Erst am Rieder System, dann an Gebauer – Brøndby beißt sich die Zähne aus

Wie in der Bundesliga: Mögen auch die anderen Teams die besseren Spieler haben, die Rieder verfügen über das bessere Konzept. So kam auch Brøndby erst dann wirklich dauerhaft vor das Tor der Innviertler, als die Dänen schon 0:2 zurück lagen – und dann hielt Gebauer den Rieder Sieg fest.

SV Ried - Brøndby IF 2:0

Mit einem 4-4-1-1 versuchte Brøndby-Coach Henrik Jensen, den Riedern beizukommen – zunächst mit Thygesen überraschend auf links und Kristiansen auf rechts, die beiden wechselten aber schon nach wenigen Minuten die Seiten und sie blieben dann auch dort. Sie waren die wichtigsten Akteure im Spiel der Dänen, weil sie genau der Falle des Rieder 3-3-3-1 aufsaßen.

Verschenktes Zentrum

Weil nämlich die flache Viererkette im Zentrum mit Mikael Nilsson und Mikkel Jensen mit zwei Mann einen Raum abdeckte, wo es eigentlich nichts abzudecken gab. Iván Carril ist schließlich kein echter Zehner, sondern vorderster Defensivmann, der die gegnerische Spieleröffnung stören soll – das kreative Element kommt bei Ried typischerweise über die Flanken.

So konnte Michael Krohl-Dehli, der als hängende Spitze aufgestellt war und sich oft sehr tief die Bälle holte, zwar immer wieder recht locker durch das wie üblich eher schütter besetzte Rieder Zentrum wandern, fand aber keine sinnvolle Anspielstation mehr. Thygesen und Kristiansen hatten jeweils zwei Gegenspieler gegen sich und Nicolaj Agger arbeitete zwar extrem viel, hatte aber auch fast immer einen Ried mehr um sich, als er ausspielen konnte.

Spiel auf die Flügel verlegt

Weswegen Brøndby umso mehr schauen musste, über die Flügel nach vorne zu kommen. Damit hatte Ried das Ziel im Grunde erreicht: Die Mitte zwar offenlassen, aber keine Kreativität zulassen, das Spiel des Gegners so auf die Flügel zu verlagern, und dort den numerischen Vorteil ausspielen. Das funktioniert in der nationalen Meisterschaft hervorragend, weil die meisten Kontrahenten zu eindimensional sind, um darauf reagierten zu können.

Was Brøndby aber dennoch dazu verhalf, zu einigen wirklich guten Möglichkeiten zu kommen, war die individuelle Klasse. Diese ist bei der dänischen Mannschaft zweifellos größer als bei Ried und auch in der nationalen Meisterschaft bekommt es Ried nur selten mit Spielern dieser Qualität zu tun. So entstand auf dem Feld ein Patt: Brøndby hatte die besseren Spieler, aber Ried das bessere Konzept.

Nach Rückstand fehlt Brøndby der Plan

Es waren dann die Oberösterreicher, die nach einer halben Stunde in Führung gingen – ein Freistoß von Mader segelte an allen vorbei ins Tor, kurz nach Wiederanpfiff verwertete Royer eine Carril-Flanke sogar zum 2:0. Wenn auch mit Glück – denn das Foul am dänischen Verteidiger war klar und das Tor hätte eigentlich nicht zählen dürfen.

Das Erstaunliche: Brøndby hatte das nicht funktionierende Konzept in der Halbzeit nicht verändert und hing nach dem 0:2 erstmal ordentlich in der Luft. Es fehlte jeglicher Plan, wie mit dem 4-4-1-1 die Rieder zu knacken wären. So hatten die Innviertler das Spiel in dieser Phase auch komplett im Griff – auch, weil Gludovatz schon vor der Pause den gelb-vorbelasteten und etwas wackeligen Basala-Mazana durch den staubtrockenen Anel Hadzic ersetzt hatte, der Thygesen überhaupt nicht zur Entfaltung kommen ließ.

(Zu) späte Reaktion zeigt Wirkung

Letzte halbe Stunde

Erst nach einer Stunde reagierte die Brøndby-Bank, brachte mit Lars Jensen (statt Rechtsverteidiger Randrup) eine neue Kraft für die rechte Seite; Thygesen orientierte sich in die Spitze; Mikael Nilsson ging nach rechts hinten. Und: Michael Krohn-Dehli ließ sich tief ins Mittelfeld fallen und gab nun den Quarterback.

Hieß: Nun endlich ließ Henrik Jensen den völlig überflüssigen zweiten defensiven Mittelfeldspieler auf und stellte dafür einen Mann dorthin, wo er viel dringender gebraucht wurde – nach vorne.

Mit zwei Stürmern, zwei extrem nach vorne drückenden Flügelspielern und deutlich erhöhter Schlagzahl gelang es den Dänen nun, die Rieder hinten einzuschnüren. Der Ballbesitz von Brøndby schoss nun in lichte Höhen, die Rieder Konter zu Entlastung wurden seltene, ein Tor für die Dänen schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Aber wann immer die Abwehr vor ihm geschlagen war, Thomas Gebauer war da – er hielt das glückliche Zu-Null fest und damit die realistische Chance, den dänischen Renommier-Klub tatsächlich zu eliminieren.

Fazit: Tolle Leistung, super Spiel – und ein glückliches Resultat

Eine Stunde lang war Brøndby nicht wirklich ein echtes Rezept eingefallen, wie denn das 3-3-3-1 der Rieder vom eigenen 4-4-1-1 zu knacken wäre. Eine in Österreich nicht ganz neue Frage, aber die Dänen machten nun die selbe Erfahrung wie die österreichischen Bundesliga-Klubs in den letzten Jahren: In Ried gewinnt man nur sehr schwer.

Dass mit einer individuellen Klasse, die kein großes, aber merkbares Stück über der in der heimischen Bundesliga liegt, gelang es den Dänen dennoch, zumindest zu guten Chancen zu kommen; aber erst in der letzten halben Stunde gelang es mit einem 4-2-4, den nötigen Druck aufzubauen, der Ried absolut wackeln ließ und zumindest ein Auswärtstor wäre mehr als verdient gewesen.

Der Charakter des Spiels über weite Strecken, die der beschriebenen Patt-Stellung gleichkam – Brøndby mit mehr Klasse, Ried mit dem besseren Konzept – würde eher ein Remis als korrektes Resultat  erscheinen lassen; zieht man die letzte halbe Stunde mit in Betracht, *mindestens* ein Remis. So aber steht Brøndby vor einem Europacup-Aus, mit dem man in der Heimat garantiert nicht gerechnet hat.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.