„Als ganz großen Favoriten würde ich uns nicht sehen“, sagte der eine. „Dass wir klarer Favorit sind, bringe ich nicht über die Lippen“, sagte der andere. Wer hat’s gesagt? Das zweite Zitat stammt von Didi Constantini im Herbst 2009 vor einem WM-Quali-Spiel gegen die nicht gerade als Fußball-Weltmacht bekannte Truppe aus Litauen. Das erste stammt von ÖFB-Frauen-Teamchef Alex Schriebl am Tag vor dem WM-Quali-Spiel der ÖFB-Frauen gegen Slowenien, den klar schwächsten der drei Gruppengegner.
Tags darauf gab es eine wirklich erschütternde Vorstellung im Nebel der slowenischen Adria-Küste, ein 0:1 ohne einen einzigen echten Torschuss. Die Katastrophe von Koper stellt den österreichischen Frauenfußball vor eine Weggabelung, endgültig. Eine knappe Heimniederlage gegen Norwegen, wie ein paar Tage zuvor in der Südstadt, lässt sich abmoderieren, dem seltsam defensiven Ansatz zum Trotz.
Doch schon bei diesem Spiel, dem gegen Norwegen, fühlte man sich ein wenig an „Moon Over Bourbon Street“ erinnert, den Song von Sting.

Das 0:1 gegen Norwegen in der Südstadt
„Ich hab sie nicht so defensiv erwartet“, wunderte sich Norwegens Trainerin Gemma Grainger. Österreich hatte seit zehn Jahren nicht mehr gegen Norwegen verloren und verdankte das stets einem mutigen, aggressiven Ansatz. Die wackelige Defensive der Skandinavierinnen wurde immer so brutal gehetzt, dass die starke Offensive um Ada Hegerberg gar nicht erst stattfand.
I struggle with my instinct in the moonlight
Und nun stellte man sich in der Südstadt mit einer Fünfer-Abwehrkette und drei Abfangjägern davor hin, überließ Norwegen in der ersten Halbzeit fast 80 Prozent Ballbesitz. Gleichzeitig bekam Österreich die Außenbahnen überhaupt nicht verteidigt – Signe Gaupset überlief die etwas alleine gelassene Chiara D’Angelo permanent, Caroline Hansen konnte gegen Hanshaw oft ungehindert flanken, die Bälle segelten fast im Minutentakt vor das österreichische Tor.

Irgendwie sind sie immer davongekommen, zweimal – in der 44. und der 45. Minute – vor allem, weil es die Norwegerinnen verstümpert haben; Hegerberg hatte einen Schocker von einem Spiel. Ja, die Zentralverteidigung hat ansonsten immer noch irgendwie ein Bein dazwischen bekommen, aber wie oft haben fünf Zentimeter gefehlt, und der Ball wäre durch gewesen? Es ging mit 0:0 in die Pause, aber das war schon sehr schmeichelhaft.
For I know what I do must be wrong
Es dauerte etwa bis zur 55. Minute, ehe Österreich sich merklich nach vorne orientierte. Norwegen war da eine weniger, Harviken musste behandelt werden und man rückte als Ganzes weiter auf, das gab Wenger und Schasching die Chance, D’Angelo gegen Gaupset zu helfen. Viel mehr als zwei Weitschüsse von Schasching schauten offensiv zwar nicht heraus, aber man hielt Norwegen nun viel besser aus dem eigenen Strafraum draußen.

Der norwegische Spielaufbau war ideenlos. „In der zweiten Hälfte waren wir nicht mehr so gut“, meinte auch Grainger, die schon Sorge hatte: „Wenn man die Chancen nicht verwertet…“ Aber in der 81. Minute, als das Match schon einem 0:0 entgegen plätscherte, traf Norwegen doch noch, nach einer relativ ungehinderten Flanke von Gaupset. Puntigam und Kirchberger hatten nur Augen für den Ball, nicht aber für Naalsund. Diese war in deren Rücken völlig frei und verwertete. Auch wenn es Barbara Dunst „super super bitter und nervig“ fand, Sarah Puntigam „schade“ und Melanie Brunnthaler „ärgerlich“ – unverdient war das über 90 Minuten nicht.
I have the face of a sinner, but the hands of a priest
„Eine Stunde lang war Österreich am Kommandostand, diktierte Tempo und Rhythmus des Spiels. Gerade in der Phase vor der Pause war das stolze Norwegen nur Passagier“, hieß es an dieser Stelle beim 2:2 in Oslo vor zehn Jahren. „Wie die Monster zertrampelten sie den letzten Rest norwegischen Stolzes unter einer nicht enden wollenden Kaskade von Angriffs- und Gegenpressing“, beim Sieg bei der EM 2022, der den Viertelfinal-Einzug bedeutete. „Das Anlaufen griff, die Dynamik war da, damit die Spielkontrolle und auch Torchancen“, so war es beim 1:1 in Oslo im September 2023 und beim 2:1-Heimsieg drei Monate später: „Keine Norwegerin, die in der groben Nähe einer Österreicherin postiert war, konnte in Ruhe die Bälle verarbeiten, sofort war stets der Gegnerdruck da.“
Statt mit leuchtend rotem Furor in den Augen den Durst zu stillen wie ein hungriger Blutsauger, hielt man es hingegen nun unter dem Vollmond der Südstadt eher wie der Vampir-Protagonist aus Stings Song, dessen Textzeilen die Zwischentitel dieses Textes sind: Zurückhaltung, die Gefährlichkeit nicht einmal andeuten, nur beobachten. „Wir haben das so gemacht, weil wir gewusst haben, dass das notwendig ist gegen Norwegen“, so der Teamchef, „man hat gesehen, dass die eine hohe Qualität haben!“ Wenn man Gaupset und Hansen und Maanum lässt, sind die brandgefährlich, ja. Und doch war in der Südstadt schon abzusehen, dass Deutschland ein paar Tage später mit diesen eindimensionalen Norwegerinnen keine großen Probleme haben dürfte. Das DFB-Team kam zu einem 4:0-Sieg in Stavanger, einigen defensiven Schreckmomenten zum Trotz.
Also grundsätzlich: Man kann auch gegen Norwegen defensiv spielen, das ist natürlich ein legitimer Gedanke. Aber dann sollten nicht fast im Minuten-Takt die Bälle vor das Tor geflankt werden dürfen und vor allem muss dann nach Ballgewinn konsequenter umgeschaltet werden – genau vor dem hatte Norwegen große Sorge, wie Trainerin Grainger zugab: „Da ist Österreich eigentlich richtig stark!“ Doch Hickelsberger war oft komplett auf sich alleine gestellt, es wurde kaum nachgerückt, selten gab es konstruktive Passoptionen, eine Strafraumbesetzung kam gar nicht vor. Bei allem Fokus auf die Defensive kastrierte man die eigene Offensive.
Österreich kam auf einen xG-Wert von 0,27 und die gingen fast komplett auf das Konto von Julia Hickelsbergers Abschluss in der 43. Minute. Und Alex Schriebl ist jener Trainer, der einst sogar mit Seekirchen ein aggressives Pressing-Spiel gegen Marco Roses Red Bull Salzburg spielen ließ.
Als Alex Schriebls Bergheim (schon damals der Red-Bull-Kooperationsklub) im Herbst 2024 die ersten fünf Liga-Heimspiele allesamt 0:0 spielte, wurde das zum Running Gag der Liga. Es war ein sehr aggressives Pressing-Spiel, völlig egal ob gegen Meister St. Pölten oder gegen Abstiegskandidat Lustenau/Dornbirn. Das war eine deutliche Verbesserung zur Vorsaison, als man gegen den Abstieg gespielt hatte. Man war vorne harmlos, aber ein bissiger Vampir für die Gegner und wahnsinnig schwer zu besiegen. Das ist das Nationalteam nun immer weniger und weniger.
Das 0:1 gegen Slowenien in Koper
„Vorne wird der nächste Schritt sein, dass wir uns gegen gute Teams dann mehr kreieren können“, meinte Puntigam nach dem Norwegen-Match. Die Realität war aber, dass sich das selbst gegen den deutlich schwächsten der drei Gruppengegner nicht in die Praxis umsetzen ließ. Österreich lief da in die selben Probleme wie schon in Tschechien im Oktober und dann auch beim Trainingslager mit den beiden Matches gegen Finnland und die Ukraine: Wenn die Kontrahenten mit direkter 1-gegen-1-Deckung arbeiten, fehlt Österreich der Durchblick.
I see faces as they pass beneath the pale lamplight
Die ÖFB-Frauen waren in Slowenien wie Sting, der wie in einem Noir-Thriller im Nebel der Bourbon Street unter einer Laterne steht und unter seinem Hut hervorblickt. Und der fehlende österreichische Durchblick lag nicht an der dicken Nebelbank, die sich in Koper breit gemacht hatte. Das Spiel ist um zwei Stunden vorverlegt worden, um zumindest noch eine Spur von Tageslicht zu haben.

Bei Österreich schoben die Außenverteidigerinnen nach vorne, dafür ließen sich die beiden Sturmspitzen (diesmal Hickelsberger und Billa) fallen, um für Anspiele frei zu sein. Im Zentrum konnte man wegen der permanenten Manndeckung keinen Ballbesitz etablieren und vor allem, ganz entscheidend, flogen den ÖFB-Frauen Ballverluste permanent über die Halbfelder um die Ohren. Slowenien hatte schon zwei gute Möglichkeiten gehabt, ehe Kramžar nach 20 Minuten die Führung besorgte.
Debütantin Sarah Gutmann, die statt Wenger verteidigte, war bis dahin durchaus mutig, legte einmal sehr elegant in Bedrängnis den Ball an einer Slowenin vorbei, danach versank sie aber ein wenig im Treibsand – ihr fehlte der Halt, um in dieser Gemengelage Sicherheit zu bekommen. Bei Österreich gab es in der Folge immer weniger konstruktiven Ballbesitz und gar keinen Zugriff auf das Zentrum. Es konnten keine sicheren Passrouten aufgemacht werden und die Sloweninnen waren stets einen Schritt schneller.
Brunnthaler rieb sich wirkungslos auf, Schasching traf innerhalb der fehlenden Strukturen offensiv wie defensiv falsche Entscheidungen. An Billa lief das Spiel vorbei und Dunst versuchte, vieles auf eigene Faust zu machen, verfing sich aber im slowenischen Abwehrblock. Und auf den Flügeln hatten es Naschenweng (gegen Kuštrin von Sturm Graz und Agrež) und Hanshaw (erst gegen die frühere LUV-Graz-Spielerin Eržen, dann gegen Križaj von St. Pölten) gegen jeweils zwei Gegenspielerinnen schwer.
I must love what I destroy and destroy the thing I love
Auch die längere Bank, die Österreich gegenüber den ebenso mit Verletzungssorgen kämpfenden Sloweninnen grundsätzlich hat, war diesmal überhaupt kein Faktor. Schriebl warf Legionäre vom SC Freiburg in die Schlacht (erst Kolb, dann Debütantin Ojukwu) und von Werder Bremen (D’Angelo), sein Gegenüber Kolman Spielerinnen von ŽNK Ljubljana sowie von deutschen und italienischen Zweitligisten (Potsdam und Lumezzane). Nichts davon machte einen Unterschied. Slowenien kontrollierte Österreich im eigenen Verteidigungsdrittel ohne existenzielle Probleme, auch die Standardsituationen (6:0 Ecken für Österreich).

Es gab null Abstimmung im Angriffsdrittel, eh wie auch schon gegen Norwegen, und wenig Hilfe füreinander. Die in den roten Trikots verzeichneten keinen einzigen echten Torschuss. Seit 621 Pflichtspiel-Minuten haben sie kein einziges Tor aus dem Spiel heraus erzielt, seit Julia Hickelsberger gegen die Niederlande nach einem Gegenpressing-Ballgewinn traf. Danach: Ecke in Schottland, nix gegen Deutschland, nix in Tschechien auswärts, Elfmeter und Eckball daheim gegen Tschechien, nix gegen Norwegen, nix in Slowenien.
Viktoria Schnaderbeck war am TV-Mikro schon einigermaßen konsterniert und eine andere Ex-Internationale wunderte sich hinter vorgehaltener Hand über die Entwicklung: „Ich dachte, der ÖFB hätte den neuen Teamchef wegen aggressivem Pressing, Gegenpressing und Vertikalität im Angriffsspiel geholt“, heißt es hinter vorgehaltener Hand, „diese Attribute waren ja schon unter Dominik Thalhammer das absolute Fundament!“
It was many years ago that I became what I am
Das war gegen Norwegen in Spurenelementen erkennbar, in der zweiten Halbzeit. Da reichte es schon aus, wenn zwei oder drei Österreicherinnen ein wenig anliefen und die Norwegerinnen kamen sofort ins Schwitzen. Die beiden Spiele jetzt erinnerten aber frappant an den Horror von Hampden, jenes Spiel, bei dem im Oktober 2022 das letzte WM-Ticket versenkt wurde: Kaum ein gerader Pass und man stand so weit hinten, dass man nach Ballgewinnen oft schon daran scheiterte, überhaupt bis zur Mittellinie zu kommen. Geschweige denn in den anderen Strafraum.
Im ersten Lehrgang unter Alex Schriebl war die Stimmung sehr gut: Ein Neuanfang nach dem verlorenen EM-Playoff gegen Polen, ein vorzeigbares Spiel gegen Schottland, eine grandiose erste Halbzeit in Deutschland. Im zweiten gegen ein gutes niederländisches Team ganz okay, aber mit einigen offenen Baustellen, die man sich etwas schön geredet hat. Im dritten dann eine gute Halbzeit in Schottland und das fürchterliche 0:6 gegen Deutschland. Es folgte die Nations-League-Relegation gegen Tschechien, bei der das Hinspiel ein ziemlicher Murks war.
Vom aggressiven Vorwärtsspiel, der Jagd nach dem Ball, der über Jahre hinweg kultivierten Identität des Teams, entfernte man sich immer weiter – auch schon zu einem Zeitpunkt, als Zadrazil und Höbinger und Purtscheller noch nicht verletzt waren. Auch die transportierte Stimmung war nie wieder so gut wie im ersten Lehrgang. Niemand sagt es natürlich offen, aber aus dem gesprochenen Wort und der wahrnehmbaren Körpersprache ist die Freude am eigenen Tun spürbar gewichen.
Routinierte Leistungsträger mit Stimmgewicht sind entweder gar nicht da (Zadrazil, Zinsberger, Höbinger) oder haben nicht die Form (Puntigam, Schasching) oder die Spielpraxis nach Verletzung (Dunst, Naschenweng), um ein forscheres Fordern zu rechtfertigen. Manche sind gar nicht die Typen dafür (Hanshaw, Hickelsberger oder Campbell zum Beispiel, auch Kirchberger) – und die jungen Nachrücker (Wenger, D’Angelo, El Sherif, Brunnthaler) sind froh, überhaupt dabei zu sein.
You’ll never see my shade or hear the sound of my feet
Was soll die Identität dieses Teams auf dem Platz sein? Was sind die sportlichen Ansprüche? „Wir waren taktisch sehr gut ausgebildet und konnten uns immer realistisch selbst einschätzen“, sagte Carina Wenninger über die Zeit der großen Erfolge. Das heißt, sich nicht selbst überzubewerten – aber eben auch die Gegner nicht. Es gibt einen Unterschied zwischen den Druck rausnehmen zu wollen und fehlender Ambition zu vermitteln.
Von der Möglichkeit einer WM-Teilnahme braucht man in dieser Form natürlich nicht zu sprechen, jetzt geht es nur noch darum, nicht auch noch mit dem zweiten Bein in das Loch des erstmaligen Abstiegs aus der A-Gruppe gesaugt zu werden und wenn man einmal in dem Jojo drin ist, wie die Schweizerinnen, ist es brutal schwer, sich daraus wieder zu befreien und Tickets für EM- und WM-Endrunden werden umso härter zu ergattern sein.
Diese beiden Spiele sind nicht das Problem, sondern ein Symptom. Das Problem ist viel mehr, dass Österreich seit Monaten nicht mehr weiß, wofür es auf dem Platz stehen will. Realistischerweise geht es in Nürnberg (14. April) und Ried (18. April) gegen Deutschland nicht um Punkte für Österreich.
Sondern um eine Antwort.