Olivier Giroud

#PremierLeaks 17 – Arsenal und das Giroud-Problem: Mehr Tore sind zu teuer

Olivier Giroud stellt ein echtes Problem für Arsenal dar. Dem französischen Teamspieler fehlen die letzten paar Prozent um als echter Weltklasse-Stürmer durchzugehen und damit möglicherweise auch den entscheidenden Unterschied in engen Titelrennen zu machen, aber er ist zu gut, um einfach und vor allem wirtschaftlich sinnvoll ersetzt werden zu könnnen. Warum das so ist:

Giroud belegte als Einserstürmer der Gunners in der Premier League-Torschützenliste zuletzt die Plätze 7, 7 und 8. PL-Torschützenkönige erzielten in den vergangenen zehn Jahren zwischen 19 und 31 Tore pro Saison (Schnitt: 25,8), also zwischen 0,56 und 0,94 Tore pro Einsatz. Giroud erzielte im Vergleich für Arsenal in seinen vier Jahren zwischen 0,33 und 0,52 pro Einsatz bzw. zwischen 11 und 16 Ligatore pro Saison.

Die Namen der fünf erfolgreichsten Torschützenkönige (also jener die deutlich mehr als Girouds 16 Treffer aus 2014 und 2016 erzielten) klingen so: Cristiano Ronaldo (31), Luis Suarez (31), Robin van Persie (30), Didier Drogba (29) und Sergio Agüero (26). Das sind oder waren zur jeweiligen Zeit durchwegs absolute Weltklasseleute. Berücksichtigt man die Fernsehgeldinflation bekommt man Spieler dieses Kalibers – wenn überhaupt – heutzutage kaum unter 80 Millionen Euro Ablöse. Wer ihnen darüber hinaus kein Gehalt in der Region zweistelliger Millionenbeträge bietet, ist auf verlorenem Posten.

Vergleichen wir Olivier Giroud mit ein paar anderen aktuellen Stürmern von anderen Premier League-Top-Klubs: Diego Costa, Zlatan Ibrahimovic und Sergio Agüero.

Costa hat (pro Ligaspiel) in England in zwei sehr unterschiedlichen Saisonen 0,59 (0,43 bzw 0,77), in Spanien 0,42 und in der Champions League 0,42 Tore pro Spiel erzielt.
Agüero hat in England 0,68 in Spanien 0,42 und in der Champions League 0,46 Treffer pro Spiel erzielt.
Ibrahimovic hat in Spanien und Italien je 0,55 und in der Champions League 0,4 Treffer pro Spiel erzielt. (In Frankreich waren es 0,92.)
Giroud hat in England 0,42 und in der Champions League 0,43 Treffer pro Spiel erzielt. (In Frankreich waren es 0,45.)

So sieht man das aus, wenn man stärkere und ausgeglichenere Ligen wie England, Spanien, Italien und die Champions League von den Treffern aus einfacheren Ligen und der Europa League trennt (Anmerkung: Giroud hat in Frankreich für Montpellier gespielt, nicht wie Ibrahimovic für die finanziell überpowerte Truppe aus Paris. Agüero und Costa haben zwar Europa League, aber nie in einer schwächeren Liga gespielt):

Giroud fällt da also nicht gravierend von den anderen drei Spielern ab. Wieviel aber kosten seine Dienste im Vergleich?

Basierend auf kolportierten Gehältern (+15% für typische Deals zum Beispiel in Sachen Bildrechte) sieht das ungefähr so aus:

Costa (27) kostet Chelsea pro Saison etwa 13 Millionen Euro.
Agüero (28) kostet Manchester City pro Saison rund 15 Millionen Euro.
Ibrahimovic (34) kostet Manchester United pro Saison rund 14 Millionen Euro.
Giroud (29) kostet Arsenal pro Saison etwa 7-8 Millionen Euro.

Was hier noch fehlt sind Agentengebühren (die auch Millionen kosten), Handgelder und vor allem Ablösen. Diese Angaben sind teilweise unbekannt und ihre Berücksichtigung auch etwas komplizierter. Die Ablöse wird von Klubs normalerweise verteilt über die Zahl der Vertragsjahre verrechnet. Ein Beispiel zur Erklärung:

Luis Suarez wechselte 2014 für 82,3 Mio. Euro von Liverpool zum FC Barcelona. (Arsenal scheiterte ein Jahr zuvor übrigens mit einem 40 Mio.-Angebot an Liverpool für Suarez.)
Barcelona verpflichtete ihn für 5 Jahre.
Die Ablöse allein kostet Barcelona also 16,5 Mio. Euro pro Jahr, noch bevor Suarez auch nur einen Cent an Gehalt bezogen hat.

Richtig unübersichtlich wird es, wenn man dann auch noch diverse Vertragsverlängerungen und -änderungen miteinbezieht. Die folgenden Zahlen sind deshalb schon sehr shaky errechnet, ich denke aber, dass sie die Relationen ungefähr verdeutlichen und für das hiesige Argument noch akzeptabel sind. Angenommen alle Spieler erfüllen ihre aktuellen Vertragslaufzeiten und man verteilt Ablöse/Handgeld der Einfachkeit halber über ihre gesamte Vertragszeit beim Verein: Dann würde Costa auf 8 Mio., Agüero auf 5 Mio., Ibrahimovic auf 9,5 Mio. und Giroud auf 2 Mio. pro Jahr kommen. Damit würden die Schätzung über die jährlichen Gesamtkosten etwa so aussehen:

Für diese Investition bekommt Chelsea bisher (jetzt quer über alle Bewerbe gesehen) 0,46 Tore und 0,21 Assists pro Spiel.
City bekommt 0,65 Tore und 0,22 Assists pro Spiel.
Manchester United muss erstmal abwarten.
Arsenal bekommt 0,44 Tore und 0,18 Assists pro Spiel.

Nur Agüero performt also von diesen Daten ungefähr ein Drittel besser als Giroud, kostet aber gleichzeitig etwa doppelt so viel Geld. Costa brachte für die ebenfalls doppelte Summe zumindest dauerhaft keine nennenswerte Verbesserung (2016 war er wieder so erfolgreich wie 2014 in Spanien, ob der 2015er-Costa Ausreißer war oder wieder kommt, wird sich weisen). Und Ibrahimovic muss in seinem Alter erst einmal beweisen, dass er auch England zlatanisieren kann.

Costa, Giroud und Agüero sind wohlgemerkt vor der Ankunft der neuen TV-Gelder gekommen. Aktuelle Stürmer wechseln schonmal blutjung um 40 Mio. Euro (wie Michy Batshuayi (mit 22) von Marseille zu Chelsea) oder 50 Mio. Euro (Anthony Martial (mit 19) von Monaco zu Manchester United), ohne dass sie sich bereits auf Toplevel bewiesen haben und an Girouds Leistungsdaten herankommen: Batshuayi hat in Frankreich ähnliche 0,42 Tore pro Spiel erzielt und sonst nur in Belgien gespielt, Martial hat in Frankreich nur 0,21 und seit seiner Ankunft in England 0,35 Tore pro Spiel erzielt.

Einen Agüero (oder andere Spieler dieser Klasse) würde man heute wohl kaum billiger als Gonzalo Higuain bekommen, der gerade für 90 Mio. zu Juventus wechselt (nach 0,68 Toren pro Serie A-, 0,56 pro La Liga- und 0,25 pro Champions League-Spiel) und deshalb über seinen gesamten 5-Jahres-Vertrag hinweg gesehen vermutlich mehr jährliche Gesamtkosten als alle vier hier genannten Stürmer verursacht. Und jene 12 Mio. Euro, die Arsenal 2012 für Giroud gezahlt hat, zahlte in diesem Sommer schon Absteiger Newcastle, damit Dwight Gayle von Crystal Palace in die zweite Liga wechselt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Giroud ist eigentlich verdammt gut, wenn man Preis und Leistung vergleicht. Um jemanden zu bekommen, der zumindest mit einiger Wahrscheinlichkeit 10 Saisontore mehr als Olivier Giroud schießt, müsste Arsenal zuerst jemanden finden, der dafür gut genug ist UND den sein aktueller Verein herzugeben bereit ist UND der gerade auch selbst wechselbereit ist UND wohl mindestens zusätzliche 30 Millionen Euro pro Jahr investieren. Und dann kann es immer noch ausgehen wie bei Costa in der zweiten Saison (0,42 Tore/Ligaspiel) oder wie bei Radamel Falcao (bei Chelsea und ManUnited 0,14 Tore/Spiel). Passiert das, dann hätte man zwar ein Vermögen rausgejagt und möglicherweise deshalb nicht das Geld, um den Kader ausreichend breit für die Arsenal-typische Vierfach-Belastung zu gestalten, aber noch immer keine bessere Torquote.

Sportlich gesehen mögen die Gunners-Fans verständlicherweise von so einem Transfer träumen.
Wirtschaftlich wäre ich aber geneigt, das höchst idiotisch zu finden.

Wie seht ihr das?

Das ist ein Teil der Premier Leaks-Serie. Tom’s Langzeit-Blogbegleitung zur Premier League.

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  • Der Gast

    Der Artikel ist nett zu lesen. Was ich jedoch kritisieren würde, ist die Tatsache dass Tore/Spiel als mitentscheidender Maßstab genommen wurde. Tore/90 Minuten ist um einiges aussagekräftiger, da u.a. Giroud oftmals von der Bank kam. Nur so als Hinweis.

    • das stimmt, daran ließe sich die analyse verfeinern. allerdings kann man dann ja wiederum die frage stellen, warums beim einem so viel seltener über 90minuten reicht als beim anderen und auch darüber wieder diskutieren.

      zudem – und das ist der hauptgrund – sind die daten ein bisserl schwieriger zu kriegen, was den rechercheaufwand dann nochmal deutlich erhöht hätte. mit dem zugriff auf die richtigen datenbanken könnte man noch so viel mehr machen, aber den können wir uns als hobbyprojekt nicht leisten. ;)

  • immun man

    Arsenal soll/will/kann Giroud ja gar nicht ersetzen, es geht darum, ihn zu ergänzen. Er hat immer wieder Durchhänger. Einerseits, weil Arsenal taktisch mit Giroud weniger flexibel ist, andererseits weil er einfach überspielt war, weil es keine Alternative im Kader gibt. Arsenal braucht zusätzlich zu Giroud einen Stürmer, der idealerweise auch andere Qualitäten mitbringt (Tempo, in die Räume gehen), sodass man abhängig vom Gegner auch taktisch variieren kann. Mit Welbeck hätte man eigentlich so jemanden, der war aber schon den Großteil der letzten Saison verletzt und wird diese wohl komplett ausfallen. Walcott wäre von den Anlagen her nicht schlecht, konnte aber nie sein Potential erfüllen (und es würde mich nicht wundern, wenn der heuer noch gehen würde). Jamie Vardy wäre perfekt gewesen – vor allem um das Geld bekommst halt sonst niemanden. Für einen “mittelmäßigen” Stürmer wie Lacazette wird Arsenal nun sicher 60m ablegen müssen (oder noch mehr, nachdem ihn Lyon als “unverkäuflich” bezeichnet hat). Aber vielleicht geht Wenger auch wieder mal komplett “left field” und holt irgendeinen no-name (ich hoffe ja, dass er einen neuen Eduardo entdeckt). Aber er muss auf jeden Fall einen zusätzlichen Mittelstürmer kaufen, Sanogo und Akpom sind noch nicht so weit (und bei Sanogo bin ich mir nicht sicher, ob er es jemals sein wird). Arsenal muss nicht Giroud ersetzen, sondern Welbeck. Und das Tore-Problem kann Wenger aber auch anders lösen, als mit einem Star-9er, nämlich mit einem torgefährlichen Flügel: Maharez wäre absolut perfekt.

    • Jap, würde zustimmen, ein starker rechter Flügel und ein alternativer MS-Backup wären sinnvollere Ausgaben als einen besseren Giroud zu finden. Wobei ich nicht sicher bin, dass Vardy und Mahrez da die richtigen wären. Vardy wär für mich so ein Wechsel wie einst Torres zu Chelsea: Ein Stürmer mit klaren Qualitäten (schnell, konterstark, kaltschnäuzig), der dann in eine ganz andere Spielanlage gezwängt würde (Ballbesitz-orientiert gegen dichte Abwehrzentren mit wenig Raum hinter der Gegner-Verteidigung). Und auch Mahrez müsste halt schon einen großen Entwicklungsschritt machen, wenn er vom genialen Individualisten einer Kontermannschaft zum Teamplayer einer Wenger-Mannschaft werden soll. (Kann er durchaus machen)

      Ich würde ja mal einen Blick auf die beiden Ayews werfen werd mir aber auch Arsenal für die PL-Vorschau demnächst nochmal alles etwas genauer anschauen.