlusstor. Mehr als Ergebnis-Kosmetik war es aber nicht mehr.

Fazit: Der Abstand wird kleiner, aber er ist noch da

Im Endeffekt ist der Sieg natürlich verdient, aber er fiel fraglos deutlich zu hoch aus. Spratzern war in der ersten Hälfte eigentlich die bessere Mannschaft und war bis zum zweiten Gegentor nach einer Stunde zumindest ebenbürtig. Der Schluss, den man aus diesem Spiel ziehen kann: Neulengbach ist immer noch die Nummer eins in Österreich und hat den Angriff des Emporkömmlings zumindest im ÖFB-Cup (der dem Abo-Doublesieger somit kaum noch zu nehmen ist) noch einmal abgewehrt.

Auch zum Titel sollte es in dieser Saison reichen – es sei denn, Spratzern lässt sich für das direkte Liga-Duell am 28. April in Neulengbach etwas einfallen, wie man eine Ebenbürtigkeit am Feld vorne in Tore ummünzt. Ein 0:0 wird nämlich ob der klar schlechteren Tordifferenz nicht reichen, zumal Spratzern auch im Herbst immer näher an Punktverlusten dran war als Neulengbach.

Aber für das erfolgsverwöhnte Team aus dem Wienerwald wird das Leben nicht einfacher. Was der Liga an sich aber nur gut tun kann.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.