Der Steilpass als aktuelles Problem von Liverpool und Manchester United

Die erste volle Runde im neuen Jahr brachte für die großen beiden Teams des englischen Fußballs ein unerfreuliches erwachen. Sowohl Liverpool als auch Manchester United mussten sich mit 0:3-Niederlagen in Auswärtsspielen zufrieden geben. Das sind jedoch nicht die einzigen Parallelen. Beide Mannschaften hatten trotz zeitweiser (MUFC) oder sogar hauptsächlicher (LFC) Überlegenheit im Ballbesitz, massive Probleme viel versprechende Abschlüsse zu finden. ManUnited fand nur drei Schussmöglichkeiten im gegnerischen Strafraum vor (wovon nur einer aufs Ziel ging), Liverpool vor dem entscheidenden 0:3 ebenfalls nur vier.

Beide Teams kommen normalerweise wesentlich häufiger zu Tormöglichkeiten, wenn auch die Ausbeute nicht unterschiedlicher sein könnte (49 Saisontore für Manchester, 24 für Liverpool). Woher stammen also die mitt-wöchentlichen Probleme? Ein ominös-oberflächliches Hinausreden auf einen „Mangel an Kreativität“ ist ja doch nur eine recht unbefriedigende Beschreibung solcher Spiele.

Die Ähnlichkeiten beider Teams enden nicht an den wenigen Abschlussmöglichkeiten. Beide hatten Gegner mit einer 4-4-2-Variation vor sich, die es verstanden, vor dem Strafraum mit zwei defensivem Mittelfeldspielern und zwei Innenverteidigern Räume zu verdichten. Newcastle (Hauptfigur: Sheikh Tiote) stand dabei höher als ManCity (Yaya Toure!), der Effekt war aber ähnlich, denn damit wurde die zentrale Überzahl (Uniteds 4-4-1-1 und Liverpools 4-2-3-1 sahen sich mit drei zentralen MF-Leuten zwei gegenüber) entschärft. Liverpools Spearing ist offensiv ohnehin wenig eingeschaltet und kann bei hohem Spiel deshalb kaum Vorteile schaffen (Liverpool startete bis zum Rückstand auch tiefstehend), und für Manchesters Rooney ließen die engen Reihen nicht den üblichen Bewegungsraum. Beide Gastmannschaften reagierten mit vielen Pässen nach außen.

Pässe ins/im Angriffsdrittel

Die vielen Angriffen über die Flanken sind allerdings nicht komplett neu, denn die Red Devils (im Saisonschnitt 26 pro Spiel, 3.) und die Reds (30 pro Spiel, 30 pro Spiel, 1.) gehören zu den PL Mannschaften, die mit den meisten Crosses vor dem Tor agieren. Bälle über die Flanken in den Strafraum kommen zwar einfacher und häufiger zustande als aus der Mitte, allerdings ist ihre statistische Erfolgrate enorm niedrig. In der vergangenen Champions League-Saison fielen etwa nur 67 Tore aus Flanken die von der Seite (57) oder aus dem Halbfeld (10) in den Sechzehner geschlagen werden. Dem gegenüber stehen 82 aus zahlenmäßig wohl selteneren Steilpässen und 33 aus Kombinationen heraus.

Innenverteidiger haben bei hohen Bällen schlichtweg einen Vorteil. Einerseits sind sie meist ohnehin kopfballstark, andererseits müssen sie im Notfall nur irgendwie an den Ball kommen oder entscheidend stören. Der Stürmer braucht hingegen einen gewonnenen Zweikampf gefolgt von einem gezielten Abschluss – die wesentlich schwieriger Übung. (Natürlich würde man extrem ausrechenbar, wenn man als Folge dieser Statistik komplett auf das Flankenspiel verzichten würde. Unter anderem deshalb ist es natürlich ein wichtiges und logisches Element des Angriffsfußballs.)

Fakten: 3 von 26 Crosses bei United und 6 von 39 bei Liverpool fanden in dieser Woche überhaupt einen Abnehmer, ein erfolgreicher Abschluss erfolgte bekanntlich gar nicht. Gerade bei Liverpool lag das auch daran, dass kaum ein Mittelfeldspieler den Weg in den Strafraum suchte, um Carroll bei den Flanken zu unterstützen – was der Defensive die Deckungsarbeit sehr einfach macht.

Crosses vor dem Tor

Noch einmal zum Mangel an Pässen durch die Mitte- Es wäre zu viel der Ehre für ein diszipliniertes 4-4-2, würde man behaupten, dass diese Vorgabe tatsächlich schon reicht, um Pässe durch die Mitte zu verhindern. Das liegt auch am aufgebotenen Personal und System der beiden roten Teams.

Bei United ist Michael Carrick als Verteilungsverantwortlicher sehr tief im Feld aufgeboten. Die Wege für Steilpässe sind für ihn im Anfangs-Gameplan zu weit. Erst nach dem 0:2 schaltete er sich öfters im Angriffsdrittel ein. Ryan Giggs steht höher, tendiert aber allgemein stark zu Pässen auf die Seite und ist auch nicht der passgebende Feinspitz sondern mehr das Arbeitstier im Doppel-Mittelfeld von Manchester. Dazu kommt, dass Wayne Rooney wie beschrieben gut aus dem Spiel genommen wurde und allgemein keine gute Form hat (er hat in dieser Saison auch schon tiefer liegende Rollen übernommen, um das zentrale Mittelfeld zu stärken).

Die Rückkehr des verletzten Tom Cleverley könnte Alex Ferguson zumindest gegen schwächere Teams die Möglichkeit geben, zwei pass-starke Mittelfeldspieler in unterschiedlicher Spielhöhe zu nominieren. Gegen starke Teams braucht man wohl die tiefere Rolle für Rooney (was dessen unmittelbare Gefährlichkeit entschärfen würde) oder man muss sich am Transfermarkt verstärken. Denn dass es ohne den englischen Starstürmer mit einem echten 4-4-2 nicht besser geht, konnte man vor wenigen Tagen beim 2:3 gegen Blackburn beobachten, wo sich Ferguson gröber verspekulierte und Rooney zuhause ließ.

Manchesters Offensivzentrale im Vergleich der Pässe

Kenny Dalglish hat in prominenter und unterschiedlich begründeter Abwesenheit von Lucas Leiva, Steven Gerrard und Luis Suarez in der Startformation, zwar mit (dem formschwachen und recht tief positionierten) Charlie Adam und Jordan Henderson immer noch durchaus zwei Leute aufgestellt, die für durchgesteckte Bälle gut sein sollten, allerdings haben beide das kaum probiert – auch weil mit Carroll nicht der explosive, schnelle Mann vorne war, der solche Pässe optimal zu nutzen weiß. Die Abgänge von Fernando Torres und Raul Meireles tun in dieser Hinsicht natürlich besonders weh, weil die genau da ihre Stärken hatten.

Für Liverpool liegt die Lösung allerdings sowohl auf der Hand als auch zum Greifen nahe: Steven Gerrard (besonders in Kombination mit Craig Bellamy oder Suarez, der pikanterweise wohl im Spiel gegen Manchester United von seiner Sperre zurückkehren dürfte). Die eine Dimension seiner Bedeutung für Liverpool konnte man schon gegen Newcastle vergangene Woche beobachten, wo seine präzisen, scharfen Flanken auf Carroll diesen einfach viel besser aussehen ließen, als die der anderen Kameraden.

Die folgende Grafik aus dem Dienstagsspiel in Manchester zeigt außerdem sehr schön den Unterschied, den Gerrard im Passspiel macht: Er bringt Vertikalität ins Angriffsdrittel: Gerrard spielt selten nur auf Sicherheit bedachte und zögerliche horizontale Bälle, sondern sucht diagonal und vertikal immer den Weg nach vorne. Zudem ist er in der Hälfte der Einsatzzeit von Adam auch doppelt so oft im Angriffsdrittel aktiv gewesen.

Liverpools offensives Mittelfeld im Passvergleich

(tsc)

Über Tom Schaffer

Journalist und als langjähriger Mittelfeldmotor stolzer zweifacher steirischer Jugendvizemeister. Fan des Offensivkicks und des englischen Fußballs.

6 Gedanken zu „Der Steilpass als aktuelles Problem von Liverpool und Manchester United

  1. Guter Einwand Tom, Manchester United ist doch wesentlich besser gestartet als letzte Saison und spielt auch viel attraktiver.

    Dies ist übrigens auch ein unfairer Kritikpunkt an Manchester City, den „Experte“ Lehmann ja auch nach dem CL Spiel gegen die Bayern gebracht hat, das Manchester langweilig spielt. Da frage ich mich, wieviele Spiele er diese Saison von City gesehen hat.

    Manchester United hat zum jetztigem Zeitpunkt 7 Punkte mehr als letzte Saison und 10 Tore mehr geschossen. Dies obwohl man einiges verändert hat und einige neue Einbauen wollte mit Spielern wie De Gea/Lindegaard, Jones, Welbeck, Cleverly, Young, etc.

    Gerade Auswärts ist Manchester United diese Saison wesentlich stärker; gewann zum gleichen Zeitpunkt vor einer Saison nur EINS von 8 Auswärtsspielen(bei 7 Uentschieden) hat man diese Saison auswärts die meisten Punkt geholt aller Teams in der PL.

    Dafür happert es zuhause, wo man schon dreimal Punkte hat liegen lassen.

    Ich gebe dir soweit recht, dass es keine BIG 4 diese Saison gibt, aber es Mannschaft wie Tottenham könnte sehr interessant werden, was sich jetzt am Wochenende gegen Manchester City auch zeigen wird.

    Mit Tottenham, United und City hat man diese Saison 3 sehr ernsthafte Konkurenten um den Titel und man sollte wahrlich nicht verkennen was für eine überragende Saison Manchester City spielt. Zu Beginn der Saison wurde ja sogar spekuliert ob diese Mannschaft überhaupt ein Spiel verliert und jetzt durch die Schwächephase in den letzten 9 Spielen sieht es natürlich so aus als ob es eine spannende Saison wird im Kampf um den Titel.

    Das alle anderen großen Schwächeln würde ich so nicht unterschreiben, ich würde eher sagen, dass sich die Gewichte im englischen Fussball verschieben; von den alten „Großen“ Chelsea und Arsenal, zum Teil Liverpool zu Manchester City und Tottenham als Herrausforderer für Manchester United. Ob dies auf längere Zeit so sein wird ist schwer zu sagen, aber man kan wahrlich nicht behaupten, dass vorne soviel geschwächelt wird- Tottenham ist seit 18 oder 19 Spielen ungeschlagen und Manchester City hat Zuhause alle seine 10 Spiele gewonnen mit einem Torverhältnis von 31:4.

  2. Das Argument mit der Aufstellung ist als richtig zur Kenntnis genommen. ;)

    ManUnited spielt übrigens nicht nur um die MS mit, weil andere schwächeln, sondern weil sie nach 20 Runden 4 Punkte mehr haben als in der vergangenen Saison zum gleichen Zeitpunkt. ;)

  3. Schöne Analyse. Wenn ich Kritik auf hohem Niveau üben dürfte: Genial wäre bei solchen Diskussionen die Aufstellungen eingangs oder ausgangs zu posten. Vor allem wenn man einige Wochen später mal nachlesen möchte, wie das Spiel gelaufen ist, ist diese Info gold wert.

    Und da komme ich auch zu einer Ergänzung: Grundsätzlich: Man Utd ist in diesem Jahr alles andere als gefestigt. Die spielen Spitz auf Knopf um die Meisterschaft mit, weil andere Große schwächeln. Die schwache Flankenquote gegen Newcastle könnte auch mit der Austellung zu tun haben. War Valencia nicht rechter AV? Klar, darf er dann mal mit nach vorne, aber er ist eben in Sachen Crosses die größte Waffe von United mE. Nani, Park oder Giggs erreichen diese Präzision zurzeit nicht bzw. legen ihr Spiel auch etwas anders aus.

  4. 1. das 4-2-3-1/4-1-4-1 hab ich einige male hin und her gewechselt. hab mich dann für ersteres entschieden. ich finds deshalb nicht so eindeutig, weil adam eine rolle irgendwo dazwischen ausfüllt. er steht nicht so tief wie spearing, aber auch nicht so hoch wie henderson. (siehe passspiel) obwohl er nicht wirklich die klassische 8 in einem 4-2-3-1 macht, entspricht seine rolle doch eher dem system. versteh aber deinen einwand.

    2. Gerrards klassischer Move ist das Nachstoßen in den Strafraum (siehe Tor gegen N’Castle). Aber er ist natürlich nicht die alleinige Lösung – Suarez ist wie angedeutet zB deren zweiter Teil und andere Stürmer (Bellamy, Kuyt) würden auch deutlich besser auf Steilpässe ansprechen als Carroll, den ich im Moment wirklich nur bei 2 Stürmern in der Mannschaft sehen würde.

  5. Ganz netter Artikel. Aber zwei Sachen sind mMn Blödsinn:

    1. „Liverpools 4-2-3-1“, das für mich eindeutig 4141 ist

    2. „Für Liverpool liegt die Lösung allerdings sowohl auf der Hand als auch zum Greifen nahe: Steven Gerrard“ – klar ist Gerrard sehr wichtig für das Team, das untermauert die Graphik auch sehr gut, aber ihn als DIE Lösung der Liverpooler Offensivprobleme zu bezeichnen.. naja.
    Das große Probleme das ihr habt is imho dass ihr nicht genügend Leute in den 16er bekommt – und dagegen kann selbst ein Gerrard nix machen.

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