Tokio 2021: Jagd auf die USA bei Mini-WM der Frauen

Olympia ist nach der WM das zweitwichtigste Turnier im Welt-Frauenfußball. Normalerweise ist diese „Mini-WM“ eine Art Revanche ein Jahr nach dem großen Cup, aber dank Corona ist eben nicht alles ganz normal. Am Mittwoch, also zwei Tage vor der Eröffnungsfeier in Japans Hauptstadt, geht es traditionell los. Wer sind die Favoriten, was können die Herausforderer, welche großen Namen haben Probleme – und wie werden sich die Exoten schlagen?

Hier unsere große Vorschau auf das olympische Turnier.

Der Modus

Das Entscheidende für die große Bedeutung des Turniers bei den Frauen zunächst: Während die Männer nur mit U-23-Teams (diesmal ausnahmsweise U-24) plus drei älteren Spielern antreten dürfen, ist bei den Frauen das jeweilige A-Nationalteam vertreten. Das macht Olympia in der Tat zu einer Mini-WM.

Unverändert sind 12 Teams dabei, die in drei Vierergruppen um den Einzug ins Viertelfinale spielen. Die Gruppensieger und die Zweiten sind dabei, die beiden besten Gruppendritten auch. So, wie die drei Staffeln besetzt sind, ist die Sachlage relativ klar: Neun Teams kommen realistisch für die acht Viertelfinal-Plätze in Frage. Einer der „Großen“ muss also als schlechtester Gruppendritter hängen bleiben – für alle anderen geht es nur um die Positionierung im Turnierbaum.

Die Teams aus Chile, Neuseeland und Sambia werden um jeden Punkt froh sein müssen und wer gegen dieses Trio etwas liegen lässt, ist schon fest unter Zugzwang. Ansonsten ist die erste Woche für die Top-Teams nur ein Warmlaufen für die K.o.-Spiele.

Worauf es ankommt

Das IOC hat den zwölf Teilnehmern zugestanden, ausnahmsweise 22 statt der sonst üblichen 18 Spielerinnen mitzunehmen. Angesichts vom engen Spielplan mit Matches alle drei Tage – die Top-4 werden sechs Partien in 17 Tagen zu absolvieren haben – erleichtert dies die Belastungssteuerung erheblich.

Dass sich Japan die Vorrunde überwiegend im gemäßigten Sapporo vergönnt, während man die anderen Gruppen ins schwülwarme Miyagi und im subtropischen Großraum Tokio (Saitama) antreten lässt, ist sicher kein Zufall. Die Kunst ist, ab dem Viertelfinale voll da zu sein und vorher nicht zu viele Körner zu verschießen, aber gleichzeitig darauf zu achten, in den schnellen Rhythmus zu kommen.

Zusätzlich ist es für die neun Viertelfinal-Kandidaten stets ein Muss, den vermeintlich „Kleinen“ in der Gruppe zu besiegen, weil jeder Fehltritt schon das Aus bedeuten kann bzw. den Druck in den Partien gegen die starken Teams erhöht. Das gilt vor allem für jene Delegationen, die mit sportlichen Schwierigkeiten nach Japan kommen: Australien etwa, auch Kanada, China vor allem. Eine Viertelfinal-Niederlage gegen die USA wäre zu verkraften. Ein Vorrunden-Aus, weil man es gegen Sambia verdaddelt hat, wäre hingegen ausgesprochen peinlich.

Wer ist überhaupt dabei – und wer fehlt?

Weil im 12er-Feld nur drei europäische Teams Platz finden, sind natürlich zahlreiche potenzielle Medaillen-Kandidaten nicht mit von der Partie – namentlich Frankreich, Spanien und Deutschland. Für Europa qualifizierten sich die drei besten Teams bei der WM vor zwei Jahren, das waren Vize-Weltmeister Holland, die drittplatzierte Equipe aus Schweden und der Vierte England (als Team GB).

In den anderen Kontinenten gab es eigene Ausscheidungen. Für Asien sind neben Gastgeber Japan auch China und Australien dabei; Südkorea hat die Entscheidungsspiele gegen China verloren, Nordkorea hat sich zurückgezogen, mutmaßlich weil man nicht im Süden antreten wollte. Brasilien war als Südamerikameister 2018 qualifiziert, der damalige Zweite Chile gewann das Playoff gegen den gegen Sambia unterlegenen Afrika-Finalisten Kamerun. Und in Nordamerika holten sich die USA und Kanada die beiden Plätze ab, das war eine Formalität.

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Die USA-Gruppe (mit SWE, AUS, NZL)

USA

„Wir selbst sind unser härtester Gegner“, gab US-Kapitänin Becky Sauerbrunn im Vorfeld zu Protokoll. Sprich: Wenn die USA bei Olympia von jemandem besiegt werden, dann vor allem daran, weil man selbst daran die Schuld trägt. Denn besser als der Weltmeister von 2015 und 2019 ist niemand. In Wahrheit darf niemand auch nur nah dran sein. Denn den mit Abstand besten Kader hatte das USWNT schon vorher. Nun haben sie auch noch einen Trainer, der das Team optimal einsetzen kann.

Unter Jill Ellis verlegte man sich am Weg zum WM-Titel 2019 schon bei knappen Führungen oft eher auf das Verwalten des Vorsprungs und im Vorwärtsgang hing viel an der überragenden individuellen Qualität des Kaders. Nun, unter Vlatko Andonovski, wird ein gezieltes, konsequentes und den Gegner erstickendes Angriffspressing gespielt. Das nimmt selbst hochklassigen Gegnern die Luft zum Atmen. Die USA sind seit 44 Spielen ungeschlagen. 40 Siege, vier Remis.

Der Kader des Mazedoniers Andonovski, der mit 24 Jahren in die Staaten ausgewandert ist und als Trainer schon zweimal die Frauen-Profiliga NWSL gewonnen hat, ist auf allen Positionen doppelt Weltklasse besetzt. Die Spieleröffnung von hinten ist die Aufgabe von Abby Dahlkemper, davor ist mit Lindsey Horan eine der spielintelligentesten Taktgeberinnen der Welt postiert – je nach Geschmack auf der Sechs oder auf der Acht. Lavelle und Sam Mewis sind ballsicher und Catarina Macario wird seit Jahren als der kommende absolute Superstar im Frauenfußball gehandelt. Die Angriffsreihe schließlich steht für die volle Power von sechs Weltklasse-Leuten.

Die USA haben zuletzt vor fast genau zehn Jahren ein Pflichtspiel in 90 Minuten verloren (es war ein bedeutungsloses WM-Gruppenspiel gegen Schweden), danach noch zweimal im Elfmeterschießen (2011 im WM-Finale, 2016 im Olympia-Viertelfinale). Prognose: Becky Sauerbrunn wird recht haben: Wenn sich das US-Team nicht selbst schlägt, wird es wohl auch diesmal niemand schaffen. Alles andere als Gold wäre eine Enttäuschung.

Schweden

Erster Gruppengegner des US-Teams ist Schweden, und das schwedische Ziel ist klar: Im Finale will man sich wiedersehen. Der überraschende dritte Platz bei der WM 2019 hat großen Auftrieb gegeben und der lange etwas ziellose Stil von Peter Gerhardsson ist einer klaren, relativ simplen, aber perfekt eingedrillten Spielidee gewichen, die aus einer Vielzahl von verschiedenen Systemen in unzähligen verschiedenen personellen Varianten gespielt werden kann.

Welches System Schweden spielt, ändert sich von Spiel zu Spiel. Im Vorfeld war ein 4-4-2 zu sehen (gegen Österreich), ein 5-4-1 (beim 1:1 gegen die USA), ein 4-2-3-1 (gegen Australien und vom Reservisten-Team gegen Polen) und auch ein 3-4-1-2 (gegen Norwegen). Wenn man sich nicht gerade gegen die USA ein Remis ermauert, ist das schwedische Spiel darauf ausgelegt, mit dem Ball die freien Räume zu finden.

Ziel ist es, dass der Ball ohne großes Risiko mit kurzen und mittellangen Pässen an eine Mitspielerin kommt, die sich so in Räume postiert, dass Gegenspielerinnen möglichst nicht im Spiel sind. Das klingt banal und simpel, dafür sind aber eine hohe Spielintelligenz und eine schnelle Auffassungsgabe nötig. Diese Herangehensweise ermöglicht es der mittlerweile 36-jährigen Rekord-Teamspielerin Caroline Seger, trotz ihres schon lange deutlich eingeschränkten Tempos die Fäden ziehen zu können.

Ohne die Abwehr-Routiniers Linda Sembrant (Kreuzband) und Nilla Fischer (deren Frau Mika hochschwanger ist) kommt die Defensive ohne große Kadertiefe daher, was bei Varianten mit Dreierkette womöglich zum Problem werden kann. Ansonsten ist das Aufgebot aber so breit, dass praktisch alle Varianten in allen Besetzungen, je nach Gegner, möglich sind. Vom Silber-Kader von 2016 sind neun Spielerinnen wieder mit dabei. Prognose: Übersteht man das Viertelfinale – der Papierform nach gegen Holland – ist bis zu erneutem Silber alles möglich.

Australien

Mit einem schwedischen Trainer fährt Australien zu den Spielen und, so ist der Plan, geht man auch mit Tony Gustavsson in die Heim-WM in zwei Jahren. Dann wollen die Matildas voll da sein und ernsthaft um den Titel mitspielen. Im Moment stellt man aber ein höchst verunsichertes Team, das unter Gustavsson vor vier Monaten komplett bei Null angefangen hat.

Unter Gustavssons Vorgänger Milicic war Australien zu eindimensional und berechenbar geworden. Beim neuen Trainer soll nun der Fokus auf vermehrtes Spiel durch das Zentrum gelegt werden, anstatt mit der stets gleichen Passroute Außenverteidiger-Achter-Flügelstürmer-Kerr in gut vorbereitete Defensivreihen zu laufen. Nach den derben Blamagen in den ersten zwei Spielen (0:5 gegen Holland, 2:5 gegen Deutschland) legte Gustavsson das altbekannte 4-1-4-1 zu den Akten und installierte ein 3-4-2-1.

Die Idee ist auf dem Papier spannend: Die eingerückten Flügelstürmerinnen sorgen dafür, dass alle fünf Vertikal-Kanäle besetzt sind – die Flügel, die Halbräume und das Zentrum – und offensiv denkende Wing-Backs ziehen die gegnerische Abwehrkette auseinander. In der Praxis aber hat Australien schon dramatische Probleme, den Ball überhaupt aus der Dreier-Abwehr heraus zu bekommen, geschweige denn ihn durch das Mittelfeld zu kriegen. Das war schon im alten System so, nur dass dort zusätzlich auch die defensive Stabilität fehlte.

In den fünf Spielen unter Gustavsson blieb Australien dreimal ohne eigenen Treffer und auch wenn der Fokus ganz klar auf 2023 liegt, ist der Fortschritt bisher zu gering. Zwar stand man nach der Umstellung auf die Fünferkette gegen Schweden (0:0) und Japan (0:1) in der Defensive deutlich sicherer, aber die Matildas gehen mit großen sportlichen Sorgen in das Olympia-Turnier. Prognose: Das Verpassen des Viertelfinales wäre eine Blamage, mehr als das Viertelfinale wäre eine kleine Sensation.

Neuseeland

In zwei Jahren ist Neuseeland Co-Gastgeber der WM. Welche Bedeutung Tokio dabei für die Ferns hat, kann kaum überschätzt werden. Denn seit dem Algarve Cup 2020 hat das Team kein einziges Match absolviert – 16 Monate lang. Nach Olympia wird auch noch ein neuer Trainer oder eine neue Trainerin übernehmen, denn Tom Sermanni hat längst seinen Abschied nach diesem Turnier in Japan angekündigt.

Zusätzlich bekam er die beiden routiniertesten, wichtigsten Spielerinnen – Erceg und Riley – von deren Klubs in der US-Profiliga NWSL erst abgestellt, als alle anderen NWSL-Spielerinnen längst bei deren Nationalteams waren. Ein spätes Revanche-Foul aus Orlando, wo Sermanni vor einigen Jahren höchst erfolglos Trainer war?

Womöglich ist es aber auch inhaltlich gar nicht schlecht, dass Sermanni seinen Stuhl räumt. Bei der WM 2019 wurde aus dem aggressiven und attraktiven Vorwärtsverteidigen in den Aufbau-Spielen eine verstörend destruktive Taktik, mit der alle drei Spiele verloren wurden, anstatt die historische Chance einer erstmaligen WM-Achtelfinal-Teilnahme zu suchen. Auch bei den letzten Auftritten vor anderthalb Jahren stellten sich die Ferns in einem defensiven 5-4-1 auf und versuchten, sich mit Defensive zu erwehren.

Der Spieler-Pool ist naturgemäß relativ klein, aber Neuseeland hat durchaus eine vernünftige Stammformation zu bieten. Die meisten Start-Kandidaten sind in der guten australischen Liga aktiv, dazu kommt ein Trio aus der NWSL und einige, die in Europa spielen. Das Team ist seit vielen Jahren annähernd unverändert, man kennt sich und ist grundsätzlich gut aufeinander abgestimmt. Neuseeland könnte mit etwas weniger Kleinmut vermutlich besser sein, als man sich unter Sermanni präsentiert hat. Prognose: Es wäre ein großer Prestige-Erfolg, sollte sich Neuseeland – womöglich gar auf Kosten von Australien – für das Viertelfinale qualifizieren. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht.

Die Japan-Gruppe (mit GBR, CAN, CHI)

Japan

Seit Asako Takakura das Team aus Japan nach der Blamage der verpassten Olympia-Quali für 2016 übernommen hat, war der Fokus für den Neuaufbau der damals komplett überalterten Mannschaft dieses Turnier. Bei der WM 2019 haben die Nadeshiko schon gezeigt, was sie zu leisten im Stande sind, es gab ein unglückliches und unverdientes Achtelfinal-Aus gegen Holland nach einem späten Hand-Elfmeter.

Im Vorfeld des Heim-Turniers spielte Japan vor allem gegen kleinere Gegner und schoss diese vom Feld (7:0 gegen Paraguay und Panama, 8:0 gegen Ukraine, 5:1 gegen Mexiko), aber es war recht offensichtlich, dass es dabei nur darum ging, nach der coronabedingten einjährigen Spielpause die Automatismen wieder zu schärfen. Beim einzigen echten Härtetest gegen Australien eine Woche vor Turnierstart war Japan voll da.

Im Spiel der Nadeshiko dreht sich alles um das Hetzen des Gegners – aber mit Maß und in Ausbrüchen. Will der Gegner das Spiel von hinten eröffnen, lässt Japan zunächst ab, und rückt dann immer weiter im Verbund nach vorne, verkürzt den Platz immer mehr, bis entweder kein Platz mehr da ist, oder man von einem Moment auf den anderen von einer japanischen Meute angepresst wird. Im Mittelfeld regiert der One-Touch-Fußball, mit dem der Gegner gehetzt und zu vielen Richtungswechseln gezwungen wird, bis sich irgendwo ein Loch ergibt. Japan ist sich aber auch nicht zu schade, einen Ball auch einfach mal nach vorne zu dreschen und auf den zweiten Ball zu pressen.

Die Nadeshiko-Maschine macht einen als Gegner mürbe, Japan legt sich den Kontrahenten zurecht und schlägt dann zu. Das einzige Manko bei aller Kontrolle gegen Australien war, dass man dennoch kaum in gute Abschlusspositionen gekommen ist. In der Defensive muss Japan achtgeben, nicht in Zweikämpfe im Strafraum verwickelt zu werden, hier gibt es naturgemäß körperliche Nachteile. Prognose: Eine Medaille ist Pflicht. Dumm nur: Bei normalem Turnierverlauf wartet das US-Team schon im Halbfinale.

Team GB

England darf, garniert mit zwei Schottinnen (Little und Weir) und einer Waliserin (Ingle) nach 2012 ein zweites Mal unter dem Namen „Team GB“ teilnehmen. Schon unter der zunehmend ziellosen Führung von Phil Neville war England eines der besten Teams der Welt, daran will man auch unter Sarina Wiegman anschließen, die nach dem Olympia-Turnier übernimmt. Für Tokio hat man interimistisch nun Norwegens Legende Hege Riise auf die Trainerbank gesetzt.

In den drei Testspielen unter Riise spielte England in einem 4-4-1-1, aus dem heraus die gegnerische Abwehr an der Eröffnung durch gezieltes Anlaufen gehindert werden soll. Auch im Mittelfeld achtete man darauf, Raum und Zeit für Gegenspielerinnen eng zu machen, schnell umzuschalten und mit dem Tempo der Außenspielerinnen in die Spitze zu kommen.

Es gelang unter Riise aber bisher nicht – zumindest nicht gegen Kanada und Frankreich – in gute Abschlusspositionen zu kommen und im Angriffsdrittel ist zuweilen etwas gar viel Improvisation dabei. Zudem gibt es hinten zu viele individuelle Korken: Zwei horrende persönliche Schnitzer sorgten für das 0:2 gegen Kanada, auch beim 1:3 gegen Frankreich war die Defensive nicht immer im Bilde.

Die Integration der drei nicht-englischen Spielerinnen sollte nicht das große Problem sein. Little ist extrem spielintelligent und kennt viele Kolleginnen von Arsenal; und inwieweit Ingle (von Chelsea) und Weir (von Man City) überhaupt zum Einsatz kommen werden, steht in den Sternen. Vor allem aber ist dieses Team wohl ein Muster ohne dauerhaften Wert, weil Wiegmann wieder ihre eigenen Ideen einbringen wird. Sicher ist aber, dass Riises Idee vom Fußball mehr mit Wiegmann als mit Neville zu tun hat. Prognose: Landet man im richtigen Turnier-Ast, ist im Optimalfall Silber möglich. Aber nur wenn die Defensive hält.

Kanada

In London 2012 und Rio 2016 holte sich die goldene Generation Kanadas jeweils Olympia-Bronze. Der Generationswechsel und der Abgang von Erfolgstrainer John Herdman brachte das Programm spürbar ins Straucheln. Unter Herdmans Nachfolger Kenneth Heiner-Møller, eigentlich einem einfallsreichen Trainer, ging es nur rückwärts – inhaltlich ebenso wie von den Resultaten. Olympia ist nun die erste Standortbestimmung für Bev Priestman, die Kanada wieder auf Schiene bringen soll.

Der 35-jährigen Engländerin stehen noch alte Haudegen wie Weltrekord-Torschützin Christine Sinclair und Sechser Desiree Scott zur Verfügung, ihre Aufgabe ist es aber vor allem, rund um die junge Generation mit Jessie Fleming (23, von Chelsea) und Jordyn Huitema (20, von PSG) den Weg in die Zukunft zu bereiten. Die Zeit bis zum olympischen Turnier wurde genützt, aber Kanada ist definitiv noch Work in Progress.

Das Team fühlt sich wohl, wenn es den Druck des Gegners aufsaugen kann – Desiree Scott und den sich als non-binary identifizierenden Quinn auf der Sechs sind hierbei besonders wichtig – und wenn man selbst Druck auf die Spieleröffnung der Kontrahentinnen ausüben kann. Darin ist das Kanada unter Priestman dem Kanada unter Herdman nicht ganz unähnlich, wenn auch im Ganzen weniger aggressiv und immer mit einer kleinen, defensiven Handbremse im Hinterkopf.

Was hingegen schon unter Heiner-Möller kaum funktioniert hat und auch unter Priestman noch eine große Schwachstelle darstellt, ist der eigene Aufbau. Oft tut man sich schon schwer, die Kugel kontrolliert aus der Abwehr heraus zu bekommen; Quinn und Scott fällt in der Regel auch nicht viel mehr ein als den Ball auf die Flügel rauszugeben. Wenn Sinclair spielt – und in der Vorbereitung ging man mit der 38-Jährigen recht sparsam um, was Spielminuten angeht – gibt es natürlich eine Zielspielerin im Angriffszentrum. Das sind die große, aber schmale Huitema und die bulligere, aber auf höherem Niveau völlig unerfahrene Évelyne Viens sind. Prognose: Das Viertelfinale ist in der aktuellen Verfassung wohl das höchste der Gefühle.

Chile

Mit dem überraschenden zweiten Platz bei der Südamerika-Meisterschaft 2018 hat sich Chile quasi aus dem Nichts auf die Weltbühne katapultiert. Beim WM-Debüt 2019 hat nur ein einziges Tor zum Achtelfinal-Einzug gefehlt, feierte gegen Thailand einen Sieg und man hielt Schweden bis kurz vor Schluss bei einem 0:0. Und mit diesem zweiten Platz war man auch im Playoff um ein Olympia-Ticket, welches man im April gegen WM-Achtelfinalist Kamerun gewann.

Gegen die drei auf dem Papier klar übermächtigen Gruppengegner wird vor allem wieder die defensive Standhaftigkeit geprüft werden. Deutschland rang man in einem Test vor einigen Wochen ein 0:0 ab, vor dem Corona-Lockdown verlor man gegen Australien zweimal nur knapp, gegen die Slowakei gab es nur ein Gegentor. Ein Grund dafür ist Christiane Endler, die eine der weltbesten Torhüterinnen ist und der einzige wirklich bekannte Name im chilenischen Team.

Grundsätzlich ist das System ein 4-3-3, gegen den Ball rückt aber Rechtsaußen Daniela Zamora weit nach hinten und bildet de facto eine Fünferkette. Die drei 30-Jährigen im Mittelfeldzentrum – Yessenia López, Francisca Lara und Karen Araya, die allesamt teils mehrjährige Europa-Erfahrung in Spanien und Frankreich haben – verlieren selten die Übersicht. Gegen Chile zu spielen, ist kein Spaß.

Es ist kein Zufall, dass Chile an Kolumbien und Argentinien als Nummer zwei vom Kontinent vorbeigezogen ist. Seit einigen Jahren ist zumindest einigermaßen ernsthaftes Investment dahinter, mit José Letelier gibt es einen geschickten Trainer, der auch immer für eine unerwartete taktische Idee gut ist. In weiten Teilen ist es immer noch jene Truppe, die bei der Copa 2018 und der WM 2019 aufgezeigt hat, man hat mittlerweile also durchaus auch internationale Erfahrung. Prognose: Chile wird nach der Vorrunde ausscheiden, aber der eine oder andere Punkt ist nicht unrealistisch.

Die Holland-Gruppe (mit BRA, CHN, ZAM)

Niederlande

Sarina Wiegmans letztes Hurra: Nach diesem Turnier nimmt die niederländische Trainerin, die ihr Team zum EM-Titel 2017 und ins WM-Finale 2019 geführt hat, ihren Hut und übernimmt das englische Team. Das Ziel in Tokio ist unmissverständlich: Es soll beim Olympia-Debüt auch beim dritten großen Frauen-Turnierformat etwas Zählbares, sprich: eine Medaille, geben.

Personell sind die Oranje Leeuwinnen, die 2017 mit einem sehr jungen Team überraschend Europameisterinnen wurden, seit Jahren de facto unverändert. Vor allem die Offensiv-Abteilung ist perfekt eingespielt: Tormaschine Vivianne Miedema ganz vorne Die trickreiche Europacup-Siegerin Lieke Martens vom FC Barcelona auf der linken Seite, niemand hat so eine kurze Leitung zwischen Gehirn und Fuß. Die umsichtige Jackie Groenen, die so ein Gefühl für Räume hat. Die fleißige Danielle van de Donk, die immer ihre Füße mit im Spiel hat.

Das giftige Angriffspressing funktioniert praktisch fehlerfrei, so gab es zuletzt gegen Norwegen ein historischen 7:0 und gegen Australien ein 5:0. Die große Stärke des Teams birgt aber auch ein Risiko: Denn wenn sich ein Gegner befreien kann, ist das defensive Umschalten oftmals ein Problem, vor allem wenn man sich schnellen Spielerinnen gegenüber sieht. Vor allem aber mag man es gar nicht, wenn sich ein gutklassiger Gegner hinten reinstellt. So hat es zuletzt Italien nach einer frühen Führung gemacht, Oranje verlor 0:1.

In der EM-Quali für die auf 2022 verschobene EM war Holland unterfordert, in Testspielen fährt man oftmals auch über namhafte Konkurrenz drüber und seit 2015 wurde nur ein einziges Bewerbsspiel verloren – und zwar das WM-Finale. Zudem hat das niederländische Team 2019 gezeigt, dass man sich auch dann über einige K.o.-Spiele drüber retten kann, wenn die Form eigentlich nicht auf 100 Prozent ist. Prognose: Das Halbfinale hat Holland auf jeden Fall drin und das muss angesichts der letzten fünf Jahre auch das Ziel sein.

Brasilien

„Gib der Jugend eine Chance“, ist die Aufgabe von Pia Sundhage in Brasilien. Sie soll die Frage, was nach Marta kommt, beantworten. Einstweilen ist die Grand Dame des südamerikanischen Frauenfußballs, 35 Jahre alt, aber noch unverzichtbar. Ebenso wie die ewige Formiga – die 43-Jährige ist beim siebenten olympischen Frauenfußball-Turnier zum siebenten Mal mit dabei. Nur: Eine Moderatorin für einen Generationswechsel war Sundhage in Wahrheit noch nie. Schon in den USA und in Schweden sie einen solchen konsequent verweigert.

Unter Sundhages mittlerweile verstorbenem Vorgänger Vadão wurde vieles an Entwicklungsarbeit vernachlässigt. Dem Team fehlte eine Identität, die über „gib Marta den Ball“ hinausgeht und erlitt damit ein- ums andere Mal Schiffbruch. Taktisch sind aber auch unser der schwedischen Trainer-Altmeisterin, die mit ihrem geschulten Auge nachhaltige Strukturen bilden soll, keine Revolutionen zu erwarten.

Es bleibt beim 4-4-2, das schon unter Vadão gespielt wurde und das auch Sundhages präferiertes System ist. Der Vorwärtsgang wird überwiegend über die Außenbahnen eingelegt, wo es vor allem Tamires links oft nach vorne zieht. Die Mittelfeld-Außen sind üblicherweise mit Stürmerinnen besetzt, die vier Offensiv-Stellen können von den meisten Akteurinnen komplett bespielt werden. Das heißt: Debinha und Marta sind ebenso wie Ludmila auf dem Flügel ebenso daheim wie im Zentrum. Beatriz ist eher für den Strafraum eingeplant, Andressa Alves eher für die linke Seite.

Überraschend nicht im Kader ist Cristiane, Martas kongeniale Sturmpartnerin der letzten 15 Jahren. Auch einige der ganz Jungen, die beim SheBelieves Cup im Februar eine gute Figur abgegeben haben – Linksverteidigerin Tainara etwa oder Ivana Fuso, die bei Manchester United WSL-Luft schnuppern durfte – sind nicht berücksichtigt worden. Das Durchschnitts-Alter des 22-köpfigen Aufgebotes liegt bei 28,5 Jahren und niemand, der unter 26 Jahre auf dem Buckel hat, kommt ernsthaft für die Stammformation in Frage. Prognose: Ins Viertelfinale wird Brasilien schon kommen. Viel weiter vermutlich eher nicht.

China

Was China vor hat, ist schwer vorherzusagen. Das Quali-Playoff gegen Südkorea hätte man beinahe in den Sand gesetzt, es waren zwei fürchterliche Stop-and-Go-Partien ohne jeden Spielfluss, geprägt von viel Nervosität und noch mehr Ungenauigkeit. Das war sicher auch der Corona-Pause geschuldet, die China mangels Ausreisemöglichkeit noch härter getroffen hat als viele andere. Dennoch waren es die einzigen beiden Spiele, die man seit Februar 2020 gespielt hat und es gab auch keine Aufbauspiele vor Tokio.

Dennoch hat Trainer Jia Xiuquan bei der Kadernominierung keinen Stein auf dem anderen gelassen. Altgediente Routiniers (Sechser Ma Jun, Rechtsverteidigerin Lou Jiahui, Stürmerin Tang Jiali) blieben ohne ersichtlichen Anlass außer zweier unterdurchschnittlicher Playoff-Spiele unberücksichtigt, dafür kamen diverse Spielerinnen rein, die lange verletzt waren (Wang Yan und Wang Ying), eigentlich schon aufgehört haben (Verteidigerin Jin Kun, die verletzungsbedingt doch absagen musste) oder überhaupt noch nie im Kreis des Nationalteams aufgetaucht sind (Wang Yanwen, Liu Jing).

Über die Gründe dieses brutalen Schnittes lässt einen der Verband naturgemäß im Dunkeln, aber Tatsache ist, dass es den „Steel Roses“ seit Jahren massiv an der Kreativität mangelt. Das zentrale Mittelfeld ist rein nur zur Absicherung da, die Außenspieler – und da vor allem Wang Shuang, die mit deutlichem Abstand Beste ihres Teams – tragen den Ball nach vorne. Wie man von den Flügeln in gute Abschlusspositionen kommt, ist dafür wieder ein ständiger Quell chinesischer Ratlosigkeit.

Die rund 120 Millionen Euro, die Alipay in den chinesischen Frauenfußball investieren will, fließen praktisch komplett an die Basis – wenn sie das denn wirklich tun, seit der Ankündigung 2019 hört, liest und sieht man nicht mal in Werbefilmchen etwas davon – und die Liga versucht irgendwie, den Spielbetrieb am Leben zu erhalten, kommt aber letztes und dieses Jahr kaum auf mehr als zehn, zwölf Spiele im Jahr. Corona hat der chinesischen Suche nach dem Ausweg aus dem Mitläufertum einen schweren Schlag versetzt. Dazu passt, dass 2020 gerade das Team aus Wuhan nationaler Meister geworden ist. Prognose: Spielt China bei Olympia so wie im Quali-Playoff, wird man sich sogar gegen Sambia strecken müssen. Mehr als ein Durchschleichen ins Viertelfinale scheint kaum möglich.

Sambia

Drei Wochen vor Turnierstart war der sambische Verband offenbar immer noch bemüht, Geldgeber für die Reise der „Copper Queens“ nach Tokio aufzustellen. Ein Test gegen England in Stoke ist den coronabedingten Reisebeschränkungen geplatzt, ein Test in Kenia und einer in Mosambik genauso. Man behalf sich mit einem Match gegen einen heimischen Männer-Drittligisten (das man 2:0 gewann). Die Teilnahme von Sambia, völlig überraschender Sieger der afrikanischen Olympia-Qualifikation, ist nicht mit normalen Maßstäben messbar.

Sambia profitierte in der im K.o.-Modus ausgetragenen Quali davon, dass andere Teams ihnen die Favoriten aus Südafrika und Ghana aus dem Weg geräumt haben; aber im Finale gegen den WM-Achtelfinalisten Kamerun hat sich Sambia fair and square durchgesetzt – 2:3-Niederlage auswärts, 2:1-Sieg daheim, Auswärtstorregel.

Ganz so aus dem Nichts wie die Teilnahme von Simbabwe 2016 kommt jene von Sambia aber nicht. Schon beim Afrikacup 2018 zeigte das Team mit damals 20,6 Jahren Durchschnittsalter mit erstaunlich reifen und disziplinierten Defensiv-Vorstellungen auf und man nützte Abwehrfehler der Gegner gut aus, dem späteren Finalisten Südafrika rang Sambia ein 1:1 ab. Letzten Herbst gewann man einen Test in Chile mit 2:1 – ein weiteres Zeichen, dass man zumindest ein unangenehmer Gegner sein kann. Trainer Bruce Mwape, der das Team mit sehr wenigen Ressourcen seit Jahren führt, leistet offenkundig eine gute Arbeit.

Die Schwächen des Teams, selbst einen geregelten Aufbau auf die Reihe zu bekommen, werden beim Turnier in Japan wohl keine Rolle spielen. Es wird eher darum gehen, das Ausmaß der Niederlagen in Grenzen zu halten und sich in der Heimat ins Rampenlicht zu spielen. Erstmals sind die Copper Queens bei einem Weltturnier dabei, außer ihnen sind nur sechs andere Athleten aus dem südafrikanischen Land in Tokio – drei Boxer, zwei Sprinter und ein Judoka. Ein achtbares Abschneiden mit erhobenem Haupt wäre vor allem für das Standing des Frauenfußballs im eigenen Land wichtig. Prognose: Natürlich wird Sambia in der Vorrunde ausscheiden. Aber ein Punkt – am ehesten gegen China – ist womöglich nicht völlig außer Reichweite.

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Das Männer-Turnier

Die Herren sind auch in Japan vertreten und spielen um Gold, Silber und Bronze, jedoch nur mit U-24-Teams und vor allem ohne Abstellpflicht. Es wird sich also jeder über Edelmetall freuen und über ein frühes Aus ärgern, aber eine wirkliche Bedeutung im großen Weltfußball hat Olympia nicht.

Wer sind die bekannteren Spieler unter den U-24-Jährigen bzw. unter den drei älteren Akteuren, die jedes Team nominieren durfte?

Titelverteidiger Brasilien wird vom bereits 38-jährigen Dani Alves angeführt, auch Richarlison (Everton), Cunha (Hertha BSC) und Arsenals Gabriel Martinelli ist dabei. Bei Deutschland sind Max Kruse, Maxi Arnold und Nadiem Amiri dabei, die Ivorer vertrauen u.a. auf Franck Kessié von Milan und Eric Bailly von Manchester United.

Frankreich hat Mexiko-Legionär André-Pierre Gignac im Kader, Mexiko Goalie-Oldboy Guillermo Ochoa. Argentinien hat nach dem Copa-América-Titel keinen namhaften Spieler in Tokio, Saudi-Arabien will sich mit drei Schlüsselspielern aus dem A-Team (Al-Dosary, Al-Faraj und Al-Shahrani) behaupten.

Und bei Spanien sind gleich sechs Spieler in Japan, die vor zwei Wochen noch im EM-Halbfinale waren: Der wunderbare Pedri, dazu die Offensiven Olmo, Oyarzabal, die Abwehrspieler Eric Garcia und Pau Torres sowie Stammgoalie Unai Simon. Und auch zwei der Over-Age-Player sind keine Unbekannten: Marco Asensio und Dani Ceballos. Hier geht man wohl dann doch voll auf Gold.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.