Ein zweiter Asamoah täte Not

St. Pauli verliert wegen eines späten Gegentores gegen Stuttgart – nicht nur, aber auch weil hinter dem tapfer kämpfenden Gerald Asamoah mit Charles Takyi ein Spieler agierte, der nicht auf der Höhe war. Umso bitterer für Pauli, denn das schlechtere Team war man dennoch nicht.

FC St. Pauli - VfB Stuttgart 1:2

Der Unterschied zwischen St. Pauli und Stuttgart? Der Aufsteiger aus Hamburg wusste von Anfang an, dass es gegen den Abstieg gehen würde. Die Schwaben wurden davon massiv überrascht – weshalb Bruno Labbadia auch schon der dritte Trainer in dieser Saison ist. Unter ihm geht’s aber aufwärts: Mit der Ankunft den starken Japaners Okazaki ging die Systemumstellung auf 4-2-3-1 einher, die letzten zwei Spiele wurden gewonnen und der VfB, der schon abgeschlagen war, sieht wieder Licht am Ende des Tunnels.

Ganz anders verlief die Saison bei St. Pauli: Lange anständig mitgehalten und den Anschluss ans Mittelfeld nie aus den Augen verloren, gab’s nach dem 1:0-Sieg im Derby gegen den HSV drei Pleiten in Serie. Womit bei einer Niederlage der Abstiegsplatz drohte – und dann fiel neben dem gesperrten Sechser Lehmann auch noch mit Morena, Zambrano, Oczipka und Rothenbach vier potentielle Stammverteidiger aus. So musste Offensivspieler Fin Bartels, an sich gelernter Stürmer, rechts verteidigen – er machte das ganz anständig. Und der junge Dennis Daube musste im defensiven Mittelfeld ran: Er machte das sogar sehr ansprechend.

Ballverluste von Takyi

Was einer der Schüssel war, warum St. Pauli die meiste Zeit des Spiels das bessere Team war. Trainer Stanislawski vertraute wiederum auf sein 4-4-1-1 mit dem genesenen Gerald Asamoah ganz vorne und Charles Takyi dahinter. Und letzterer war der ganz große Schwachpunkt bei St. Pauli.

Spielaufbau? Ohne Takyi.

Der 26-Jährige wirkte wie ein Fremdkörper in der Mannschaft. Seine Versuche, Bälle in die Spitze zu Asamoah zu spielen, schlugen fast alle fehl (siehe Grafik links) – weshalb sich dieser recht schnell oftmals recht weit nach hinten orientierte, um sich die Bälle selbst aus dem Mittelfeld zu holen. Das Traurige dabei: Nicht selten sah Takyi vom Mittelkreis aus zu, wie Asamaoh den Ball an ihm vorbeidribbelte. Das Stellungsspiel von Takyi war schwach, großer Einsatz nicht erkennbar. Ja, es kamen auch einie Zuspiele von ihm an (siehe Grafik unten) – aber das waren zumeist Albipässe, die zum Spielaufbau nichts beitrugen. Die sinnstiftenden Pässe kann man an einer Hand abzählen.

Angekommene Pässe von Takyi

Umso mehr haute sich indes Gerald Asamoah in die Partie. Er glich die furchtbare Leistung von Takyi so gut es ging aus, holte sich Bälle, lief viel, bot sich an – sein Purzelbaum über die Werbebande ist hier durchaus exemplarisch. Ein zweiter Offensivspieler, der sich so zerreißt wie Asamoah, und Pauli hätte das Spiel nie und nimmer verloren.

Stuttgarter Abseitsfalle

Der VfB versuchte sich der Angriffe von St. Pauli zumeist mit einer geschickten Abseitsfalle zu erwehren, das ging in der ersten Viertelstunde auch einige Male gut. In der 19. Minute aber stand der aufgerückte Boll bei einem Anspiel von Bartels einmal nicht in der verbotenen Zone – und schon stand’s 1:0 für die Hausherren.

Nicht unverdient, denn Daube hatte Hajnal gut im Griff und Harnik konnte sich gegen den defensiv sehr umsichtigen Kruse und den englanderfahrenen Volz kaum durchsetzen. Lediglich Okazaki sah mit seinen Tempovorstößen gegen den umfunktionierten Bartels hin und wieder Land. Da half es auch nichts, dass der bullige Pogrebynak sich immer wieder weit zurückfallen ließ und im Mittelfeld um Bälle kämpfte.

So war es auch kein Zufall, dass der postwendende Ausgleich der Stuttgarter nicht aus dem Spiel heraus fiel, sondern auch einer Freistoßvariente: Kuzmanovic stand bei einem nach hinten abgespielten Freistoß von der seitlichen Strafraumgrenze komplett frei, zog ab, um das 1:1 war gefallen.

Pauli stört früh

Aber auch, wenn Stuttgart in den letzten Spielen eine deutlich bessere Formkurve erkennen ließ als St. Pauli: Die Hamburger zeigten den leidenschaftlicheren Abstiegskampf-Fußball. So wurde der Spielaufbau vor allem vom Achter Christian Gentner durch Pressing und gutes Zustellen der Anspielstationen sehr gut unterbunden. Die Folge: Gentner sammelte zwar 113 Ballkontakte – die meisten von allen auf dem Platz – seine Fehlpassquote war mit 50% aber exorbitant. Er brachte zwar mehr Bälle an den Mann, wurde von Daube und Boll aber so gut abgeschirmt, dass er oft nur kurz ablegen konnte oder sich weit in die eigene Hälfte zurückgedrängt sah.

Auf der anderen Seite war St. Pauli wegen den schwachen Takyi auf die Flanken angewiesen, dort verteidigten Träsch und der im Herbst noch indiskutable Molinaro (bzw. nach dessen Verletzung in der zweiten Hälfte Celozzi) sehr umsichtig. Die Folge: St. Pauli hatte zwar mehr vom Spiel, dennoch hatte man in der zweiten Halbzeit nicht den Eindruck, als sollte sich am 1:1 noch zwingend etwas ändern.

Umstellungen: 4-4-2 gegen 4-4-2

Auch die Wechsel änderten diesen Eindruck nicht. Stanislawski versuchte erst (73.), mit einem Doppelwechsel (Sukuta-Pasu und Naki für Bruns und Takyi) und einer Adjustierung auf ein echtes 4-2-3-1 (mit Asmoah weiterhin vorne, Kruse zentral dahinter, Naki links und Sukuta-Pasu rechts) die Zentrale zu stärken. Als das nichts half – Kuzmanovic hatte das Zentrum weiterhin im Griff – war er mit Ebbers eine zweite echte Spitze ins Spiel.

Das machte in der Schlussphase auch VfB-Coach Labbadia. Nachdem Harnik in die Spitze beordert wurde (weil Flügelmann Gebhart für den müde gelaufenen Pogrebynak gekommen war, 63.) tätigte er in der 83. Minute den vorentscheidenden Wechsel: Der junge Sven Schipplock kam für Okazaki ins Spiel und ging zu Harnik nach vorne. So war es am Ende ein Duell zweier 4-4-2-Teams. Das späte Siegtor für Stuttgart hatte damit aber nichts zu tun.

Das war eine Einzelleistung von Schipplock und schlechtes Abwehrverhalten von Markus Thorandt. Dieser verschätzte sich erst im Laufduell und störte Schipplock dann nicht mehr entscheidend – der Schuss des 22-Jährigen zu seinem ersten Bundesliga-Tor war für Pauli-Keeper Kessler nicht zu halten. Es war der K.o.-Schlag für St. Pauli.

Fazit: Bittere, weil unnötige Niederlage für Pauli

Es wurde die vierte Niederlage in Serie für St. Pauli – auch, wenn es in diesen Spielen sicherlich die beste Leistung war. Defensiv standen die Hausherren gut, Harnik und Hajnal kamen überhaupt nicht zur Geltung, ebenso Pogrebnyak. Ausschlaggebend dafür, dass nicht mehr herausschaute, war zu einem großen Teil die äußerst mäßige Leistung von Takyi, der wohl auch nicht rechtzeitig aus dem Spiel genommen wurde.

Und ein Einzelkämpfer Asamoah ganz vorne ist nun mal zu wenig, wenn er durch einen schwachen Hintermann vom Spielaufbau abgeschnitten ist und sich durch erhöhten Einsatz selbst die Bälle holen muss. Diese Niederlage war vermeidbar, aber die Gesamtleistung war dennoch ein Schritt in die richtige Richtung.

Stuttgart hat sich mit dem dritten Sieg hintereinander weiter Luft verschafft. Die Umstellung auf das 4-2-3-1 nimmt zwar Harnik viel von seiner Torgefahr, lässt aber die Stärken der Mannschaft nach der Ankunft von Okazaki (der eine halbwegs ordentliche Leistung zeigte, obwohl er mit dem Kopf sicher eher in der Heimat ist) besser zur Geltung kommen. Der Sieg bei St. Pauli war eher einer beherzten Einzelaktion von Schipplock zu verdanken, der beschrittene Weg stimmt aber zweifellos.

(phe)

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Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.