Vier Sechs Null

WM-SERIE, Teil 11: NIEDERLANDE | Die „Elftal“ ist mal wieder einer der Mitfavoriten auf den Weltmeister-Titel. Die Holländer versuchen es dabei, wie schon bei der Euro2008, mit einer offensiv ausgerichteten Kontertaktik. Klingt komisch – ist aber so.

Der Auftritt der holländischen „Elftal“ bei der EM 2008 war ein Spiegelbild des Images, das dieser Mannschaft seit Jahren, ja seit Jahrzehnten anhängt: Wunderschöner Offensivfußball, Spiele zum Zungeschnalzen. Daraufhin macht man sich zum Titelfavoriten – und prompt scheitert man an der Unfähigkeit, mit diesem Druck umzugehen oder wird von einem Gegner bezwungen, der sich nicht auf die Schönspielerei einlässt und dem Oranje-Team die Lust am Spielen nimmt. Gibt es Gründe, dass die WM-Endrunde in Südafrika anders läuft? Wenn man ganz ehrlich ist: Nein, eigentlich nicht.

Dabei müssten die Holländer schon alleine wegen ihrer personellen Möglichkeiten im Offensivbereich jede Mannschaft schlagen können. Aus kaum einem anderen Land vergleichbarer geographischer Kleinheit kommt eine derartige Fülle an Weltklassespielern, und zwar nicht erst in den letzten Jahren. Das hängt zum einen natürlich mit der Mentalität der Holländer zusammen: Das Land ist nicht einmal halb so groß wie Österreich, hat aber doppelt so viele Einwohner. Dazu muss man aufgrund der Topographie des Landes ständig auf der Hut vor den Gewalten den Meeren sein – so ein Volk wird erfinderisch und gewissenhaft. Und mit dieser enormen Gewissenhaftigkeit werden auch die jungen Spieler ausgebildet: Jeder der 38 Profi-Vereine des Landes muss eine eigene Akademie vorweisen können, sonst gibt’s keine Lizenz. Und hat man die Lizenz erstmal, kann man sich ohne sportliche Existenzsorgen daran machen, mit dem eigenen Nachwuchs zum Erfolg zu kommen – denn einen Abstieg aus der zweiten Liga gibt es nicht. Die Vereine werden praktisch zur Ausbildung gezwungen. Logisch, denn angesichts von 38 Profi-Teams auf einem Gebiet von Niederösterreich, Wien, der Steiermark und dem Burgenland (wo es bei uns gerade elf Profi-Vereine gibt), sind die wirtschaftlichen Ressourcen naturgemäß zu knapp, um sich ein Team aus fertigen Spielern zusammen zu kaufen.

So kommt es, dass sogar die absoluten Topklubs wie Ajax, Eindhoven und Feyenoord Eigenbauspieler am laufenden Band produzieren. Dass diese dann von finanzkräftigeren Vereinen etwa aus England oder Deutschland weggekauft werden, ist kalkuliert – anders wird für die neuen Talente schließlich nicht Platz. So baute etwa Ajax Johnny Heitinga als Defeniv-Mann auf, und hatte einigen Erfolg mit ihm. Dann ging er nach Spanien, der damals 19-jährige Gregory van der Wiel nahm seinen Platz bein Ajax ein. Heute sind beide im Kader der Nationalmannschaft und kämpfen um einen Platz dort. Konkurrenz belebt eben das Geschäft.

Und nach diesem Prinzip hat sich der Europameister von 1988 zu einem Dauergast auf den Favoritenlisten großer Turniere etabliert, auch nachdem Spieler aufgrund des Bosman-Urteils nach 1995 in noch größerem Ausmaß die Liga verließen und diese so in den internationalen Wertungen deutlich abrutschte. Dass es aber für den ganz großen Wurf nun schon länger nicht mehr gereicht hat und bei den letzten beiden Turnieren nach einer enorm starken Vorrunde jeweils schon in der ersten K.o.-Runde schluss war, lässt sich eher am mentalen Rüstzeug festmachen als an der spielerischen Qualität: So quirlig, schnell und oft unberechenbar die Offensivabteilung ist, so humorlos agiert die oft unterschätzte Defensive, die aus eher weniger bekannten Namen zusammengesetzt wird. Die Zeiten von Stars wie Frank de Boer oder Jaap Stam sind vorbei.

Die Vierer-Abwehrkette der Holländer kommt auf den ersten Blick eher als Ansammlung (überspitzt formuliert) hüftsteifer alter Männer daher, die auch nie wirklich echte Stars waren. Bondscoach Bert van Marwijk hat nicht die Alternativen in der Hinterhand, um das zu ändern – muss er aber auch gar nicht. Das Duo in der Innenverteidigung setzt sich aus dem 35-jährigen André Ooijer und dem HSV-Profi Joris Mathijsen, der auch schon 30 Lenze auf dem Buckel hat, zusammen. Ooijer verbrachte den Großteil seiner Karriere beim PSV Eindhoven, nur von einem dreijährigen Abstecher auf die Insel (Blackburn) unterbrochen. Er ist ein grundsolider Verteidiger, der durchaus auch Spielübersicht hat, aber wie sein Nebenmann Mathijsen nicht gerade der flinkste ist. Mit Kopfbällen braucht man es gegen diese beiden nicht versuchen, mit schnellem Spiel ist ihnen ehesten beizukommen.

Eine Möglichkeit, in der Innenverteidigung zu variieren, wären allenfalls Khalid Boulahrouz (der aber weder bedeutend jünger, noch besser, noch schneller ist als Ooijer und Mathijsen) und John Heitinga. Dieser wird aber eher auf der rechten Seite gebraucht. Rückt der Everton-Verteidiger in die Zentrale, spielt für ihn – wie oben erwähnt – der junge Gregory van der Wiel auf  rechts; ihm mangelt es aber an internationaler Erfahrung. Diese hat Kapitän Giovanni van Bronckhorst auf der linken Seite zwar mehr als genug; wenn alles nach Plan läuft, ist das erste WM-Spiel gegen Dänemark sein hundertster Auftritt im holländischen Team. Aber „Gio“, ein flinker Mann mit einigem Offensivfran, hat seine besten Zeiten auch schon etwas hinter sich. Hinter der Kette steht mit Maarten Stekelenburg kein übermäßig beeindruckender Torwart – kein Vergleich zu seinem großartigen Vorgänger Edwin van der Sar. Er könnte am ehesten zum Sorgenkind werden.

Schwächere Gegner, wie sie die Holländer in der Qualifikation hatten, beißen sich mangels Qualität an die humorlosen, aber sicherlich nicht unverwundbare Abwehr die Zähne aus – die Bilanz von nur zwei Gegentoren in den acht Spielen, welche die „Elftal“ allesamt gewinnen konnte, darf man aber nicht allzu sehr überbewerten; ebenso wie die Zu-Null-Testspiele gegen Australien, Paraguay und Japan zuletzt. Gegen die drei braven, aber sicherlich schwächer als die Holländer einzuschätzenden Gruppengegner sollte es auch noch keine Probleme geben. Aber ob es für einen WM-Titel wirklich reicht? Da müssten schon auch die Spieler aus der Offensive mithelfen.

Die haben auch fraglos die nötige Qualität. Und dennoch: Obwohl es mindestens sechs Spieler in jeder möglichen Formation gibt, die wirklich offensiv denken, gibt es keine klassische Sturmspitze, die vorne auf die Anspiele wartet. Die Holländer sind damit, gemeinsam etwa mit den Spaniern, der Vorreiter einer Entwicklung, die der heutige Teamchef der Südafrikaner Carlos Alberto Parreira schon vor 16 Jahren prophezeite hatte: Das Spielsystem eines 4-6-0, das jeden Angriff wie einen Konter aufzieht. Voraussetzung dazu: Schnelle Spieler mit enormem Spielverständnis und einem guten Auge für die Situation. Und solche haben die Holländer genug!

In der Zentrale des (nominellen) Dreier-Mittelfeld sorgen üblicherweise Mark van Bommel (der Schwiegersohn des Bondscoaches) von den Bayern und Nigel de Jong von Manchester City für die defensive Absicherung, sind aber ebenso für die Einleitung der Angriffe verantwortlich. Diese Aufgabe teilt Van Marwijk hier auf zwei Spieler auf – anders als beim Europameister Spanien, wo Marcos Senna oft alleine auf dieser Position steht. Vor ihnen (oder deren Back-ups Schaars und De Zeeuw) ist es in der stärksten Formation Wesley Sneijder, der für die offensive Zentrale zuständig ist. Er (oder eben Rafael van der Vaart oder Jungstar Ibrahim Afellay, der erstmals WM-Luft schnuppern dürfte) ist der dezidiert offensive Dreh- und Angelpunkt im Angriffsspiel der Holländer. An ihm ist es, die Löcher zu sehen, durch die er seinen eben oft aus der Etappe startenden Vorderleuten die Bälle in den Lauf spielen kann.

Speziell auf den Flanken hat Van Marwijk eine mächtige Auswahl, wen er auf die Zuspiele aus dem Zentrum hoffen, oder auch die Seiten mit den Offensivstarken Außenverteidigern (wenn auch links eher als rechts) bearbeiten soll. Obendrein können die Kandidaten auch noch auf beiden Seiten agieren, was durch ständiges Rochieren die Gegner zusätzlich verwirren und so die Wucht des eigenen Angriffspiels verstärken soll. Arjen Robben, der zudem wie Sneijder ein guter Freistoß-Schütze ist, ist eine dieser Waffen – der trickreiche Linksfuß ist aber verletzungsanfällig. Sein Vorteil: Er ist ein hervorragender Joker und braucht nicht lange, bis er nach einer Einwechslung ins Spiel findet.

Ein ähnlicher Spielertyp ist Jungstar Eljero Elia, der ebenso in Deutschland spielt, als Teamkollege von Innenverteidiger Mathijsen beim HSV. Auch Van der Vaart kann auf die Seite ausweichen. Ryan Babel kann hier ebenso spielen, ist aber eher als Joker vorgesehen. Gesetzt ist in der Startformation (sofern er sich nicht verletzt) dafür Babels Teamkollege bei Liverpool, Arbeitstier Dirk Kuyt. Dem fleißigen Blondschopf, der eher auf der rechten Seite daheim ist, fehlt es zwar etwas an der Torgefahr, dafür könnte er zur noch auch in der Mitte spielen, wenn das notwendig sein würde. Wäre aber schon so ein wenig die Pechvogel-Variante.

Denn in der Sturmzentrale, die es ja in ihrer klassichen Form in dieser Mannschaft eben nicht gibt, ist Robin van Persie vorgesehen. Der flinke Mann ist die absolute Idealbesetzung für diesen Part, schließlich spielt er bei Arsenal exakt diese Position in exakt diesem System mit exakt dieser Spielweise. Da Van Marwijk hier keinen gleichwertigen Ersatz aufbieten kann, schmerzt ihn die Verletzung Van Persies mit – dieser fällt mit einem verletzten Sprunggelenk wohl bis kurz vor Saisonschluss aus.

Ohne Van Persie müsste entweder Kuyt in der Zentrale spielen, was ihm aber nicht so entgegen kommt wie die Aufgabe auf den Außen. Oder er stellt sein komplettes System um. Das müsste er tun, wenn Klaas-Jan Huntelaar spielen sollte. Das versuchte der Bondscoach zuletzt im Oktober in einem Testspiel gegen Australien. Mit mäßigem Erfolg, es gab ein 0:0. Spielt Huntelaar, müssen die anderen Offensiv-Spieler größere Verantwortung im Spielaufbau übernehmen, denn großer Vorbereiter ist der Strafraumspieler von Milan nicht.

Bondscoach Bert van Marwijk hat das System und die Philosophie, mit der er das Team von Marco van Basten übernommen hat, nicht verändert. So geht, wie schon bei der Euro2008, die größte Gefahr für die Holländer von Mannschaften aus, die mit einem ähnlichen Spielsystem agieren, wie das vor zwei Jahren die Russen waren, oder vor vier Jahren die Portugiesen. Solche Gegner, die auch die klasse besitzen, den Holländern in deren Bestform wirklich zusetzen zu können warten in der Vorrunde gegen Dänemark, Japan und Kamerun nicht, aber um wirklich einen großen Erfolg feiern zu können, muss sich in den Köpfen etwas ändern. Gegen die Russen im Euro-Viertelfinale verzagte vor allem Sneijder an den taktisch extrem ausgereiften Russen; gegen die Portugiesen wusste man sich vor vier Jahren nur mit Härteeinlagen zu helfen.

Nur, wenn es den Holländern auch in entscheidenden Spielen gegen unangenehme Gegner gelingt, die Nerven zu bewahren, können sie in Südafrika zu größeren Erfolgen kommen als einem Viertelfinal-Einzug (der das absolute Minimalziel sein muss). Und frühestens im Semfinale könnte es zum Aufeinandertreffen mit Australien kommen – dem einzigen anderen WM-Teilnehmer, der mit Pim Verbeek über einen holländischen Coach verfügt.

Und an einem solchen sind sie ja vor zwei Jahren noch gescheitert.

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NIEDERLANDE
oranges Trikot, weiße Hose, Nike – Platzierung im ELO-Ranking: 3.

Spiele in Südafrika:
Dänemark (Mittagsspiel Mo 14/06 in Johannesburg/S)
Japan (Mittagsspiel Sa 19/06 in Durban)
Kamerun (Abendspiel Do 24/06 in Kapstadt)

TEAM: Tor: Maarten Stekelenburg (27, Ajax), Piet Velthuizen (23, Arnheim), Michel Vorm (26, Utrecht). Abwehr: Khalid Boulahrouz (28, Stuttgart), Edson Braafheid (27, Celtic), John Heitinga (26, Everton), Joris Mathijsen (30, Hamburg), André Ooijer (35, Eindhoven), Giovanni van Bronckhorst (35, Feyenoord), Gregory van der Wiel (22, Ajax). Mittelfeld: Ibrahim Afellay (24, Eindhoven), Nigel de Jong (25, Manchester City), Demy de Zeeuw (27, Ajax), Stijn Schaars (26, Alkmaar), Wesley Sneijder (26, Inter), Mark van Bommel (33, Bayern), Rafael van der Vaart (27, Real Madrid). Angriff: Ryan Babel (23, Liverpool), Eljero Elia (23, Hamburg), Klaas-Jan Huntelaar (26, Milan), Dirk Kuyt (29, Liverpool), Arjen Robben (26, Bayern), Robin van Persie (26, Arsenal).

Teamchef: Bert van Marwijk (58, Niederländer, seit Juli 2008)

Qualifikation: 2:1 in Mazedonien, 2:0 gegen Island, 1:0 in Norwegen, 3:0 gegen Schottland, 4:0 gegen Mazedonien, 2:1 in Island, 2:0 gegen Norwegen, 1:0 in Schottland.

Endrundenteilnahmen: 8 (1934 und 38 Erste Runde, 1974 und 78 Finale, 90 Achtelfinale, 94 Viertelfinale, 98 Vierter, 2006 Achtelfinale)

>> Ballverliebt-WM-Serie
Gruppe A: Südafrika, Mexiko, Uruguay, Frankreich
Gruppe B: Argentinien, Nigeria, Südkorea, Griechenland
Gruppe C: England, USA, Algerien, Slowenien
Gruppe D: Deutschland, Australien, Serbien, Ghana
Gruppe E: Holland, Dänemark, Japan, Kamerun
Gruppe F: Italien, Paraguay, Neuseeland, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Nordkorea, Elfenbeinküste, Portugal
Gruppe H: Spanien, Schweiz, Honduras, Chile

* Anm.: Die Platzierungen im ELO-Ranking beziehen sich auf den Zeitpunkt der Auslosung.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.