Qualitätsmedien und Analysen

Ein Ausflug nach London, und eine Fallstudie zum Thema fundierte Analysen und Medien.

Während es hierzulande immer noch diverse Vertreter nicht nur beim normalen Fan (bei dem sind wir kultivierte Ahnungslosigkeit oft eh gewohnt), sondern auch diverse Berichterstatter gibt, die sich Taktikdiskussionen verbieten, weil sie langweilig wären (Christoph Luke) oder Taktik wegen des hohen Zufallsfaktors im Fußball eh komplett wurscht sei (Georg Deflorian, um hier nur mal die Kerls von sportnet.at zu zitieren, einer der Speerspitzen des Online-Boulevards), möchte ich hier einmal anschaulich demonstrieren, wie in wirklich ernsthaften Ländern mit diesem Thema umgegangen wird.

Ich war am Wochenende also in London, und besorgte mir für den Rückflug die Montags-Ausgabe des Guardian. Die erste Seite des 16-seitigen Sportteils gehört den Sonntags-Topspielen (also ein Bild, eine Grafik und ein großer Manchester-Vierspalter über Liverpool-Man Utd; dazu eine Spalte über West Ham gegen Arsenal). Blättert man um, hat man links die Aufstellung der zehn PL-Spiele vom Wochenende, diverse Statistiken und die Tabelle, sowie eine große Liverpool-Story zum Topspiel. Und auf der dritten Seite befindet sich eine riesige Torres-Geschichte – und unten eine kleine, aber feine Taktik-Analyse: Die Schlüssel zum Sieg für Liverpool, ganz losgelöst von den umstrittenen Schiri-Pfiffen, die wohl tendenziell Liverpool begünstigten.

Guardian, 26 October 2009, Sports page 3
Guardian, 26 October 2009, Sports page 3

Hier wird jetzt nicht in die ganz die elementaren Details eingetaucht, aber es gibt Grundsätzliches zur Spielanlage von Liverpool, wer wofür zuständig war, warum das wie funktionierte und welche Auswirkungen auf das Spiel hatte. Das ganze veranschaulicht mit einer Grafik, wie genau der spezielle United-Schwachpunkt Evra von der rechten Liverpool-Seite ein ums andere Mal aus dem Spiel genommen wurde.

Das ist alles, wie gesagt, nicht schwer verdaulich, liest sich nicht übermäßig schwer und ist im diesbezüglich gut ausgebildeten England auch für keinen Stadionbesucher ein echtes Mysterium, kein Buch mit sieben Siegeln. Alles absolute Basics, die man ohne großen Aufwand sehen kann. Wenn man sie denn sehen will.

The Guardian, 26 October 2009, Sports page 9
The Guardian, 26 October 2009, Sports page 9

Auf den nächsten Seiten werden die anderen Sonntags-Spiele behandelt, ehe es noch einmal eine große, doppelseitige Nachschau auf die Samstags-Spiele gibt. Großen Raum nimmt dabei das überragende 5-0 von Chelsea gegen Blackburn ein, und weil sich der Guardian auch hier nicht lumpen lässt, wird die These, dass der Erfolg hauptsächlich an der guten Leistung des nach neunmonatiger Verletzungspause zurückgekehrten Joe Cole liegen würde, mit einer netten, kleinen Grafik veranschaulicht. Hier wird die Leistung von Cole gegen Blackburn verglichen mit der von Deco beim 2-0 gegen Liverpool drei Wochen zuvor. Und zwar nicht mit dem üblichen Zahlengedöns, sondern anhand versuchter und angekommener Pässe.

Solche Grafiken und Artikel, wie sie im Guardian wie selbstverständlich fast nebenbei echte Qualität einstreuen, kann man in den heimischen Medien lange suchen. Die Engländer sind uns also nicht nur fußballerisch deutlich überlegen, sondern auch in der Berichterstattung darüber. Das ist nichts neues, kann man sich anhand des simplen Durchblätterns einer ganz normalen Tageszeitung recht einfach und sehr schön vor Augen führen.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.

15 Gedanken zu „Qualitätsmedien und Analysen

  1. Ich kenn die Mechanismen. Ich hab mich auch mehr an euren Aussagen gestört, dass taktische Diskussionen generell fad und unnütz wären.

  2. Hallo,

    leider bin ich erst jetzt auf diesen Blogeitrag gestoßen, aber besser spät als nie.

    Generell freue ich mich über jeden österreichischen Blog, der sich mit Fußball – egal, aus welchem Blickwinkel – befasst. Für eine der „Speerspitzen des Online-Boulevard“ (danke für die Blumen!), sprich sportnet.at, sei gesagt: wir probieren viel aus, haben das in der Vergangeheit gemacht und werden das auch weiterhin tun.

    Das bedeutet, man testet unterschiedliche Themen, Herangehensweisen an Geschichten und deren Aufbereitung. Das Schöne am Internet ist ja, dass man unmittelbar in Echtzeit registrieren kann, wie verschiedene Inhalte von den Lesern angenommen werden – oder eben nicht.

    Und im Gegensatz zu privaten Blogs (ich hab selbst einen), bei denen man nicht auf Klicks und Einnahmen angewiesen ist (letztlich dreht sich alles darum, es ist ja ein Job, von dem man leben muss), muss man sich in der Regel danach richten, was vom Leser angenommen wird.

    Um die Karten auf den Tisch zu legen: wir sehen schon alleine bei solch banalen Dingen wie einem Spielbericht oder einer Matchanalyse, dass die Leute hier aussteigen – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes (Stichwort: Absprungrate).

    Letzte Saison haben wir im Liga-Finish die Systeme von Manchester United und Liverpool übereinander gelegt und verglichen, wo Stärken und Schwächen liegen. Resultat: so schlecht wurde kaum eine Fußball-Geschichte geklickt. Und das ist nur eines von vielen Beispielen.

    Ich denke aber, dass gerade im Internet mit der Zeit andere Möglichkeiten der Darstellung kommen werden, um „trockene“ Inhalte wie Taktik und System etc. attraktiver darzustellen. Bis dahin liegt hier – glaube ich – die Themenhoheit bei den privaten Blogs.

    Und das finde ich ehrlich gesagt gar nicht mal so schlecht.
    Beste Grüße,
    Christoph Luke
    http://www.sportnet.at

  3. jw: Die Zeitungen wollen oder können das nicht, das steht fest. Bleibt die Frage zu klären, ob die Leser das nicht wollen. Als Klopp im ZDF während der WM seine Analysen gemacht hat, haben sich ja auch alle gefragt, warum man das nicht schon mal vorher gemacht hat.

    Wenn es Bedarf für diese Analysen gibt, wird das Internet das als erstes rausfinden, und die Zeitungen damit wieder Leser verlieren, weil sie nicht so beweglich sind.

    Daniel: Mit der Berichterstattung zu den Finanzen wird es besser – siehe die Recherchen der Sueddeutschen und der Welt zu Schalke.

  4. Und noch eine kurze Anmerkung: ich glaube, dass sich die britische Fußballberichterstattung Anfang der 90er in positiver Hinsicht verändert hat. Damals haben mehr Briten Serie A als die heimische Premier League geschaut. Der Grund: Sky hatte sich gerade erstmals die PL-Rechte gesichert und die Serie A lief im frei empfangbaren Fernsehen. Das hatte wohl einen sehr prägenden Einfluss auf das taktische Verständnis in der breiten Öffentlichkeit.

  5. Also ich bin auch Deutscher – Bayer um genau zu sein. Ich bin zwar kein Fan des englischen Fußballs, aber auch kein Hasser. Und ich beneide die Briten um die Fußballberichterstattung in den Medien. Ich lese eigentlich seit drei Jahren regelmäßig die Fußballartikel auf der Guardian-Seite. Wenn ich das jetzt beispielsweise mit der Fußballberichterstattung in der Sueddeutschen vergleiche, dann wird schon ein deutlicher Klassenunterschied erkennbar. Und es sind nicht nur die taktischen Analysen, die den dt. vom englischen Journalismus unterscheiden: auch was das Thema Fußballfinanzen angeht, sind uns die Insulaner weit voraus.
    Ich bin im übrigen sehr froh über die taktischen Analysen im aktuellen Sportstudio. Das machen die erst seit dieser Saison, richtig?

  6. Ja, ein Freund von mir ist aus Linz (LASK), so daß ich recht grob informiert bin über allgemeine Tendenzen. Vielleicht wirds zur WM in Brasilien was? Solange Ihr gegen andere gewinnt ist mir das sehr recht.

    Mein Fußballkonsum ist inzw. auf Livespiele im Free-TV reduziert, und die Bundesligakonferenz im Radio. Zusätzliche Presse konsumiere ich nicht mehr, und so rückhaltlos begeistert wie in der späten Jugend bin ich auch nicht mehr. Daher kann es vorkommen, daß junge, deutsche Talente in unserer Nationalmannschaft auftauchen, die ich noch nicht richtig kenne.

    Korkmaz, Ibertsberger u. Fuchs habe ich aber schon gehört. :)

  7. awageh, nicht so schlim. aber zu österreich sollte dir etwas mehr einfallen. ;) prödl, korkmaz, harnik, ibertsberger, fuchs und ivanschitz spielen in deutschland in der ersten liga (bzw. harnik und korkmaz grade nicht, weil in untere ligen verliehen) – wenn auch nur fuchs, ibertsberger und ivanschitz grade mit merkbarem erfolg. der name david alaba sollte dir auch im gedächtnis bleiben. 17-jähriges supertalent bei den bayern amateuren.

    auch in einigen anderen spitzenligen (england, italien) spielen mittlerweile wieder österreicher.

    und immerhin haben die österreichischen klubs in dieser saison das bisher drittbeste nationenranking im europapokal erreicht. drei der vier damit, dass sie sehr stark auf junge talente setzen.

    hier wächst eigentlich gerade eine generation super fußballer heran – obs was mit dem team wird steht aber trotzdem noch in den sternen. jedenfalls kann man sich hier erstmals seit langem mal wieder ein bisschen über heimischen fußball freuen.

  8. I werd narrisch! Aber im Ernst, ich bitte um Pardon über die 3-4 deutlichen Hinweise auf Österreich hinweggesehen zu haben. Ich glaube vom Bildblog.de wurde hierhin gelinkt, und da sah ich die Pille liegen, und wollte gleich verwandeln, ohne mich erstmal umzuschauen, wo ich überhaupt bin.

    Ja, die Zeiten der Wunderelf sind schon etwas her, und bei aller Kritik an Britannien – in den letzten Jahren war England stärker. Selbst zu Zeiten von Herzog und Polster, die ich Provinzialist natürlich zu benennen weiß, fürchte ich.

    Viel mehr (Feiersinger, Paccult, Vastic, Ivanschitz) fällt mir zu Österreich leider nicht ein, und zur Berichterstattung schon gar nicht.

    Aber wie ein Elefant hier reinstolpern, nur nicht so majestätisch – wie peinlich. Wahrscheinlich typisch Piefke. :)

  9. @Stefan ballverliebt.eu ist ein Blog von österreichischen Autoren (über jemanden aus Deutschland, der sich vielleicht beteiligen möchte, würden wir uns natürlich freuen). ihr deutschen habt ja keine ahnung, was wirklich bescheidene fußballberichterstattung ist :D

  10. „Die Engländer sind uns also nicht nur fußballerisch deutlich überlegen, sondern auch in der Berichterstattung darüber.“

    Deswegen sind die Engländer ja auch häufiger Weltmeister geworden als wir, wurden mehrfach Europameister, und qualifizieren sich auch regelmäßig für internationale Turniere.

    Ach so – es geht um die Liga? Das sind aber nicht alles Engländer.

    Aber bis auf diesen unmotivierten Kniefall vor dem englischen Fußball begrüße ich die Kritik sehr. Ja, ich will Taktikanalysen und Grafiken! Selbst wenn wir uns das bei den Engländern abschauen müßten. :)

  11. Finde es grade dezent amüsant, dass hier schon Leute aus Deutschland so arg maulen. Kommt mal nach Österreich Leute ;)

  12. Sehr interessant. Es gibt Spielberichte in unseren überregionalen Tageszeitungen, in denen nicht ein einziges Mal Bezug auf das Geschehen auf dem Platz genommen wird. Geschweige denn auf die Taktik.

    Im Fernsehen ist es noch schlimmer, vor allem den prominenten öffentlich-rechtlichen Moderatoren merkt man an, dass sie nur alle zwei Monate mal ein Spiel kommentieren – die können nicht mal einschätzen, ob ein Spiel hohes Tempo hat oder nicht.

    Die Berichterstattung wird eben leicht verdaulich für den Massengeschmack herunter gekocht. Einzige löbliche Ausnahme ist das sportstudio des ZDF mit seinen Taktikanalysen.

  13. Markt und Tradition sind ebenso schwer zu vergleichen wie journalistische Ausrichtung und personell/finanzielle Ausstattung des Guardian und deutscher so genannter Qualitätszeitungen. Für so etwas fehlt es hierzulande an Geld, Personal, Technik, Interesse und Willen – ganz grundsätzlich behauptet, aber Ausnahmen sehe ich tatsächlich nicht. Ich war lange genug Ressortleiter einer Tageszeitung und weiß, dass es aus tausenderlei Gründen unmöglich war/ist, derlei statistische Analysen auch nur ansatzweise einzuführen. Wobei ich hier noch keine Aussage über Qualitäten derartiger Aufbereitungen und/oder die Notwendigkeit dessen in einer „Tageszeitung“ treffe. Das wäre gesondert zu diskutieren.

  14. die guardian grafiken kann übrigens jedermann für jeden spieler, jedes team und jedes spiel der letzten jahre produzieren. dazu gibts online ein geniales chalkboard http://www.guardian.co.uk/football/chalkboards

    die leute die da die interessantesten ergebnisse rausfinden gewinnen beim guardian jee woche etwas. es sind also nicht nur die medien sondern auch die user schlauer. ;)

Die Kommentare sind geschlossen.