EM-Quali für 2016
Ernst-Happel-Stadion, Wien, 15. November 2014
Österreich - Russland
1-0
Tore: 73' Okotie

Capello mit dem Rezept, aber Österreich mit dem Sieg – 1:0!

Der Sieg an sich war schon etwas glücklich. Dass das goldene 1:0 durch Okotie aus Abseitsposition fiel, kommt noch dazu. Dennoch: Österreich steht nach dem Erfolg über Russland, eingefahren ohne Alaba und ohne Baumgartlinger, blendend da. Obwohl Fabio Capello eigentlich ein gutes Rezept gegen das ÖFB-Team gefunden hatte.

Österreich - Russland 1:0 (0:0)
Österreich – Russland 1:0 (0:0)

Leitgeb statt Alaba, Ilsanker statt Baumgartlinger: Dass statt des langfristig verletzten Bayern-Stars und des kurzfristig lädierten Mainzers die Salzburger Zentrale zum Einsatz kommen würde, war beinahe logisch. Schließlich startete Österreich so, wie man das lange auch von Salzburg kannte: Mit Druck im Mittelfeld, mit Pressing und Gegenpressing, mit dem kompromisslosen Fight um zweite Bälle.

Russland zunächst beeindruckt…

Von der Agilität, mit der das Offensiv-Quartett Österreichs mit der Unterstützung von Christoph Leitgeb in der Startphase spielte, war die routinierte, aber doch etwas hüftsteife russische Defensive durchaus beeindruckt. Vor allem Sechser Glushakov produzierte viele zuweilen billige Fehlpässe im Aufbau, nach denen Österreich sehr flink umschaltete. Schnell hatte sich Glushakov zudem die gelbe Karte abgeholt.

Echte Torgefahr konnte Österreich so zwar nicht erzeugen, aber man nahm den Russen komplett den eigenen Spielaufbau. In den ersten 15 Minuten kam die Sbornaja nur ein einziges Mal kontrolliert vor den österreichischen Strafraum, dazu gab’s einen Konter über Tcherishev. Der eher verzweifelte Weitschuss, mit dem Kokorin den Pfosten traf (15.) und die übertriebene Hast, mit der Tcherishev kurz danach abschloss und weit daneben schoss (18.) waren sichtbarer Beweis davon, dass Österreich den Russen vermittelt hatte, keine Zeit am Ball zu haben.

…erarbeitet sich dann aber Kontrolle

Kam Russland aber doch einmal halbwegs kontrolliert in die österreichische Hälfte, was vor allem ab etwa der 20. Minute öfter der Fall war, fiel vor allem ein extremes horizontales Verschieben der Vierer-Offensivreihe auf. Faisullin und Shirokov besetzten nicht selten gemeinsam das ballnahe Halbfeld, während der jeweilige Außenspieler – aufgrund des Linksdralls des russischen Teams zumeist RM Shatov – in der Spielfeld-Mitte agierte.

So konnte Russland das Zentrum überladen, womit die Sbornaja immer mehr die Kontrolle über diesen Bereich und damit auch über das Spiel übernahm. Zusätzlich verstärkt wurde dieser Effekt durch zwei Faktoren: Zum einen agierte Ilsanker recht tief hinter Leitgeb (was er ja von Salzburg gewöhnt ist). Russland konnte so die durch die vertikale Staffelung etwas fehlende österreichische Kompaktheit nützen.

Und zum anderen ließ bei Österreich der Druck und das Anlaufen der Gegner immer mehr aus.

Aufbau in die Zentrale gelockt

Dennoch blieb Russland von der Grundeinstellung her eher vorsichtig und staffelte sich bei österreichischem Ballbesitz eher tief. Die beiden Achter Shirokov und Faisullin stellten sich nicht zwischen die österreichische Innenverteidigung und Ilsanker/Leitgeb, sondern zwischen Ilsanker/Leitgeb und dem eigenen Tor. Man verzichtete also darauf die österreichische Eröffnung von hinten heraus anzupressen (Stürmer Kokorin alleine hätte da wenig machen können).

Dafür versuchte man, den österreichischen Aufbau durch das Zentrum zu locken – logisch, weil dort ohne Alaba der kreative Chef fehlte (dass Baumgartlinger beim Aufwärmen auch w.o. geben musste, hatte Capello bei der Erstellung seiner Taktik ja noch nicht wissen können). Auf den Außenbahnen jedoch lauerte mit Arnautovic und Harnik sehr wohl Gefahr. Weshalb Shatov und Tcherishev auch ganz offensichtlich die Order hatten, auf diese beiden aufzupassen.

Leichte Adaptierung von Koller

Teamchef Koller nahm in der Pause einige Adaptionen vor, wie etwa, dass der ballentfernte Außenspieler ins Zentrum rückt. Das funktionierte etwa bei Harniks Lauf über die linke Seite und seine Rückgabe auf Arnautovic kurz nach Wiederbeginn auch schon ganz gut. Keine Frage: Diese Maßnahme war eine Reaktion auf das konsequente ballorientierte Verschieben der Russen, mit dem sie ja das Zentrum kontrollierten.

Was den Russen aber weiterhin nicht nach Wunsch gelang, war das Erzeugen eigener Torgefahr. Weil Hinteregger immer wieder antizipierte und intelligent aus der Kette rückte, wenn es notwendig war, kam Russland bei aller Kontrolle nicht über das Zentrum in den Strafraum, dazu war Tcherishev links ein Totalausfall und der hochtalentierte Shatov auf rechts kam gegen Fuchs nicht zum Zug. Daher änderte Capello nach einer Stunde erst einmal seine Flügelbesetzung.

Okotie statt Janko

Statt des enttäuschenden Tcherishev kam Jonov, der nun die rechte Angriffsseite besetzte; Shatov wechselte dafür nach links. An der Charakteristik des Spiels änderte sich aber wenig – umkämpftes Mittelfeld, wenig Torgefahr auf beiden Seiten. Für merkliche Bewegung sorgte aber die Einwechslung von Okotie statt Janko nach einer Stunde.

Der 1860-Stürmer ist zwar nicht so bullig wie Janko, aber beweglicher, was gegen die alten und langsamen russischen Innenverteidiger nicht schlecht war. Vor allem, wenn es Österreich gelang, für Gewusel im Strafraum zu sorgen, wie beim Beinahe-Tor nach 70 Minuten. Aus dem Spiel heraus war Österreich aber an sich ebenso ungefährlich wie aus Standard-Situationen.

So war es ein langer Abschlag von Almer, der das 1:0 einleitete. Von Junuzovic’ Kopf geschickt auf Harnik weitergeleitet flankte der Stuttgart-Legionär auf Okotie, der Ignashevitch entwischt war und zum 1:0 verwertete. Es war zwar Abseits, aber Referee-Assistent Stephen Child hatte es übersehen.

Er brachte Sturmspitze Dzyuba für den enttäuschenden Tcherishev und stellte auf ein 4-4-1-1 um, mit Dzyuba vorne und Kokorin etwas hinter ihm.

Capello ändert das System

Ab 75. Minute
Ab 75. Minute

Die direkte Reaktion von Russlands Temachef Fabio Capello war, sein System umzustellen. Statt Achter Faizullin kam nun Stoßstürmer Dzyuba und damit hatte die Sbornaja nun ein 4-4-1-1 auf dem Feld.

Damit verzichtete er auf die Kontrolle im Zentrum und wollte dafür mehr Anspielstationen in der Spitze haben – der flinke Kokorin mit etwas mehr Aktionsradius, der bullige Dzyuba als Anspielpunkt im Strafraum. Wenig später kam dann auch Alan Dzagoyev, ewiges Talent von ZSKA Moskau, für den hoch veranlagten Shatov von Zenit St. Petersburg.

Die Folge von Capellos Umstellung im System war auch eine Umstellung im Stil: In der Schlussphase war die Brechstange gefragt. Dabei bewahrte die österreichische Abwehr aber etwas mehr Sicherheit als gegen Montenegro und deutlich mehr Sicherheit als in Moldawien.

Der zweite 1:0-Heimsieg war die Folge.

Fazit: Russland passte sich Österreich an

Ohne die Einser-Besetzung in der Mittelfeld-Zentrale mit Alaba und Baumgartlinger fehlt dem österreichischen Team ziemlich offensichtlich die ordnende Hand und die Übersicht in der Spielfeld Mitte. Logisch – Alaba ist Weltklasse, Leitgeb und Ilsanker “nur” gutes Europa-League-Niveau. Aber: Glückliches Österreich, wenn man ein gutes Europa-League-Duo als Back-up hat.

Denn es wird immer mehr deutlich, dass sich das ÖFB-Team immer breiter aufstellt, wenn es darum geht, ein Spiel zusammenzuhalten und zu kontrollieren. Es war eine recht ordentliche Leistung, aber keine überragende und der Sieg ist dann doch eher glücklich und ein Remis hätte den gezeigten Leistungen fraglos eher entsprochen. Aber man behält mittlerweile die Nerven und kann auch wackelige Spiele gegen gute Gegner über die Zeit bringen.

Vor allem aber zeugt es von dem internationalen Respekt, den Österreich in den drei Jahren unter Koller gewonnen hat, dass sich ganz deutlich Capello dem ÖFB-Team angepasst hat und nicht so sehr Koller den Russen. Österreichs Anlage war, wie Österreichs fast immer ist – berechenbares 4-2-3-1 mit Pressing in der Anfangsphase und Vorstößen über die Außen. Capello aber ließ Österreich im Aufbau über das Zentrum locken, in dem Alaba fehlte.

Russland muss sich ärgern, nicht zumindest ein 0:0 aus Wien mitgekommen zu haben, und ein solches wäre absolut verdient gewesen. Österreich hingegen hat nach vier Spielen schon drei Siege auf dem Konto – keine andere Mannschaft der Gruppe hat mehr als einen. In den nun allesamt absolvierten Heimspielen gegen die drei Gegner um die EM-Tickets gab es sieben Punkte. Das ist großartig.

Das letzte Mal, dass Österreich mit 10 Punkten aus vier Spielen startete, ist 14 Jahre her. Zwei der Spiele damals gab’s allerdings gegen Liechtenstein, am Ende wurde man Gruppenzweiter. Das würde diesmal reichen.

gruppe g

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

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  • schwarzbunt

    Ich würde mit der Bezeichnung Abseitstor etwas vorsichtig sein. Dass der Russe beim Abspiel hinter Okotie war ist klar. Aber: War das auch der Ball? Das ist zumindest strittig und ganz sicher nicht eindeutig.

    • Es war schon ein Abseits, aber eines der Sorte: “Da kann man dem Linienrichter nicht wirklich einen Vorwurf machen”. Es ist aus vollem Lauf und Okoties Oberkörper/Kopf sind vielleicht 20-30 Zentimeter vorne.

      http://imgur.com/fyDj0MK

  • Lux

    Will jetzt nicht schwarzmalen, aber das hätt locker anders ausgehen können. Harnik hat einige Male den Ball in gefährlichen Situationen verloren. Eine gute Mannschaft nützt das aus und erwischt uns eiskalt in der Vorwärtsbewegung.
    Illsanker war oft 1-2 Schritte zu langsam. Vor allem in der Phase nach den ersten 15 Minuten kam mir vor als würde er nur nachlaufen.
    Das Foul von Prödl kurz vor dem Ende war auch wieder extrem unnötig und hätt ins Auge gehen können.

    Vielleicht bin ich da aber auch nur gebrandmarkt aus vergangenen Tagen und seh das zu negativ.

    Sonst wars eine gute Leisung. Dachte eigentlich, dass ohne Baumgartlinger weniger Konter im Keim erstickt werden, aber Hinteregger war da sehr gut.

  • Charles

    Es wird immer besser :)
    Trotz der Ausfälle der angestammten Mittelfeldzentrale konnte das Spiel wie gewohnt gut aufgezogen werden.
    Und das war nicht selbstverständlich!
    Prinzipiell ein Match auf Augenhöhe aber doch mit Dominanz und einem Chancenplus für Österreich .
    Tolle Defensivleistung, allen voran die beiden IVs, immer fokussiert und gut antizipierend, was besonders gegen den schnellen Kokorin wichtig war. RUS war stärker als zB. in der Partie gegen SWE. Umso mehr war das gestern eine Klasseleistung trotz der Handicaps im Mittelfeld. Das Tor ebenso ein Beweis dafür: Dragovic fängt hellwach den schnellen Konter ab, eingeleitet mit Übersicht und weitem Pass von Almer. Statt langer Reklamationen sofort die Situation erkennend und das Tor.
    Erinnert mich an Boxen, wenn auf einen Wirkungstreffer sofort nachgesetzt wird bis der KO. Schlag folgt.
    Müßig daher über Abseits und Ball über Linie oder nicht
    zu diskutieren. Gesamt gesehen ein Ergebnis des Siegeswillen gegen einen taktisch sehr gut eingestellten,
    fussballerisch sehr guten, aber etwas zahnlosen Gegner
    im Angriff. Reife Leistung und das ohne Alaba und Baumgartliner. Schauen wir mal wie weit das NT schon ist dann am Dienstag gegen einen Weltklassegegner.

  • martidas

    Und außerdem: Ich habe in den gut 15 Jahren, die ich dieses Team schon live verfolge noch nie erlebt, dass wir nach einer strittigen Situation gegen uns (das Fast-Tor) das Tor schießen und nicht bekommen!

    Diese Szene war für mich so symptomatisch und faszinierend, da fehlen mir die Worte.

  • martidas

    War auch im Stadion und ja, die Russen sind schon eine sehr starke Mannschaft, vor allem die Ruhe mit der sie den Ball und das Spiel kontrollieren ist wirklich beeindruckend. Das war aber heute eindeutig ein Sieg des Willens. Nach dem Gegentor war Russland kaum gefährlich, die Brechstange war mehr als Pflicht heruntergespielt, denn als Ultima Ratio.

    Dragovic und Hinterseer waren beide unglaublich und es war auch richtig Janko von Beginn an zu bringen. Das muss betont werden! Okotie kann seine Stärken gegen starke Gegner am besten ausspielen, wenn diese schon müde sind (und er selbst noch frisch ist, d.h. nicht von Beginn an spielt). Und Janko ist der perfekte Müdmacher. Zweikampfstark, anspielbar, ballsicher, er geht weite Wege und zeigt tollen Einsatz. Wichtig war nur der Zeitpunkt des Wechsels, endlich einmal nicht zu spät. Respekt dafür.

    Sonderlob neben der IV gebührt aber auch Junuzovic. Der Junge ist einfach der personifizierte Einsatz. Unvergesslich, wie er in der Schlussphase einen Sprint für ein Pressing anzieht, sich umblickt, keiner läuft mit und dann umso mehr Gas gibt um den Torwart kein kontrolliertes Ausspiel zu ermöglichen. Herrlich!

    Tolle Stimmung, wichtiger Sieg und das Glück erzwungen, so kann es weitergehen! Ich hätte nur gerne wieder meine Stimme zurück.

    • Werner Renzl

      Der zweite Mann in der Innenverteidigung war Martin HinterEGGER !

      • martidas

        Ich muss mich für meine Autokorrektur entschuldigen!

  • hobe

    Eindrücke aus dem Stadion:
    Endlich hat AUT eine Innenverteidigung, bei der man nicht jedes Mal Angst vor einem kapitalen Bock haben muss. Dragovic und Hinteregger wirken absolut sicher.
    Die starke Defensivarbeit von Arnautovic lässt Fuchs besser aussehen als in der Zeit vor Koller. Das war heute wieder sehr deutlich. Auf der anderen Seite fehlt Klein häufig die Unterstützung Harniks.
    Die beiden Sechser sind im Spiel praktisch nicht aufgefallen, was im Stadion eigentlich ein gutes Zeichen ist. Das zeigt auch die Breite des NT. Vor allem wenn man bedenkt, dass da auch noch Kavlak auf der Bank sitzt.
    Im Sturm konnte man heute eine echte Wachablöse beobachten. Die Einwechslung von Okotie hat binnen Sekunden eine Stimmung erzeugt, dass da noch etwas gehen könnte.
    Gratulation an Koller, der dieses Mal nicht zu lange mit dem Wechsel gewartet hat.

    • Sturmtief Andrea

      Die Frage ist nur: WARUM sitzt Kevlak auf der Bank und 2 “öst. Schweinsliga”-Kicker spielen, für die alle anderen mitarbeiten (Verteidigung) bzw. mitleiden (Spielaufbau) müssen?!!!!
      ….armer Drago, kein Wunder, daß der in der 85. am Ende ist!!!!

      • bratak

        naja, so schlecht sind die beiden nicht. würde zwar kavlak drüber stellen, aber leitgeb und ilsanker spielen schon länger zusammen und kennen die laufwege aus dem club. denke, das war kollers überlegung

      • wobei man dabei sagen muss, dass das schon auch andere laufwege in einem anderen system sind ;)