Junuzovic ermöglicht das Austria-Comeback

Ein schnelles 1:0 und dann sah Red Bull Salzburg bis zur 51. Minute wie der sichere Sieger der heutigen Bundesliga-Partie aus. In einer qualitativ hochwertigen Partie war es aber schließlich Zlatko Junuzovic, der mit seinem Ausgleichstreffer den Reset-Knopf drückte. Letztlich teilten sich Meister und Wieder-Tabellenführer die Punkte – am Ende eine gerechte Sache.

Red Bull Salzburg - Austria Wien (1. HZ)

Theorie und Praxis
Ein 4-4-2 hatte sich Huub Stevens da gebastelt, mit dem er die Austria im eigenen Stadion schlagen wollte. Der wieder genesene Schwede Gustaffson hütete das Tor, vor ihm verteidigten Hinteregger,  Afolabi, Schiemer und Dudic. Mit Svento, Mendes (Leitgeb war erkrankungsgeschwächt auf der Bank), Cziommer und Jantscher war die Ausrichtung in der Zentrale personell offensiv. Roman Wallner und Alan gaben am Papier die Spitzen.

4-1-3-2 war die magische Formel von Karl Daxbacher. Heinz Lindner im Kasten, Koch, Margreitter, Ortlechner und Suttner als Defensivabteilung, vor der Baumgartlinger aufräumen sollte. Klein war als Rechtsaussen vorgesehen, als OM betätigte sich Junuzovic zentral, auf der anderen Seite startete Liendl. “Roligol” Linz und Barazite standen als Stürmer parat. Soweit zur Theorie.

In der Praxis war die Formation der Salzburger oft als 4-1-3-1-1 wahrzunehmen. In der Rolle als 6er wechselten sich Cziommer und Mendes ab, zumeist blieb aber Cziommer etwas weiter hinten. Mendes hingegen begann schnell, zum Salzburger Fädenzieher im Zentrum zu werden. Cziommer gab in der Offensive brav den Nachrücker. Ähnliches bei Wallner und Alan. Gemeinsam vorne fand man beide nur selten. Zumeist brach in der Offensivbewegung nur einer in den Strafraum durch (meist Wallner), der andere postierte sich hängend als allfällige Anspielstation oder für ein Dribbling. Die Austria hingegen kam in den ersten Minuten kaum ins Spiel, weil Salzburg zeigte, was eigentlich an offensiver Stärke im Team drinsteckt, aber von Huub Stevens bislang oft unzureichend hervorgekitzelt wurde.

Das Ergebnis war das 1:0 in Minute 8. Ein abgefälschter Volleyschuss von Cziommer hatte das Gehäuse von Heinz Lindner noch knapp verfehlt, beim folgenden Corner hatt die Abwehr der Veilchen auf den aufgerückten Milan Dudic vergessen. Der nickte die Kugel ziemlich unbedrängt ein.

Salzburg dominiert
Und dann geschah erneut etwas selten Gesehenes: Der spielerische Einbruch bei Salzburg blieb aus. Heuer ließ sich oft beobachten, wie Salzburg nach geglückter Führungohne ersichtlicher Ursache zunehmend immer defensiver und spielerisch schwächer wurde, und die spielerische Überlegenheit nach und nach verlor. Diesmal aber setzten die Bullen ihr druckvolles Spiel unvermindert fort. Spielanteile sicherte die Austria sich nur wenig, einzelne Angriffsversuche scheiterten an der gut postierten Hintermannschaft des Heimteams. Konter wurden nicht schnell genug ausgeführt und oft schon im vorderen Mittelefeld unterbrochen. Svento und Jantscher (der heute endlich einmal zu überzeugen wusste) hatten ihre Seiten im Griff, der quirlige Barazite wurde in der Mitte gut kontrolliert und Linz zeigte schlicht nicht besonders viel. Und so blieb den Gästen bis zur Pause kaum mehr übrig, als den eigenen Strafraum möglichst sauber zu halten.

Karl Daxbacher war das alles freilich nicht entgangen. Seine Versuche, einzelne Spieler weiter vor oder zurück zu beordern (so geschehen etwa  mit Baumgartlinger, dessen zwischenzeitlicher Einsatz als ZM aber glücklos war, weswegen er bald wieder in die DM-Rolle gesteckt wurde) hatten nicht gefruchtet, er reagierte mit einem Wechsel. Liendl, der gegen Jantscher und Dudic kaum einen Stich gelandet hatte, blieb in der Kabine. Statt ihm fand sich Stankovic am Platz wieder, der eine offensivere Interpretation seiner Rolle spielte und sich mehr in die Mitte orientierte. Eine Verstärkung, die sich – wenn auch nicht unmittelbar offensichtlich – im Laufe der Partie bezahlt machte, vorerst aber nicht bemerkbar war. Die zweite Hälfte begann, wie die erste geendet hatte: Red Bull machte Druck, die Austria konnte kaum mehr tun als Dagegenhalten. Dann kam die 51. Minute und Zlatko Junuzovic.

Junu schlägt zu
Der erste geglückte Vorstoß dieser Spielhälfte brachte der Austria den Ausgleich. Julian Baumgartlinger passte auf den Zentral stehenden Junuzovic. Ein Zuordnungsproblem zwischen Afolabi und Schiemer hatte dazu geführteEder aus rund 20 Metern ins linke Eck. Eddie Gustaffson hatte keine Chance, den Stellungsfehler seiner Vorderleute auszubügeln.

Dieses Tor führte nicht nur zu einem dem Spielverlauf unangemessenen Spielstand, sondern auch dazu, dass das Spiel der Austria auf einmal Fahrt aufnahm. In gerade einmal zehn Minuten entwickelten sich die Gäste zu einem gleichwertigen Gegner. Die Freude über das 1:1 war aber nur einer der Gründe dafür. Die anderen zwei: 1. Stankovic hatte ins Spiel gefunden und machte Jantscher das Leben deutlich schwerer als Liendl – in der Defensivbewegung, wohlgemerkt.

Offensiv knüpfte er gut an Baumgartlinger und Junuzovic an und rückte mehr in Richtung Mitte. Dadurch erhöhte er als weitere An- und Mitspielstation die Dichte im Mittelfeld, was zu mehr Ballgewinnen in der Zentrale führte. 2. Die Zentrale der Veilchen stand im Rückwärtsgang jetzt deutlich dichter und Daxbacher hatte die Defensivreihe weiter vorrücken lassen. Das beschleunigte den Angriffsaufbau und zwang Salzburg, mehr auf die Seiten auszuweichen. Bei Salzburg wurden die Mittelfeld-Rackerer Cziommer und Mendes langsam etwas müde.

Schön anzusehen
Auf langsames Rasenschach ließen sich beide Teams trotz der neuen Situation nicht ein. Und so begann das Spiel hin- und her zu wogen – Salzburg meist über die Flanken, die Austria mit mehr Fokus auf die Mitte – und erinnerte mich immerhin stellenweise an das, was man gern in der englischen Premier League zu sehen kriegt: Angriff ist die beste Verteidigung, jeder Spieler kann ein Teil davon sein.

Kritisch wurde es in Minute 62. In Folge einer Vorteilsituation flankte Jantscher den Ball scharf und knapp vor das Tor von Heinz Lindner. Koch wollte den Ball mit der Brust wohl stoppen und wegschlagen, doch stattdessen sprang er entgegen der Bewegungsrichtung seines Torwarts an selbigen vorbei. Lindner reagierte aber blitzartig, und schlug das Leder weg. Eindeutige Kamerabilder zu der Situation gibt es nicht, meiner Einschätzung nach war der Ball aber maximal auf Höhe der Linie und keinesfalls drüber. Der Linesman, der ebenfalls kein Eigentor gesehen hatte, dürfte also Recht haben. Große Reklamationen gegen diese Entscheidung blieben zudem aus.

Was das Back and Forth von der Premier League aber deutlich unterschied, war eine gewisse Planlosigkeit im Angriff. Auf beiden Seiten brauchte es Einzelaktionen (hier ein Vorstoß von Svento in den Strafraum, dort ein Dribbling von Barazite) um aus schnellen Vorstößen wirkliche gefährliche Situationen erwachsen zu lassen. Dem kam positiv entgegen, dass beide Abwehrreihen mit fortschreitender Zeit immer fehleranfälliger agierten.

Red Bull Salzburg - Austria Wien (2. HZ)

Afolabi vergibt den Matchball
Und  so war es Schiemer, der sich in Minute 79 von Baumgartlinger foppen ließ, und diesen zu Fall brachte. Der Austrianer wäre aber vorbei und Schmier, je nach Interpretation der Lage, möglicherweise auch letzter Mann gewesen. Die Berührung war freilich keine heftige, was Schörgenhofer dazu bewog, nichts anzuzeigen. Meiner bescheidenen Meinung nach eine Fehlentscheidung, auch wenn der Austrianer nicht zwingend hätte stürzen müssen. Huub Stevens brachte nun frisches Blut, und nahm Dudic für Sekagya vom Platz. Davor warauf Seiten Salzburgs schon Leitgeb für Cziommer ins Spiel gekommen und die Austria probierte es mittlerweile mit Jun anstelle des ineffektiven Roland Linz.

Zwei Minuten nach der potentiellen Notbremse hatten die Hausherren den Matchball am Fuß. Wallner schaffte es am Strafraumeck gleich an zwei Gegnern vorbei, und legte für Afolabi ab. Der donnerte den Ball aus sieben, acht Metern klar am Kasten vorbei. Vorausgegangen war ein Stellungsfehler von Ortlechner.

Selbiger erwischte Stankovic wenige Minuten darauf mit einer ungestümen Attacke, kam aber ohne Karte davon. In Minute 90 war es Barazite, der sich mit aggressiven Nachsetzen nach einem Junuzovic-Zuspiel noch eine Ecke gegen Mendes herausholte.

Für die letzten paar Minuten nahm Karl Daxbacher den Arsenal-Neuzugang vom Feld und gab mit der Einwechslung von Hoheneder zu verstehen, dass er mit dem 1:1 zufrieden war. Ein erfolgloser Eckball für Salzburg, bereits nach Ablauf der drei Nachspielminuten, besiegelte dieses gerechte Ergebnis schließlich.

Fazit

Bundesliga sollte öfter so aussehen.  In der ersten Spielhälfte überraschten die Bullen mit einer ihrer besten Saisonleistungen, in den zweiten 45 Minuten lieferten beide Teams sich einen offenen Schlagabtausch. Gut und gerne hätte das Spiel auch einen Sieger hervorbringen können, denn zwei, drei sehr gute Torchancen fanden beide Teams auf jeden Fall vor. Zahlreiche Halbchancen und viel Bemühen beiderseits kennzeichneten einen unterhaltsamen Sonntagnachmittag.

Mein Vergleich mit der Premier League mag überzeichnet sein, so ganz im Prinzip war das heute aber zumindest eine Light-Ausgabe des Geschehens, dass man sonst nur bei Spitzenspielen a la Manchester United vs. Arsenal London gerne zu sehen bekommt. Natürlich läuft der Inselkick noch um zwei Gänge schneller und sieht dabei noch gepflegter aus, aber das wäre dann doch ein grob unfairer Maßstab.

Der unerwartete Ausgleichstreffer der Austria, sowie die Hereinnahme von Stankovic, die Verdichtung des Mittelfelds und die bessere Anbindung der nach vorne gezogenen Defensivabteilung waren die Faktoren, die die Partie von der Einbahnstraße zum Schlagabtausch auf Augenhöhe führten. Der Meister aus der Mozartstadt hat gezeigt, was spielerisch in diesem Kader drinsteckt, wenngleich es Huub Stevens nicht gelungen ist, das Kräfteverhältnis der ersten Halbzeit wiederherzustellen. Man muss aber berücksichtigen, dass ihm – von Leitgeb abgesehen – auf der Bank keine Alternativen zur Verfügung gestanden waren. Ulmer ist ein Verteidiger, Hierländer hätte sich bestenfalls als Wallner-Ersatz angeboten und Boghossian ist .. eben Boghossian. Warum der Red Bull-Coach der unbeweglichen Salzsäule aus Uruguay nach wie vor Vertrauen schenkt, bleibt mir unbegreiflich.

Über Georg Pichler

Journalist und zumindest digitaler Superkicker. In echt hütet er meistens das Kastl und das recht gut. Zukünftiger ÖFB-Präsident. Kein Fan, mag aber Sturm Graz.