Ob im Selhurst Park dereinst eine Tribüne den Namen „Oliver Glasner Stand“ tragen wird? Ein Jahr, nachdem der Innviertler Crystal Palace zum ersten nationalen Titel der 120-jährigen Vereinsgeschichte und ihn damit erstmals in einen europäischen Bewerb geführt hat, wird seine Amtszeit enden. Spätestens im Sommer, wenn sein Vertrag ausläuft, vielleicht schon vorher, wenn die Ergebnisse – zuletzt zwölf sieglose Pflichtspiele, darunter das Aus in beiden nationalen Pokalbewerben – nicht bald besser werden.
Das Verhältnis mit Palace-Vorstand Steve Parish ist vermutlich nicht mehr zu retten. Nur: Wie passen die letzten zwei Monate vor allem in Glasners Gesamtwerk als Trainer und wie geht es nach Palace für ihn weiter?
Das beste Palace seit Jahrzehnten
Historisch ist der Verein eher Zweit- als Erstligist gewesen. Die aktuelle Zeit in der Premier League ist die mit Abstand längste, die man jemals am Stück in der obersten Spielklasse verbracht hat. Von den 80 Saisonen seit dem Krieg war Palace in 26 erstklassig, davon alleine die Hälfte seit dem Aufstieg von 2013. Einmal war man Dritter, das war 1990/91 unter Steve Coppell, der als 29-Jähriger erstmals Palace-Coach geworden war und das Team insgesamt zwölf Jahre betreute. Er hat keine Tribüne im Selhurst Park, übrigens.
In den UEFA-Cup konnte Palace damals im Jahr 1991 nicht, weil die Europacup-Plätze nach der englischen Sperre noch sehr begrenzt waren – das Team war aufgebaut auf stabile Psyche, knallharte Defensive und einen Ian Wright in Gala-Form. Zwei Jahre später ist Palace abgestiegen, sieben Stammspieler aus 1991 waren da immer noch dabei – nicht aber der zu Arsenal verkaufte Wright.

Seit dem Playoff-Sieg gegen Watford 2013 fristete Palace so gut wie immer ein Dasein im grauen Tabellenmittelfeld, was den Möglichkeiten des Vereins entsprach und angesichts des historischen Daseins als Fahrstuhl-Klub ein schöner, stabiler Erfolgslauf war. Bis im Februar 2024 Oliver Glasner kam. Er schaffte es, die Offensive massiv zu stärken, während die Defensive auf mittelgutem Level stabil blieb – und das, obwohl er im Sommer 2024 Michael Olise an die Bayern verlor und Eberechi Eze an Arsenal im Sommer 2025.
Die beiden Verkäufe alleine spülten rund 120 Millionen Euro in die Vereinskasse. 2024 wurden die Abgänge gut kompensiert (es kamen Ismaïla Sarr, Eddie Nketiah und Maxence Lacroix), es dauerte zwar ewig bis zum ersten Sieg, aber dann gab es kaum noch ein Halten. Nach Weihnachten gab es nur noch vier Niederlagen in 27 Pflichtspielen und eben den Triumph im FA-Cup mit dem 1:0-Finalsieg über Manchester City. In seiner ganzen Geschichte war Palace niemals so gut wie im Jahr 2025, vom Jahr 1991 abgesehen.

Denn in der laufenden Saison ging es im Herbst in dieser Tonart weiter: Nach 12 Spieltagen war Palace voll dabei im Kampf um die Champions-League-Plätze. Doch dann kam der Dezember. Schon lange zuvor hatte Glasner gewarnt: In den 24 Tagen vor Weihnachten waren acht Matches zu absolvieren, weil man als einziger englischer Vertreter in der Conference League hier noch zweimal antreten musste. Dafür wäre der Kader nicht ausgelegt.
Bis drei Tage vor dem Deadline Day im Sommer hatte Palace lediglich einen neuen Ersatzkeeper (Benítez) und eine Alternative für die linke Seite (Sosa) geholt, aber weder einen Nachfolger für den abgegebenen Eze noch einen Nachfolger für Abwehrchef Guéhi, den der Verein an Liverpool verkaufen wollte. Dann kam Yeremy Pino aus Villarreal, der Guéhi-Wechsel platzte am Veto von Glasner: Nur, wenn ein neuer Top-Verteidiger gekauft wird, lässt er Guéhi gehen. Es kam der 19-jährige Jaydee Canvot aus Toulouse, Guéhi musste bleiben – sehr zum Ärger der Vereinsführung.
Zu wenig Kadertiefe
Nur 15 Spieler kommen in der laufenden Saison auf über ein Viertel der möglichen Spielzeit – zum Vergleich, bei Arsenal sind es 19, bei Nottingham 17 Spieler und selbst Brentford, das keinen Europacup spielt und zehn Pflichtspiele weniger in den Beinen hat als Palace, hat 16 Spieler bei zumindest 25 Prozent der möglichen Einsatzzeit. Die kurze Rotation verstärkte die Gefahr für Verletzungen: Nketiah konnte nur zwei Spiele starten, Kamadas Oberschenkel streikt genau seit der Knubbelung an Matches vor Weihnachten, Sarr war erst bedient und dann wochenlang beim Afrikacup. Nathaniel Clyne rutschte im Dezember in die Mannschaft, verletzte sich dann auch. Innenverteidiger Chadi Riad verlor das ganze Jahr mit Kreuzbandriss.
„Ich habe nur noch Kinder auf der Bank“, stöhnte Glasner in seinem öffentlichen Frontalangriff auf Parish nach dem 1:2 in Sunderland Mitte Jänner – tatsächlich war im Herbst kein einziger Spieler außer Clyne, der weniger als 25 Prozent Einsatzzeit hatte, älter als 22 Jahre. Alle zusammen hatten insgesamt 51 Erstliga-Einsätzen, zwei Drittel davon entfallen alleine auf Chrisantus Uche aus seiner Zeit bei Getafe. Gegen Kuopio durften im Dezember einige dieser Kinder ran – Rodney, King, Benamar, Esse, Drakes-Thomas – und es gab ein 2:2 gegen die Finnen. Durch den verpassten Sieg verpasste man auch den direkten Achtelfinal-Einzug und hat nun im Februar zwei zusätzliche Matches gegen Zrinjski Mostar zu absolvieren.
Ein Teufelskreis.
Glasner und sein Verhältnis mit der sportlichen Leitung
Als Trainer, der schon einen Europacup gewonnen hat, verfolgt Glasner natürlich eine gewisse Ambition. Einfach mitschwimmen und überleben reicht ihm auf Dauer nicht: Er will auf dem Erreichten aufbauen und nicht ständig neu anfangen müssen. Für einen Mittelklasse-Verein wie Crystal Palace sind die Ambitionen andere: Man weiß, dass man nie dauerhaft mit der absoluten Spitze mithalten wird können und baut auf Einnahmen aus Verkäufen, während Spieler billig aus der 2. Liga oder von anderen Vereinen aus dem John-Textor-Netzwerk hinzukommen.
Nicht absteigen und jedes Jahr zwei Spieler lukrativ verkaufen reicht letztlich völlig aus. Wenn dabei ein Sieg im FA Cup herausschaut, umso besser. Es ist aber keine Voraussetzung.
Durch Glasners Auslandskarriere zieht sich sehr wohl ein merklicher roter Faden: Auseinandersetzungen mit seinen für die Kaderplanung zuständigen Vorgesetzten führten schon in Wolfsburg (Jörg Schmadtke) und in Frankfurt (Markus Krösche) zur Trennung – obwohl er bei beiden Vereinen durchaus Erfolg hatte.
Die Zeit in Wolfsburg
Gerade in Wolfsburg war Glasner der einzige Trainer seit den Tagen von Dieter Hecking auf der Bank und Kevin de Bruyne auf dem Platz (Platz zwei in der Liga, dazu der Cup-Sieg 2015), unter dem stabil über einen längeren Zeitraum erfolgreicher und auch sehenswerter Fußball geboten wurde. Außerdem hat seit 2016 kein anderer Trainer in der Autostadt zwei ganze Saisonen durcharbeiten dürfen. Mit den Plätzen sieben (2020) und vier (2021) gelang zweimal die Qualifikation für Europa, dort war der VfL seither nie mehr.

Glasner hatte sich im Sommer 2020 Stürmer mit Tempo für das Umschaltspiel gewünscht, Schmadtke holte den wuchtigen Bartosz Białek sowie Maximilian Philipp und richtete Glasner aus: „Seine Vorstellungen waren nicht realisierbar!“ Da beim VW-Verein zu wenig Geld üblicherweise nicht zu den zentralen Sorgen gehören, war das Verhältnis der beiden danach nicht mehr harmonisch. Es hieß, die Kommunikation wäre weitgehend zusammengebrochen – Wolfsburg spielte eine starke Saison, aber Glasner nützte seine Ausstiegsklausel, um im Sommer 2021 nach Frankfurt zu wechseln.
Die Zeit in Frankfurt
Einer Blamage in der 1. Pokal-Runde in Mannheim folgte ein zäher Liga-Start mit sechs Remis in Folge – bis zum ersten Sieg, einem 2:1 bei den Bayern. Die Eintracht stabilisierte sich bis Weihnachten, dann galt aber immer mehr der Fokus der Reise durch Europa, mit dem Highlight des „Heimspiels“ im Camp Nou im Europa-League-Viertelfinale gegen den FC Barcelona und natürlich dem Final-Sieg im Elfmeterschießen gegen die Rangers aus Glasgow. Die Bundesliga-Saison trudelte aus, die Eintracht gewann in der Rückrunde nur noch drei Liga-Partien und wurde Elfter.

Mit Filip Kostić verlor die Eintracht nur einen Leistungsträger, Glasner wünschte sich vor allem große und robuste Abwehrspieler – die ihm Sportvorstand Krösche nicht zugestand. Der abslösefrei aus Nantes gekommene Stürmer Randal Kolo-Muani schlug voll ein, aber ein Ersatz für den zurückgetretenen Martin Hinteregger war nicht in Sicht. Krösche glaubte den in Hrvoje Smolčić zu sehen, so richtig glücklich wurde später aber selbst der LASK nicht mit dem teuren Kroaten.
Glasner jonglierte mit Team-Opa Hasebe (38) und dem mittelguten Jakić (25) in der Abwehr, erreichte in der Champions League die K.o.-Phase (hinter Tottenham, vor Sporting und Marseille) und überwinterte als Vierter – Spannungen zwischen Glasner und Krösche waren bekannt, aber die Form passte. Das war im Frühjahr nicht mehr so: Wieder stürzte die Eintracht in der Liga ab, Krösche forderte den Einzug in die Champions League, Glasner warnte, dass das mit dem unausgewogenen Kader nicht möglich sei.
Gegenüber der Klubführung wurde Glasner zunehmend pampig, dieser stieß neben den ständigen Anwürfen des bei den Fans populären Trainers auch dessen ausgelassener Jubel nach dem Einzug ins Finale des DFB-Pokals sauer auf. Krösche saß am längeren Hebel, das verlorene Cup-Finale gegen die Bayern war Glasners letztes Match als Eintracht-Trainer. Nachfolger Dino Toppmöller führte zunächst faden Beamten-Fußball ein, begeisterte dann mit dem Sturm-Duo Ekitiké/Marmoush, ehe die Offensive nach deren Verkauf einbrach.
Toppmöller wurde vor wenigen Wochen entlassen – mit dem Verweis auf eine wackelige Defensive.
Und jetzt?
Nachdem er mit Vertrauen der Vorgesetzten (Siegmund Gruber und Jürgen Werner) den LASK zurück auf die österreichische Landkarte gebracht hat, stehen nun drei Teams auf seinem Lebenslauf, die solide bis ambitionierte Mittelständler in ihren Ligen sind, aber keine Klubs, die zur absoluten Spitze gehören bzw. zumindest von ihrem Potenzial diesem Kreis angehören wollen oder können. Diese Diskrepanz zwischen sportlichen Ehrgeiz und wirtschaftlichen Realitäten frustriert Glasner sichtlich.
Zwei großen Namen aus der Premier League wird grundsätzliches Interesse an Glasner nachgesagt, nämlich Manchester United und Tottenham Hotspur. Da Glasners übliches System seit LASK-Tagen ein 3-4-3 ist und United mit dem auf dieses System auf Gedeih und Verderb verbandelten Rúben Amorim Schiffbruch erlitten hat – auch weil der Kader dafür nicht ausgelegt ist – wäre es doch etwas überraschend, sollte es wirklich ein Wechsel ins Old Trafford werden.
Tottenham sucht seit den wunderbaren Jahren unter Pochettino – und man vergisst leicht, wie stark die Spurs da waren – nach Richtung, Stabilität, einer passenden Spielidee und einer funktionierenden sportlichen Identität. Mourinho nutzte sich an der White Hart Lane noch schneller ab als sonst, Conte wurde zunehmend zu seiner eigenen Karikatur und brannte alle zwischenmenschlichen Brücken nieder, Nuno Espirito Santo funktionierte (wenig überraschend) gar nicht, Ange Postecoglu belebte die Offensive und versenkte gleichzeitig die Defensive, bis selbst er von seinen strengen Vorstellungen abwich.

Und Thomas Frank? Hat bei einem kleinen Mittelständler mit klarer Richtung wie Brentford wunderbar funktioniert, das heilige Chaos und die Größe und die Erwartungshaltung und die interne Politik bei Tottenham ließen ihn in Rekordzeit zu einer überfordert wirkenden Hülle seiner selbst werden. Genau das könnte wiederum zum Argument gegen Glasner werden: Er ist das, was man hierzulande einen „G’raden Michl“ nennt. Wenn ihm was nicht passt, dann artikuliert er das auch.
Wenn es mit einem Sportdirektor nicht passt, ja, sowas kommt vor. Aber wenn drei Engagements mit drei verschiedenen Sportdirektoren jedes Mal im öffentlich ausgetragenen Ärger über unbefriedigende Kadergestaltung endet, ist man als Trainer wohl auch nicht komplett aus der Verantwortung zu nehmen. Die Gefahr besteht, dass Vereine – vor allem Großklubs – sich das ansehen und sagen: „Hm, guter Trainer, aber ob er weiter öffentlich an einem Strang zieht, wenn es intern Reibungspunkte gibt?“
Was schade wäre, denn ein guter Trainer ist Glasner. Wo immer er war, war Erfolg.
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