Serbiens Verschiebe-Falle schnappt dreimal zu – Österreich verliert 2:3

Dem erfreulichen Auftritt gegen EM-Halbfinalist Wales ließ Österreich nun einen inhaltlich erstaunlich unbeholfenen in Serbien folgen. Die 2:3-Niederlage ist einerseits unglücklich, weil man alle drei Tore (und das auswärts) aus Gegenstößen bekommen hat. Sie ist aber auch verdient, weil man in viel zu viele Fallen, die Serbien gestellt hatte, hineingetappt ist.

Serbien - Österreich 3:2 (2:1)
Serbien – Österreich 3:2 (2:1)

Die Iren pressten bei ihrem 2:2 in Belgrad vor einem Monat voll auf die beiden Sechser und standen dahinter kompakt – so gelang es den Serben nicht, Not-Pässe nach vorne sinnvoll an den Mann zu bringen. Österreich verfolgte nun eine andere Strategie: Hier wurden die drei Innenverteidiger im serbischen 3-4-3 angegangen.

Hohe österreichische Pressing-Linie

Der Plan: So sollten die beiden Lenker im Zentrum nicht mal Bälle bekommen. Die Realität: Österreich bekam den Raum hinter dieser Pressing-Linie nicht abgedeckt. Die Folge war, dass es den Serben sehr wohl von Beginn an schon immer wieder den Ball in die vorderste Reihe zu bekommen, diesen auch zu verarbeiten und die fehlende Kompaktheit in der österreichischen Staffelung auszunützen.

Dennoch: In der Anfangsphase schaffte es Österreich durchaus, Druck auszuüben – und zwar durch das hohe Pressing zum einen und das konsequente Bespielen der Schnittstellen zwischen den serbischen Wing-Backs (Rukavina und Kolarov) und der Dreierkette. Oft wurden kleine Schwächen in der Positionierung durch agiles Passverhalten genützt und dann der Ball hinter der Abwehr vor das Tor gebracht.

Die serbische Verschiebe-Falle

Es war gegen Irland schon schön zu sehen und wurde auch in unserem Vorschau-Podcast angekündigt: Die Außenstürmer der Serben agieren oft sehr weit innen. Damit können die Sechser (in der Theorie) zwischen allen fünf Kanälen für ihre Pässe wählen (Zentrale, die beiden Halbschienen und die Außenschiene). Gegen Österreich wurde ein anderer Effekt dieser beiden Halbaußen-Stürmer deutlich – und dieser hatte katastrophale Auswirkungen auf die ÖFB-Viererkette und führte letztlich zu allen drei serbischen Toren.

Durch die enge Positionierung ist es den Halbaußen-Stürmern leicht möglich, auch ins Zentrum bzw. ins andere Halbfeld zu gehen, ohne dass die grundsätzliche Offensiv-Ordnung verloren geht. Durch verzögertes Nachrücken von hinten (v.a. durch die Wing-Backs) wurde die österreichische Viererkette verlockt, extrem weit in eine Seite zu schieben – vor allem in Umschaltsituationen, wo die Defensiv-Ordnung ohnehin ein wenig fehlt. Und das tat die österreichische Abwehr auch.

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Das 3:2 – Kostic bringt den Ball (grün) zu Tadic, der muss sich nur noch umdrehen. Wimmer steht weit innen, dahinter kommt Rukavina aus dem leeren Raum, ist eine zusätzliche Anspiel-Option für Tadic.

Mit dem Effekt, dass der Außenverteidiger in der Horizontal-Staffelung der letzte Mann im Zentrum war, als die Serben den Ball dort hin brachten. Beim 1:0 und beim 2:1 war jeweils Klein derjenige (Sabitzer bzw. Baumgartlinger kamen in letzter Instanz nicht mehr zu Mitrovic, der jeweils traf); beim 3:2 (siehe Grafik) war es Wimmer. Und jedes mal war der in diesen Umschalt-Situationen sehr offensive rechte Wing-Back Rukavina, der entweder maßgeblich beteiligt war oder (wie beim dritten Tor) erstaunlich alleine stand und im Zweifel Tadic sogar noch helfen hätte können.

Immer wieder stellte Serbien dem österreichischen Team diese Fallen, immer wieder tappten sie hinein. Verstärkt wurde dieser Effekt noch, weil Hinteregger (etwa beim 0:1) und Dragovic nicht selten aus der Position ziehen ließen bzw. im Aufbau etwas nach vorne marschierten.

Es ist eines der wirklich ärgerlichen Seiten dieses Spiels, dass Österreich im Grunde dreimal das selbe Tor kassiert hat – nämlich durch schlechte Horizontal-Staffelung.

Serbiens Umstellung nach 25 Minuten…

Bis zum serbischen 2:1 hatte Österreich mehr vom Spiel und auch deutlich mehr Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte. Nach der zweiten Führung aber  schoben die Serben weiter nach vorne – aber nicht alle, sondern nur die drei Stürmer und die beiden Sechser. Auch sie gingen den Spieleröffnung des Gegners an, und nun taten sie dies mit deutlich mehr Nachdruck.

Der Effekt auf Österreich war sofort spürbar, auch, weil (wie von Koller nach dem Spiel auch moniert) die vier Offensivkräfte einen zu großen Abstand zur Abwehrkette und den beiden zentralen Spielern aufrissen. Alaba und Baumgartlinger fanden keine vertikalen Anspielstationen mehr. Genau jenes Spiel, dass die Iren mit Serbien gespielt hatten, spielten nun die Serben mit Österreich.

So war nach dem 1:2 ein massiver Bruch im bis dahin eigentlich recht ansprechenden Spiel des ÖFB-Teams zu merken.

…und die fehlende Reaktion darauf

Österreich reagierte mit Wille und Wucht, aber auch in der Halbzeitpause kam es keine endgültige Antwort auf das effektive serbische Spiel der letzten 20 Minuten der ersten Hälfte. In dieser Phase – zwischen dem 1:2 (in der 23. Minute) und dem am Abseits vorbeigeschummelten 2:2-Ausgleich (in der 62. Minute) verzeichnete Österreich die wenigsten ernsthaften Torschüsse.

Nach diesem Ausgleich ließen die Serben vom effektiven Kappen der österreichischen Mannschaftsteile ab – und sofort kam Österreich wieder vermehrt dazu, über die Schnittstellen zwischen Wing-Back und Dreierkette in den Rücken der serbischen Abwehr bzw. über die Seiten in den Strafraum zu kommen.

Die im Zwischenlinienraum lauernden serbischen Angreifer aber blieben ein ständiger Gefahrenherd, eben auch durch ihre Fähigkeit, die österreichische Kette auf dem Feld herumzuschieben bzw. sie nach ihren Vorstellungen zu formen. So kam dann auch das 3:2 zu Stande.

Möglichkeiten, personell mehr zu verändern als Schöpf für Junuzovic zu bringen, hatte Koller durch zwei verletzungsbedingte Wechsel (erst Baumgartlinger, dann Dragovic) nicht mehr – und die Variante Brechstange am Ende verursachte bei den Serben kein allzu großes Schwitzen mehr. Obwohl das ÖFB-Team tatsächlich bis zum Schlusspfiff alles versuchte, um noch irgendwie diesen dritten Ausgleich zu schaffen.

Fazit: Ärgerlich und verdient zugleich

Erstmals seit fast auf den Tag genau drei Jahren (und dem 1:2 in Stockholm) verliert Österreich wieder ein Qualifikations-Spiel. Das ist zum einen unglücklich, weil es genügend Chancen gab, zumindest ein Remis zu holen. Das ist zum anderen aber auch hochverdient, weil es die Serben mit einem einzigen Trick schafften, Österreichs Defensive auszuhebeln. Das ÖFB-Team bekam weder die vertikale noch die horizontale Staffelung wirklich hin, und die Serben nützten dies eiskalt aus.

Damit hat Serbien und Teamchef Slavoljub Muslin gezeigt, dass man zwar von der individuelle Klasse längst nicht mit vergangenen serbischen Teams mithalten kann – aber (und das wurde gegen Irland noch nicht deutlich) einen sehr intelligenten Fußball zu Spielen imstande ist. Und dieses 3:2 war eindeutig ein Sieg der clevereren Mannschaft.

Natürlich ist mit diesem 2:3 noch nichts verloren, gegen Serbien werden es auch die anderen noch schwer haben und Wales hat sogar daheim gegen Georgien nur einen Punkt geholt. Die übergeordnete Erkenntnis ist, dass Österreich gegen Wales die inhaltlich beste Leistung des Jahres abliefert und nur drei Tage später in alle Fallen hinein steigt, die Serbien so ausgelegt hat.

Diese inhaltlichen Schwankungen gefährden die Hoffnung auf einen Platz bei der WM in Russland deutlich mehr als eine Niederlage in Belgrad.

Tom startet hier eine Diskussion darüber, wie er das ÖFB-Team in Zukunft gerne spielen sehen würde.

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Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.