Reality Check für Polen, verdienter Sieg für Russland

EURO 2012 / Tag 1 | Die Russen machen’s nicht ungeschickt. Kräfte eher ein wenig sparen und, wie beim 4:1-Sieg zum Start in die EM gegen Tschechien, die Post nur in ausgewählten Aktionen abgehen lassen – dort aber so richtig. Beim Gastgeber Polen ging die Post nur eine Viertelstunde lang ab. Dann verlor man gegen Griechenland den Faden und letztlich sogar fast noch das Spiel…

Russland - Tschechien 4:1 (2:0)

Sie sind zur Ausnahme geworden, die Teams, die zu einem großen Teil von einem einzelnen Spieler abhängig sind. Die Tschechen aber sind so eine Mannschaft: Tomáš Rosický ausgenommen, ist das tschechische Team Anno 2012 eine recht gesichtslose Truppe, der es an der individuellen Klasse fehlt. Umso größer war die Erleichterung, dass der Mann von Arsenal doch noch rechtzeitig fit geworden ist. Oder zumindest fit genug, um dabei zu sein.

Gerenell ist bei den Tschechen das Zentrum das Prunkstück. Nicht nur wegen Rosický, sondern auch wegen Jaroslav Plašil: War er in der Vergangenheit oft am Flügel zu finden, stellt ihn Teamchef Michal Bilek als tief stehenden Sechser auf, der die Bälle verteilt. Zwischen Plašil und Rosický war dann noch Petr Jiráček zu finden, der etwas hinter Rosický versetzt ebenso viel vertikal verschob. Mit dieser gesunden Mischung aus Energie (Jiráček), Technik (Rosický) und Übersicht (Plašil) hielt man das russische Dreier-Mittelfeld zunächst gut in Schach.

Ab durch die Schnittstelle

Was auch an Theo Gebre Selassie lag. Der Rechtsverteidiger mit dem typisch tschechischen Namen nützte die zuweilen recht zentrale Positionierung von Arshavin aus um einiges an Betrieb nach vorne zu veranstalten. Gefährlich wurden die Tschechen in dieser Phase zwar nicht, aber es gelang zumindest, die Russen vom eigenen Strafraum fernzuhalten.

Die Strategie im Spiel nach vorne bei den Russen war hingegen ebenso simpel wie erfolgreich: Schnelles Umschalten nach Ballgewinn, und vor allem: Mit so wenigen Pässen wie möglich vor das gegnerische Tor zu kommen. Hoch wurde dabei gar nicht gespielt – sondern praktisch alles flach und vor allem mit einer ganz klaren Stoßrichtung: Ab durch die Schnittstellen zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger. Fast immer, wenn mehrere Russen auf Čech zuliefen, kam der Pass zwischen Sivok und Kadlec bzw. zwischen Hubník und Gebre Selassie durch. Was möglich war, weil Kershakov innen immer zumindest einen Innenverteidiger auf sich zog und der entsprechende Außenverteidiger im Zustellen des entstehenden Raumes den russischen Gegenspieler im Rücken aus den Augen verlor. So stand’s schnell 2:0, ohne dass die Russen viel für das Spiel gemacht hätten.

Rosickýs Bindung zum Spiel gekappt

Die Tschechen blieben zwar auch in der Folge das Team mit mehr Ballbesitz, aber weil sich Rosický innerhalb des russischen Mittelfeld-Dreiecks immer mehr aufrieb, war von ihm immer weniger zu sehen. Jiráček merkte das zwar und versuchte, durch höhere Positionierung Rosickýs fehlende Bindung zum Spiel auszugleichen, aber es gelang nicht, Zugriff auf den Strafraum zu bekommen. Baroš konnte seine Tempo-Vorteile gegenüber Ignashevich und Beresutski nie ausspielen.

Im Gegenteil: Immer mehr gelang es dem russischen Mittelfeld-Trio, das fehlen eines Tacklers im tschechischen Mittelfeld auszunützen und mit schnellem Ausschwärmen der Offensiv-Spieler – also der der Angreifer plus einem aus dem Mittelfeld – die tschechische Abwehr immer wieder in 4-gegen-4-Situationen zu verwickeln und damit schwer in Verlegenheit zu bringen.

Sicherung im Mittelfeld, aber hinten bleibt’s problematisch

Bilek erkannte das Problem und brachte mit Tomáš Hübschmann einen echten, gelernten Sechser statt des auf der rechten Flanke eher glücklosen Rezek. Das hatte den Effekt – auch nach dem Anschlusstreffer durch Pilař – dass die Tschechen im Zentrum zunächst etwas sicherer standen, es aber Rosický immer mehr an Unterstützung im Spiel nach vorne Fehler. Im Laufe der zweiten Hälfte tauchte er immer mehr unter, war fast unsichtbar. Womit seine Mannschaft im Spiel nach vorne ein ziemliches Problem hatte.

Anders als die Russen. Sie stießen weiterhin nach Ballgewinn schnell vor und durch die starken Laufwegen von Kershakov war in der tschechischen Innenverteidigung (die mit Hubník und Sivok auch nicht gerade auf internationalem Niveau besetzt ist) ständig Chaos. Mit den permanenten Schnittstellen-Pässen wurde das Duo zusätzlich zermürbt. Das ermöglichte Kershakov einige gute Möglichkeiten, die er aber allesamt recht fahrlässig vernebelte; was schade ist, denn seine Leistung an sich war ansprechend.

Die Russen schafften es gut, die Tschechen kein Tempo aufnehmen zu lassen und schonten so letztlich auch ihre eigenen. Ehe es in der Schlussphase noch zweimal gelang, die tschechische Abwehr auszuhebeln: Erst mit einem starken Steilpass auf Dzagoyev, dann mit einer starken Einzelleistung des eingewechselten Pavlyuchenko.

Fazit: Ohne große Anstrengung zum 4:1

Die Russen haben eigentlich alles richtig gemacht: Das Tempo des Spiels kontrolliert und nach dem 2:0 niedrig gehalten, somit die Kräfte nicht überansprucht und dennoch die Schwächen des Gegners gnadenlos angebohrt und letztlich klar mit 4:1 gewonnen.

Bei den Tschechen darf es durchaus für Kopfschmerzen sorgen, wie sehr die Mannschaft von Rosický abhängig ist und wie sehr sie in der Luft hängt, wenn der Mann von Arsenal vom Gegner aus dem Spiel genommen wird. Was übrig bleibt ist, wie erwähnt, eine etwas konturlose Mannschaft ohne echten Plan, wie man einen Gegner von der Klasse der Russen aushebeln kann.

Wo ist der Gastgeber aus Polen am Stärksten? Natürlich über die rechte Seite mit den Dortmunder Meister-Kickern Piszczek und Błaszczykowski. Umso erstaunlicher, wie sehr die Griechen diese Seite defensiv zunächst offen ließen! In das Eröffnungsspiel dieser Europameisterschaft startete der Champion von 2004 mit einem 4-3-3, in dem Linksaußen Giorgios Samaras sehr hoch stand und hinter ihm José Holebas (einer von drei „Deutschen“ auf dem Feld, neben Boenisch und Polanski bei den Polen) die Aufgabe überließ, mit dem Power-Duo der Borussia alleine fertig zu werden.

Polen - Griechenland 1:1 (1:0)

Wenig überraschend war der schmächtige Holebas mit den beiden, die immer wieder auf ihn zukamen, heillos überfordert und die Polen dominierten das Spiel über die rechte Seite. Auch deshalb, weil vor allem Holebas zu billigen Abspielfehlern neigte. Das Umschalten bei den Polen klappte schnell, und immer wieder wurde Lewandowski in der Mitte bedient. Das 1:0 nach einer Viertelstunde – Błaszczykowski schickt Piszczek, dessen Flanke landet bei Lewandowski – hatte sich abgezeichnet.

Schwachstelle Boenisch

So stark beim Gastgeber die rechte Seite war, so überschaubar waren die Bemühungen auf der linken. Sebastian Boenisch, der als Linksverteidiger aufgestellt war, lieferte eine zuweilien grausame Vorstellung ab. Er war nur damit beschäftigt, die Kreise des keineswegs überragenden Ninis einzuengen – was ihm auch nicht gelang, und er nur das Glück hatte, dass die Flanken von Ninis auch schwach waren. Maciej Rybus vor ihm musste viel alleine machen.

Die Polen müssen sich aber nicht nur vorwerfen lassen, aus den vorhandenen Chancen nicht das zweite und das dritte Tor nachgelegt zu haben, sondern danach auch Spiel aus der Hand gleiten lassen zu haben. Hier muss vor allem die Mittelfeld-Zentrale erwähnt werden: Murawski und Polanski brachten im Spiel nach vorne sehr wenig und das merkten die Griechen dann auch. Vor allem Maniatis auf der halbrechten Position stellte sein Positionsspiel entsprechend um.

Griechen langsam und unkreativ

War er zuvor noch eher ziellos aufgerückt und zwischen Ninis und Gekas eine verschmähte Option gewesen, beschäftigte der mit Abstand jüngste und beweglichste Grieche im Zentrum dann vermehrt Murawski. Seinen Vorwärtsdrang vermissten die Polen in der Folge, weil Polanski keine Kreativität zeigte.

Freilich: Genau diese Kreativität ging bei Griechenland komplett ab. Mehr als lange Bälle in die grobe Richtung von Samaras und Gekas gab es kaum, die Flanken von Ninis waren nicht der Rede wert, das Zentrum machte zwar gut Druck, aber verlangsamte eigene Angriffe zumeist und legte den Rückwärtsgang ein. Der (völlig überzogene) Ausschluss von Sokratis Papastathopoulos und die Änderung, die Greichenlands Teamchef Fernando Santos für die zweite Hälfte vornahm, zeigten allerdings Wirkung.

Gute Änderungen von Santos

Santos ersetzte Ninis durch Salpingidis. Er hatte natürlich erkannt, dass Boenisch die ganz große Schwachstelle in der polnischen Defensive ist, und wollte die durch den gelernten Stürmer Salpingidis vermehrt anbohren. Was der Mann von PAOK auch sehr geschickt machte, auch unterstützt von Mainatis im Mittelfeld. Dieser hat das Auge für schnelle Pässe in den Lauf. Das kam in der ersten Halbzeit nicht zur Geltung, weil niemand da war, den Maniatis schicken hätte können. Doch nun erwischten Manaitis und Salpingidis Boenisch ein ums andere mal auf dem falschen Fuß, sodass sich im Rücken von Boenisch die Griechen gut ausbreiten konnten. Auf diese Weise fiel das 1:1 wenige Minuten nach Wiederanpfiff.

Was den Griechen erlaubte, aus dem eher risikoreichen 4-2-3 in den Minuten zwischen Ausschluss und Ausgleich ein 4-4-1 machen zu können, in dem sich die Flügelspieler Samaras und Salpindigis zurückzogen. Darauf reagierten die Polen nicht besonders intelligent: Błaszczykowski zog immer mehr ins Zentrum und ließ Piszczek die Flanke alleine zur Bearbeitung. Das klappte aber nicht, weil Samaras defensiv nur deutlich mehr tat und somit auch Holebas Sicherheit verlieh. Piszczek alleine konnte das nicht aushebeln, und im Zentrum war Błaszczykowski verschenkt.

Polen immer schwächer

Ehe es in der 68. Minute einmal mehr Boenisch war, der weiteres Unheil für seine Mannschaft anrichtete. Bei einem Pass in den Rücken der Viererkette war es Boenisch, der die Abseitsfalle komplett verschlief, Salpingidis somit in eine reguläre Position stellte und dem polnischen Goalie Szczęsny nichts anderes übrig blieb, als den Griechen zu legen. Klares Foul, klare Torchance verhindert – und damit klarerweise die rote Karte. Der Keeper von Arsenal wusste, was los war, und begab sich ohne zu protestieren vom Feld.

Dass sein Ersatzmann Przemysław Tytoń den Elfmeter von Karagounis parierte, hielt die Polen im Spiel – denn angesichts der Tatsache, wie sie das Spiel ab der 20. Minute aus der Hand gegeben hatten, wären sie wohl kaum wieder zurückgekommen. Die Abstände zwischen Verteidigung und Mittelfeld waren nun oft viel zu groß, die griechischen Angreifer konnten sich dort genüsslich breitmachen. Zusammenhängende Aktionen gab es kaum noch, Lewandowski war kaum im Spiel – und auch von der Bank kamen keine Impulse. Der erzwungene Wechsel von Tytoń (für Rybus) war der einzige, den der polnische Teamchef Smuda während der gesamten Partie vornahm.

Fazit: Zumindest ist noch nichts verloren

Spannend war das Spiel, keine Frage. Aber hohe Qualität hatte es über weite Strecken nicht zu bieten: Das Aufbauspiel war langsam, baute praktisch nur auf die Eingespieltheit der Dortmund-Connection (bei den Polen) bzw. auf lange Bälle (bei den Griechen). Der Gastgeber hätte das Spiel klar gewinnen müssen, ließ sich von den leichten Adjustierungen beim Gegner aber aus dem Konzept bringen.

Dabei waren die Hauptfaktoren sicherlich zum einen die fehlende Eingespieltheit in einer doch eher bunt aus Polen, Deutschen und Franzosen zusammen gewürfelten Mannschaft – und natürlich die enorme nervliche Belastung einem EM-Spiels im eigenen Land. Die höhere Qualität haben zweifellos dennoch die Polen, und mit dem Remis ist zumindest noch nicht allzu viel in Scherben.

Aber nun wartet mit Russland die mit sehr viel Abstand beste Mannschaft der Gruppe.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.