Zwischen Gentlemen und „Shaq Attack“

WM-SERIE, Teil 22: SCHWEIZ | Er hat zweimal die Champions League gewonnen, ist siebenfacher deutscher Meistertrainer – fühlte sich aber immer auch ein wenig als Schweizer. Als Nati-Coach fährt Ottmar Hitzfeld erstmals zur WM, wo er die Balance zwischen Etablierten und jungen Wilden finden muss.

“Ein schöner Gegner, um uns warmzuspielen“, lachte ein entspannter Ottmar Hitzfeld nach der Auslosung. Die seiner schweizer Nationalmannschaft ausgerechnet Europameister Spanien als ersten Gegner beschert hatte. Einerseits hört sich das nach dezentem Größenwahn an. Andererseits passt es auch wieder zur Entspanntheit jenes als Gentleman auftretenden Hitzfeld, der einst mit Dortmund und den Bayern die Champions League gewonnen hat und nun trotz einer peinlichen Heimniederlage gegen Luxemburg als Gruppensieger zur WM-Endrunde fährt.

Hitzfeld, mittlerweile 61 Jahre alt, hat eine spezielle Bindung zur Schweiz. Geboren und aufgewachsen in der deutschen Grenzstadt Lörrach, redet er fließendes Schweizerdeutsch, wenn die Kameras nicht an sind. Zudem feierte er seine größten Erfolge als Spieler in der Schweiz, und begann dort auch seine große Trainerlaufbahn. Hitzfeld machte nie einen Hehl daraus, am Ende seiner Karriere gerne Teamchef jenes Landes zu werden, in dem er selbige begann. Und weil die Schweizer lange auf ihn warten mussten, stand er auch nach der Luxemburg-Blamage, gleich im zweiten Pflichtspiel, nachdem er das Amt von Sympathieträger Köbi Kuhn übernommen hatte, nie wirklich zur Diskussion.

Was sich bezahlt machen sollte. Natürlich, mit den biederen Griechen und den ordentlichen, aber nicht überragenden Israelis waren die Schweizer in einer Gruppe, in der sich so ein Fauxpas schon ausbügeln lässt. Dass aber letztlich die Griechen zweimal geschlagen werden und am Ende die direkte Qualifikation steht, spricht nicht nur für die Qualität von Hitzfeld, sondern auch für die der ganzen Mannschaft. In der es nicht wenige Spieler gibt, die trotz ihres noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Alters vor internationaler Erfahrung nur so strotzen! Immerhin ist die Endrunde in Südafrika schon das vierte Turnier hintereinander, an dem die Schweizer teilnehmen. Für die meisten ist dies also nicht der erste Sommerausflug




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Und für Nachwuchs ist schon gesorgt. Denn der Höhenflug der Schweizer basiert nicht auf einer einmaligen „goldenen Generation“, sondern auf jahrelang beinhart durchgezogener Nachwuchsarbeit, einem klaren Bekenntnis zur Nationalmannschaft auch in der Liga, und einer Schar jungen Talenten, die früh den Weg ins Ausland suchen. Einem Weg, der einst vom jetzigen Fulham-Erfolgsmanager Roy Hodgson begonnen wurde! Von den 23 Spielern, die bei der Euro2004 in Portugal dabei waren, sind noch maximal sechs im aktuellen erweiterten Kader übrig. Und man kann davon ausgehen, dass mit Ludovic Magnin und Hakan Yakin nicht zwei Wackelkandidaten den Sprung auf den WM-Zug schaffen werden. In der Tat sind es nur die Routiniers Frei und Spycher, sowie Barnetta (damals 19) und Vonlanthen (damals 18), die sich ihrer Kaderzugehörigkeit sicher sein können.

Alle anderen sind Spieler deutilch unter dreißig, die sich auf die Topligen Europas verteilt haben. Zwar nicht alle bei Topklubs, aber gut und jung genug, um noch drei große Turniere vor sich zu haben. Und der Strom an jungen Talenten reißt auch nicht ab! Es wäre keine allzu große Überraschung mehr, wenn Hitzfeld zwei Shooting-Stars vom FC Basel mitnehmen sollte – Valentin Stocker, rotzfrecher 21-jähriger Offensivspieler, und Xherdan Shaqiri. Der 18-jährige 1.68m-Zwerg tauchte, nicht ganz passend zu seiner eher schmächtigen Statur, nach dem gewonnen Cup-Finale mit einem „Shaq-Attack“-Shirt auf. Diese beiden stehen sinnbildlich für die Saat, welche die Schweizer nun ernten können.

So muss Hitzfeld nicht mühsam 23 Spieler zusammen kratzen, von denen er zehn im Grunde eh nicht brauchen kann, sondern sieht sich beim Streichen aussichtsreicher Kandidaten mit einigen Härtefällen konfrontiert. So wird etwa Philipp Degen, immerhin bei Liverpool unter Vertrag, wohl im endgültigen Aufgebot fehlen. Auch der polarisierende Altmeister Hakan Yakin, der in Luzern seinen dritten Frühling erlebt, und Stürmer-Schlacks Marco Streller müssen um ihr Ticket massiv bangen. Zudem ist für gute Spieler aus der heimischen Liga, wie Davide Chiumiento von Luzern, die Konkurrenz im Mittelfeld schlicht zu groß. Und von Ligadominator Young Boys Bern wird wohl gar nur ein einziger dabei sein: Marco Wölfli, als zweiter Torhüter.

Die heimische Liga ist für Hitzfeld aber generell nur ein B-Pool, in der Tat ist wohl Kapitän Alex Frei der einzige Spieler der „Super League“, der in der Startformation stehen dürfte. Und selbst der sammelte viele, viele Jahre internationale Meriten in Frankreich und Deutschland. Es gilt bei den Eidgenossen also: Wer nicht im Ausland spielt (oder zumindest lange gespielt hat), ist bestenfalls eine Alternative. Quasi die Flucht aus der Schweiz als Grundvoraussetzung, um sich in der Nationalmannschaft etablieren zu können. Vielleicht kann das auch mal jemand Dietmar Constantini erklären, der auf Spieler einer Liga setzt, die im internationalen Vergleich über lange Jahren hinweg deutlich hinter jener der Schweizer angesiedelt ist.

Hitzfeld vertraut in der „Nati“ einem klassischen 4-4-2 mit zwei defensiven, zentralen Mittelfeldspielern. Deswegen ist es anzunehmen, dass etwa Hakan Yakin, ein klassischer Zehner, maximal als Alternative mitfährt. Was beim aufbrausenden Charakter des 33-Jährigen durchaus zum Problem werden könnte – weshalb er durchaus auf der Kippe steht. Andererseits ist Yakin der einzige echte zentrale Spielmacher, den die Schweizer haben und bringen könnten. Zur Not auch als Stürmer, wie bei der EM im eigenen Land. Ansonsten sollen die offensiven Akzente aber eher von den Flanken kommen. Hier ist Tranquillo Barnetta auf der linken Seite ein extrem wichtiger Mann.

Der Leverkusen-Legionär trägt nämlich zumeist die Hauptlast im Offensivspiel, auch weil er über die Saison die meiste Spielpraxis sammeln konnte. Auf der rechten Seite nämlich hat Hitzfeld die Wahl zwischen Marco Padalino, der bei Sampdoria aber nicht regelmäßig zum Einsatz kommt, und Johan Vonlanthen. Der auch erst 24-Jährige machte in einer schrecklichen Saison mit dem FC Zürich aber mehr durch seine Mitgliedschaft einer obskuren Sekte, die ihm das Arbeiten (sprich Fußballspielen) an Samstagen strikt verbieten würde, auf sich Aufmerksam. Und Valon Behrami spielt bei West Ham zwar viel, ist aber nicht so offensivstark wie Padalino und Vonlanthen.

Probleme, die Hitzfeld im Angriff nicht hat. Kapitän Alex Frei ist nach seinem Handbruch rechtzeitig fit und ist, wenn er sich nicht wieder verletzt, gesetzt. Um den Platz neben ihm herrscht indes ein massives Gerangel! Die besten Chancen dürfen sich Routinier Blaise Nkufo (gerade holländischer Meister mit Twente Enschede geworden) und Jungstar Eren Derdiyok, der ein ansprechende erste Saison bei Bayer Leverkusen gespielt hat, machen. Bestenfalls als fünfter Stürmer würde Nürnbergs Albert Bunjaku, der nach starkem Herbst im Frühjahr deutlich abgebaut hatte, mitfahren.

Auch im defensiven Mittelfeld gibt es einige Spieler, die für die beiden Sechser-Positionen in Frage kommen. Die wahrscheinlichste Variante ist jene mit Inler von Udinese und Gelson von St. Étienne. Aber auch Pirmin Schwegler (Frankfurt) und der erfahrene Beni Huggel (Basel) können dort ohne allzu großen Qualitätsverlust auflaufen. Relativ klar verteilt sind dafür die Plätze in der Abwehrkette.

Hier führt an Stephan Lichtsteiner rechts und Christoph Spycher (mit 32 Jahren der älteste Stammspieler) links  kein Weg vorbei. Reto Ziegler, Alternative auf der linken Außenbahn, wird den Platz von Spycher aber über kurz oder lang übernehmen: Während der 24-jährige Sampdoria-Stammspieler nächstes Jahr auch international ein gute Rolle spielen will, kehrt Spycher zum Herbst seiner Karriere in die schweizer Liga, zu Young Boys Bern, zurück. Es wäre keine Überraschung, sollte er das Nationaltrikot nach der Weltmeisterschaft an den Nagel hängen.

In der Innenverteidigung baut Hitzfeld auf zwei humorlose Kanten, die abräumen sollen. Namentlich sind dies Stéphane Grichting, der mit Auxerre eine starke Saison spielt, und Philipp Senderos, der in den letzten Jahren aber bei Arsenal, Milan und Everton deutlich weniger Einsatzzeit bekam, als das auch dem schweizer Teamchef recht sein kann. Alternative Steve von Bergen spielte zwar bei Hertha BSC, ist aber am Abstieg der Berliner nicht unschuldig. Die Besetzung der Abwehrzentrale heißt aber auch: Mit schnellem Spiel, wie es von eigentlich allen Gruppengegnern zu erwarten ist, kann man den Eidgenossen beikommen. Da wird auch viel auf Diego Benaglio, einem Klassemann zwischen den Pfosten, ankommen.

Genau solche flinken Gegenspieler fehlten den Konkurrenten in der Qualifikation praktisch völlig. Gegen Spanien, Chile und Honduras kann das durchaus zu einem Problem werden. Anonsten aber ist durch die mannschaftliche Geschlossenheit und die Kompaktheit, welche die Schweizer auszeichnet, eine Wiederholung des erfreulichen Achtelfinal-Einzugs von vor vier Jahren durchaus nicht unmöglich. Und genau das, nämlich das Überstehen der Vorrunde, ist auch das klar definierte Ziel.

Vor allem, nachdem die Europameisterschaft im eigenen Land vor zwei Jahren so jäh nach der zweiten extrem unglücklichen Niederlage im zweiten Spiel schon arg früh erledigt war. Die Auftritte bei der EM bestätigten einerseits zwar die grundsätzliche Qualität in der Mannschaft. Zwei Jahre nach dem Aus im Achtelfinale, ohne in vier Spiele auch nur ein Tor kassiert zu haben, war aber auch offensichtlich: So sicher die Defensive zu stehen pflegt, so harmlos ist oft die Offensive. Das könnte sich auch diesmal als Achillesfernse erweisen! Zwar hat Derdiyok zwei Jahre mehr Erfahrung als damals, aber Alex Frei ist nach wie vor extrem oft verletzt und Blaise Nkufo wird nicht jünger. Weswegen es wiederum nicht verwunderlich wäre, sollten die Offensiv-Talente Shaqiri und Stocker WM-Luft schnuppern dürften. Um für die Zukunft schon besser gerüstet zu sein.

Auf der einen Seite sind die Schweizer mittlerweile ein fast selbstverständlicher Stammgast bei Welt- und Europameisterschaften, von dem man ein Überstehen der Gruppenphase jederzeit als durchaus möglich betrachten kann. Andererseits aber… Wenig bewegliche Defensive, kaum kreative Spieler im Mittelfeld, oft eher harmlose Offensive: Augenschmaus waren die Schweizer eigentlich auch nie so richtig. Fast schon so ein wenig eine graue Maus.

Da kann ein bisschen Shaq Attack sicher nicht schaden.

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SCHWEIZ
rotes Trikot, weiße Hose, Puma – Platzierung im ELO-Ranking: 21.

Spiele in Südafrika:
Spanien (Nachmittagsspiel Mi 16/06 in Durban)
Chile (Nachmittagspiel Mo 21/06 in Port Elizabeth)
Honduras (Abendspiel Fr 25/06 in Bloemfontein)

TEAM: Tor: Diego Benaglio (26, Wolfsburg), Johnny Leoni (25, FC Zürich), Marco Wölfli (27, Young Boys). Abwehr: Stéphane Grichting (31, Auxerre), Stephan Lichtsteiner (26, Lazio), Alain Nef (28, Triestina), Philipp Senderos (25, Everton), Christoph Spycher (32, Frankfurt), Steve von Bergen (27, Hertha BSC), Reto Ziegler (24, Sampdoria). Mittelfeld: Tranquillo Barnetta (25, Leverkusen), Valon Behrami (25, West Ham), Gelson Fernandes (23, St. Étienne), Gökhan Inler (25, Udinese), Benjamin Huggel (32, Basel), Marco Padalino (26, Sampdoria), Pirmin Schwegler (23, Frankfurt), Xherdan Shaqiri (18, Basel), Valentin Stocker (21, Basel), Johan Vonlanthen (24, FC Zürich), Hakan Yakin (33, Luzern). Angriff: Albert Bunjaku (26, Nürnberg), Eren Derdiyok (22, Leverkusen), Alex Frei (30, Basel), Blaise Nkufo (35, Twente Enschede), Marco Streller (29, Basel).

Teamchef: Ottmar Hitzfeld (61, Deutscher, seit August 2008)

Qualifikation: 2:2 in Israel, 1:2 gegen Luxemburg, 2:1 gegen Lettland, 2:1 in Griechenland, 2:0 in und 2:0 gegen Moldawien, 2:0 gegen Griechenland, 2:2 in Lettland, 3:0 in Luxemburg, 0:0 in Israel.

Endrundenteilnahmen: 8 (1934 und 38 Viertelfinale, 50 Vorrunde, 54 Viertelfinale, 62 und 66 Vorrunde, 94 und 2006 Achtelfinale)

>> Ballverliebt-WM-Serie
Gruppe A: Südafrika, Mexiko, Uruguay, Frankreich
Gruppe B: Argentinien, Nigeria, Südkorea, Griechenland
Gruppe C: England, USA, Algerien, Slowenien
Gruppe D: Deutschland, Australien, Serbien, Ghana
Gruppe E: Holland, Dänemark, Japan, Kamerun
Gruppe F: Italien, Paraguay, Neuseeland, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Nordkorea, Côte d’Ivoire, Portugal
Gruppe H: Spanien, Schweiz, Honduras, Chile

* Die Platzierung im ELO-Ranking bezieht sich auf den Zeitpunkt der Auslosung

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.