„Nüchtern betrachtet“, ließ sich Johann Gartner im profil zitieren, „sind wir mit Rangnick nicht weiter als unter Foda.“ Nun gibt es sehr wohl einiges, was man an den Spielen des ÖFB-Teams – und den Resultaten – im letzten halben Jahr kritisch anführen kann. Verpasster Gruppensieg in der B-Abteilung der Nations League, das verstolperte Playoff gegen Serbien, und nicht alles war nur Pech.
Aber: Hält die Behauptung des NÖFV-Präsidenten, selbst wenn man nur die Zahlen betrachtet? (Spoiler: Nein.)
Vergleichen wir Rangnick mal mit seinen acht Vorgängern, die zumindest 20 Spiele lang das Nationalteam trainiert haben. Also ohne Brückner, weil seine sieben Spiele einfach eine zu kleine Sample Size sind. Und niemand vor Prohaska, weil ab den 90ern die Anzahl der Verbände in Europa von 33 auf rund 50 angestiegen ist. Alles, was vorher war, ist nicht seriös vergleichbar.
Der Punkteschnitt

Wenn man die banalste aller Zahlen hernimmt, ist Rangnick knapp nicht voran – der Punkteschnitt ist de facto gleich wie bei Foda und besser als bei allen anderen Teamchefs der letzten drei Jahrzehnte. Und, schau schau: Franco Foda hat auch einen höheren Schnitt als Marcel Koller. Kann das sein, wo doch Foda kein einziges Bewerbsspiel gegen ein besser klassiertes Team gewonnen hat?
Ja, kann sein. Weil man ja auch die Stärke der Gegner einbeziehen muss.
Die Stärke der Gegner (Durchschnitt laut Elo-Rating)

Hoppala, Franco Foda hatte ja viel leichtere Gegner als Rangnick! Naja, fast logisch: Die Gruppenköpfe der beiden Qualifikationen unter Foda waren Polen und Dänemark, nicht Spanien und Frankreich. Foda trainierte zwei Durchgänge in der B-Liga der Nations League, einen erfolglos, einen mit einem erzitterten Aufstieg. Wer schwächere Gegner hat, wird mehr Punkte machen.
Kann man die schlechte Bilanz von Didi Constantini also auch an den schweren Gegnern in einer EM-Quali-Gruppe mit Deutschland, Belgien und der Türkei festmachen? Constantini hatte in seiner Zeit als Teamchef viele andere Probleme – aufkommende strategische Kritik, der Generation Gap, fehlendes Verständnis für den modernen Fußball, damit fehlende Autorität in der Innen- und der Außendarstellung. Aber ja, die harten Gegner machten ihm das Leben definitiv auch nicht leichter.
Korrelation der Stärke von Österreich und seiner Gegner

Die Differenz zwischen der Durchschnitts-Platzierung im Elo-Rating von Österreich und dem seiner Gegner über den gesamten Amtszeitraum bestätigt das: Constantini hatte ständig teils deutlich stärkere Teams vor sich. Das lag natürlich auch daran, dass Österreich selbst unter ihm so richtig schlecht dastand. Ähnliches galt für Josef Hickersberger, der von Hans Krankl ein kaputtes Team geerbt hatte und im Vorfeld der Heim-EM gegen einige schwache (Liechtenstein, Malta) und relativ viele recht gute Teams (Deutschland, Niederlande, Frankreich, England, Schweiz, Elfenbeinküste) getestet hat.
Aber hui, kurzer Blick auf Foda: Nach dieser Berechnung hatte niemand einen im Vergleich zur eigenen Stärke so leichten Spielplan zu absolvieren! Und doch ist die Bilanz schlechter als unter Rangnick. Wir erinnern uns kurz: Selbst gegen Polen, Israel und Mazedonien machte man unter Foda harte Arbeit aus einem zweiten Platz; dann wurde man hinter Dänemark, Schottland und Israel gar nur Gruppenvierter.
Die Niederlagen
Drehen wir die Sache mal um: Wie viele ihrer Spiele haben die Teamchefs eigentlich verloren? Das 0:2 in Serbien war die neunte Niederlage im 34. Spiel unter Rangnick. Klingt viel? Ist es nicht.

In der Tat hat Rangnick den geringsten Anteil an Niederlagen von den letzten neun Teamchefs (Brückner hat 57 Prozent, der Vollständigkeit halber). Gegen wen hat Rangnick verloren? Gegen Dänemark (2x), Frankreich (2x), Kroatien, Belgien, die Türkei, Norwegen und Serbien. Foda hat im Vergleich immer noch eine vorzeigbar niedrige Niederlagen-Quote, er hatte aber – wie gesehen – auch die wesentlich leichteren Gegner.
Niederlagen unter Foda beinhalteten die zwei Pleiten in Israel sowie das Fanal der Niederlage in Lettland – das wegen der Wurschtigkeit des Trainers verloren wurde. Es waren die einzigen Punkte, die Lettland in der EM-Quali damals überhaupt gemacht hat.
Die Zuschauerzahlen
Gartner glaubte auch zu orten, dass die Connection zwischen Fans und (Trainer-)Team im Serbien-Spiel gefehlt habe. Da wir selbst im Stadion waren und selbst miterlebt haben, wie fein das Gespür der ausverkauften Hütte dafür war, wann das österreichische Team welche Form von Support brauchte, verwundert uns diese Aussage einigermaßen. Umso mehr, weil trotz des objektiven Misserfolgs gegen Serbien das nächste Heimspiel gegen Rumänien innerhalb weniger Tage ebenso ausverkauft war wie es die meisten Rangnick-Heimspiele waren.

Nicht alle Matches finden im Happel-Stadion statt, das ist unter Rangnick nicht anders als bei seinen Vorgängern. In den letzten Jahren hat der ÖFB die neue Linzer Arena als attraktives Klein-Stadion für weniger wichtige Spiele für sich entdeckt, davor sind es eben Klagenfurt, Salzburg, Innsbruck und Graz gewesen. Auffällig ist aber sehr wohl, wie die Euphorie um das Team in der Koller-Zeit explodiert ist und wie effektiv unter Foda das Happelstadion schon leergespielt war, als das noch gar nicht wegen Corona so sein hätte müssen.
Kein einziges Bewerbs-Heimspiel unter Foda hatte mehr als 41.100 Zuseher. Acht der neun im Happel-Stadion ausgetragenen Rangnick-Pflichtspiele hatten mehr Zuseher als diese Marke und das Match gegen Rumänien wird den Rangnick-Schnitt auf 32.900 nach oben drücken.
Der Draht, der den ÖFB zum Glühen bringt
Die Reaktionen auf David Alabas Ausbruch gegen die wahrlich entbehrlichen, offenkundig schwachsinnigen und jedenfalls unqualifizierten Wortmeldungen des niederösterreichischen Langzeit-Verbandspräsidenten waren überwiegend von Zustimmung für den Legionär von Real Madrid geprägt. Die öffentliche Meinung über das ÖFB-Präsidium ist ohnehin seit 2017 im Keller.
Damals übrigens, 2017, argumentierte eben jener Gartner auch mit ausbleibenden Zusehern für die Trennung von Koller („Wir leben von der Nationalmannschaft. Wenn nur 13.000 Zuseher kommen, dann muss man sich etwas überlegen!“). Dies ist aktuell definitiv nicht der Fall. Und der Draht der Fans zu Foda? Es dauerte nach der EM 2021 mit dem heroischen Achtelfinale gegen Italien genau ein Spiel, bis „Foda raus“-Rufe durch das Happel-Stadion peitschten.
Nun, unter Rangnick, wurde zweimal ohne Not der Aufstieg in der Nations League versemmelt, und die Tickets für das nächste Spiel – gegen einen wahrlich nicht besonders attraktiven Kontrahenten – sind zwei Monate vor dem Anpfiff vergriffen.
Es war auch gaaanz sicher reiner Zufall, dass Georg Pangls Compliance-Verstoß just einen Tag durchgestochen wurden, ehe Pangl sich bei der Präsidiumssitzung als Präsident oder CEO des ÖFB in Stellung bringen hätte können. Dass er einen solchen Posten angestrebt hat, ist kein Geheimnis. Dass der auf schlanke Strukturen bedachte, international bestens vernetzte Pangl von einigen aus dem Kreis der Regional-Funktionäre sehr skeptisch beäugt wird, liegt nahe.
Was war passiert? Pangl hatte in seiner Funktion als burgenländischer Landespräsident zwei Verbands-Autos bei einem Händler in Oberösterreich angeleiert statt im Burgenland. Das sei laut Pangl zwar wesentlich günstiger gewesen, doch die regionale Wirtschaftskammer machte Stunk und brachte Compliance-Regeln ins Spiel, BFV-Vize Konrad Renner drängte Pangl umgehend zum Rücktritt.
Der ÖFB hat bis heute keinen neuen Präsidenten, weiterhin führt Wolfgang Bartosch diesen interimistisch. Nicht alle Funktionäre, die den Landesverbänden vorstehen, verstehen diese als Service-Einrichtungen für die Vereine zu sein, die sie vertreten: Von Pfaffenschlag bis Wr. Neustadt, von Hellas Kagran bis zum SC Kopten, von Straßwalchen bis Mittersill. Auch acht Jahre, nachdem sie 2017 als Dorftrottel wie die Sau durchs öffentliche Dorf getrieben wurden, verstehen sich wohl zumindest manche aus diesem ehrenamtlichen Kreis als berufen, auch jene ganz großen Geschicke des ÖFB maßgeblich zu bestimmen, die mit höchstem Profitum zu tun haben.
Nüchtern betrachtet
Im Grunde hat David Alaba mit seiner öffentlichen Abkanzelung von Gartner („Es ist nicht das erste Mal, dass jemand aus dem Präsidium sich in der Öffentlichkeit in einer Art und Weise äußert, die wir als Spieler nicht akzeptieren können. Wenn jetzt jemand sagt, wir sollen uns hinten reinstellen und unsere Spielweise verändern, dann hat er keine Ahnung von Fußball“) sogar noch erstaunliche Contenance bewahrt.
Denn der Kapitän sieht es ebenso wie die meisten Beobachter: Sportliche Kritik gehört dazu und dieser muss man sich als Leistungssportler auch stellen. Aber nur, wenn sie sachlich und fundiert vorgetragen wird.
Und nein, das waren Gartners Wortmeldungen nicht. Ganz nüchtern betrachtet.