Carricks unfreiwilliger Beitrag zur Gerechtigkeit

35 Minuten lang sah es in der Neuauflage des Manchester Derbys, ausgetragen im ehrwürdigen Wembley, nach einer fixen Sache für die Red Devils aus. Bis die Citizens ihr selbstgebasteltes Schneckenhaus in eine Dampfwalze umbauten.

Man. City - Man. United (1' - ca. 30')

Es war mal wieder Zeit für das Manchester Stadtderby. Ausgetragen wurde dieses jedoch nicht im Old Trafford oder dem City of Manchester-Stadion, sondern im ehrwürdig-legendären Wembley in London. Was der Stimmung keinen Abbrucht – ganz im Gegenteil. Die Fans in der ausverkauften Fußballarena sorgten von Beginn an für Hexenkesselstimmung bei diesem FA-Cup Halbfinale.

Die konkurrierenden Teams taten personell das ihre dazu und schickten jeweils hochkarätige Besetzungen auf den grünen Rasen. Für die Red Devils hütete Golden Oldie Edwin van der Sar das Tor, vor ihm operierten O’Shea, Ferdinand, Vidic und Evra. Altstar Paul Scholes, Park Ji-Sung und Michael Carrick gaben die nominelle Zentrale, Valencia und Nani die Flankenläufer und Dimitar Berbatow den einzig echten Stürmer. Am Feld reflektierte dieses Team zu Beginn als ein leicht verschobenes 4-1-4-1 mit Carrick als zentral versetztem DM und Scholes als leicht hängenden Ballverteiler.

Für City hütete Stammgoalie Hart den Kasten, Zabaleta, Kompany, Lescott und Kolarov waren als Viererkette gesetzt. Yaya Toure, de Jong und Barry füllten die Mitte, ergänzt von Johnson und Silva an den Seiten. Und dazu hatte Hobby-Dartspieler Balotelli rechtzeitig den Weg durch sein Trikot gefunden. Ein „4-5-1 mit Panorama-Aufstellung“ würde der spielerischen Umsetzung zunächst wohl eine adäquate Beschreibung sein.

Taktische Feigheit
Eine halbe Stunde lang sah der in die Hauptstadt verlegte Kracher aus der Industriemetropole aus wie eine klare Sache für das Team von Alex Ferguson. Die ersten 10 Minuten griff man noch etwas verhalten, in der Folge dann aber doch spürbar vehementer an. Insbesondere Nani schien wieder Gefallen daran zu finden, sich als offensiver Spielgestalter und Seitendribblanski zu etablieren. Seine unmittelbaren Gegenspieler  – zumeist Yaya Toure, der nach Außen nachrückende de Jong oder aber Zabaleta und Kompany – hatten ihre liebe Mühe, den wendigen Portugiesen zu bänden. Obwohl er es denn manchmal übertrieb war seine Leistung ein wichtiger Grund, warum über die tendentiell etwas bessere Seite der Citizens vorerst einmal kaum bis gar nichts nach vorne lief.

Der andere Grund war die (möglicherweise kalkulierte) Feigheit in der taktischen Grundausrichtung. Roberto Mancini hatte sein Team definitiv nicht mit dem Plan eines offensiven Auftaktorchesters instruiert, sondern ließ seine Kicker erst einmal argwöhnisch die eigene Hälfte bewachen und auf Konter lauern. Chancen zu letzteren ergaben sich zwar wpärlich, die durch Uniteds Druck ausgelöste „U-Deformation“ der Aufstellung sowie die faktische Isolation von Balotelli im Angriff, ließen schnelle und gefährliche Gegenstöße nicht zu. Erschwerenderweise ließ man die Devils auch noch bis zur Halbkreishöhe gewähren, ehe man sie schließlich mit Pressing beackerte (siehe blaue Markierung am Feld, die die ungefähre Starthöhe des Pressings von Man City beschreibt).

Berbatovs Doppelpack der anderen Art
Diese Möglichkeit zur freien Entfaltung nahm das MUFC-Mittelfeld dankend an. Und nach einer Viertelstunde hätte es eigentlich 1:0 für die „Roten“ stehen müssen. Eine schöne Kurzpass-Kombo vor dem Citizen-Strafraum kulminierte in einem schönen Zuspiel auf Dimitar Berbatov, der aus kurzer Distanz am gut reagierenden Hart scheiterte. Nur einen kurzen Moment darauf war Nani auf der linken Seite einmal mehr durch und spielte den tödlichen Querpass in die Mitte. Rutschend und unter Bedrängnis erreichte der Bulgare das Zuspiel, brachte aber das Kunststück fertig den Ball aus drei Metern über den Kasten zu bugsieren. Eine Lehre zog man daraus bei City nicht, blieb weiter hinten drin und probierte sich neben schlampig vorgetragenen Kontern mit weiten Bällen aus der Reihe „Wunschdenken“.

Einzig und allein weitere Großchancen für Manchester United blieben aus, ein wuchtiger Kopfball von Vidic (25′) nach einer Ecke sei noch zu erwähnen. In dieser Phase des Spiels hinterließen die Citizens einen ratlosen Eindruck.

Citizens finden das Gaspedal
Nach 32 Minuten sorgte dann Silva für den ersten Lichtblick. Der hatte unterstützend die Seite gewechselt brachte einen genauen Pass auf den von zwei Spielern gedeckten Balotelli an. Der konnte das Leder aber nicht sauber annehmen, stocherte es aber zu Johnson, der noch einen Haken machte und das Ding am kurzen Eck vorbeijagte. Das war der Auftakt zu einer Reihe von Gelegenheiten, die sich den Hellblauen in dieser Häfte noch eröffnen sollte. City hatte plötzlich den Vorwärtsgang entdeckt.

So war es Johnson, der sich  in Minute 36 fast bis an den Fünfer von van der Sar vorgedribbelt hatte und damit letztlich eine Ecke erzwungen hatte. Und Lescott setzte den Ball aus besagtem Standard freistehend per Volley aus 12 Metern drüber. Davor hatte es Balotelli aus rund 35 Metern einfach mal mit der Brechstange probiert (34′). Auch der bislang noch recht unauffällige Toure setzte sich nun in Szene, und versuchte nach einem schnellen Ballgewinn eine Lücke zwischen Ferdinand und Vidic zu finden. Letzterer blockte den Schußversuch jedoch. Ein Kracher von Kompany sauste noch in der gleichen Minute knapp am kurzen Eck vorbei (43′). Nach schwachem Start ging Man City als überlegenes Team in die Kabine.

Woher der Wandel?
Doch was war passiert? Es ist ja anzuzweifeln, dass die Aktion von Toure, Balotelli und Johnson als Weckruf allein ausreichend für einen plötzlichen Adrenalinschub für die Mancini-Elf. Eher war dies bereits ein erstes Symptom für die eingeleitete, taktische Umstellung. Folgende Maßnahmen ließen sich letztlich herauslesen:

  • Mancini hatte das Mittelfeld „verdichtet“. Der Abstand zu Balotelli und zwischen den Anspielstationen wurde drastisch verkürzt. Statt einem seltsamen „U“ in einem deformierten 4-5-1 war nun ein offensiv geprägtes 4-2-3-1 am Werk.
  • Notwendigerweise und logischerweise griff man den Gegner nun deutlich früher an. Statt erst am Halbkreis Druck auf die Ballführer auszuüben, wurden selbige nun schon vor dem eigenen Strafraum bedrängt.
  • Die Aufteilung war nun klarer. De Jong und Barry nahmen nun vorrangig Aufgaben im Spielaufbau und in der Abfangjagd wahr, Toure und Silva waren vor sie weiter in die Zentrale und weiter nach vorne gerückt. Auch die Abwehrreihe stand nun höher, was etwa Zabaleta als OAV stärker zur Geltung kommen ließ.
  • United hingegen wurde nun insgesamt weiter nach hinten gedrängt und bei Vorstößen gut auf eine Bahn gezwungen. Eine Änderung der Grundausrichtung erfolgte zur Halbzeit nicht.

Carrick packt das Silbertablett aus
Und weil Alex Ferguson (der heute dank einer FA-Strafe von der Tribüne aus arbeitete) den neuen Verhältnissen am Platz weder mit mit einer systemischen Umstellung noch mit taktischen Anweisungen Tribut zollte, lag ein Tor für Man City in der Luft.

In den ersten Minuten der zweiten Halbzeit fehlte es jedoch an den entsprechenden Chancen. Bis van der Sar bei einem Klärungsversuch einen Gegner anschoß, der Ball trotzdem via O’Shea zu Michael Carrick geklärt wurde, der schließlich Toure mit einem Querpass aus der Hölle ein großes Geschenk machte. Der nämlich, kaum dass er den Ball hatte, legte den Turbo ein, kurvte von Carrick gejagt auch noch an der Innenverteidigung entlang und brachte den Ball mit einer kleinen Prise Glück auch noch durch die Beine von van der Sar ins Netz (52′). Der Fehler von Carrick ist freilich in einem solchen Spiel unverzeihbar, es sei der Fairness halber jedoch angemerkt, dass er bis auf diesen Patzer heute ein solides Spiel abgeliefert hatte.

Man. City - Man. United (ca. 30' - 70')

Vier Minuten darauf eröffnete sich aus einem hektisch vorgetragenen United-Angriff sogar die Chance, noch eins draufzulegen, es gelang den Citizens aber nicht, eine faktische 3-gegen-2-Situation  in eine echte Torchance zu verwandeln (56′). Im Offensivspiel der Red Devils war ein deutlicher Bruch erkennbar. Das durch die Umstellung entstandene Korsett behagte dem Spiel in der Zentrale ganz und gar nicht. Der vormals schon wenig auffällige Valencia verschwand völlig von der Bildfläche, der qurilige Park Ji-Sung fand für seine öffnenden Vorstöße keinen Raum mehr und auch Scholes konnte nicht mehr nach Belieben seine Bälle verteilen. Er und Nani waren dennoch die einizgen, die überhaupt noch Angriffsbewegungen zu lenken vermochten.Einzelaktionen statt koordiniertem Eindringen dominierten nun das Bild der United-Offensive am gegnerischen Strafraum.

Rambo Scholes revidiert Offensivtausch
Nanis Offensivdrang bedeutete in dieser Phase jedoch auch, dass O’Shea und Ferdinand auf der linken Abwehrseite Unterstützung gegen Toure und Johnson fehlte, was sich öfters bemerkbar machte. 25 Minunten vor Spielende reagierte Ferguson dann doch. Valencia durfte seinen Arbeitstag beenden, Javier „Chicharito“ Hernandez war nun als zweite Sturmspitze im Spiel. Ein abgefälschter Nani-Freistoss von der Strafraumgrenze krachte unmittelbar nach dem Tausch dank Harts Hand an die Latte des City-Gehäuses.

Der Effek des Wechselst: Kaum merkbar. Der Mexikaner ordnete sich vor Park ein und bemühte sich um Partizipation im offensiven Mittelfeld. Dort fand der Ball aber ohnehin nicht mehr sehr oft auf geordnetem Wege hin. Erschwerend kam hinzu, dass dem „Erbschen“ sein Sturmpartner kurz darauf abhanden kam.

Paul Scholes krachte im Kampf um den Ball mit hohem Bein in den ebenfalls gefährlich heranrauschenden Zabaleta, und verzierte dessen Oberschenkel mit seinem Schuhabdruck. Der City-Spieler war letztlich schneller am Ball gewesen, hätte aber selbiges Ergebnis am Bein von Scholes ebenso in Kauf genommen. Isoliert betrachtet wäre über die folgende rote Karte für Scholes nicht zu diskutieren gewesen. Dass beide Spieler hier riskant und rücksichtslos zu Werke gegangen waren lässt aber durchaus die Frage offen, ob man Zabaleta hier nicht auch zumindest den gelben Karton hätte zeigen müssen.

Locker runtergespielt
So oder so, der Schaden war angerichtet und United zu Zehnt auch nicht mehr oder weniger gefährlich als zuvor. Als Reaktion auf den Ausschluss ersetzte Ferguson Berbatov mit Anderson. Zum Auftritt des Bulgaren sei angemerkt, dass dieser seit den zwei vergebenen Großchancen zu Spielbeginn und einer angeknacksten Nase nach einem Kopfballduell, zunehmend glücklos und frustriert agierte.

Der Eingewechselte brauchte einige Minuten, um sich zu akklimatisieren, konnte aber auch dann freilich die entstandene Lücke nicht ganz kitten, wenngleich er sich zumindest bemühte, die ins arge Stottern gerastene United-Offensive wieder in Schuß zu kriegen. Mancini reagierte jedoch umgehend und ersetzte den müde werdenden Johnson mit Wright-Phillips, der sich im Vergleich etwas zurückfallen ließ. City verlegte sich darauf, das Spiel zu kontrollieren, ohne dabei zuviel Druck rauszunehmen. Manchester United lieferte bis auf bereits besagte Einzelaktionen keine nennenswerten Vorstöße mehr ab.

In der 90. Minute hatte Yaya Toure sogar das 2:0 per Konter am Fuß, scheiterte jedoch an den vereinten Kräften von van der Sar und einem Verteidiger.

Fazit
Das letzte Manchester Derby der Saison geht verdient an die Citizens, für die der Zug im Ligarennen ja bereits abgefahren ist. Wenngleich das einzige Tor des Spiels ausgerechnet auf einen individuellen Schnitzer zurückführbar ist, ist da Ergebnis für United schmeichelhaft. Mancinis Vorgehen dürfte puires Kalkül gewesen sein. Statt, wie etwa im letzten Liga-Derby, von Beginn an den offenen Schlagabtausch zu zelebrieren, kastelte sich Manchester City erst einmal eine halbe Stunde lang in der eigenen Hälfte ein, und wurde nur dank Berbatovs mangelnder Kaltschnäuzigkeit nicht dafür bestraft. Danach organisierte der Italiener sein Team bedarfsgerecht um, absorbierte den Druck aus Uniteds Mittelfeld geschickt und nahm so das Heft in die Hand.

Ferguson reagierte trotz offensichtlicher Probleme erst nach dem Gegentor, um dann mit dem Ausschluß von Scholes in Unterbesetzung zur Ausgangslage zurückkehren zu müssen. So hatten die „Blues“ aus dem City of Manchester-Stadion wenig Mühe, die Führung als feldüberlegene Mannschaft ins Finish zu tragen. Der Traum vom Titel-Dreierpack ist damit aus für United, die gesparten 90 Minuten für das Finalspiel lassen dafür ein wenig mehr Luft, die man in die Champions League und die Meisterschaft investieren kann. Im Premier League-Titelkampf sieht es für die Red Devils gut aus, das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.