1:3 gegen die Fiorentina: Die Luft für Milan-Coach Allegri wird dünner

Was ist nur mit dem AC Milan los? In dieser Saison läuft es überhaupt nicht für die Rossoneri, und beim 1:3 gegen die Fiorentina wurde auch recht deutlich, warum. Während man in Florenz wieder zum Europacup anklopft. Ein Höhenflug, der auch mit „Aeroplanino“ Montella auf der Trainerbank zusammen hängt.

AC Milan – AC Fiorentina 1:3

Fünf der elf Liga-Spiele verloren, in der Champions League ist der Einzug ins Achtelfinale auch noch lange nicht geschafft – nach dem Abgang von Zlatan Ibrahimovic und Thiago Silva im Sommer zu PSG erlebt Milan einen Horror-Herbst. Und im Spiel gegen das sich auf dem Weg nach oben befindende Team der Fiorentina zeigte einige Gründe recht deutlich auf.

Milan: Vor allem Außen gibt’s Probleme

Trainer Max Allegri stellte in dieser Saison sein System um. Aus dem typisch italienischen 4-3-1-2 wurde ein 4-2-3-1. Was aber weniger mit Zlatan oder Thiago Silva zu tun hat. Sondern viel eher ein Zugeständnis an die Tatsache sein dürfte, dass Allegri einfach keine Außenverteidiger zur Verfügung hat, die gut sind, die Aufgaben auf den Flanken alleine zu schultern. Abate und Antonini sind das nicht, Constant schon mal gar nicht, und Mattia de Sciglio hat zwar Potenzial, ihm fehlt es mit seinen 20 Jahren (für italienische Verhältnisse also tatsächlich einer aus der Krabbelgruppe) ziemlich an Erfahrung auf höchstem Level.

So teilt er die Aufgaben auf den Außen nun auf jeweils zwei Spieler auf. Das funktioniert aber nicht wirklich, weil es Allegri auch im November noch nicht gelungen ist, eine passende Balance zu finden. Auf der rechten Seite war De Sciglio wirklich bemüht, etwas nach vorne zu machen; der schwache Emauelson war aber keinerlei Hilfe und die geschickte Abwehrarbeit der Fiorentina machte es ihm zusätzlich schwer.

Und auf der linken Seite ist Kevin Constant schlicht und einfach heillos überfordert. Im Positionsspiel – er ließ sich von Cuadrado weit nach vorne ziehen, was es seinen Gegenspielern Ljajic und Aquilani erlaubte, permanent in seinem Rücken die Schnittstelle zwischen Constant und Bonera zu bearbeiten. Im Abwehrverhalten – nicht nur einmal wirkte er überhastet und ließ die Übersicht vermissen, wie bei einem völlig unnötig von ihm verursachten Eckball nach rund einer Viertelstunde oder bei Cassanis Pfostenschuss in der Schlussphase. Und im Spielaufbau – mehr als lange Bälle in die grobe Richtung von Mitspielern war kaum zu sehen.

Mit Montella zurück nach vorn

Die großen Probleme von Milan hingen aber natürlich auch mit der Spielweise der Fiorentina zusammen. Nachdem Cesare Prandelli die Viola vor zwei Jahren verlassen hatte und die Squadra Azzurra übernahm, fiel der Champions-League-Achtelfinalist von 2010 unter Sinisa Mihajlovic fast ins Bodenlose; mit Vincenzo Montella allerdings und einigen interessanten bis aufregenden Spielern ist man nun auf bestem Weg zurück ins internationale Geschäft.

„Aeroplanino“ Montella, mittlerweile 38 Jahre alt und zu seiner aktiven Zeit legendärer Stürmer bei der Roma, holte schon aus Catania mehr heraus, als zu erwarten war, und setzt seinen Lauf nun Fort. Er lässt in einem System spielen, das am Ehesen mit 3-1-4-1-1 zu beschreiben ist. Prunkstück ist das zentrale Mittelfeld, in dem Montella gleich drei potentielle Spielmacher versammelt: David Pizarro agiert als Sechser vor der Dreierkette, Alberto Aquilani flankiert ihn rechts, Borja Valero links. Davor presste Adem Ljajic alles an, was sich bewegte und Altmeister Luca Toni lauert vorne auf die Zuspiele.

Fiorentina: Aufmerksam und mit dezentem Pressing

Der Clou der Fiorentina – die ohne den an einem Muskelfaserriss laborierenden Offensiv-Allrounder Stefan Jovetic auskommen musste – lag darin, dass man gleich in den Anfangsminuten im Mittelfeld extrem aufmerksam agierte, sehr gedankenschnell war und jeden Pass von Milan abfing, der nicht punktgenau ankam. Daraufhin wurde blitzschnell auf Offensive umgeschaltet. Die Folge: Milan konnte nicht noch kein eigenes Spiel aufziehen, sondern war auch noch permanent damit beschäftigt, hinten nichts anbrennen zu lassen. Das gelang nur zehn Minuten, ehe Aquilani nach einer Hereingabe von der rechten Seite (jener von Constant, eh klar) zum 1:0 traf.

Das ganz wilde Dazwischenlaufen wurde danach zwar eingestellt, was aber nicht heißt, dass man Milan einfach gewähren ließ. Es wurde immer noch darauf geachtet, dass der Ballführende wenig Zeit hat und im Mittelfeld bewegten sich zumeist zwei Fiorentina-Spieler frontal auf den Gegenspieler mit dem Ball zu – kein brutales Pressing, aber dezent und wirkungsvoll. So hatte Milan zwar immer die Option, quer zu spielen, aber wollten die Mailänder nach vorne, blieb nur der lange Ball. Mit dem die Fiorentina-Defensive keine Probleme hatten. Vom dämlichen Rempler Roncaglias an Pato mal abgesehen, aber Pato verschoss den fälligen Elfmeter nach einer halben Stunde ohnehin.

Nicht, dass die Fiorentina eine offensive Gala-Vorstellung lieferte oder auch nur ein Aufbauspiel auf höherem internationalen Niveau zeigte. Auch die Violetten begingen diverse billige Fehler im Spiel nach vorne. Aber man konnte sich auf gelegentliche Schlafmützigkeiten in der Milan-Abwehr verlassen. Noch vor der Pause winkten Montolivo und Mexès nach einem Einwurf Valero praktisch zum 2:0 durch.

Nur El Shaarawy zeigt Tatendrang

Das Offensiv-Quartett von Milan war weitgehend abgemeldet, weil sich Montolivo und Ambrosini oft mit den sich geschickt zurück fallen lassenden Ljajic und Toni herumschlagen mussten, sich der vom zentralen Fiorentina-Trio abgeschirmte Boateng schlecht bewegte und Emanuelson gegen die Doppel- und Dreifach-Behandlung von Pasqual, Savic und zuweilen auch Valero einfach überhaupt keinen Stich machte. Einzig El Shaarawy zeigte echten Tatendrang, ging in die Zweikämpfe, hatte Zug zum Tor. Aber einer alleine reicht da natürlich nicht.

So nahm Allegri in der Halbzeit Pato und Emanuelson raus und brachte dafür Pazzini (für ganz vorne) und Bojan Krkic (der auf die Zehn ging, Boateng dafür auf den rechten Flügel). Am Bild des Spiels änderte das aber nichts – Milan war weiterhin vor allem auf lange Bälle angewiesen. Erst ein Geniestreich von Mexès, der nach einem Standard per Ferse den Pfosten traf und Pazzini zum 1:2 abstaubte, brachte Milan Hoffnung.

Ruhe gegen das Ausfransen

Schlussphase

Mit zunehmender Spieldauer zeigte das laufintensive Spiel der Fiorentina zunehmend Wirkung und die Defensiv-Strategie franste zusehens aus. Das ermöglichte es Milan ab etwa der 70. Minute, sich vor dem Strafraum festzusetzen, anstatt wie zuvor zehn, fünfzehn Meter in der gegnerischen Hälfte festgesetzt zu werden. Es ergaben sich Räume im Rücken von Valero und Matías Fernández – Letzterer war für den ausschlussgefährdeten Aqualani gekommen, ließ aber dessen defensive Aufmerksamkeit vermissen.

Das merkten Pizarro und Valero. Diese beiden übernahmen nun das Kommando und verschleppten das Tempo. Dabei kam den beiden ihre unglaubliche Ruhe am Ball zu Gute. Auch El Hamdaoui (statt Ljajic gekommen) ging nicht mehr um jeden Preis Richtung Tor, sondern war vor allem auf Ballkontrolle bedacht.

Allegri packte für die Schlussphase die Brechstange aus – die Kontrolle über das Spiel und das Tempo hatte Milan schnell wieder aus der Hand gegeben, so warf Allegri mit Robinho einen weiteren Offensiven in die Schlacht und hoffte mit einem 4-2-4 noch auf den Lucky Punch. Doch anstatt zum Ausgleich zu kommen, nützte El Hamdaoui die Verletzung von Innenverteidiger Bonera (der schon vor der Pause nach einem Foul an Toni ausgeschlossen werden hätte müssen und sich die letzten zehn Minuten mit einer Zerrung über den Platz schleppte) und versenkte aus seinem Freiraum von der Strafraumgrenze zum 3:1. Das war’s.

Fazit: Milan ist zu Recht weit weg von der Spitze

Es ist kein Zufall, dass Milan nur auf Platz 13 liegt. Das Teamgefüge wirkt komplett off, die Mannschafsteile harmonieren nicht. Manche Spieler legen eine demonstrative Lustlosigkeit an den Tag (Boateng), andere verstecken sich komplett (Emanuelson), die Außenverteidiger genügen höheren Ansprüchen nicht, die fehlende Bewegung in die freien Räume macht einen Aufbau schwierig bis unmöglich.

Das wirklich Bedenkliche aus Sicht von Milan ist, dass all das nur am Rande mit den Abgängen von Zlatan und Thiago Silva zu tun hat. Ja, bei Standards fehlte Thiagos Übersicht, das sah zuweilen erschreckend hilflos aus. Und ja, ohne Zweifel fehlen Ibrahimovic‘ exzellente Laufwege und seine herausragenden Fähigkeiten, was das Halten den Balls angeht, ganz enorm. Aber es kann nicht sein, dass von allen Offensivspielern nur der 20-jährige El Shaarawy nicht lust- und planlos über den Platz schleicht.

Auf der anderen Seite muss hat Vincenzo Montella seiner Fiorentina aber auch die richtige Taktik mit auf den Weg gegeben, um genau diese Schwächen der Milanisti anzubohren und das Spielgeschehen damit zu kontrollieren. Für das erste und vor allem das zweite Tor wurden zwar in erster Linie Abwehrfehler genützt – aber man hielt Milan gut in Schach.

Und wenn man bedenkt, dass die Viola auch noch Stefan Jovetic in der Hinterhand hat, ist der vierte Tabellen-Platz hier auch alles andere als Zufall.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.