3:1 bei Real Madrid – Barcelona hält den Anschluss an die Spitze

Nur 21 Sekunden dauerte es, ehe Real im Herbst-Clasico der Primera Division in Front ging. Und doch jubelten am Ende wieder die Katalanen. Weil es das Team von Pep Guardiola einmal mehr verstand, mit hoher Flexibilität auf Real zu reagieren. Und, weil die Madrilenen ihr Pressing nicht aufrecht erhielten.

Real Madrid - FC Barcelona 1:3

De facto lag Barcelona vor diesem Spiel sechs Punkte hinter dem Dauerrivalen aus der spanischen Hauptstadt – umso wichtiger war dieses Spiel der Spiele in der Primera Division vor allem für die Katalanen. Weil klar schien: Neun Zähler Rückstand, die es bei einer Niederlage gewesen wären, sind gegen das unglaublich stabile Real Madrid kaum mehr aufzuholen. Und es begann tatsächlich fürchterlich, für Barcelona.

Mit Pressing nach vorne kommen

Mit dem Blitztor von Karim Benzema, das nach einem völlig missratenen Pass von Barça-Goalie Valdes fiel, begann das Spiel für Real optimal, und die Hausherren versuchten mit heftigem Pressing nachzulegen. Vor allem die vier offensiven Spieler im 4-2-3-1 von Mourinho hatten die Aufgabe, den Gegenspielern schon tief in deren Hälfte keine Zeit am Ball zu geben und Barcelona somit gar nicht erst dazu kommen zu lassen, ihre bekannte Zirkulation im Mittelfeld aufzuziehen.

Mourinho hat sich zu diesem Zweck dazu entschieden, bei seiner Grundformation zu bleiben und Mesut Özil als Zehner agieren zu lassen, anstatt den Deutschen für einen zusätzlichen defensiven Spieler außen vor zu lassen. Anders als bei drei der vier Clasicos im Frühjahr, in denen Mourinho jeweils drei defensive Mittelfeldleute aufbot, beließ er es diesmal bei einem Zweier-Gespann hinter Özil. Das waren Lass Diarra, der tiefer stand und den Sechser gab, und Xabi Alonso. Dieser rückte als Achter bei Ballgewinn auf und unterstützte das Quartett vor ihm.

So kam Real weniger durch spielerische Mittel in die gegnerische Hälfte, sondern viel eher dadurch, den Gegner immer weiter nach hinten zu pressen und spätestens dort einen Fehlpass zu provozieren und nicht mehr viel Platz bis zum Strafraum überwinden zu müssen. Das funktionierte recht gut. Was weniger gut klappte, war das Entwickeln eigener Kreativität – Özil tendierte nach links und spielte mit Di María gut zusammen, aber Zugriff auf den Strafraum gab es kaum.

Die Formation von Barcelona

Grundsätzlich war das bei Barça ein 4-3-3, allerdings von vornherein ein recht schiefes. Rechtsverteidiger Dani Alves ging, wie es seine Art ist, viel nach vorne, während die restlichen drei Abwehrleute (Puyol, Piqué und Abidal) in diesen Fällen eher nach rechts verschoben. Das heißt, dass Abidal im Vorwärtsgang deutlich zurückhaltender war als der Brasilianer auf der rechten Seite.

Vor der Abwehr war Busquets positioniert, der sich bei Bedarf nach hinten fallen ließ; Xavi und Fàbregas übernahmen die Halbpositionen im Mittelfeld. Iniesta bearbeitete die linke Flanke offensiv und blieb dabei recht strikt an der Linie – schließlich musste er dort alleine für die Breite sorgen, weil von Abidal kaum etwas kam. Messi startete in einer eher zentralen Rolle und kam eher aus dem Halbfeld als vom rechten Flügel (wo Dani Alves sein Revier hatte); Alexis Sánchez rührte vorne um.

Real auf gutes Stellungsspiel bedacht

Erst, als sich nach etwa einer Viertelstunde das Pressing von Real etwas legte, fand Barcelona zum gewohnten Spiel. Dani Alves drückte nun vermehrt nach vorne, aber die Viererkette der Madrilenen ließ sich davon nicht beeindrucken. Marcelo neutralisierte Alves recht gut, auch Coentrão machte defensiv auf der für ihn ungewohnten rechten Seite eine gute Figur. Zudem ließen sich die Innenverteidiger nicht vom tief kommenden Messi heraus ziehen.

Der Argentinier hatte diesmal keinen Kettenhund zur Seite gestellt bekommen, sondern sollte im Raum übernommen werden. Das erleichterte der Viererkette die Arbeit und sorgte dafür, dass die Ordnung durch die unberechenbaren Wege Messis nicht durcheinander gebracht wurde, hatte aber den nachteiligen Effekt, dass er immer wieder einiges an Platz zur Verfügung hatte. In letzter Instanz war aber zumeist Lass Diarra zur Stelle. Einmal nach einer halben Stunde kam der Franzose aber zu spät, Messis Steilpass fand Alexis Sánchez und der Ausgleich war gefallen.

Die Positionsverschiebungen bei den Katalanen

Ronaldo wurde isoliert, im Zentrum hielt Barça ein 3-gegen-3-Gleichgewicht, und hinten blieb immer eine Viererkette - Busquets ließ sich fallen.

Pep Guardiola hatte sich etwas durchaus Raffiniertes einfallen lassen, was die Besetzung und das Verschieben seiner Abwehrformation angeht. Wenn nämlich Dani Alves nach vorne ging, rückte Puyol auf diese Seite hinaus und neutralisierte Cristiano Ronaldo komplett – der Portugiese war über sehr weite Strecken der Partie kein echter Faktor. Die Raumaufteilung hinten wurde beibehalten, indem Busquets in die Abwehr zurückrückte – es blieben somit praktisch immer vier Abwehrspieler in der Kette.

Im Zentrum wurde das dadurch ausgeglichen, dass Messi viel aus der Tiefe kam. So blieb es dort bei einem 3-gegen-3-Gleichgewicht und Real konnte auch dort keine Vorteile mehr für sich generieren. Im Bedarfsfall konnte auch Iniesta Richtung Mittelkreis gehen.

Einziger Nachteil dabei: In letzter Konsequenz fehlten vorne die Anspielstationen. Mit Iniesta weit draußen und Messi aus der Tiefe blieb letztlich nur Alexis Sánchez vorne, und um den kümmerten sich Ramos und Pepe. Der giftige, ungute Chilene beschäftigte das Duo und entwischte beim Ausgleich, aber im großen und ganzen fehlte Barcelona zumeist der letzte Schritt nach vorne. So spielte sich die Partie, je näher sie der Halbzeit ging, immer mehr im Mittelfeld ab.

Fliegende Kettenwechsel 

Bei eigenem Spielaufbau rückte Busquets auf, hinten blieb eine Dreierkette übrig....

Für die zweite Halbzeit behielt Guardiola das Abwehrsystem mit dem aufgerückten Dani Alves und dem nach außen gehenden Puyol grundsätzlich bei. Die Interpretation wurde aber etwas mutiger – schließlich brauchte Barcelona einen Sieg deutlich dringender. So war die Formation im eigenen Ballbesitz hinten eine Dreierkette, aus der Busquets nach vorne herausging – ähnlich wie das damals etwa Frank Rijkaard bei Ajax Amsterdam gemacht hatte.

...im Bedarfsfall konnte aber schnell wieder eine Viererkette daraus gemacht werden.

Und genau wie Rijkaard früher hatte auch Busquets die Aufgabe, im Bedarfsfall nach hinten zu rücken und die Viererkette wieder herzustellen. Durch die vorgezogenere Rolle von Busquets steigerte Barcelona die Ballsicherheit im Mittelfeld und damit die Kontrolle, die man auf das Spiel ausüben konnte. Als es acht Minuten nach Wiederanpfiff tatsächlich das 2:1 für Barcelona gab, half neben dem erhöhten Druck aus dem Mittelfeld aber auch ein wenig das Glück mit, weil Marcelo den Schuss von Xavi unhaltbar abgefälscht hat.

Die entscheidenden Minuten

Real reagierte auf den Rückstand aber nicht etwa mit erhöhtem Pressing, um Barcelona wie in den Anfangsminuten der Partie die Luft abzuschneiden und den aufgenommenen Schwung zu bremsen, sondern – gar nicht. Nach Ballverlusten wurde nicht nachgegangen, den Gegenspielern wurde Platz und vor allem Zeit gegeben und ein Umschalten der Mannschaft nach solchen Ballverlusten war nicht zu erkennen. Immer wieder konnte sich Barcelona genüsslich vor sechs Real-Spielern (der Abwehrkette plus Diarra und Alonso) ausbreiten, ohne dass der Rest der Mannschaft großen Willen gezeigt hätte, sich an der Defensivarbeit zu beteiligen.

So war das 3:1 durch einen Kopfball von Fàbregas zwölf Minuten nach der Führung eigentlich nur folgerichtig – Real hat vielleicht nicht um einen Gegentreffer gebettelt, aber große Bereitschaft, viel für den schnellen Ausgleich zu machen, haben die Madrilenen nicht gezeigt.

Die Schlussphase

Mourinho hatte schon vor dem dritten Gegentreffer Kaká für den wirkungslosen Özil gebracht, entscheidende Wende brachte das aber auch nicht. Und weil der Real-Coach durch die akute Gelb-Rot-Gefahr bei Diarra gezwungen war, diesen gegen Khedira auszutauschen, blieb nur noch ein taktischer Wechsel übrig – Higuaín statt Di María. Damit war Cristiano Ronaldo, der auf die rechte Seite ging (während Benzema auf den linken Flügel auswich), endlich von Puyol befreit.

Was aber nichts mehr daran änderte, dass der Portugiese dem Spiel seinen Stempel ganz und gar nicht aufdrücken konnte. Mit dem dritten Tor war das Spiel de facto entschieden und Barcelona konnte den Vorsprung über die Zeit verwalten. Real kam nur noch zu einer echten Torchance – aber Higuaín kam nicht mehr an die Flanke von Benzema.

Fazit: Mourinho scheitert an Barças Flexibilität – schon wieder

Für Real begann das Spiel, wie es besser nicht beginnen konnte. Aber die geschickten Maßnahmen von Guardiola, was die Gestaltung der Abwehrkette und damit der gesamten Raumaufteilung betrifft, konnte das immer statischer werdendes Team der Madrilenen nicht mehr ausmanövrieren.

Die Rolle von Busquets war für das Gelingen dieses Ansatzes bei Barcelona von entscheidender Bedeutung. Genauso wie die Klasse der Abwehrspieler, die jederzeit problemlos zwischen der Dreierkette, mit der Guardiola in letzter Zeit immer wieder spielen lässt, und der Vierer-Abwehr umschalten kann. So hebelte Barcelona die Tatsache aus, dass mit Özil ein Zehner im Spiel war – er kam zu selten zu entscheidenden Pässen. Auch Cristiano Ronaldo wurde auf diese Weise neutralisiert.

Auch, wenn Real Madrid nach Verlustpunkten immer noch drei Punkte voran liegt, ist diese Partie dennoch ein Rückschlag für José Mourinho. Denn immer mehr hat es den Anschein, als käme er gegen die unglaubliche Flexibilität von Barcelona einfach nicht auf konstanter Basis an. Was den Druck, gegen den Rest der Liga nur ja keine Punkte liegen zu lassen, natürlich immer mehr erhöht.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.