Ohne Breite keine Spitze – Österreich nach 0:4 gegen Ägypten ausgeschieden

Nichts wurde es mit dem Achtelfinale für das ÖFB-Team bei der U20-WM in Kolumbien – am Ende gab es in drei Spielen nicht einmal in Tor. Beim letzten Gruppenspiel gegen Ägypten fehlte es eklatant am dringend notwenidigen Flügelspiel und spätestens nach dem 0:2 auch an mentaler und körperlicher Kraft.

Österreich - Ägypten 0:4

Nach dem 4-2-3-1 gegen Panama aund dem 3-3-3-1 gegen die Brasilianer gab es beim österreichischen Team diesmal ein 4-4-2 zu bestaunen – mit nominell offensiven Flügelspielern und mit Weimann (klein und schnell) und Zulj (groß und wichtig) zwei völlig unterschiedlichen Spielertypen im Angriff. Aufgrund des 0:0 von England am Nachmittag war klar: Jeder Sieg reicht fix für das Achtelfinale, weil man mit vier Punkten bei den vier besseren Gruppendritten dabei ist.

Optische Überlegenheit, inhaltliche Unterlegenheit

Das ÖFB-Team übernahm im Wissen, siegen zu müssen, schnell das Kommando über den Ball und versuchte, Weimann und Zulj vorne zu bedienen. Großes Problem dabei: Es ist seit dem Afrikacup klar – und der war schon vor vier Monaten, man musste es also wissen – dass Ägypten mit Tempo gegen die Außenverteidiger durchaus zu knacken ist, mit allem, was auch nur irgendwie nach „durch die Mitte“ auch nur riecht, nicht. Umso unverständlicher, dass, je länger das Spiel ging, immer mehr durch die Mitte versucht wurde. Und immer weniger über die Flügel.

Österreich hatte so zwar an die 60% Ballbesitz, es fehlte aber am dringend notwenidigen Spiel in die Breite, Klem und Schütz waren kaum echte Faktoren. Auffällig war dabei durchaus, dass es sofort gefährlich wurde, wenn die beiden doch mal steil auf die Außen geschickt wurden, wie in der 20. Minute: Klem, kurzzeitig auf der rechten Seite, ließ Ashraf stehen und flankte gut in den Strafraum.

Ägypten hat alles im Griff

Was nach komfortabler Überlegenheit der Österreicher aussah, war viel mehr genau das Spiel, dass die Ägypter haben wollten: Defensiv brauchten sie sich nicht sorgen, von den zur Schau gestellten Mitteln der Österreicher wirklich in Bedrängnis gebracht zu werden, andererseits konnte sie nach Balleroberung sofort selbst mit Tempo in Richtung Radlinger gehen.

Das ging deshalb so wunderbar, weil auf die beiden zentralen Mittelfeldmänner El-Neny und Ghazy de facto überhaupt kein Druck von Kainz und Dilaver ausgeübt wurde, sich aber hinter den beiden mit Mohamed Ibrahim die hängende Spitze der Afrikaner nach Herzenslust zwischen den Viererketten ausbreiten konnte und so gut wie immer anspielbar war.

So war das Tempodiktat der Ägypter um einiges schärfer und letztlich auch der Führungstreffer ebenso verdient wie folgerichtig – auch wenn beim von Schimpelsberger abgefälschten Ghazy-Schuss selbst etwas Pech dabei war. Hat das österreichische Spiel schon vor dem Rückstand (vom Freistoß in der 1. Minute abgesehen) nie nach Torerfolg ausgesehen, war das ÖFB-Team nach dem Rückstand sichtlich geschockt und schleppte sich eher in die Halbzeit.

Verschenkter Gucher

2. Halbzeit

Andi Heraf brachte zur zweiten Hälfte Offenbacher für Kainz (direkter Positionswechsel) und Gucher für Weimann, stellte somit auch sein System um: Gucher spielte nun zentral offensiv hinter Zulj. Aber nicht aus dem Mittelfeld heraus, sondern sehr hoch, beinahe im Schatten von Zulj – und Gucher war dort völlig verschenkt. Weil er in der Position, in der er stand, quasi als Mittelding aus Zehner und hängender Spitze, überhaupt nie einen Ball sehen durfte.

Weil es eben genau die Zone war, die das ÖFB-Team im Spiel nach vorne eigentlich tunlichst vermeiden sollte – die Zentrale. Das Spiel über die Flanken wurde weiterhin nicht forciert und Gucher hatte in der ganzen zweiten Hälfte eine gute Szene – als er in der 57. Minute an den Ball kam, aber an El-Shenawy im ägyptischen Tor scheiterte. Die Hoffnung, dass Gucher mal ein Ball auf die Füße fällt, kann aber nicht der Plan hinter der etwas seltsamen Position des Kapfenbergers gewesen sein.

Radlingers Fehler macht den Deckel drauf

Nachdem die Österreicher gegen Panama das klar fittere Team waren und von den Brasilianern auch nicht auf der konditionellen Ebene geschlagen wurde, machte sich der Kräfteverschleiß bei der dritten Partie in sieben Tagen bei knapp 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit in Cartagena in dieser Phase, als es eigentlich hieß, alles nach vorne zu werden, doch bemerkbar. Und als der im Turnierverlauf ansonsten starke Radlinger einen Schuss von Mohamed Ibrahim mit den Fäusten über sich hinweg ins eigene Tor beförderte, war alles entschieden.

Diaa El-Sayed, der ägyptische Teamchef, hatte kurz zuvor Sechser Tawfik für Stürmer Hassan gebracht, dafür rückte El-Neny auf und Mohamed Ibrahim ging in die Spitze. Dort fühlte er sich sichtlich wohl und legte nur zwei Minuten nach dem 2:0 gegen eine nun eher kollabierende österreichische Abwehr das 3:0 nach. Mit diesem Doppelschlag war das Spiel im Grunde beendet – die körperlich und mental angeschlagenen Österreicher fügten sich in die Niederlage und die Ägypter gingen nicht mehr mit aller Macht auf den möglichen Gruppensieg, den ein noch höherer Sieg möglich gemacht hätte, los. Das 4:0 in der Schlussphase war nur noch Kosmetik

Fazit: Viel zu wenig Flügelspiel, schon wieder

Schon beim viel zu eng interpretierten 3-3-3-1 gegen Brasilien wurde die komplett fehlende Breite im Spiel der Österreicher klar sichtbar, gegen die durch die Zentrale praktisch nicht zu knackenden Ägypter war es ähnlich. Die haben zwar gegenüber dem Afrikacup durch das nach vorne ziehen von Mohamed Ibrahim unglaublich an Offensivstärke gewonnen, die Defensive wäre aber weiterhin nur mit Tempo gegen die Außenverteidiger zu schlagen gewesen. Und genau das fehlte komplett.

Dass es am Ende Gruppenplatz vier mit einem Punkt und null Toren aus drei Spielen wurde, hat aber auch andere Gründe – die vor allem im Vorfeld des Turniers bis zur Genüge durchgekaut worden sind. Die Klasse und die Spielübersicht eines David Alaba und das Tempospiel über die Flügel eines Raphael Holzhauser hätten sicherlich geholfen.

Man muss letztlich festhalten, dass es weniger die vor dem Turnier zum Sorgenkind erkorene Abwehr war, die ausgelassen hat, sondern die als so stark gepriesene Offensive. Zwei Gegentore der Brasilianer waren kaum zu verteidigen, die ersten beiden gegen Ägypten waren ein abgefälschter Weitschuss und ein Torwartfehler – beim dritten und beim vierten war die Luft längt raus. Nach vorne ging aber halt zu viel durch die Mitte und zu wenig durch die Breite. So gab es gegen Brasilien und Ägypten kaum Chancen – nur im Eröffnungsspiel gegen Panama, als das Spiel über die Flanken forciert wurde, kam man wirklich zu einer Fülle von Einschussmöglichkeiten.

Letzlich war’s zu wenig. Aber es war trotzdem eine feine Sache, dabei gewesen zu sein – und für die Burschen, die mit waren, zweifellos eine wichtige Erfahrung. Zumindest das kann ihnen trotz den sportlichen Misserfolgs keiner mehr nehmen.

(phe)

PS: Ein Lob muss an dieser Stelle noch an Peter Klinglmüller gehen. Die mediale Aufbereitung der Reise seitens des ÖFB-Pressechefs via Facebook und Twitter war top. Daumen hoch!

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.