Die Roma marschiert weiter und verpasst Inter einen Dämpfer – 3:0!

Die Enttäuschungen der letzten Saison sind die Überraschungen in dieser: Die Roma und Inter starteten stark in die neue Saison. Im direkten Duell zeigte sich aber deutlich, dass die Roma und Neo-Coach Rudi Garcia schon weiter sind: Sichere Defensive, starkes Mittelfeld, schnelles Umschalten. Da kam die Arbeiter-Truppe von Walter Mazzarri nicht ganz mit.

Inter - Roma 0:3 (0:3)
Inter – Roma 0:3 (0:3)

Letzte Saison den Europacup verpasst, dieses Jahr aber wieder voll da: Das gilt sowohl für die Roma als auch für Inter. Beide stellten sich im Sommer neu auf, besetzten ihre Trainer um und starteten gut. Inter mit vier Siegen und zwei Remis aus den ersten sechs Partien, die Roma gar mit sechs Erfolgen.

Romas Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1

Mit Lille war Rudi Garcia schon französischer Meister, im Sommer übernahm er die Roma. Nach den gescheiterten Versuchen mit Luis Enrique und Zdenek Zeman, mit Spielkultur und Offensive zum Erfolg zu kommen, brachte Garcia nun die nötige Balance ins Spiel.

Der Clou dabei ist die Flexibilität im Mittelfeld. Der Franzose lässt eine Mischung aus 4-3-3 und 4-2-3-1 spielen, in dem Miralem Pjanic zwischen halbrechtem Halbfeld und Zehner-Position pendelt. Dabei ist er aber nicht so sehr für die Gestaltung zuständig, sondern dafür, den gegnerischen Sechser kaltzustellen – in diesem Fall Estebán Cambiasso. Dafür ist Pjanic prädestiniert, schließlich ist er auf dem Feld ein extrem unguter Gegenspieler, gegen den man gute Nerven braucht.

Wenn Pjanic aufrückte, verlagerte sich De Rossi etwas nach halbrechts, sodass die defensive Stabilität gewahrt blieb. Nur selten kam die Roma ins Schwitzen: Die Laufwege in der Abwehr sind so gestaltet und werden so ausgeführt, dass der Ballführende immer eine Anspielstation hat. Im Wissen um diesen Umstand kommt praktisch nie Panik auf – das macht die Roma auch gegen Pressing einigermaßen resistent.

Nur ein Gegentor in sieben Spielen zeugen davon – und auch von der guten Form der Innenverteidiger Mehdi Benatia (neu von Udinese) und Leandro Castan.

Flügel- und Umschaltspiel

Francesco Totti ist so etwas wie der Urvater der modernen falschen Neun – diese Fähigkeit macht sich auch Garcia zu Nutze. Totti ist Spielgestalter und Vollstrecker in einem. Flankiert wird er dabei von zwei höchst unterschiedlichen Flügelspielern: Gervinho und Florenzi. Während Gervinho, wie man das von Arsenal kennt, immer wieder noch einen Haken einbaut, noch einen Schlenker und nur im Notfall auch wirklich schießt, kennt Alessandro Florenzi nur einen Weg – den direkten in Richtung Tor. Da die beiden aber permanent ihre Seiten tauschen, fällt es den Gegenspielern oft recht schwer, sich von einer Situation auf die nächste darauf einzustellen.

Ein weiteres Merkmal der Mannschaft von Rudi Garcia ist das sehr flinke Umschalten. Die Roma presst zwar nicht übertrieben konsequent, aber vor allem gegen einen hoch stehenden Gegner (wie etwa Inter) ist das ein probates Mittel. Vor allem der Holländer Strootman hat ein blendendes Auge dafür, wo beim Gegner nach dessen Ballverlust gerade die größte Unordnung herrscht. So wurde es für Inter bei jeder eigener Ecke brandgefährlich, weil die Roma so schnell umschalten konnte – wie etwa beim Tor zum 3:0.

Mazzarri und seine Dreierkette

Inter war seit dem Triple und dem folgenden Abgang von José Mourinho 2010 im konstanten Tiefflug: unübersichtlich viele Trainer, völlig unterschiedliche Philosophien, eine gnadenlos überalterte Mannschaft. Mit Walter Mazzarri, der Napoli zu einer Top-Truppe geformt hatte (wobei Rafa Benítez jetzt die Früchte ernten kann), soll Stabilität einkehren. Er kehrte zu jener Dreierkette zurück, mit der vor einem Jahr Gianpiero Gasperini grandios gescheitert war – aber auch, weil der gerade zur Genoa Zurückgekehrte nicht das Personal dafür hatte.

Mazzarri, der auch bei Napoli konsequent mit Dreierkette spielen ließ, stellt Inter aber mit einem Offensiv-Akteur weniger auf als zuletzt Napoli – bei den Nerazzurri ist das ein 3-5-1-1. Vor der Dreierkette agiert Cambiasso als Sechser, flankiert von zwei Achtern, die mit gezielten vertikalen Läufen für Unruhe beim Gegner sorgen sollen. Auf den Flanken spielen klassische Wing-Backs (Nagatomo und Álvaro Pereira, in diesem Fall) und vor der hängenden Spitze Ricky Alvarez ist Rodrigo Palacio platziert.

Möglichst Überzahl im Zentrum

Ricky Alvarez hat in seinen ersten zwei Jahren bei Inter den Anschein gemacht, als wüsste er überhaupt nicht, was er tut – viele fragten sich schon lange, wo seine Vorschusslorbeeren herkamen, mit denen er 2011 von Velez Sarsfield gekommen war. Nun aber unter Mazzarri ist der Argentinier der Hub in der Offensive: Er lässt sich zurückfallen, weicht auf die Flügel aus, geht in die Spitze, kurz, er ist überall, wo es gefährlich wird.

Nicht nur mit dem Zurückrücken von Alvarez (oder wahlweise Palacio) will Inter zudem Überzahl im Zentrum herstellen, sondern auch mit dem Aufrücken eines Spielers aus der Abwehrkette. Immer wieder ging einer der drei da hinten mit, um so in der Theorie eine 5-gegen-3-Überzahl herzustellen – und um es irgendwie zu schaffen, den als falscher Neun sehr tief herumturnenden Totti unter Kontrolle zu halten. In diesem Spiel ging der Schuss aber kräftig nach hinten los: Die Roma verstand es exzellent, in das sich bietende Loch zu stoßen (sei es zwischen die Innenverteidiger oder zwischen IV und Wings-Backs), sodass Inter das nach dem Doppelschlag zum 0:2 und 0:3 einstellte.

Spielverlauf

Bis zu Tottis 20-Meter-Schuss zum 1:0 nach einer Viertelstunde konnte sich kein Team signifikante Vorteile erarbeiten, und Inter war noch längst nicht aus dem Spiel, als Pereira (der ziemlich schwach war und in der Pause auch raus musste) an der Strafraumgrenze Gervinho legte und Totti den Elfmeter zum 2:0 verwertete. Unmittelbar danach lief Inter nach eigener Ecke in einen Konter – Totti hatte Pjanic bedient – und Florenzi schloss diesen zum 3:0 ab.

2. Halbzeit
2. Halbzeit

Mazzarri nahm für die zweite Hälfte Pereira raus und brachte mit Mauro Icardi einen neuen Stürmer, Ricky Alvarez ging dafür auf die linke Seite und Juan Jesus musste mehr auf die defensive Absicherung dieser Seite achten. Inter hatte mehr vom Ball, aber die Roma das Geschehen im Griff. Torosidis, der vor der Pause machen konnte was er wollte, kam gegen Alvarez nun zwar nicht mehr so zur Geltung, aber das störte Garcia kaum.

Mehr schon, dass der gelb-vorbelastete Pjanic am Rande des Ausschlusses wandelte, weshalb er rollengetreu Taddei für ihn brachte.

Mazzarri stellte erst mit der Einwechslung von Diego Milito (statt Guarin) wirklich um: Nun hatte er Milito hängend hinter Icardi, dazu Alvarez links und Palacio rechts. Es half nichts – im Gegenteil: Gervinho hätte aus einem weiteren blitzsauberen Konter beinahe das 4:0 gemacht. Nach Balzarettis Ampelkarte zehn Minuten vor Schluss musste Totti für einen neuen Verteidiger (Dodó) weichen. Es machte keinen Unterschied mehr.

Fazit: Aufwärtstrend der Teams, nicht aber der Liga

Die Roma steht nach diesem Sieg bei sieben Siegen aus sieben Spielen – Rekord. Die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmt, die Abwehr steht sehr sicher, das Flügelspiel ist variabel, das Mittelfeld-Zentrum lauf- und zweikampfstark und dazu sehr umsichtig, und Totti ist eben immer noch Totti. Das ist in Summe ein gut aufeinander abgestimmtes Team – erstaunlich, nachdem im Sommer mit Lamela, Osvaldo und Marquinhos drei absolute Stützen gingen und mit Rudi Garcia ein neuer Trainer kam.

Auch Inter ist, dem 0:3 zum Trotz, nach drei schlimmen Jahren eindeutig auf dem Weg der Besserung. Unverkennbar ist aber, dass dies kein besonders glitzerndes Team ist, sondern eher eines mit harten Arbeitern. Dass oft einer aus er Dreierkette aufrückt, ist eine interessante Variante, auch wenn sie in diesem Spiel nicht funktioniert hat. Allerdings fehlen Inter ein wenig die Häuptlinge: Cambiasso wird erstens nicht jünger und war zweitens ziemlich kaltgestellt. Sonst sorgte gegen die Roma nur Ricky Alvarez für potenziell seine Mannschaft Mitreißendes.

Allerdings muss auch eines klar gesagt werden: Das war zwar ein Spitzenspiel in der Serie A, aber von europäischer Spitzenklasse ist das schon noch ein schönes Stück entfernt. Die italienische Liga ist in einem Tief und auch in dieser Partie reden wir von einem Niveau, das vielleicht für das Champions-League-Achtelfinale reicht – bestenfalls. (phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.