Zwei Männer gegen Aserbaidschan

Mit einem 3:0-Heimsieg sichert sich das österreichische Nationalteam die nächsten drei Punkte in der EM-Quali. Ein Ergebnis, das besser war als die Partie  und von zwei Leuten entschieden wurde. Der eine durfte als Star glänzen, der andere bekam als graue Eminenz wenig vom Lob ab.

Ich schicke voraus: Der Sieg war verdient, aber weit unter den Möglichkeiten. In Wirklichkeit hätte Aserbaidschan einen abschussreifen Gegner geboten, wenn der Teamchef nicht auf Nummer Sicher gegangen wäre. Aber alles der Reihe nach.

Österreich - Aserbaidschan (Startformationen)

Österreich begann mit Macho im Tor, Klein als Rechtsverteidiger, Fuchs als Kapitän auf der gegenüberliegenden Seite und dem Duo Schiemer/Prödl in der Innenverteidigung. Den 6er durfte West-Brom-Legionär Scharner nebst dem etwas offensiveren Junuzovic geben, davor agierten Arnautovic, Linz und Harnik. Als Solospitze wurde Stefan Maierhofer nominiert.

Das prophezeihte Geduldsspiel blieb vorerst glücklicherweise aus, denn schon nach drei Minuten sprang der aufgerückte Sebastian Prödl bei der ersten Ecke in die klaffende und höchst einladende Lücke, die ihm des Gegners Abwehr da lies. Schon da wahr zu erahnen, das selbige nicht übermäßig sattelfest ist. Danach folgten die großen 20 Minuten der Gäste, da Teamchef Constantini offenbar erstmal Rückzug anordnete und die ballunsicheren Gäste im Mittelfeld auf einmal Räume vorfanden, die sie sich selbst niemals herausgespielt hätten. Gegen Ende der nicht ungefährlichen Druckphase wurde dem Neo-Bremer Marko Arnautovic sein relativ unbehelligtes Dasein auf der rechten Seite langweilig, und so tauschte er mit dem bis dato links auflaufenden Martin Harnik die Plätze.

Mit der Konsequenz, dass das ohnehin linkslastige Spiel nun endgültig auf diese Seite abdriftete und in der Offensive wieder mehr funktionierte. Die rechte Seite wiederum war bis auf vereinzelte Vorstöße sowohl in der ersten, als auch in der zweiten Spielhälfte quasi tot. Wofür es mehrere Gründe gibt. Zum Einen hatte Harnik nicht seinen besten Tag und wurde zum anderen auch nicht oft angespielt, da Arnautovic zunehmend die Fäden beim Spiel nach vorne in die Hand nahm. Erschwerdend kam hinzu, dass Notoption Florian Klein einen extrem biederen RV gab, der im Strafraum (bzw. dessen Nähe) brav ackerte, sich am Spiel nach vorne aber so gut wie gar nicht beteiligte.

Constantini reagierte – spät, aber doch – auf die taktische Vorlage, die ihm Arnautovic da lieferte, und beorderte das Team zum Pressing 20 Meter nach vorne. Mit Erfolg: Zum Ende der Halbzeit hatten die Hausherren wieder das Heft in der Hand.

Österreich - Aserbaidschan (Ende der 1. HZ)

Druck von links

Einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg leistete auch der Mainzer Christian Fuchs. Er ackerte die linke Seite vom Strafraum bis zur Mittelline und fallweise auch weit in die gegnerische Hälfte ab und traute sich ein paar Ausflüge Richtung Mitte. Nur dank seines Drucks aus der Defensive konnte sich Arnautovic mehr und mehr in Szene setzen, denn so musste er relativ wenig nach hinten arbeiten. Mit dem Einsatz seiner individuellen Klasse entstand so ein Brandherd, den Aserbaidschan über das ganze Spiel hinweg nicht löschen könnte. Problematisch erwies sich an Fuchs‘ Spielweise allerdings, dass die Abwehr in vielen Situation de facto als Dreierkette agieren und reagieren musste, wenn der umtriebige Kapitän sich wieder weiter vorne aufhielt.

Kurz nach der Pause klingelte es dann erneut im Kasten von Agayev. Arnautovic dribbelte sich in die Mitte durch, spielte Maierhofer an, dessen zweiter Versuch, den Ball zurückzulegen, schließlich gelang. Arnautovic genügte dann ein Haken und ein leichter Stellungsfehler des Goalies von Aserbaidschan. Zwei Minuten später nahm Constantini den einsamen Harnik vom Feld und ließ  Veli Kavlak auflaufen, der sich zentraler betätigte, aber auch nicht all zu viel bewirken konnte – von der späteren Vorlage zum 3:0 abgesehen.

Doch noch Offensive

Auch Linz durfte wenig später seinen nicht besonders ergiebigen Arbeitstag beenden, es kam Hoffer. Constantini hatte angesichts des Zwei-Tore-Vorsprungs aber ein wenig Mut geschöpft und baute die Formation kurzerhand in ein 4-1-3-2 um. Leider wirkte Maierhofer meistens wie ein Fremdkörper und kam im gesamten Match nicht über 2-3 brauchbare Szenen hinaus. Auch Rennsau Jimmy Hoffer verpuffte eher wirkungslos und konnte selten Verteidiger binden. Die Gäste standen nun konzentrierter hinten und waren sichtlich froh, sich hauptsächlich auf Arnautovic konzentrieren zu können, verließen ihre Hälfte dafür rund 20-25 Minuten so gut wie gar nicht.

Hier zeigte sich, wie viel eigentlich drinnen gewesen wäre. Mit schnellen Angriffen und hohen Bällen zeigte sich die Defensive der Vorderasiaten nicht nur einmal überfordert (weswegen wohl die Devise „Drei auf Einen“ vorherrschte) und das Mittelfeld war dem Druck aus dem vorgezogenen Pressing kaum gewachsen. Man hätte das Spiel wohl erfolgreich über 90 Minuten so anlegen und einen wesentlich höheren Sieg einfahren können, doch nach 80 Minuten hatte der österreichische Nationalcoach schon wieder genug vom Sturmlauf.

Und wieder zurück

Wenige Minuten nach einem Beinahe-Elfer für Aserbaidschan, etwa 12 Minuten vor Ende der regulären Spielzeit, erfolgte der letzte Umbau – in das vom Start bekannte 4-2-3-1. Baumgartlinger ersetzte Junuzovic und rückte als zweiter DM neben Paul Scharner. Jimmy Hoffer erbte undankbarerweise die einstige Position von Roland Linz, auf der er ähnlich wenig bewirkte. Didi Constantini wollte also ein 2:0 verwalten und beorderte 7 Leute in die Defensive.

Österreich - Aserbaidschan (Schlussphase)

Und so passierte bis in die 92. Minute nicht viel. Die nunmehr müde wirkenden Azeris erarbeiteten sich aus dem geschenkten Raum keine Chancen und Österreich blies nur halbherzig zum Gegenangriff. Ein letzter, schneller Gegenstoß sowie ein Adlerauge-Paß von Veli Kavlak bescherten Arnautovic die Möglichkeit zum Doppelpack, die er dankend nutzte.

Fazit

Es wäre ungefähr ein 6:0 drinnen gewesen. Vielleicht hatte Aserbaidschan nur einen schlechten Tag erwischt, vielleicht lag es auch am Blitztor für Österreich. Entgegen der Einschätzung des Teamchefs erwies sich dieser Gegner als wesentlich leichter als zuletzt Kasachstan. Mit ein wenig Mut zum (geringen) Risiko hätte man die Gegner in die komplette Unsicherheit treiben und in die eigene Hälfte schnüren können, ja müssen. Dazu hätte es aber eine Aufstellungsvariante mit zwei Stürmern oder wenigstens einer hängenden Spitze und einem offensiv ausgerichteteren Mittelfeld mit sinnvoller Besetzung an der 10er-Position bedurft.

20 Minuten lang demonstrierte das Team auch, wie es hätte funktionieren können, bis sich der Teamchef mit einem mageren 2:0 gegen ein inferiores Gastteam abfand. Wer schon so viel Respekt vor einem klaren Underdog zeigt, wird – so muss man befürchten – beim Auswärtsspiel in Belgien unschönen Mauerbau betreiben.

(gepi)

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ANMERKUNGEN VON TOM

Heute haben wir also erfahren, was passieren muss, damit Dietmar Constantini seine Eier findet: Sein Team muss zuhause gegen wahnsinnig schwache Azeris 2:0 führen, dann darf auch einmal nach vorne gespielt werden. Kurz zumindest, denn beim ersten gefährlichen Gegenstoß (dem Fast-Elfmeter für die Gäste), wird dann auch ganz schnell wieder zugemacht.

Bis zum 2:0 war die Spielweise so dermaßen ängstlich, dass einem die Haare ausfallen. Bis zu sechs Mann müssen im Heimspiel gegen Aserbaidschan zurück bleiben, um die Solospitze zu decken. Selbst der eine Außenverteidiger, der aufrücken durfte (normalerweise Fuchs), blieb meist auf Höhe des Mittelfelds wieder stehen.

Österreichisches Abwehrverhalten im Angriff

Dazu kommt, dass die Abwehrreihe dabei auch noch so tief und weit hinter dem Mittelfeld steht, dass selbst einem technisch limitierten Gegner genügend Raum geboten wird. Rückt die Mannschaft da in der Vertikale enger zusammen, wären die Azeris schnell ratlos. Doch die Ängstlichkeit war leider erwartbar. Drei andere Schocker nicht unbedingt, die Constantini heute parat hatte.

Erstens musste Linz nicht wirklich eine hängende Spitze spielen (strange genug), sondern eher den Zehner geben – den offensiven Mittelfeldregisseur. Nun ist dieser „Roligoal“ ja auf seine Art ein Guter, aber dies ist sicher nicht diese Art – auch wenn er sich wie schon gegen Kasachstan redlich bemühte. Ihm ist für die daraus resultierende Leistung deshalb keine Schuld zu geben. Wie die APA das in ihrer Meldung tut, wenn sie von einem „schwarzen Tag“ von Linz spricht. Würde der Teamchef Sebastian Prödl auf diese Position stellen, was ähnlich unpassend wäre, käme auf so eine Interpretation wohl niemand.

Warum nicht ein Arnautovic den Lenker macht und an seiner Stelle Kavlak oder Jantscher den linken Flügel (was nur eine von einer Reihe potentieller Möglichkeiten wäre) besetzt? Eine spannende Frage. Spannend auch, ob wir das in der Ära Constantini noch einmal sehen dürfen. Deren Dauer ist mit dem heutigen Sieg wohl bis zum Ende der EM-Quali fixiert, zumindest falls kein großer Gegner das ÖFB-Team „spanisch“ vom Platz fegt.

Schocker Nummer 2 wäre ein Constantini-Sager bei der Pressekonferenz: Mit der vielleicht wichtigsten taktischen Umstellung des Abends hatte er nichts zu tun. Dass Harnik und Arnautovic nach 20 Minuten Platz tauschten, weil sie bemerkten, dass wenig läuft, wenn der Stuttgarter links und der Bremer rechts spielen, war allein der Verdienst der beiden Spieler. Ihre Rochade war laut eigener Aussage des Trainers nicht von ihm verordnet oder erdacht.

Drittens muss man sich wundern, warum Franz Schiemer die Innenverteidiger-Position einnehmen musste. Nun weiß man, dass Schiemer diese Position von früher kennt. Er hat sie gespielt, bevor er bei Salzburg erst auf die rechte Seite gestellt und dann fürs defensive Mittelfeld umgeschult wurde. Aber mit Aleksandar Dragovic saß eigentlich der beste IV der heimischen Liga auf der Bank und wäre die logische Variante gewesen. DiCo hatte dafür eine „sehr überzeugende“ Antwort parat: Weil Paul Scharner der bessere defensive Mittelfeldspieler als Schiemer ist.

Das große Constantini-Glück heute war das schnelle Tor von Prödl nach einer Standardsituation – mit ziemlicher Sicherheit hätte das Spiel sonst ganz ähnlich unerträglich gewirkt und wäre zur Geduldsprobe geworden, wie jenes gegen Kasachstan. Und dann teilt Constantnini natürlich noch das Glück Österreichs, dass mit Arnautovic endlich wieder Spieler mit dem gewissen Etwas das Nationaltrikot tragen kann. Das mussten heute übrigens auch jene österreichischen Sportjournalisten einsehen, die in den letzten Wochen jeden noch so stupiden Rotz über Arnautovic zum Skandal aufgebauscht haben.

(tsc)