Testspiel
Ernst-Happel-Stadion, Wien, 18. November 2014
Österreich - Brasilien
1-2
Tore: 75' (p) Dragovic bzw. 65' David Luiz, 83' Firmino

Österreich testet gegen Brasilien Defensiv-Konzepte – erfolgreich, trotz 1:2

Wie verteidige ich gegen einen wirklich starken Gegner – von vorne bis hinten? Unter diesem Motto stand recht offensichtlich das letzte Länderspiel des Jahres für das ÖFB-Team. Obwohl ein an sich irreguläres Tor nach einem Eckball und ein unhaltbarer Weitschuss für einen 2:1-Sieg der weitgehend lustlosen Brasilianer sorgten, war es aber ein guter Test. Vor allem mit Blick auf die schweren Quali-Auswärtsspiele im Jahr 2015.

Österreich - Brasilien 1:2 (0:0)
Österreich – Brasilien 1:2 (0:0)

Grundsätzlich agierten beide Teams mit einem sehr ähnlichen System: Sowohl Marcel Koller als auch Carlos Dunga setzten auf ein 4-4-1-1, in dem die hängende Spitze (Junuzovic bzw. Neymar) oftmals praktisch auf einer Höhe mit dem vordersten Mann agierte. Die Aufgaben der beiden waren aber völlig unterschiedlich ausgelegt.

Hohes Verteidigen

Wenn sich der Ball bei Brasiliens Abwehrkette befand, rückten Junuzovic und Okotie auf annähernd eine Höhe und isolierten damit Luiz Gustavo. Weil gleichzeitig Fernandinho im Deckungsschatten der beiden (als zwischen Juno/Okotie und der brasilianischen Abwehr) befand, wurde der Aufbau der Brasilianer auf die Flügel gelockt – weg vom Zentrum, weg von Neymar. Zudem wurden die Außenverteidiger Danilo und Filipe Luis oft recht schnell attackiert.

Wirklich aktiv die brasilianische Spieleröffnung liefen Junuzovic und Okotie aber nur sehr selten an, am Auffälligsten in der 29. Minute, als man Brasilien zwang, den Ball zu Goalie Diego Alves zurückzuspielen, der die Kugel dann nach vorne drosch.

Verteidigen im Zentrum

Einen Stock weiter hinten, also im Mittelfeld, hatte Österreich ebenfalls eine Strategie am Start, wie man den Gegner behindern kann. Weder Luiz Gustavo noch Fernandinho sind echte Spielgestalter von hinten heraus, darum mussten Brasilien Flügelspieler Oscar und Willian immer wieder recht weit einrücken, um im Mittelkreis bzw. dessen Nähe so etwas wie Kreativität zu etablieren.

Im Gegenzug aber schoben Österreichs Mittelfeld-Außen Harnik und Aranautovic ebenso Richtung Ball, also ins Zentrum, und stellten somit eine Überzahl in Ballnähe her und verengten den Raum für den brasilianischen Aufbau gezielt. Nur hin und wieder gelang es, mal einen Ball zu Neymar durchzustecken. In diesen Fällen war aber vor allem der wie schon gegen Russland überragend agierende Dragovic zur Stellen.

Verteidigen mit Spezial-Variante

Gegen Ende der ersten Hälfte packte Österreich eine ganz besondere Variante aus, um die Räume eng zu machen. Die Vierer-Abwehrkette schob dabei eng zusammen; die Mittelfeld-Außen Harnik und Arnautovic gaben die Wing-Backs, und – der Clou: Zlatko Junuzovic ließ sich auf die halbrechte Seite zurück fallen.

So stand Ilsanker als Sechser vor einer dicht massierten Abwehr, mit Junuzovic rechts und Kavlak links vor ihm in den Halbpositionen. So war der Strafraum von allen Seiten massiv abgedeckt und die Brasilianer kamen erst recht nicht durch.

Mit diesen verschiedenen Verteidungs-Formen der Österreicher, verbunden mit der generellen Bewegungs-Armut der Seleção, bremste die Angriffsbemühungen der Gäste enorm. Brasilien hatte zwar bei zwei Drittel Ballbesitz, konnte aber recht wenig damit anfangen.

Brasilien ohne Esprit

Der WM-Vierte erinnerte so ein wenig an den Auftritt von England im Happel-Stadion beim Test-0:0 im Herbst 2007: Frei nach dem Motto “Wir sind hier, weil der Verband das für eine gute Idee hielt, aber wirklich interessieren tut’s uns nicht”. Es fehlte die Bewegung, es fehlte der Esprit, es fehlte das Tempo, es fehlte komplett die Verve eines Ernstkampfes.

Erst in der zweiten Hälfte packten die Brasilianer auch mal ein paar Varianten aus, die es den Österreichern ein wenig schwerer machen sollten, das Spielgeschehen zu kontrollieren. Vor allem, wenn der Ball tief in der österreichischen Hälfte war, pressten dann die Gäste auf die Spieleröffnung. War die erste Pressing-Linie aber überspielt, also der Ball rund 10 bis 15 Meter vor der Mittellinie folgte der blitzartige Rückzug in die Grundformation und wurden Räume enggemacht statt Österreicher angegangen.

Firmino zentral, Neymar weicht aus

Als Roberto Firmino für den kaum am Spiel teilnehmenden Luiz Adriano kam, übernahm der Hoffenheimer vermehrt alleine das offensive-Zentrum, während Neymar immer mehr auf die Flügel auswich. Das zwang im Gegenzug Weimann (der für Junuzovic gekommen war), gegen Firmino sehr tief zu agieren – also kaum höher als Kavlak und Ilsanker. Aus dem österreichischen 4-4-1-1 wurde so ein 4-5-1, in dem nur Harnik vorne agierte – der für Okotie eingewechselte Sabitzer wechselte dafür auf rechts.

Keines der drei Tore hatte im Übrigen viel mit taktischen Varianten oder einstudierten Spielformen zu tun – David Luiz’ Tor nach einem Eckball ebensowenig wie Oscars patschertes Foul an Weimann, das zum Elfmeter führte, und Firminos Weitschuss zum 2:1-Sieg.

Fazit: Verteidigungs-Formen gut testen können

Dass Brasilien mit ziemlich deutlich angezogener Handbremse agierte und der Sieg eher schmeichelhaft war – ein Remis hätte der Partie sicherlich eher entsprochen – ist vielleicht etwas ärgerlich, aber das ÖFB-Team konnte dennoch verschiedene Verteidigungs-Formen testen, die gegen wirklich starke Gegner – und womöglich auch in den schweren Quali-Auswärtsspielen in Stockholm, Podgorica und (vermutlich) Moskau – durchaus zur Anwendung kommen können.

Bis zu einem gewissen Grad wurde mit diesem Test gegen den fünffachen Weltmeister also ein Auswärtsspiel getestet, in dem man auf verschiedene Varianten reagieren muss und zwischen diesen hin- und herswitchen können muss. Das ist über weiter Strecken absolut gelungen. Daher kann man auch trotz des Resultats von einem durchaus gelungenen Testlauf sprechen.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

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  • felix

    frage hier ans forum – ich wundere mich, warum arnautovic eigentlich konstant bei allen seinen mannschaften als winger eingesetzt wird. prinzipiell liegen seine stärken ja darin, dass er ballsicher ist, physisch stark, einen guten schuss und ein gutes auge + überraschende ideen mitbringt, um mitspieler in position zu spielen. wäre er damit nicht vielleicht auch eine (noch bessere) option auf der 10 oder auf der janko-position? liegt es da am läuferischen? den richtigen speed für einen winger hat er ja auch nicht. warum wurde er eigentlich bei keiner mannschaft richtig auf dieser position probiert? gerade für’s nationalteam hab ich das gefühl, das wir auf den seiten gut besetzt sind und auch einiges nachkommt, aber auf der 10 und ganz vorne fehlt es ein bisschen…

    • Charles

      Arnautovic ist am Flügel am besten aufgehoben, wurde schon öfters versucht, auch anfangs bei Stoke. Bringt seine besten Leistungen aber auf der Außenbahn.

    • martidas

      Weil er für seine Spielweise Platz braucht (vor allem nach hinten). In der Mitte wird es für ihn schnell zu eng (trotz seiner Technik). Er verlangsamt ja gern das Spiel und da hast du in der Mitte schnell drei bis vier Gegenspieler am Hals.

  • martidas

    Ach ja, ein Hinweis noch: Die größte Schwachstelle im Team sind derzeit sicher die Standards. Zu 90% komplett harmlos. Gerade das würde uns zu einem richtig unangenehmen Gegner machen. Wir haben nicht allzu viele Torchancen, aber mit Harnik, Alaba und Arnautovic viel gefoulte Spieler und Ecken holen wir eigentlich auch mit schöner Regelmäßigkeit heraus.

  • Stefan

    Kleine Berichtigung: Das Testspiel gegen England im Herbst 2007 endete 0:1 (Crouch 44)

  • Ernst Draxl

    So erfreulich sich unter Koller Spielidee, Organisation, Kompaktheit entwickelt haben, gibt es doch einen wichtigen taktischen Aspekt, in der das Team stagniert und das ist die sichere, rasche und flüssige Spieleröffnung von hinten.

    Mir wird noch immer viel zu oft der Ball einfach hoch nach vorne gebolzt – meist von Almer, aber auch von den IV. Das gehört m.M. nach von Koller verboten/abgestellt – außer der Gegner ist wie beim quasi-Konter-Tor gegen Russland hinten komplett unsortiert. Dann macht ein gezielter Abschlag ja Sinn. Ansonsten führen diese Abschläge fast immer zum sofortigen Ballverlust. Zwar sind wir im Gegenpressing inzwischen verdammt gut geworden und erobern den (zweiten) Ball oft sofort zurück. Trotzdem ist diese eher zufällige Spielauslösung ineffizient, aufwendig und m.M. nach nicht zielführend und schon gar nicht state of the art. Dabei haben wir nun endlich sogar 3 IV – Drago, Hinteregger, Wimmer – , die den raschen, sicheren, vertikalen Pass ins Mittelfeld auch unter Druck können! (Von Prödl, Pogatetz, Schiemer ff. war das einfach zu viel verlangt, daher zu gefährlich). Dazu noch den ballsicheren, wendigen Alaba, mit dem man prächtig das spieleröffnende Dreieck bringen kann, wie es die sehr guten Mannschaften spielen.

    Ich verstehe zwar, dass dieser Ansatz mit Ilsanker, Kavlak (beide mit schlechter Übersicht und unsicherer Technik, daher horrende Passquote) riskant ist. Mit Baumgartlinger aber könnte es als zweite Anspielalternative bzw. Viereck gehen, wenn der sein Umschaltspiel endlich verbessert, also beschleunigt, und nicht nur nach hinten oder in die Breite denkt. Man hat auch heuer in allen Länderspielen gesehen, dass wir beim kontrollierten Spielaufbau von hinten (wenn sie es mal probiert haben) über IV und die beiden 6er noch immer Riesenprobleme haben, sobald der Gegner auch nur ein bisserl anpresst. Da bricht sofort Panik und zu oft Ballverlust aus oder die ultima ratio ist dann der unkontrollierte lange Ball durch Almer oder IV incl. Ballverlust. Mir scheint das kaum trainiert oder besprochen zu werden. Jedenfalls funktioniert es nur ganz selten.

    Dieses Defizit muss Koller nun endlich angehen, im Training einüben, denn die rasche, flüssige und kontrollierte Spielauslösung bzw. Überbrückung der ersten Pressingzone oder auch nur Anlaufzone ist das Um und Auf bei gegnerischen Druck/ Pressing. Und es ist natürlich völlig egal, ob auswärts oder daheim – es geht ja immer um Spielsituationen bzw. Spielstände. D.h. das muss jederzeit abrufbar sein, also zum normalen taktischen Repertoire gehören und ein wesentlicher Teil der Spielidee werden.

    • martidas

      Dein Kommentar geht irgendwie an den Möglichkeiten der Mannschaft vorbei. Es ist sicher kein Nachteil, wenn man sich schnell und sicher von Drucksituationen befreien kann, aber was macht man dann mit dem Ball? Wir haben einen einzigen Stürmer vorne (daher kaum anspielbar), Junuzovic hat zumeist zwei Gegenspieler und Arnautovic kann alles, ist aber leider nicht schnell. Daher haben wir bei der Spieleröffnung meist nur Harnik als Anspielstation, wenn es schnell weitergehen oder Arnautovic, wenn der Ball gehalten werden soll. Trotz allem sind wir immer in Unterzahl in der Offensive, der Ball ist also genauso so oft weg wie bei einem hohen Ball. Der Unterschied: Der hohe Ball lässt die defensiven Spieler hinten und öffnet dem Gegner keine Räume! Wir haben unsere Stärken derzeit in der Defensive und so sollten wir auch spielen. Spiel zerstören, den Gegner nerven, Nadelstiche setzen und das mit unterschiedlichen Methoden (Angriffspressing, Mittelfeldpressing, Abwehrbollwerk). Wenn du dann auch noch mit Alaba einen Alleskönner dabei hast, umso besser.

      Es wird ja gern vergessen, dass die meisten unserer Teamspieler immer noch bei schwachen bis mittelmäßigen Teams sein Auslangen findet.

      Eins noch, auch wenn ich damit scheinbar alleine da stehe: Kavlak hat mir gestern extrem gut gefallen.

      • Ernst Draxl

        “…aber was macht man dann mit dem Ball?”. Natürlich passen, spielen, kombinieren, zum Abschluss kommen , sei es durch die Mitte oder über die Flanken – was auch sonst? Das kann und muss man sich schon zutrauen. Bleibt einem sowieso nicht erspart, wenn man was gewinnen will. Es geht doch darum: Je schneller und öfter man systematisch, kontrolliert und ohne kraftraubenden Ballverlust/Balleroberung in die gefährlichen Zonen kommt, desto mehr Torchancen kriegt man. Ich glaube, dass unsere genannte Bestbesetzung das im Grunde schon drauf hätte, es aber so nicht gewollt oder nicht intensiv trainiert/besprochen wird. Mich würde sehr interessieren wie Koller diese Problematik sieht.

  • Charles

    Schiedsrichter verneigt sich vor Treterei der Brasilianer statt einzuschreiten
    mit gelben und roter Karte, übersieht zudem das bis in den dritten Rang deutlich sichtbare Foul an Ilsanker vorm 1:0. Trotz aller namhaften Ausfälle wieder eine
    sehr geschlossene Mannschaftsleistung mit klugem Spiel aus dem für mich Dragovic
    und Arnautovic noch herausragten. Tolle, aber leider unbelohnte Leistung sonst wären wir 2014 als einziges europäisches Team ungeschlagen geblieben.
    Aber egal, besser heute eine Niederlage als nächstes Jahr eine in Moskau, Stockholm
    oder Podgorica. Freuen wir uns also auf 2015 und eine erfolgreiche Qualifikation erstmals sportlich für eine EM!