Adaptierungen bremsen St. Pölten aus: Nach 4:2 ist Neulengbach auf Meister-Kurs

Angesagte Revolutionen haben die Angewohnheit, nicht stattzufinden. So ein wenig ist das auch im vermutlich bereits vorentscheidenden Spiel in der Meisterschaft zwischen Abo-Frauen-Meister Neulengbach und dem Herausforderer St. Pölten der Fall gewesen. Weil Letzterer nach dem Cupsieg im Juni und einem wesentlich überzeugenderen Europacup-Auftritt zwar auf der Überholspur war. Aber beim großen Rivalen wegen dessen Adaptierungen 2:4 ausgebremst wurde.

SV Neulengbach - FSK St. Pölten 4:2 (1:2)
SV Neulengbach – FSK St. Pölten 4:2 (1:2)

Das Cupfinale hat St. Pölten, vormals Spratzern, gegen Neulengbach gewonnen; ebenso das letzte Liga-Duell im Frühjahr. Im Europacup lieferte der Vize-Meister gegen ein deutlich besseres Team passable Spiele ab, der Abo-Meister gegen ein sicherlich um nichts besseres Team eine Zitterpartie.

Was auch daran lag, dass Neulengbachs Gegner deren teilweise gigantisches Loch zwischen Abwehr und Mittelfeld mit extrem schnellen Spielerinnen vollpackte und von den Außenverteidigerinnen so gut wie nichts kam. Das hätte St. Pölten auch im Liga-Spitzenduell auszunützen versucht, das funktionierte aber nur eine Viertelstunde lang. Weil es bei Neulengbach entscheidende Adaptierungen gab.

St. Pölten kopiert sich selbst

St. Pölten, wenn man so will der Herausforderer, achtete darauf, defensiv kompakt zu stehen, Neulengbach auf die Außen zu drängen – schließlich empfielt es sich nicht, Nina Burger im Strafraum an en Ball kommen zu lassen – und nach Ballgewinn die zwei schnellen Spitzen ins Spiel zu bringen, die sich ihrerseits zwischen den Reihen von Neulengbach breit zu machen versuchten.

ASV Spratzern - SV Neulengbach 3:3 n.V. (3:3, 0:1), 4:3 i.E.
Spratzern – Neulengbach 3:3 nV (3:3, 1:0), 4:3 iE

Im Grunde also eine Kopie des Matchplans, mit dem St. Pölten letzten Juni im Cupfinale exzellent gefahren ist und bis zur 88. Minute mit 3:0 geführt hat. Zudem hat man nun statt der eher verspielten Brasilianerin Darlene mit Nicole Billa deutlich mehr Direktheit zum Tor. So war diesmal auch nicht nur der Matchplan eine Kopie vom Cupfinale, sondern auch der Spielverlauf: Neulengbach hatte deutlich mehr vom Ball, aber St. Pölten machte die Tore.

Einmal lief Makas der Abwehr davon und legte für Billa quer, einmal ließ sich Celouch von einem Freistoß auf die in ihrem Rücken gestartete Prohaska überraschen. Eine Viertelstunde gespielt, St. Pölten führte 2:0. Und das, obwohl auch viele lange Bälle von hinten in Richtung Makas und Billa überhastet waren und ihre Abnehmer nicht fanden.

Zwei inhaltliche Änderungen…

Es gab aber auch ganz signifikante Unterschiede sowohl zum Cupfinale als auch zu Neulengbachs Spiel zuletzt gegen Apollon Limassol. Trainer Hannes Uhlig ging nämlich von seinem flachen  4-4-2 mit passiven Außenverteidigern ab, opferte eine Stürmerin zugunsten einer Verbindungsspielerin zwischen der Doppelsechs und Spitze Burger.

Diese Rolle nahm Dominika Škorvánková ein, die Slowakin zeigte einen großen Aktionsradius und eine sehr ansprechende Leistung. Der zweite Unterschied war, dass mit Vojtekova links und vor allem Bíróová rechts die Außenverteidigerinnen deutlich aktiver aufrückten und vor allem dafür sorgten, dass bei St. Pölten über die Mittelfeld-Außen Kohn und Mahr keine Zeit am Ball und damit keine Zeit für einen sinnvollen Aufbau über die Außen hatten.

…mit denen St. Pölten nicht umgehen konnte

Bei St. Pölten hat sich gegen Sassari Torres gezeigt, dass man auf den Außenbahnen Probleme bekommt, wenn der Gegner mit aufrückenden AV spielt und so für 2-gegen-1-Situationen gegen die eigenen Außenverteidiger sorgt. Zudem spielte St. Pölten ewig nicht (wenn überhaupt jemals?) gegen ein Team mit einem so guten Unruheherd zwischen zwischen den Reihen wie es Škorvánková in diesem Spiel war. Bei Sassari gab es diese Position nicht (bzw. zwar ähnlich, aber einimensional gespielt und damit für St. Pölten leicht ausrechenbar), genauso wenig wie bei Neulengbach (wo ja üblicherweise 4-4-2 gespielt wird) und andere Teams in der Liga haben einfach nicht die Qualität.

So bekam Neulengbach das Spiel nach dem 0:2 nicht nur in den Griff, sondern dominierte es praktisch nach Belieben, kam zu guten Chancen und erstickte Aufbau-Versuche von St. Pölten schon im Keim. Außerdem wurden Versuche der Gäste, mal mit etwas mehr Leuten nach vorne zu kommen, eiskalt bestraft: Beim 1:2 lief Radojičić auf der linken Seite durch und schloss ab, beim 2:2-Ausgleich war es Škorvánková, die ein wenig zu viel Platz bekam.

Und weil weder Mona Kohn vor der Pause noch die oft erstaunlich weit eingerückt agierende Jasmin Eder danach ein defensiver Prüfstein für Neulengbach-RV Bíróová waren, konnte diese oft den Vorwärtsgang einlegen und Flanken schlagen. Eine davon konnte St. Pölten mit viel Glück noch klären, etwas später verwertete Nina Burger halb durch die zweite Hälfte zum 3:2, und als Marlies Hanschitz zwei Minuten später zum 4:2 traf, war alles entschieden.

Fazit: Adaptierungen bringen verdienten Sieg

St. Pölten fand nie ein Mittel, gegen den Druck von Außen und gegen die Unterzahl im Zentrum anzukommen und war, der frühen 2:0-Führung zum Trotz, mit dem 2:4 sogar noch gut bedient. Einfach nur kompakt stehen und schnell die flinken Spitzen bedienen kann zwar funktionieren (wie im Hinspiel gegen Sassari oder im Cupfinale gegen Neulengbach), wenn der Gegner aber mit etwas Unerwartetem kommt, fehlt ein wirklicher Plan B.

Neulengbach aber hatte mit den guten Adaptierungen gegenüber dem, nun ja, nicht so guten Apollon-Spiel Balance innerhalb der Mannschaft, Vorteile sowohl im Zentrum als auch auf den Außenbahnen, brachte Breite ins Spiel. Dass die Innenverteidigung gegenüber Billa und vor allem Makas teils eklatante Geschwindigkeits-Nachteile hat, wurde dadurch kompensiert, dass man St. Pölten schon sehr hoch anging und andere Optionen als lange und hohe Bälle eliminierte, damit selten in gefährliche Laufduelle verwickelt wurde.

Mit diesem Sieg hat Neulengbach schon jetzt eine Hand am 12. Meistertitel in Folge, weil St. Pölten nun drei Verlustpunkte Rückstand und zudem, traditionellerweise, die deutlich schwächere Tordifferenz hat. Vorbehaltlich eines (immer möglichen, aber erfahrungsgemäß sehr unwahrscheinlichen) Punktverlustes gegen eines der restlichen acht Teams kann St. Pölten nicht mehr aus eigener Kraft Meister werden.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.