WM-Qualifikation für 2014
Allianz Arena, München, 6. September 2013
Deutschland - Österreich
3-0
Tore: 33' Klose, 51' Kroos, 88' Müller

Deutschland schickt Österreich in permanente Unterzahl – lockeres 3:0 die Folge

Klare Sache: Deutschland hat mit Österreich keine wirkliche Mühe und kommt zu einem relativ lockeren 3:0-Sieg. Weil man in der Offensiv-Zone sehr flexibel agierte und Österreich in ständige Unterzahl schickte. Dadurch, und durch das Fehlen von Zlatko Junuzovic, konnte das Pressing des ÖFB-Teams nie das gewohnte und auch nötige Ausmaß erreichen, um den designierten Gruppensieger zu gefährden.

Deutschland - Österreich 3:0 (1:0)
Deutschland – Österreich 3:0 (1:0)

Extremes Anpressen der deutschen Spieleröffnung, dem übermächtig scheinenden Gegner keine Zeit lassen, so Ballgewinne erkämpfen: Das Erfolgsrezept aus dem 1:2 im Hinspiel, als Österreich einem Punktgewinn nicht nur verdammt nahe war, sondern ihn sich auch mehr als verdient hätte, war auch beim Rückspiel in München erkennbar. Dummerweise aber nur in den ersten fünf Minuten.

Deutschland stellt 4-gegen-2-Überzahl her

Denn dann Begann die deutsche Marschroute zu greifen, weil dann die Außenverteidiger Lahm und Schmelzer nach vorne aufrückten. So konnte Deutschland das Geschehen nach dem eigenen Gusto gestalten und dieser funktionierte sehr gut. Der Schlüssel waren die Außenverteidiger, die “ausführenden Organe” war das Offensiv-Quartett der DFB-Mannschaft.

Weil nämlich Özil praktisch überall zu finden war, immer wieder auf die Flügel auswich. Weil dafür Reus von links in die Mitte zog und dort seine Technik und sein Tempo ins Spiel brachte. So konnte sich das österreichische Zentrum mit Alaba und Kavlak nie auf ein ausrechenbares System einstellen. Hinzu kam, dass Müller sich mit Fuchs einen ziemlichen Spaß machte, weniger horizontal agierte wie Reus, sondern vertikaler.

Zudem ließ sich Klose auch immer wieder etwas fallen. So hatte Deutschland im Raus zwischen Strafraumgrenze und Mittelkreis eine 4-gegen-2-Überzahl, weil Ivanschitz und Arnautovic durch die deutschen Außenverteidiger gebunden waren.

Junuzovic fehlt an allen Ecken und Enden

Zwar kam Deutschland nicht wie sicherlich erwünscht durch und die gefährlichsten Szenen waren eher weitere, höhere Bälle von den Flanken und dem Halbfeld in die Schnittstellen der Viererkette. Diese Überzahl sorgte aber sehr wohl dafür, dass es Deutschland praktisch immer problemlos gelang, nach einem Ballverlust durch schnelle Pressing-Pfeilspitzen und schnelleres Denken als der Gegner diesem den eigenen Aufbau zu unterbinden und schnell selbst wieder in Ballbesitz zu kommen.

Wegen der dergestalt gebundenen Mittelfeld-Reihe war die hängende ÖFB-Spitze Andi Weimann kaum im Spiel (zumal ihm der serbische Referee nicht nur jeden Körperkontakt mit einem Gegner abpfiff, sondern im Grunde auch jede Annäherung zu einem Deutschen auf weniger als einen Meter) und die vorderste Spitze Martin Harnik überhaupt nicht. Beide liefen zwar viel und mühten sich redlich, aber viel kam nicht dabei heraus.

In all diesen Teilbereichen machte sich das Fehlen des angeschlagenen Zlatko Junuzovic bitter bemerkbar. Auf der Position des zentralen Pressers auf der Position der hängenden Spitze in Kollers längst gewohntem 4-4-1-1 gibt es keinen besseren als ihn, weil er – anders als der gelernte Stürmer Weimann – nach anderthalb Jahren als Sechser/Achter bei Bremen ein gutes Gespür dafür hat, wann er zurück rücken muss. Weimann jedenfalls machte das nicht.

Dragovic’ Aufrücken und Fuchs’ Fehler

Die auch dadurch entstehende massive Unterzahl vor der Abwehrkette veranlasste vor allem Aleksandar Dragovic dazu, diese immer wieder zu verlassen und aufzurücken. So wurde die Personalnot gegen Özil und Reus zwar etwas gelindert, logischerweise entstand so aber natürlich ein Loch in der Kette. Ein Risiko, dem mit Einrücken von Garics begegnet wurde, aber so fehlte natürlich dieser wiederum auf der Außenbahn. Was vom mauen Schmelzer zwar nicht bestraft wurde, aber es war eindeutig nicht der Weisheit letzter Schluss.

Ebenso wie Christian Fuchs. Es ist eine nicht mehr ganz neue Erkenntnis, dass das ÖFB-Team auf einen Fuchs in guter Form kaum verzichten kann. Dummerweise kennt Fuchs gute Form nur noch vom Hörensagen. Er kam nicht in die Zweikämpfe gegen Müller und Lahm, er konnte kaum Flanken verhindern, zudem waren seine Pässe nicht selten der pure Horror und die Flanken vor’s gegnerische Tor, die ihn in der deutschen Bundesliga so berüchtigt machten, gibt es nicht mehr. Bei Schalke wird Fuchs seinen Stammplatz aller Voraussicht nach an Dennis Aogo verlieren – und das leider völlig zu Recht.

Flexibilität wird belohnt

Was natürlich auch nicht geholfen hat, war die Tatsache, dass Veli Kavlak immer wieder minutenlang an der Seitenlinie an seiner lädierten Nase behandelt werden musste und sich somit zusätzlich nie wirklich ein Rhythmus in der österreichischen Mittelfeld-Zentrale entwickeln konnte. Frappierend war auch der Unterschied in den Rochaden der Offensiv-Trios: Während Reus, Özil und auch Müller permanent ihre Positionen wechselten, hielten sich Ivanschitz, Arnautovic und Weimann beinahe sklavisch an ihre Positionen. Für fünf Minuten halb durch die erste Hälfte tauschten Arnautovic und Ivanschitz mal, aber das war’s auch schon.

Durch eine dieser vielen deutschen Rochaden und eine der vielen verlorenen Duelle von Fuchs entstand nach einer halben Stunde auch das 1:0 für die Deutschen, das sich da schon abgezeichnet hatte. Die latente österreichische Hilflosigkeit verbunden mit dem praktisch nicht mehr vorhandenen anpressen des Gegners und die selbstichere Körpersprache der Deutschen ließ schon da das Spiel zumindest vorentschieden erscheinen.

Hoffnungsschimmer

Zweite Halbzeit
Zweite Halbzeit

Was es aber noch nicht war. Kam Österreich vor der Pause kaum einmal dazu, drei Pässe aneinander zu reihen, ehe der Ball wieder weg war – vor allem auf David Alaba konzentrierten sich die Deutschen natürlich – wurde zu Beginn der zweiten Hälfte eine sich kurzfristig aufmachende Schwachstelle bei Deutschland angebohrt. Weil Schmelzer den Ellbogen von Harnik ins Gesicht bekam (die Handbewegung von Harnik legt den Schluss nahe, dass er sich zumindest Gelb dafür verdient hätte), musste Höwedes als Linksvertediger kommen.

Durch eine generell entschlossenere Herangehensweise nach Ballgewinn und flinkeres Umschalten als zuvor gelang es in den fünf Minuten nach Wiederanpfiff dreimal (!), durch einen Steilpass in die völlig offene Schnittstelle zwischen Boateng und Höwedes hindurch in passable Flankenpositionen zu kommen. Hier fehlte dann allerdings jene Konsequenz, die Kroos in der 51. Minute bei seinem Weitschuss zum 2:0 zeigte.

Österreich streckt die Waffen

Womit das Spiel dann aber doch durch war. Das ÖFB-Team streckte danach weitgehend die Waffen, stellte das ohnehin nur noch zart vorhandene Pressing völlig ein und ließ die letzten 40 Minuten über sich ergehen. Das Team vermittelte den Eindruck eines “Okay, verloren, was soll’s – Kräfte sparen für das Irland-Match”. Und weil auch Deutschland wusste, dass nichts mehr passieren wird, verausgabte man sich auch nicht mehr als notwendig.

Was allerdings auch nicht notwendig gewesen wäre, sind die Härteeinlagen von österreichischer Seite, die die letzte halbe Stunde prägten. Kavlaks Frust mag verständlich sein, aber sein Attentat auf Kroos’ Kniekehle hat sich nichts anderes als Rot verdient (es gab Gelb), Klein – der für den vom Platz humpelnden Garics gekommen war – bekam für ein ähnliches Foul zu Recht Gelb, Fuchs kam für eine Kopie des Klein-Fouls ohne Karte davon.

Schwung kam nur noch in die Partie, als Koller seine Flügel neu besetzte. Vor allem der für Arnautovic gekommene Marcel Sabitzer traute sich öfter, über die linke Seite durchzugehen. Zwar fehlten auch ihm die nötige Präzision, aber er versuchte es wenigstens. Und dass es kurz vor Schluss noch das 3:0 durch Müller gab, konnte auch der beste Österreicher nicht mehr verhindern – Torhüter Robert Almer.

Fazit: Zu wenig, um Deutschland gefährden zu können.

Von der 1. bis zur 5. Minute und von der 46. bis zur 51. machte Österreich den Eindruck, tatsächlich etwas holen zu können. Letztlich setzte sich aber die individuelle Klasse der Deutschen durch, verbunden mit der permanenten Überzahl vor dem österreichischen Strafraum, der durch die guten und nicht berechenbaren Laufwegen von Özil und Reus zustande gekommen war.

Österreich hingegen agierte über weite Strecken viel zu passiv, die Spieler waren zu weit voneinander entfernt, und einmal mehr wurde deutlich, dass es kein Gegenmittel gibt, wenn man selbst angepresst wird. Das man nach dem 0:2 jegliches Bemühen einstellte, dem Spiel eine Wende zu geben, ist mit einem Blick auf die Gruppenkonstellation und das anstehende, extrem wichtige Spiel gegen Irland, nicht ganz unverständlich.

Rückschlüsse lassen sich aus diesem Spiel natürlich einige ziehen. Kaum welche allerdings im Hinblick auf eben dieses Spiel gegen Irland – weil dort alles anders sein wird. Ausgangslage bei sich selbst und beim Gegner, Spielanlage des Gegners, Stärken und Schwächen beim Gegner. Hier täte man gut daran, eher das Spiel in Dublin und das 2:1 gegen Schweden heranzuziehen.

Dummerweise wird Junuzovic auch gegen Irland nicht dabei sein können.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

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  • charles

    War gestern vor Ort in der Allianz Arena. Neben der richtig gesehenen Spielanalyse ist mir zudem noch aufgefallen, dass AT an diesem Abend nicht nur stets zu weit weg vom Gegner stand, sondern das Pressing selten gut zur Verhinderung der deutschen Spieleröffnung koordiniert war. Oft nur einer, meist Weimann, die anderen wie Harnik oder Arnautovic, Ivanschitz eher nur lauernd, was gestern viel zu wenig war. Viel zu abwartend in der ersten Defensivarbeit ließ man sich rasch in die eigene Hälfte drängen, wo man dann automatisch gegen D seine Probleme bekommt wenn Özil, Reuss, Kroos so viel Raum zum Kombinieren bekommen.
    Man konnte richtig spüren, es fehlte bald der Mut, die wirklich Überzeugung etwas holen zu können, das waren im Vorfeld leider leere Worte, obwohl es sich für die deutschen aufgrund der fast 15.000 Fans wie ein Auswärtsspiel anfühlen musste. Nachdem auf dem Feld leider bald spürbar wurde das hier nicht der aggressive Geist von Wien in der Mannschaft wehte, sondern eher wieder großer Respekt, sprang der Funke nicht zum Publikum über und die mögliche Unterstützung von den Ränge konnte nicht richtig ausgespielt werden, da es nur selten die Gelegenheit dazu gab.
    Deutschland selbst trat zu Beginn beider Spielhälften nicht so dominant und überzeugend auf, da waren durchaus Möglichkeiten das Momentum in unsere Richtung zu drehen. Aber ohne Mut, ohne Risiko und leider auch mangelnde Präzision wie so oft beim letzten Pass bzw. überhastete Abschlüsse, ließen die Stärken der D wachsen und die Partie immer fester in Ihre Hände zu nehmen, was zu dem oben beschriebenen Spielverlauf führte. Leider so klar es schlussendlich war, es gab eindeutige Phasen wo man mit mehr Entschlossenheit sehr wohl die Chance zum Ausgleich gehabt hätte und so die nach den vielen Gegentoren der letzten Spiele
    stark in die mediale Schusslinie geratene Defensive der Deutschen eventuell wieder unsicherer und fehleranfälliger geworden wäre. Aber dazu fehlte gestern auf österreichischer Seite zuviel…

  • Martidas

    Tut mir leid, aber das war gestern gar nichts. Weder von der Spieler-, noch von der Trainerseite her.

    Wenn mir klar ist, dass ich mein Pressing nicht durchziehen kann (weder Harnik noch Ivanschitz können das spielen), dann kann ich nur zwei Sachen machen. Das Spiel in die Hand nehmen (was illusorisch ist) oder auf Konter spielen. Will ich die Konter flach und schnell spielen, muss das Mittelfeld auf Fehler des Gegners warten und zwar IM MITTELFELD! Oft befand sich das gesamte DM auf Höhe der Abwehrlinie (siehe auch zweites Gegentor). Will ich die Konter durch lange Bälle einleiten, dann muss ich vorne jemanden haben, der die Bälle halten, prallen bzw. verteilen kann. Keiner der Offensivspieler entsprach diesen Schema. Da hätte eine Korrektur erfolgen müssen (in welche Richtung auch immer)!

    Zweitens war die deutsche Abwehr bei weitem nicht sattelfest. Drei schnelle Pässe und man hatte relativ viel Platz. Hier muss man aber auch die Spieler in die Pflicht nehmen, da war viel zu wenig Mut dabei. Da wurde viel zu oft der Alibipass gespielt. Oder sinnlos Alaba gesucht. Teilweise war das schon erschreckend, wie zaghaft da agiert wurde. Kein Vergleich zum Heimspiel, wo auch viel öfters eine 1:1 Situation gesucht wurde (gegen die teils hölzernen Verteidiger Deutschlands ja per se nicht zum Scheitern veurteilt). Aber da kam nichts, auch von der Körpersprache her (Harnik hat es angesprochen).

    Ein für mich, trotz des Gegners, enttäuschender Abend. Ich bin skeptisch für Dienstag.

  • tf

    allerorts wird geschrieben, daß Junuzovic für Kollers System enorm wichtig ist, und zwar im Pressing und im Aufbauspiel, wenn der Gegner uns anpresst. Koller hat in Irland Kavlak für Zladdi nach vor gezogen, ein totaler Flop. Gegen die Deutschen hat er es mit Weimann versucht, ein totaler Flop. Es ist mir völlig unverständlich, nein- ich finde es sogar verantwortungslos, daß Koller Weimann 90 Minuten lang auf dieser wichtigen Position ließ. Er hätte schon während der 1. Halbzeit Ivanschitz auf die 10 stellen müssen, spätestens jedenfalls in der Halbzeitpause. Nicht, weil ich überzeugt bin, daß Ivanschitz den Job besser erledigt, sondern weil der Teamchef unbedingt eine Alternative zu Junuzovic für Irland und vielleicht auch Schweden finden mußte. Koller hat mit seinem sattsam bekannten Nicht-Coaching während des Spiels diese Chance verpasst.

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  • El10z

    Großartige Analyse, wie immer.

    Das Match nach 52 Minuten abzuschenken ist aber nicht akzeptabel, auch nicht im Hinblick auf das Irland-Match. Koller hat wirklich sehr viel weitergebracht und tut uns gut, aber sein Coaching war auch gestern wieder schwach: Dass Fuchs nie beim Mann ist, nur begleitet, muss er wenn schon nicht vor dann wenigstens während des Spiels abstellen. Zur Pause hätte er Fuchs rausnehmen und Suttner bringen müssen. Auch die langen, nicht mal gezielten Abschläge von Almer und Pogatetz sind schon längst ein Übel. Nach dem 0-2 wäre es eine naheliegende Option gewesen, den auf der 6/8 verschenkten Alaba auf die 10 vorzuziehen, um vielleicht noch den Umschwung zu erzwingen.