Interview mit Johann Gartner: „Ist Fußball Wissenschaft oder Sport?“

Peter Schöttel ist also neue Sportdirektor des ÖFB – und zwar mit 10. Oktober, also dem Tag nach dem Spiel in Moldawien. Abgesehen von Wolfgang Fellners Österreich (extrem pro Teamchef Herzog) und Kronen Zeitung (eher neutral) gab es für die Bestellung und die Vorgehensweise kräftig mediale Dresche. Vom ORF in Sport am Sonntag, von den OÖ.-Nachrichten, vom Profil, vom Standard. Selbst in den Postings und Facebook-Kommentaren von Krone und Österreich regiert das Kopfschütteln.

Die OÖN berichtete, dass acht Präsidiums-Mitglieder gegen Ruttensteiner waren (Hübel, Geisler, Gartner, Sedlacek, Milletich sowie die drei Bundesliga-Vertreter Rinner, Kraetschmer und Fuchs), fünf waren für ihn (Götschhofer, Bartosch, Lumper, Mitterdorfer und Präsident Windtner).

Darum soll jetzt mal wieder einer der Landespräsidenten zu Wort kommen, der für seine Ablöse gestimmt hat: Niederösterreichs Verbandspräsident Johann Gartner.

Herr Gartner, Sie werden in der „Kronen Zeitung“ vom 9. Oktober über den Sportdirektor-Posten mit dem Satz zitiert: „Wir wollen bei seinem Amt weg von der Wissenschaft, zurück zum Fußball“. Wie ist das zu verstehen?
Die Frage ist: Ist Fußball eine Wissenschaft oder ein Sport?

Wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahrzehnte anschaut: Ohne Verwissenschaftlichung geht man unter. Wenn nun verlangt wird, die Wissenschaft zurück zu fahren, ist das doch eher eine gefährliche Drohung.
Wissenschaftliche Unterstützung ist immer gut. Aber die Spieler sind Menschen. Sie sind nicht vorhersehbar. Das ist ja kein Angriff auf den Koller, der hat eine Spitzen-Arbeit geleistet. Die Philosophie, die gelebt werden soll, ist aber nicht die Wissenschaft, sondern der sportliche Weg mit wissenschaftlicher Unterstützung.

Man hatte aber den Eindruck, dass das Motto war: Egal wer Sportdirektor wird, Hauptsache der Ruttensteiner ist weg.
Ich habe ja nie gesagt, dass der Willi was Schlechtes gemacht hat. Das Nationale Zentrum für Frauenfußball beispielsweise ist ja wirklich ein Meilenstein. Der Spordirektor hat aber eine breitere Aufgabenstellung. Es gibt außer dem Nationalteam noch viele andere Bereiche – Jugendfußball, Frauenfußball, und so weiter. Und das Verantwortungsprofil für den neuen Sportdirektor wurde von der Task Force ja auch abgespeckt. In dieser ist übrigens kein Landespräsident gesessen, das möchte ich klarstellen.

Wäre es dann eine Überlegung gewesen, eine Person als Sportdirektor für das Nationalteam zu haben und eine für die anderen Bereiche?
Das wäre sicher keine schlechte Lösung, aber es ist nicht zu finanzieren.

Finanziell geht es dem ÖFB doch aber nicht so schlecht.
Es ist die Aufgabe eines Aufsichtsrates, sich die Bilanzen anzuschauen. Und Tatsache ist: Gegen Georgien waren keine 15.000 Zuseher im Stadion, und wäre das letzte Heimspiel nicht gegen Serbien gewesen, hätte es da ähnlich ausgesehen.

Die Analyse von Willi Ruttensteiner war aber anscheinend sehr in Ordnung, das wurde ihm auch öffentlich bescheinigt.
Ja, das war sie. Aber natürlich wäre es hilfreicher gewesen, wenn sie so gleich nach der EM erfolgt wäre. Und wenn schon da die Frage beantwortet worden wäre, wie es etwa sein kann, dass man im 3. EM-Gruppenspiel mit einer völlig neuen Spielanlage daherkommt.

Aber das stimmt doch nicht. Die Spielanlage war wie immer, nur das System war anders. Das eine hat ja mit dem anderen nichts zu tun.
Aber natürlich hat es das!

Nein. Ob man Angriffspressing spielt, oder defensiv verteidigt, hat nichts damit zu tun, ob man ein 4-4-2, ein 3-4-3 oder ein 4-2-3-1 spielt.
Hat Ihnen die erste Halbzeit gegen Island gefallen?

Es wäre vermutlich besser gewesen, das System vorher gegen besseren Gegner als einen Schweizer Sechstligisten zu testen.
Sehen Sie.

Aber ist die Verhältnismäßigheit wirklich gegeben? Gerald Gossmann schreibt im „Profil“ über das Vorgehen des ÖFB: „Es würde ein paar Spachtelarbeiten benötigen, derzeit wird aber das Haus niedergerissen. Anstatt zarte Ausbesserungen vorzunehmen wird mit dem Vorschlaghammer hantiert.“
Vor zwei Jahren, bei Ruttensteiners letzter Vertragsverlängerung, hat es offenbar geheißen – ich selbst war nicht dabei, aber es wurde mir berichtet – dass er mehr Ressourcen verlangt. Wenn er mehr Verantwortung und mehr Geld will, dann muss er danach auch für ein mögliches Scheitern gerade stehen.

Ex-ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner. Foto: CC BY-SA 3.0/Steindy

Ruttensteiner legt eine ausführliche Präsentation dar, und Peter Schöttel offenbar kaum mehr als ein paar Gedanken. Und Schöttel bekommt den Zuschlag. Wie geht das?
Die Analyse von Willi Ruttensteiner hat sich bezogen auf das Nationalteam in den letzten zwei Jahren. Das hatte nichts mit dem Konzept für die Zukunft zu tun. Nach dieser Analyse wurde den Kandidaten die Frage gestellt: Wie stellt ihr euch die Zukunft vor?

Und da haben die Vorstellungen von Peter Schöttel eher entsprochen als das Konzept von Willi Ruttensteiner?
Sonst wäre die Mehrheit nicht so rausgekommen. Das ist jetzt eh Geschichte und es ist mit den Stimmen so entschieden worden. Und ich halte es auch für unfair, von Vornherein auf Peter Schöttel einzudreschen und ihm die Qualifikation abzusprechen. Er hat ja viele Länderspiele absolviert.

Das sagt aber überhaupt nichts aus.
Na oh ja!

Man ist nicht automatisch ein guter Trainer oder Sportdirektor, nur weil man als Spieler gut war.
Nein, ist man nicht. Aber ich vertraue auf die Expertise der sportlichen Verantwortlichen, dass der bestmögliche Teamchef geholt wird. Das ist schließlich in unser aller Interesse.

Herr Gartner, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Anmerkung: Herr Gartner hat sich ein wenig darüber mokiert, dass sich Hannes Steiner in der Krone nur “das aus unserem langes Gespräch für das Interview herausgepickt hat, was ihm grad gefallen hat”. Darum ist hier de facto unser ganzes Gespräch zu lesen.

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.