Das Himmelfahrtskommando

WM-SERIE, Teil 4: SÜDAFRIKA | War der ordentliche Auftritt beim Confed Cup nur ein Strohfeuer – oder hat er gezeigt, dass der WM-Gastgeber  durchaus das Potential hat, mitzuhalten? Sicher ist in Südafrika nur eines: Ein halbes Jahr vor der Endrunde regiert die Panik!

Als Österreich 2008 als krasser Außenseiter in die EM-Endrunde im eigenen Land ging und jeder einer veritable Blamage erwartete, war vom „schlechtesten EM-Teilnehmer aller Zeiten“ die Rede. Das rot-weiß-rote Team, dass am Ende brav mithielt aber letztlich chancenlos war, ging als 58. in der „wahren“ Weltrangliste, der des ELO-Rankings, in das Heimturnier. Zwei Jahre später ist der Gastgeber der WM-Endrunde in einer ähnlich bedrückenden sportlichen Lage. Mit einem Unterschied: Auf Platz 83 geführt, ist Südafrika nicht nur unter allen 32 Teilnehmern bei diesem Turnier am weitesten hinten. Schlimmer noch: So weit weg vom Schluss war in der langen Geschichte der Weltmeisterschaft noch nie eine Mannschaft gelegen.

An der Qualifikation für den Afrikacup, der im Jänner stattfinden wird, schrammte die „Bafana Bafana“ nicht hauchdünn vorbei. Nein, die Südafrikaner verpassten den kontinentalen Vergleich mit 16 Teilnehmern meilenweit, kamen nicht einmal über die erste Quali-Hürde hinaus – anders als Fußball-Riesen wie Kenia und Ruanda. Anders als No-Name-Truppen aus Gabun, Malawi und Mosambik, die beim Afrikcacup in Angola dabei sind. Aus solchen Vergleichen wird klar: Nominell hat das Team von Carlos Alberto Parreira im Sommer nicht den Funken einer Chance. Weshalb auch einleuchten mag, warum der südafrikanische Verband ein halbes Jahr vor der WM noch schnell den Teamchef austauschte. Der ungeliebte und schlecht integrierte Brasilianer Joel Santana musste den Hut nehmen. Und bei einem Blick auf die  nackte sportliche Bilanz seit dem Confederations-Cup, bei dem sich die“Bafana Bafana“ in einer schwachen Gruppe immerhin Neuseeland und den Irak hinter sich ließ und so immerhin ins Semifinale eingezogen war, wird klar, auf was für ein Himmelfahrtskommando sich Carlos Alberto Parreira da eingelassen hat.

Brasiliens Weltmeister-Teamcef von 1994 beerbte seinen Nachfolger als südafrikanischer Teamchef nach einer beispiellosen Negativ-Serie, weil er eben die Mannschaft und das Umfeld aus seiner ersten Zeit als Teamchef schon kannte. In Santanas letzten sechs Spielen gab es fünf Niederlagen, unter anderem gegen Island, und nur einen Sieg – ein müdes 1:0 gegen Madagaskar. Also wurde Santana vom Hof gejagt, Parreira übernahm wieder, und in den ersten zwei Spielen seiner zweiten Amtszeit gab es gegen Japan und Jamaika zumindest kein Gegentor mehr. Dennoch bleibt zu konstatieren: Der südafrikanische Fußball strotzt nur so vor Brandherden.

Da wäre zum einen mal die Abteilung Attacke: In acht Spielen seit dem Confed-Cup gab es nur zwei mickrige Törchen. Kein Wunder, dass sich Parreira den von Santana verstoßenen Benni McCarthy wieder zurückholte. Der mittlerweile 32-jährige Stürmer von den Blackburn Rovers, 2004 Champions-League-Sieger mit Porto, war schon bei den beiden bisherigen Endrundenteilnahmen der Südafrikaner dabei und ist neben Steven Pienaar und Kapitän Aaron Mokoena der international erfahrenste Akteur der Mannschaft, die nur eine dünne Decke an Legionären hat, sich aber sonst zu einem beträchtlichen Teil aus Spielern der heimischen Liga zusammensetzt. Was sicherlich das größte Problem ist! Die führenden afrikanischen Fußballnationen setzen fast alle praktisch ausschließlich auf Legionäre, die in Europa ihr Geld verdienen. Wenn sich doch mal Spieler aus beispielsweise der nigerianischen Liga im Kader finden, sind das in der Regel sinngemäß der dritte Torwart und ein 18-jähriges Angriffstalent. Anders bei den Südafrikanern: Hier werden viele Kaderplätze aus der eigenen Liga rekrutiert, welche aber selbst im afrikanischen Vergleich sportlich praktisch wertlos ist. Die Vertreter der südafrikanischen Premiership flogen in den kontinentalen Klubbewerben in den letzten Jahren regelmäßig in den ersten Runden raus und haben gegen die Vertreter aus Ägypten, Tunesien, Nigeria oder der DR Kongo kaum eine Chance.

Andererseits gibt es aber im Land des Gastgebers einflussreiche Gestalten wie zum Beispiel Jomo Sono, der Gottseibeiuns des südafrikanischen Fußballs. Er mokierte sich zuletzt lautstark darüber, dass nicht genug auf einheimische Kräfte dies- und jenseits der Coaching-Zone gesetzt würde. Worte, die beim Verband nicht auf taube Ohren stoßen: Nach der Endrunde wird Carlos Alberto Parreira ersetzt, das ist jetzt schon fix, durch einen Teamchef aus Südafrika. Wer es sein wird, scheint egal – Hauptsache, es ist kein Auswärtiger.

Ein solches Himmelfahrtskommando zu übernehmen, kann sich eigentlich nur ein erfahrener Mann mit großen sportlichen Meriten wie Parreira erlauben. Es wird die fünfte Endrunde des 67-jährigen Weltenbummlers aus Brasilien sein, er war schon mit seinem Heimatland zweimal dabei, dazu 1990 mit den Arabischen Emiraten und 1998 mit den Saudis. Ihm stehen im Land des Gastgebers eine handvoll Europa-Legionäre zur Verfügung, die die mangelnde Qalität im restlichen Kader ausgleichen sollen. Es werden hauptsächlich die Routiniers sein, auf deren Schultern sich die Hauptlast verteilen wird. Ansonsten gibt es einige Fragezeichen.

Das fängt schon im Tor an. Unter Santana war der junge Itumeleng Khune Stammtorwart, war aber in den ersten Spielen unter Parreira nicht einmal im Kader. Ginge es nach den beim Confed-Cup gezeigten Leistungen, müsste der talentierte Khune aber eigentlich die Nummer eins sein. Davor ist es an Kapitän Aaron Mokoena, die (zuletzt aber recht sichere) Defensive zu organisieren. Sein Partner in der Innenverteidigung sollte entweder Zwei-Meter-Riese Matthew Booth sein, der lange Jahre bei Mittelständlern in Russland gespielt hat, oder aber Bevan Fransman. Letzterer hat zwar Nachteile im Luftkampf, gilt aber als wertvoller im Spielaufbau. Rechts hat sich mit ansprechenden Leistungen bei der Generalprobe Siboniso Gaxa sehr empfohlen; links ist Tsepo Masilela gesetzt, der mit Maccabi Haifa wertvolle Erfahrung in der Champions League sammeln konnte.

Im Mittelfeld ist Everton-Legionär Steven Pienaar, der vornehmlich über die Außenbahn kommt, für die Kreativität nach vorne zuständig. Eine Mammutaufgabe, den um ihn herum gibt es nur brave Arbeiter, aber keine Persönlichkeiten, die ein schlechtes Spiel oder gar einen Ausfall von Pienaar auch nur annähernd kompensieren könnten. So wie MacBeth Sibaya, der bei Rubin Kasan sein Geld verdient (oder, wie zuletzt, dort auf selbiges wartet), in der Bafana Bafana für den Defensiv-Part im Mittelfeld zuständig ist und sich diese Aufgabe in der Regel mit Kagisho Dikgacoi teilt. Das Problem dabei: Dikgacoi bekommt bei Fulham praktisch keine Spielpraxis, was ihn für einen Platz im WM-Team nicht gerade attraktiver macht. Dumm nur, dass es niemanden gibt, der diese Position sonst adäquat ausfüllen könnte – höchstens noch Innenverteidiger Fransman. Im Grunde gibt es auf dieser Position aber nur Notlösungen.

Ein Ungleichgewicht in der Mannschaft entsteht, wenn man sich die Möglichkeiten für die andere Außenbahn ansieht, wo es mit Teko Modise und Siphiwe Tshabalala gleich zwei ernsthafte Kandidaten gibt. So würde es nicht verwundern, wenn Parreira Pienaar in die Mitte zieht, die genannten Alternativen auf die Außen stellt und dazu Sibaya mit Dikgacoi oder Fransman die Doppelsechs bildet. Das würde Übergewicht im Mittelfeld schaffen und den Stoßstürmer der Mannschaft in eine gute Position für Konter bringen – normalerweise sollte das Benni McCarthy sein.

Für die allzu harmlose Offensive hätte Parreira aber immerhin noch einen Joker in der Hinterhand, den er überall einsetzen kann – nämlich Bernard Parker. Bei ihm besteht jedoch die Möglichkeit, dass er die Weltmeisterschaft im eigenen Land verpassen muss: Nicht wegen einer Verletzung, sondern wegen einer Sperre. Die Umstände seines Wechsels von Roter Stern Belgrad zu Twente Enschede im letzten Sommer sind dermaßen nebulös, dass sie von der FIFA untersucht werden. Keine gute Vorzeichen.

Sollte Parker tatsächlich geperrt werden, würde das nur ist Bild passen, denn während die Stadien entgegen einiger Befürchtungen rechtzeitig fertig werden, ist die Mannschaft eine einzige große Baustelle, auf der nichts wirklich weiterzugehen scheint und der es brutal an Alternativen fehlen. Verletzt sich einer aus dem Trio Mokoena/Pienaar/McCarthy, ist die ohnehin bestenfalls durchschnittliche Mannschaft noch weniger wert, zumal ob der verpassten Qualifkation für den Afrikacup auch die Bewerbsspiele fehlen, in denen sich die Mannschaft entwickeln könnte. In der Gruppe warten außerdem Gegner, die ein Weiterkommen nicht umbeding nahelegen: Die Franzosen sind klar über die Südafrikaner zu stellen, die Mexikaner wohl auch. Lediglich mit Uruguay gibt es einen Gegner, gegen den man sich realisitische Chancen ausrechnen kann. Ein Punkt gegen Mexiko im Autaktspiel wäre allerdings schon die Grundvoraussetzung, um überhaupt ans Achtelfinale denken zu dürfen. Denn geht der Auftakt gegen Mexiko schon schief, ist dieses eigentlich schon als verpasst anzusehen. Und als ob das nicht genug wäre, droht die Liga unter Federführung von Jomo Sono (der übrigens bei der WM 2002 als Teamchef fungierte), Parreira die Abstellung der Spieler für Trainingslager im Vorfeld der Endrunde zu verweigern.

Das krasse Gegenteil also zu den Österreichern, die in der blanken Angst vor einer Blamage 2008 alles taten, um dem Team im Vorfeld eine gute Vorbereitung zu ermöglichen. Was den Job von Carlos Alberto Parreira nur noch mehr zum Himmelfahrtskommando werden lässt.

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SÜDAFRIKA
gelbes Trikot und grüne Hose, adidas – Platzierung im ELO-Ranking: 83.

Gruppenspiele in Südafrika:
Mexiko (Nachmittagsspiel Fr 11/06 in Johannesburg/S)
Uruguay (Abendspiel Mi 16/06 in Pretoria)
Frankreich (Nachmittagsspiel Di 22/06 in Polokwane)
eventuelles Achtelfinale gegen ein Team der Gruppe ARG/GRE/KOR/NGR

TEAM: Tor: Rowen Fernández (32, Bielefeld), Moeneeb Josephs (30, Orlando Pirates), Itumeleng Khune (23, Kaizer Chiefs). Abwehr: Matthew Booth (26, Mamelodi), Bevan Fransman (26, Maccabi Netanya), Bongani Khumalo (23, Supersport Utd), Sibosino Gaxa (26, Mamelodi), Tseop Masilela (25, Maccabi Haifa), Aaron Mokoena (29, Portsmouth), Lucas Thwala (26, Orlando Pirates). Mittelfeld: Kagiso Dikgacoi (25, Fulham), Richard Henyekane (26, Golden Arrows), Daine Klate (25, Supersport Utd), Teko Modise (27, Orlando Pirates), Steven Pienaar (28, Everton), MacBeth Sibaya (32, Rubin Kasan), Siphiwe Tshabalala (25, Kaizer Chiefs), Elrio van Heerden (26, Blackburn). Angriff: Kermit Erasmus (19, Excelsior Rotterdam), Benni McCarthy (32, Blackburn), Benson Mhlongo (29, Orlando Pirates), Katlego Mphela (25, Mamelodi), Bernardo Parker (24, Twente Enschede).

Teamchef: Carlos Alberto Parreira (67, Brasilianer, seit Oktober 2009)

Endrundenteilnahmen: 2 (1998 und 2002 Vorrunde)

>> Ballverliebt-WM-Serie
Gruppe A: Südafrika, Mexiko, Uruguay, Frankreich
Gruppe B: Argentinien, Nigeria, Südkorea, Griechenland
Gruppe C: England, USA, Algerien, Slowenien
Gruppe D: Deutschland, Australien, Serbien, Ghana
Gruppe E: Holland, Dänemark, Japan, Kamerun
Gruppe F: Italien, Paraguay, Neuseeland, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Nordkorea, Elfenbeinküste, Portugal
Gruppe H: Spanien, Schweiz, Honduras, Chile

* Anm.: Die Platzierungen im ELO-Ranking beziehen sich auf den Zeitpunkt der Auslosung.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.