Überlegenes Werder schlägt sich selbst

Wie eine Dampflok rollte Bremen über den holländischen Meister FC Twente hinweg, der SV Werder schaffte es aber nicht, die brutale Überlegenheit in Tore umzumünzen. So kam Twente nach einem Ausschluss von De-facto-Libero Frings durch Tore in der Schlussphase sogar noch zu einem 2:0-Sieg.

Werder Bremen - Twente Enschede 0:2

Feuer aus allen Rohren – Bremen-Trainer Schaaf hat seinem Team im Heimspiel gegen Twente vollen Angriff eingebläut. Das heißt beim ohnehin vom Naturell her schon offensiven Werder: Acht Mann vorne, Gegner überfahren! Nominell war es ein 4-2-3-1, aber oft sah es im Spiel nicht so aus. Im Gegenteil – Frings spielte hinten als letzter Mann im Grunde einen Libero, Mertesacker neben ihm passte auf Twente-Solospitze Marc Janko auf (sofern der sich mal nach vorne traute), und alles andere war in der Vorwärtsbewegung.

Im direkten Duell vor zwei Wochen war es auf Seiten von Twente vor allem LM Nacer Chadli, der Clemens Fritz Probleme bereitet hat. Gegen ihn stellte Schaaf diesmal mit Prödl einen Innenverteidiger. Der baumlange Steirer entwickelte aber so viel Vorwärtsdrang, dass Chadli im 4-2-3-1 komplett in die Defensive gedrängt war und in der ersten halben Stunde nur einmal vor (respektive, neben) dem Werder-Tor auftauchte. Zudem orientierte sich auch Bargfrede immer wieder zu dieser Flanke, wodurch zudem Landzaat und LV Leugers so gebunden waren, dass sich auf dieser Seite Marin bzw. Hunt (die beiden tauschten fast im Minutentakt die Seiten) oftmals einiges an Platz zur Verfügung hatten.

Auf der anderen Seite war es bei Bremen “nur” Wesley, der im Grunde die ganze Seite beackerte. Dadurch wich Brian Ruiz, wie schon vor zwei Wochen, immer wieder in Richtung Mitte aus – wo ihn aber Daniel Jensen immer wieder erwartete. Twente-RV Bengtsson ist gelernter Innenverteidiger und hatte auf Marin bzw. Hunt aufzupassen, er klebte hinten fest – und so übernahm DM Rosales de Offensiv-Agenden. Seine Aktionen nach vorne sind aber mit “zaghaft” noch sehr wohlwollend beschrieben. So bestand das Offensivspiel von Twente lange Zeit in langen Bällen nach vorne, oftmals auf Luuk de Jong, der mit seiner Schnelligkeit operierte. Der größe Marc Janko orientierte sich dafür desöfteren tief ins Mittelfeld zurück, um der Bewachung des ähnlich gebauten Per Mertesacker zu entgehen.

Vor allem in den ersten etwa 35 Minuten spielte somit, von vereinzelten Kontern abgesehen, ausschließlich Werder. Mit 65% Ballbesitz in dieser Phase wurde der holländische Meister brutal hinten eingeschnürt und dass die Bremer nicht nach einer halben Stunde schon mit zumindest 3:0 in Front lagen, war aus Sicht der Holländer pures Glück – Werder war um so dermaßen vieles besser als der Gegner, dass man durchaus von einen Klassenunterschied sprechen kann. Erst in den letzten Minuten der ersten Hälfte, als Bremen den extremen Tempo etwas Tribut zollen musste, kam Twente wieder ein wenig zum Atmen und auch zu ein, zwei Halbchancen. So ging es mit einem torlosen Remis in die Kabinen.

Aus denen Bremen wieder mit viel Schwung herauskam und sich gleich wieder anschickte, den Twente-Strafraum zu belagern. Einziger Unterschied: Das Nachrücken von hinten passierte nun nicht mehr annähernd so zügig wie in der ersten halben Stunde. Was exakt gleich blieb: Das stümperhafte Auslassen bester Torchancen. Was Twente prompt zweimal fast ausgenützt hätte – erst standen sich in der Bremer Hintermannschaft Mertesacker und Prödl gegenseitig im Weg, dann überlistete Chadli die Abseitsfalle und nur noch Mielitz konnte den Ball mit Glück an den Pfosten lenken. Die Konter des holländischen Meisters waren brandgefährlich.

Shift zu Gunsten von Twente

Werder Bremen - Twente Enschede 0:2 (ab Min. 60)

Schaaf nahm nun mit Bargfrede einen seiner defensiven Mittelfeldspieler heraus und brachte dafür mit Marko Arnautovic einen zusätzlichen Offensiven, Pizarro ging in die Spitze – wodurch paradoxerweise das Spiel der Bremen um einiges defensiver wurde. Das lag aber nicht am Wechsel per se, sondern an der Art und Weise, wie Twente-Coach Michel Preud’Homme darauf reagiert hat: RV Bengtsson ging nun weiter nach innen und formte mit Douglas und Wisgerhof nun de facto eine Dreierkette, um gegen Pizarro und Almeida (erfolgreich) überzahl zu schaffen. Rosales, der aus dem DM ins rechte Mittelfeld ging, kümmerte sich um Arnautovic, Landzaat um Marin im Zentrum, und LV Leugers gegen Aaron Hunt.

Was Ruiz (der nun endgültig ins Zentrum ging) und Chadli (dem nun von Leugers der Rücken frei gehalten wurde) deutlich mehr Raum nach vorne gab. Mit Jensen saß der verbliebene Sechser bei Bremen recht tief und erlaubte so dem Twente-Offensiv-Quartett Ruiz/Chadli/De Jong/Janko mehr Räume zwischen den Bremer Offensiv- und den Defensiv-Spielern, wo es nun eine recht eindeutige Trennung gab.

Nun kam zwar Bremen durch die individuelle Klasse von Marin, Hunt und Arnautovic immer noch zu Torchancen, aber die Holländer rochen nun Lunte und sahen ihre Möglichkeit gekommen, sich mit mehr Manpower selbst auch nachhaltiger vor dem Bremer Tor zu positionieren.

Der Entscheidung

Dass Torsten Frings – der einst als Stürmer seine Karriere begann – kein ernsthafter Innenverteidiger ist, wenn es darum geht, echte Angriffe des Gegners zu stoppen (wie am Ende der 1. Hälfte und nach etwa der 60. Minute) und nicht den spieleröffnenden Quarterback zu geben (der ohne eine IV hinter ihm zum Libero wurde), zeigte sich in der 75. Minute. Da ging der Bremer Kapitän bei einem Twente-Konter ungeschickt in den Zweikampf mit Ruiz, dieser fiel, und Frings flog vom Platz – Notbremse!

Bremen stellte nun hinten auf eine Dreierkette um – Prödl, Mertesacker und Wesley, mit Jensen davor; bzw. mit Jensen hinten, wenn Wesley nach vorne ging. Die Marschroute war klar: Ball vorne halten, selbst weiter auf Angriff spielen, doch noch das über das Spiel gesehen hochverdiente Siegtor schießen – ist der Ball beim eigenen Team, fällt der fehlende Mann hinten nicht ins Gewicht.

Dumm nur, dass die weiterhin sehr hoch stehenden und viel riskierenden Bremer – ein Sieg war Pflicht, um nicht in der Gruppe schon aussichtslos ins Hintertreffen zu gelangen – in der 81. Minute in einen Konter liefen. Der österreichische U20-Teamkapitän Schimpelsberger (der für Bengtsson gekommen war) trug den Ball nach vorne und beim weiten Flankenwechsel auf Chadli standen sich Prödl, Mertesacker und Jensen beinahe gegenseitig im Weg. So konnte der 21-jährige Belgier auf 1:0 für Twente stellen.

Zwei Minuten später war der Schock und die Ernüchterung über das Gegentor und das damit verbundene fast sichere Aus in der Champions League bei Bremen nicht überwunden, sodass Ruiz von der linken Seite absolut unbedrängt flanken konnte und in der Mitte Luuk de Jong ebenso unbedrängt zum 2:0 für den holländischen Meister verwerten konnte. Womit das Spiel gelaufen war.

Fazit: Bremen klar besser, schlägt sich selbst

Werder Bremen hat Twente 30 Minuten lang komplett überfahren und war weitere 45 Minuten zumindest recht deutlich spielbestimmend. Zum Zeitpunkt des Frings-Ausschlusses hätten die Bremer längst uneinholbar in Führung liegen müssen. So wurden sie für die Versäumnisse der ersten 75 Minuten und den Mut, auch in Unterzahl nach vorne auf Sieg zu spielen, bestraft. Mit dem ersten Gegentor war das Spiel bereits entschieden, weil die Werderaner da schon die Schultern hängen ließen und nicht mehr ernsthaft in die Zweikämpfe gingen.

Für den holländischen Champion ist nach diesem mehr als schmeichelhaften Sieg in der Gruppe A immer noch alles drin. Dass Tottenham gegen Inter gewonnen hat, ist im Kampf um das Achtelfinale aber aus Sicht der Holländer sicherlich nicht optimal.

(phe)

PS: Mit Sebastian Prödl und Marc Janko, die durchspielten, sowie Marko Arnautovic und Michael Schimpelsberger (die eingewechselt wurden – letzterer feierte sein CL-Debüt) waren erstmals seit dem 7. Dezember 2005 wieder vier Österreicher in einem Spiel der Königsklasse dabei. Damals waren es beim 1:3 von Rapid gegen Juventus die Herren Payer, Dober, Hiden, Katzer, Ivanschitz und Akagündüz in der Start-Elf und die eingewechselten Martinez und Kienast.

Lest auch die Analyse des Hinspiels auf ballverliebt

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.