2:3 gegen England: Unnötiger Fehlstart in die U19-EM

Das „Team Alaba“, die U19 des ÖFB, verliert ihr EM-Auftaktspiel in der Normandie gegen England etwas unglücklich mit 2:3. Bestätigt wurde der Eindruck aus der Qualifikation: Vorne durchaus potent, hinten aber ziemlich anfällig. Es winkt ein Finale gegen Holland um das U20-WM-Ticket!

Gruppenplatz drei soll’s werden – mit einer Leistung wie in der zweiten Hälfte kann das durchaus noch was werden. Angefangen hat die österreichische U19 im Auftaktspiel gegen England zwar beherzt, die Young Lions kauften dem ÖFB-Team aber recht geschwind den Schneid ab. Und zwar mit dem Führungstreffer zum 1:0, nach einem individuellen Fehler von Imamoglu. Kurz darauf das 0:2, diesmal legte mit Schimpelsberger der Kapitän persönlich auf.

Dabei wäre es gerade Kapitän Schimpelsberger gewesen, der den Wackelkandidaten neben ihm Sicherheit geben sollte. Namentlich Mahmud Imamoglu, der in seiner ersten Profi-Saison bei der Vienna oft etwas überfordert war, als zweiten Innenverteidiger; Emir Dilaver, der mit den Austria Amateuren auch sportlich nicht zweitklassig blieb, als linker Außenverteidiger; und der für Patrick Farkas (pfui, Mattersburg!) nachnominierte Gernot Trauner, der sich bei den LASK Juniors vergeblich am Aufstieg in die Regionalliga versucht hatte, als Rechtsverteidiger. Doch leider war es Schimpelsberger, der am unsichersten von allen wirkte.

Weswegen im 4-3-3 auch der Sechser vor ihm, Tobias Kainz, auch in der defensiven Mittelfeldzentrale als letzte Bastion vor einer wackeligen Abwehr einigermaßen überfordert war. Auch Christian Klem, der seit Jahren auf der rechten Seite bei den Sturm Graz Amateuren spielt, blieb vor allem vor der Pause deutlich unter seinen Möglichkeiten – kein Wunder, er musste im linken Halbfeld auflaufen und war damit komplett Out of Position. Aktionen nach vorne liefen, wie erwartet, zumeist über David Alaba, der drei potentielle Anspielstationen vor sich hatte: Andi Weimann zentral, Marco Djuricin eher auf rechts, und Bayern-Teamkollege Knasmüllner, der ein Mittelding aus Linksaußen und linkem Mittelfeldspieler gab. Da hat wohl jemand WM geschaut.

Da aber Kainz viel mit sich selbst zu tun hatte, und Klem sich auf seiner Position sichtlich unwohl fühlte, gab es – auch bedingt durch ein zu großes Loch zwischen Alaba und Weimann/Djuricin – eine massive Unterzahl im Mittelfeld gegen die Engländer, die in einem 4-1-4-1 spielten und das Mittelfeld schnell unter Kontrolle brachten. Alaba alleine war gegen diese schiere personelle Übermacht auf verlorenem Posten. So kamen auch kaum wirklich Chancen zu Stande und das 0:2 zur Pause ging absolut in Ordnung.

Nach dem Seitenwechsel durfte Klem wieder auf seine gewohnte rechte Seite, wo er den durchaus fleißigen Gernot Trauner unterstützte; dafür ging Djuricin oftmals auf die linke Flanke hinüber. Die Folge: Massives Übergewicht auf der linken Seite, viel verwaiser Platz über rechts. Der schnelle Anschluss (Alaba mit einem rotzfrechen Freistoß) ließ kurz Hoffnung aufkeimen, ehe die Defensive bei einem simplen Eckball komplett schlief und die Young Lions schnell wieder auf 3:1 davon ziehen konnten.

Danach entfernte Heraf den völlig neben sich stehenden Schimpelsberger, brachte den Mattersburger Rath für die linke Seite, dafür ging Dilaver zu Imamoglu in die Zentrale. Und siehe da: Mit dem aktiven Rath und dem fleißigen Trauner über die Seiten gelang es nun viel besser, die Engländer massiv unter Druck zu setzen, außerdem spielten Alaba in der Zentrale und Knasmüllner nun viel besser zusammen; speziell nachdem letzterer in die Zentrale oder gar nach links ging, nachdem Tiffner für Djuricin kam und einen echten Linksausßen spielte.

Nun zeigte sich auch, dass die Österreicher deutliche Kraftreserven hatten, die Engländer wurden massiv hinten reingedrägt, und als Trauner (nach einem Super-Pass von Knasmüllner) zum 2:3 traf, war das der Startschuss zur Schlussoffensive – aber weil dies zu wenige wirklich durchdachte Aktionen brachte, reichte es nicht mehr zu einem Ausgleich, der sicherlich nicht unverdient gewesen wäre.

Fazit: Die österreichische U19 ist eine Mannschaft, die weniger über ein System oder über geplante Aktionen kommt, sondern rein von der individuellen Klasse und der Phantasie der durchaus zahlreichen Spielern lebt, die das können – Alaba und Knasmüllner vor allem, nach dem Schimpelsberger-Wechsel blühte auch Kainz auf, Trauner und Rath gefielen über die Außen durchaus. Dass die Abwehr die ganz große Achillesferse ist, war bekannt und zwei Gegentore pro Quali-Spiel sind kein Zufall.

Die Engländer spielten inhaltlich reifer und taktisch klüger, dafür zeigten die Österreicher – erstaunlicherweise – höhere individuelle Klasse und eine bessere körperliche Verfassung. Ein Ausgleich des ÖFB-Teams wäre in Ordnung gewesen, aufgrund der sichereren Defensive ist der englische Sieg aber durchaus folgerichtig.

Österreich: Petermann – Trauner, Schimpelsberger (60. Rath), Imamoglu, Dilaver – Alaba, Kainz (82. Gucher), Klem – Djuricin (71. Tiffner), Weimann, Knasmüllner. England: Rudd – Brown, Baker, Caulker (86. Thompson), Briggs (54. Clyne) – Cruise – Parrett, James, Bostock (77. Mellis), Nouble – Delfouneso. Tore: 0:1 Nouble (13.), 0:2 Nouble (29.), 1:2 Alaba (51.), 1:3 Cruise (53.), 2:3 Trauner (73.). Gelb: Schimpelsberger, Kainz bzw. Brown. SR: Markus Strömbergsson (Swe), Spielort Flers.

PS: Die Erkenntnis des Parallelspiels Frankreich-Holland ist, dass die Franzosen deutlich über die Gruppengegner zu stellen sind und die Holländer durchaus in Reichweite liegen sollten. Im zweiten Spiel gegen den Gastgeber wird es für Alaba und Co. also wohl nicht viel zu Lachen geben, die letzte Partie am Samstag gegen Holland wird aller Voraussicht nach ein Finale um das Ticket für die U20-WM in Kolumbien. Das wird schwierig, ist aber nicht unmöglich – muss aber über die individuelle Klasse gehen. Denn taktisch, das hat dieser erste Tag auch gezeigt, ist das ÖFB-Team das mit sehr viel Abstand Schlechteste.

(phe)

Anhang: Die weiteren Spiele vom ersten Gruppen-Spieltag. Bei Punktgleichheit zählt der Direktvergleich.

Frankreich – Holland 4:1 (2:0)
Caen, SR Besborodov (Rus). Tore: 1:0 Kakuta (20.), 2:0 Bakambu (37.), 2:1 Cabral (55.), 3:1 Martins-Indi (84., Eigentor), 4:1 Bakambu (90.). Frankreich: Diallo; Nego, Faure, Mavinga, Kolodziejczak; Coquelin, Fofana; Griezmann (73. Lacazette), Kakuta, Grenier (80. Reale); Bakambu. Holland: Zoet; Eekman, Najah, Schouten (46. Pröpper), Martins-Indi; Van Haaren, Clasie (77. Ebicillo); Bacuna (46. R. Sneijder), Van la Parra, Cabral; Castaignos. Gelb: Kolodziejczak, Fofana, Lacazette, Bakambu bzw. Najah, Van la Parra, Castaignos.

Gruppe A: Frankreich 3, England 3, Österreich 0, Holland 0.

—-

Portugal – Italien 2:0 (0:0)
Mondeville, SR Mazeika (Ltu). Tore: 1:0 Nélson Oliveira (51.), 2:0 Sérgio Oliveira (63.). Portugal: Tiago Maia; Cedric, Capela, Roderick, Mário Rui; Danilo; Agostinho Cá, Sérgio Oliveira, Alex (90. Rúben Pinto), Sana (79. Evandro); Nélson Oliveira (87. Baldé). Italien: Colombi; Crescenzi, Adamo, Calderoni, Albertazzi; Sala (54. Galano), Soriano, Bertolacci (46. M. Taddei), D’Alessandro; Borini (80. Dumitru), Destro. Gelb: Sana. Rot: D’Alessandro (90.).

Spanien – Kroatien 2:1 (0:1)
Bayeux, SR Black (Nrl). Tore: 0:1 Andrijašević (42.), 1:1 Thiago Alcántara (53.), 2:1 Rodri (64.). Spanien: Álex Sánchez; Montoya, Bartra, Pulido, Planas; Canales, Romeu, Thiago Alcántara; Keko (45. Muniaín), Rodri (73. Rochina), Pacheco (89. Calvente). Kroatien: Delač; Vrsaljko, Glumac, Kelić, Rugašević; Andrijašević, Ademi, Z. Pamić (81. Punčec), Ozobić; Kramarić (65. Tičinović), Maglica (65. Vukušić). Gelb: Montoya; Vrsaljko, Kelić.

Gruppe B: Portugal 3, Spanien 3, Kroatien 0, Italien 0.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.