Von den eigenen Waffen in Schach gehalten – Österreich nur 0:0 in Astana

Aggressives Pressing gegen die Spieleröffnung, blitzschnelles Umschalten – aber wenige echte, eigene Ideen im Aufbau und ohne die große Gefahr vorm gegnerischen Tor. Was wie Österreich klingt, beschreibt aber Kasachstan. Und damit gelang es dem Außenseiter, die Österreicher in Schach zu halten und ein 0:0 zu holen. Das Team von Marcel Koller zeigte in Astana die befürchteten Schwächen, wenn es selbst das Spiel gestalten muss.

Kasachstan – Österreich 0:0

Das Pressing und das Umschalten nach Ballgewinn funktioniert bei Österreich schon sehr ansprechend, wie die tolle Leistung gegen Deutschland gezeigt hat. Nur: Das alles hilft einem natürlich gar nichts, wenn man selbst den Ball hat. Dass hierin, nämlich im eigenen Aufziehen des Spiels, die größte Baustelle im ÖFB-Team liegt, auch nach einem Jahr Marcel Koller, hat das gar nicht berauschende 0:0 gegen arg passive Rumänen im Juni gezeigt.

„Man kann zumindest schon mal ohne ganz großes Bauchweh in das erste WM-Quali-Spiel gegen Deutschland gehen, da wird man das Spiel nicht selbst machen müssen. Dann allerdings, beim Doppel in bzw. gegen Kasachstan im Oktober, sind gute Laufwege ohne Ball zum Löcher reißen schon eher gefragt.“

So blickten wir nach dem Rumänien-Spiel auf die ersten Partien der WM-Quali. Dass es Probleme in Astana geben würde, konnte man da schon erahnen. Mit den Laufwegen zum Löcher reißen hatten diese allerdings nur sekundär zu tun.

Kasachstan – keine Über-Truppe, aber in exzellent eingestelltes Kollektiv

Dass die Kasachen von Teamchef Miroslav Beranek eine sehr ungut zu spielende Mannschaft sind, ist nicht neu. Irland etwa war vor einem Monat bis Minute 88 sogar 0:1 hinten, gewann aber noch. Sie sind natürlich keine Welteroberer. Aber eine ausgezeichnet eingestellte Mannschaft mit einer klaren taktischen Marschroute und einem die Vorgaben diszipliniert umsetzenden Kollektiv sind sie sehr wohl.

Die drei Hauptattribute der Kasachen: Zum einen das ziemlich heftige Offensiv-Pressing gegen die österreichische Spieleröffnung. Vor allem die beiden Stürmer prellten gerade in der Anfangsphase auf Prödl, Pogatetz und Almer zu, dass diese sichtlich gehetzt wirkten. Auch die Mittelfeld-Außen beteiligten sich daran, Garics und Fuchs möglichst wenig Zeit am Ball zu lassen.

Für die Punkte zwei und drei waren die beiden zentralen Mittelfeld-Spieler hauptverantwortlich. Nämlich das blitzschnelle Umschalten von Defensive auf Offensive nach Ballgewinn – die beiden Routiniers Anatoli Bogdanov (eher defensiv) und Valeri Korobkin (eher offensiv) verstanden es hervorragend, auf dem schnellen Kunstrasen die Offensiv-Spieler flink in die Löcher zu schicken.

Und, drittens, spielten Bogdanov und Korobkin sehr aggressiv gegen Baumgartlinger und (vor allem) Kavlak. Das hatte zur Folge, dass es dem österreichischen Zentrum nie wirklich gelang, sich durch die Mitte nach vorne zu spielen. Die Folge: Junuzovic lief zwar viel, sah aber oft nur dann den Ball, wenn er sich in Richtung der Flanken, vornehmlich der rechten, orientierte.

ÖFB-Innenverteidiger müssen zu weit zusammen bleiben

Was den Kasachen zusätzlich in die Karten spielte, war die Tatsache, dass sich aus der defensiven Zentrale der Österreicher Baumgartlinger (der gegenüber Kavlak den defensiveren Part hatte) nicht weit genug fallen ließ, um den Innenverteidigern Prödl und Pogatetz das auseinander schieben zu ermöglichen. So mussten diese beiden immer relativ weit zusammen bleiben, was ein ziemliches Loch zum ballentfernten Außenverteidiger zur Folge hatte.

Österreich machte sich die Spieleröffnung, neben dem guten Stören der Kasachen, also noch zusätzlich selbst schwer. Bälle nach vorne stießen schnell an die Wand im kasachischen Zentrum, Fuchs wurde ignoriert (dazu später mehr), und die Passwege zu Garics und Arnautovic waren oftmals zu groß, um die beiden steil genug für schnelle Vorstöße anspielen zu können.

Rechte Seite ausrechenbar, linke Seite ignoriert

In der Anfangsphase wurde das mit einer sehr tiefen Positionierung von Arnautovic zu umspielen versucht, vor dem Garics steil startete, Arnautovic diesen per Kavlak schickte und selbst hinterherging, um zu überlappen. Das durchschauten die Kasachen allerdings schnell und unterbanden das geschickt. Die Folge: Arnautovic positionierte sich alsbald recht hoch.

Die linke Seite mit Fuchs und Ivanschitz wurde hingegen seltsamerweise komplett ignoriert. Man könnte vor allem Fuchs nicht mal ein schlechtes Spiel ankreiden, nein, er bekam einfach nie den Ball zugespielt. Die einzigen zwei Ausnahmen in der ersten Hälfte bedeuteten beide Male sofort Torgefahr vor dem kasachischen Gehäuse. Fuchs wird sich wohl seinen Teil gedacht haben, blieb aber diszipliniert an der Außenlinie, um nicht Ulan Konisbajev die Außenbahn zu überlassen. Ivanschitz rückte mit Fortdauer des Spiels immer mehr ein, um mehr Bälle zu bekommen, blieb aber ohne Akzente.

Passive AV nicht angebohrt, Standards zu schwach

So aggressiv die sechs Kasachen vorne auftraten, so passiv stellten sich vor allem die Außenverteidiger Kirov und Nurdauletov an. Beide machten so gut wie überhaupt nichts nach vorne und rückten defensiv recht früh ein, um den Strafraum zu bewachen. Das hätte viel Platz für Arnautovic und Fuchs gegeben, doch wurde viel zu selten auch tatsächlich in diesen Raum gespielt, um Flanken ins Zentrum zu brigen – obwohl diese, wenn sie denn kamen, zumeist brandgefährlich waren. Dass im Zentrum Martin Harnik eine ausnehmend unglückliche Figur abgab, half freilich nicht. Dennoch kam er zu zwei, drei wirklich guten Chancen.

Allerdings nur aus dem Spiel heraus. Die Standardsituationen wurden beim ÖFB-Team in einer frustrierenden Regelmäßigkeit einfach nur einfallslos vor das Tor gebolzt, mit kaum nennenswerten Varianten und dem immer gleichen Ergebnis – nämlich dem, dass das kasachische Team problemlos klären konnte. Bälle ins Gewühl vor dem Tor brachten nichts, das nötige Tempo in die Angriffe, um vor Torhüter Sidelnikov Situationen ohne Gewühl herzustellen, fehlte komplett.

Auch Umstellungen helfen nicht

Schlussphase: Kasachstan fand nun in der Zentrale etwas gar viel Platz zum Kontern vor

Nach rund einer Stunde rotierte Marcel Koller durch. Baumgartlinger ging raus, dafür rückte Kavlak von der Acht auf die Sechs, Junuzovic von der Zehn auf die Acht, Harnik spielte nun hängende Spitze und der eingewechselte Janko agierte an vorderster Front. Der Gedanke dahinter war klar: Mit Janko einen Anspielpunkt vorne haben, mit Junuzovic – der zuletzt als starker Sechser der mit Abstand Konstanteste in einer recht unkonstanten Bremer Mannschaft war – zusätzlich gute Bälle mit Übersicht aus der Tiefe heraus.

Allerdings hatte genau diese Rochade im Mittelfeld einen eher gegenteiligen Effekt. Weil sich Junuzovic angesichts des Spielstands – es musste ja ein Tor her und Kasachstan stand nun relativ tief – eher nach vorne orientierte, stand nun Kavlak de facto alleine in der defensiven Zentrale gegen die aggressiven und schnell umschaltenden Korobkin und Bogdanov. Die Folge war, dass die Kasachen nun ein relativ entblößtes österreichisches Mittelfeld vorfanden, durch das sie hervorragend Kontern konnten. Letztlich also ein Wechsel, mit dem Koller wohl mehr eingerissen statt geschaffen hat.

Alleine, vor dem Tor von Robert Almer (der hervorragend spielte: sicher im Entschärfen von brenzligen Situationen und immer bemüht, das Spiel schnell zu machen) ging den Kasachen die Klasse aus. Die Wechsel von Jantscher (für Ivanschitz) und Weimann (der statt Harnik ins Spiel kam, sein Debüt feierte) waren letztlich ohne Konsequenz.

Fazit: Das ÖFB-Team kann weiterhin kein Spiel selbst machen

Das 0:0 beim designierten Gruppen-Fünften ist natürlich ein enttäuschendes Resultat und die Leistung war alles andere als berauschend. Es fällt aber durchaus auf, dass Österreich unter Koller dreimal selbst das Spiel machen musste (gegen Finnland, gegen Rumänien und nun in Kasachstan), und dabei zweimal auf keinen grünen Zweig kam. Was nichts anderes heißt als: Österreich kann weiterhin kein Spiel selbst gestalten und einen gut stehenden Gegner knacken.

Und trotzdem wären genug Chancen da gewesen, um auch diesen Spiel sicher mit 2:0 zu gewinnen. Aber es wurde auch deutlich, dass man es überhaupt nicht gewohnt ist, selbst angepresst zu werden, noch dazu von einem auf dem Papier unterlegenen Gegner. Sprich: Genau jenes Spiel, dass den Deutschen in Wien so große Probleme bereitet hatte, stellte nun die Österreicher in Astana vor Schwierigkeiten.

Man darf aber nicht den Fehler machen, alles nur auf vermeintliche oder tatsächliche Unfähigkeit seitens der Österreicher zu schieben. Man muss einfach auch anerkennen, dass die Kasachen das im Rahmen ihrer Möglichkeiten exzellent gemacht haben: Gut gepresst, schnell umgeschaltet, ihre taktische Linie durchziehend. Das muss man genauso wenig schön finden wie das allzu offensichtliche Zeitschinden gegen Ende. Zeigt aber, dass diese Mannschaft beileibe kein Fallobst ist.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.