Błaszczykowski schießt Polen zurück ins Turnier – Tschechen wackeln wieder

Nein, einen Sieg hat es für Polen auch im zweiten Spiel der Heim-EM nicht gegeben. Aber das 1:1 gegen die Russen fühlt sich fast wie einer an, zumal man es nach dem Traumtor von Błaszczykowski und einer ansprechenden Leistung in der eigenen Hand hat, ins Viertelfinale zu kommen. Jetzt muss nur noch ein Sieg gegen die Tschechen her – und das scheint möglich, weil diese trotz Blitz-Führung zum 2:0 gegen Griechenland wieder keine gute Figur gemacht haben.

Polen - Russland 1:1 (0:1)

Russland hatte gegen die Tschechen viele Freiheiten. Was daran lag, dass die Tschechen im eigenen defensiven Mittelfeld zu viel Räume gewährt haben – genau diesen Fehler wollte Franciszek Smuda, der polnische Teamchef, natürlich nicht machen. Darum machte er aus dem 4-4-1-1 der ersten Partie nun gegen die Russen ein 4-1-4-1, um eben genau den Aufbau der Russen über Shirokov und Siryanov zu verhindern, und die Sbornaja damit auf die Flügel zu drängen.

Dort lauerten zwar Arshavin und Dzagoyev, dazu die Außenverteidiger Shirkov und Anyukov, aber für erstere standen ja als Hilfe für Boenisch und Piszczek die Kollegen aus dem Halbfeld bereit, und auf Letztere sollten Błaszczykowski und Obraniak Druck ausüben, sodass diese gar nicht erst zu ihren gefährlichen Vorstößen kommen konnten.

Polens Strategie gegen den Ball

Teil A des Plans ging ganz gut auf. Shirokov versuchte zwar wiederum, mit seinen vertiaklen Vorstößen auch ohne Ball Unruhe zu stiften, aber Dudka agierte recht umsichtig und die polnische Defensive als Ganze ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Siryanov postierte sich deutlich tiefer, mitunter auf eine Höhe mit Sechser Denisov; er hatte so zwar mehr vom Ball, aber weil Polanski und Murawski die Räume exzellent zustellten, kamen kaum russische Anspiele an – da brauchte es gar kein Pressing von Seiten der Polen.

Das Verteidigen gegen die Außenstürmer Arshavin und Dzagoyev klappte dagegen nur so halb. Obraniak arbeitete sehr gut defensiv und half Boenisch – mit Abstand dem schlechtesten Teil der polnischen Mannschaft – so gut er konnte. Dzagoyev war über die meiste Zeit des Spiels kaltgestellt. Aber Arshavin war überall zu finden: Er sah schnell, dass er gegen Błaszczykowski und Piszczek wenig anrichten konnte und verlegte sich schnell darauf, sich ins Halbfeld zu positionieren, den Raum zwischen polnischem Mittelfeld und Abwehr zu bearbeiten und verließ sich auf seine Qualitäten am Ball.

Russland nicht so gut wie gegen Tschechien

Man kann auch sagen: Arshavin agierte oftmals recht eigensinnig, verpasste regelmäßig den Zeitpunkt zum Abspiel und rannte sich immer wieder in der polnischen Verteidigung fest. Aus dem Spiel heraus waren die Russen etwas zu statisch und ausrechenbar, um gegen die diszipliniert und kompakt stehenden Polen etwas auszurichten. Fast logisch daher, dass das 1:0 für Russland in der 37. Minute nach einem Standard fiel: Dzagoyev verwertete einen Arshavin-Freistoß per Kopf.

Die Polen zeigten sich gegenüber dem 1:1 gegen die Griechen also deutlich verbessert, was ihre Abwehrarbeit anging und auch, was die generelle psychische Lage betrifft: Die Übernervosität von gerade der zweiten Hälfte gegen Griechenland war deutlich verfolgen. Was aber in den vier Tagen natürlich nicht korrigiert werden kann, ist die unglaubliche Rechtslastigkeit im Spiel. Piszczek und Błaszczykowski tragen das Aufbauspiel quasi alleine.

Polen versuchen, ihre Stärken ins Spiel zu bringen

Das ist zwar sehr eindimensional, aber wenn man vorne einen Robert Lewandowski hat, kann sich das trotzdem ausgehen. In der abgelaufenen Saison gab es kaum Stürmer in Europa, die Bälle besser halten können, abdecken, Zeit gewinnen bis die Mitspieler aufgerückt sind – und dabei dennoch so gedanken- und handlungsschnell sind, dabei jederzeit den Abschluss suchen zu können. Seine unbestrittenen Tempo- und Technik-Vorteile gegen Beresutski und Ignashevitch (die beiden russischen Innenverteidiger sind fraglos die limitiertesten Kicker in ihrem Team) konnte er zwar kaum ausspielen, aber alleine seine Präsenz sorgte für Entlastung.

Bei alldem war aber doch klar, dass die Polen um den Umstand wussten, fußballerisch nicht mit den Russen mithalten zu können. Natürlich war das Einziehen einen Zerstörers im Mittelfeld und das damit verbundene Verzichten auf eine hängende Spitze dem geschuldet und, keine Frage, die Polen überließen den Russen ganz bewusst die Initiative. Weil sie wussten: Die größten Chancen, zum Torerfolg zu kommen, bestehen, wenn man nach Ballgewinn in den Rücken der aufgerückten Außenverteidiger kommt und die gegnerischen Innenverteidiger mit Tempo kommt.

Nach Ausgleich nicht auf Defensive umgestellt

Natürlich war das Ausgleichstor von Błaszczykowski nach einer Stunde in erster Linie ein herausragender Schuss, den Malafeev nie im Leben halten kann, aber die Entstehung war genau so: Schneller Gegenzug, der spätere Torschütze bekommt einen Ball in den Lauf hinter Shirkov, Lewandowski zieht einen Innenverteidiger, und Błaszczykowski kann abziehen.

Interessanterweise gab Smuda in der Folge seinen Vorsichts-Kurs auf: Er hatte einerseits bemerkt, dass die Russen an diesem Tag nicht so stark in der Vorwärtsbewegung waren und wollte daher zweitens etwas mehr Struktur in die eigene Spielgestaltung bringen. Daher nahm er Dudka vom Feld und brachte mit Mierzejewski einen kreativeren Mittelfeld-Spieler, der genauere Pässe mit mehr Übersicht spielen kann.

Und tatsächlich: Das Zentrum der Polen verlor nicht etwa an Balance, sondern konnte nun Bälle auch besser halten. Das bewirkte, dass Shirokov und Siryanov sind nun endgültig aus dem russischen Spielaufbau verabschiedeten. Advocaat versuchte daher, mit Ismailov statt dem (trotz seines Tores) diesmal nicht so starken Dzagoyev jenen Flügel zu stärken, auf dem Boenisch stand. Ein Wechsel dessen Wirkung verpuffte, womit es beim korrekten 1:1 blieb.

Fazit: Polen verdient sich den Punkt, von den Russen kam zu wenig

Die Polen haben gezeigt, dass sie mit der passenden taktischen Marschroute auch einem Gegner wie Russland Paroli bieten können. Sie haben das Zentrum der Sbornaja sehr gut neutralisiert und sie damit ausrechenbarer gemacht. Zudem gelang es Lewandowski hervorragend, die russische Abwehr zu beschäftigen und die starke rechte Seite muss als Punktsieger gegen Shirkov gelten.

Die Russen verließen sich zu sehr auf Einzelaktionen von Arshavin. Im Mittelfeld fehlte es an den nötigen Laufwegen, um das kompakte und robuste, aber spielerisch nicht unbedingt auf Top-Niveau stehende polnische Zentrum auseinander zu reißen. Vor allem Siryanov und Shirokov müssen sich anlasten lassen, einen etwas lustlosen Eindruck gemacht zu haben, als man nicht so leicht durchkam wie gegen das recht offene tschechische Zentrum.

Im Endeffekt war es ein interessantes und flottes Spiel, nachdem wohl beide Teams mit dem Resultat leben können. Die Russen, weil die die Gruppe immer noch anführen und sie mit einem Sieg gegen die Griechen diese auch gewinnen. Und die Polen, weil sie den Einzug ins Viertelfinale in eigener Hand haben: Ein Erfolg gegen Tschechien, und alles ist gut. Und der ist allemal möglich.

Überfahren ist er worden, im ersten Spiel, von Blaszczykowski und Piszczek. Dennoch durfte José Holebas auch gegen die Tschechen als Linksverteidiger anfangen – und wieder ging’s schief. Einmal ließ er Jiráček innen entwischen, einmal Gebre Selassie außen, und nach fünf Minuten waren die Tschechen schon mit 2:0 voran. Die schnellste Zwei-Tore-Führung der EM-Geschichte…

Tschechien - Griechenland 2:1 (2:0)

Was die Tschechen aber auch gut heraus gefordert haben. Michal Bilek reagierte auch von der Aufstellung her gut auf die Problemstellen beim 1:4 gegen Russland. Oder, viel mehr, setzte er dort fort, wo er schon beim ersten Spiel reagiert hatte: Statt nämlich Plašil auf die Sechs zu stellen, ohne einen Tackler um sich herum – was sie gegen die flinken Russen anfällig für Konter gemacht hatte – zog er Plašil auf die Acht und ließ Hübschmann hinter ihm die Aufräum-Arbeit machen.

Das klappte zunächst hervorragend, weil Plašil und Rosický ein ganz gutes Verständnis untereinander hatten, und weil Jirácek den defensiv wie erwähnt überforderten Holebas permanent narrte, ihn überlief, ihn aus der Position zog – was auch für den exzellenten Theo Gebre Selassie ein Fest war. Die Tschechen kontrollierten das Spiel.

Tschechen lassen Zügel schleifen

Man könnte allerdings auch sagen, dass sie sich selbst einlullten. Mit der billigen frühen Führung im Rücken ließ schon im Laufe der ersten Hälfte die Initiative immer mehr ein. Was der selbe Fehler war, den die Polen schon gegen die Griechen gemacht hatten. Und in selbem Maße kam auch Holebas, defensiv entlastet, immer besser ins Spiel.

Natürlich war das sich anbahnende Angriffsspiel der Hellenen eher durchschaubar. Setzte auf lange Bälle Richtung Samaras, mehr auf Willen als auf Klasse. Und auf die Tatsache, dass die Tschechen das Spiel schon gewonnen glaubten. Aber Maniatis und Fotakis im Zentrum bekamen nun immer mehr Zeit am Ball und das Bemühen, das Spiel von hinten heraus zu lenken, war durchaus erkennbar.

Griechen versuchen es, aber es fehlt das Zwingende

Natürlich: Dass Petr Čech den Griechen mit einem ähnlichen Aussetzer wie vor vier Jahren gegen die Türkei den Anschlusstreffer schenkte, half natürlich. Aber man darf auch nicht verschweigen, dass bei Fernando Santos wie schon im ersten Spiel die Wechsel gut funktioniert haben. Mit Gekas kam ein schnellerer, wendigerer Mann für das Sturmzentrum, dafür ging Samaras auf den Flügel; dazu konnte Fortounis seine Pässe aus dem Zentrum heraus besser gestalten als zuvor auf dem Flügel. Als Santos merkte, dass Fortounis‘ Pässe (und wohl auch seine Kräfte) nachließen, warf er Kostas Mitroglou in die Schlacht: Einen grimmigen, robusten Spieler, der den Tschechen zusätzliche Probleme bereitete.

Anders hingegen die Wechsel von Michal Bilek. Er sah sich in der Pause gezwungen, den am Rande der gelb-roten Karte wandelnden Rosický in der Kabine zu lassen. Sein Ersatz Kolař agierte zwar giftig, aber hat natürlich nicht annähernd die Klasse von Rosický, wenn es um das Lenken und das Gestalten des Spiels geht. In der Spitze bewegte sich Milan Baroš schlecht und war so kaum eine Anspiel-Option. Und Jiráček, so gut er im Vorwärtsgang ist, zeigte ungewohnte Schwächen in den Zweikämpfen.

So konnten die Griechen in der Schlussphase mit de facto vier Stürmern angreifen, aber in der letzten Konsequenz fehlte dann doch die Klasse. Die Tschechen hatten das Spiel komplett aus der Hand gegeben und hingen in den Seilen wie ein überraschend getroffener Boxer, aber die wirklich zwingenden Chancen auf das 2:2 konnten sich die Hellenen nicht mehr heraus arbeiten.

Fazit: Tschechen fühlen sich zu früh sicher, Griechen können es nicht nützen

Vielleicht ging es am Beginn des Spiels zu einfach – aber das wäre auch als Erklärung zu einfach. Die Tschechen standen zunächst zwar im Zentrum durch die höhere Positionierung und die Absicherung hinter Plašil deutlich sicherer als noch gegen die Russen, aber dennoch fehlt es im restlichen Team – den wirklich exzellenten Rechtsverteidiger Gebre Selassie mal ausgenommen – an der Qualität. Und wenn dann noch ein Gefühl von vermeintlich sicherem Sieg hinzu kommt, kann die Mannschaft den Schalter nicht mehr umlegen.

Die Griechen, das muss man ihnen zu Gute halten, sind unter Fernando Santos längst nicht mehr so negativ wie in den späten Rehhagel-Jahren (in den früheren war das ja durchaus offensiver, auch bei der vermeintlich so negativ angelegten Euro 2004). Allerdings fehlt es an einem Passgeber im Mittelfeld, der das Auge und die Klasse hat, so einem Spiel eine Struktur zu geben; an echten Flügelstürmern, die auch mal brauchbare Flanken schlagen können; an Außenverteidigern, wo man nicht entweder gegen den Ball Angst haben muss (Holebas) oder in der Vorwärtsbewegung beim Gegner keine Angst verbreiten (Torosidis).

Beide haben das Viertelfinal-Ticket zwar noch in eigener Hand. Aber ob es für die Griechen gegen die Russen reicht, nachdem diese beim 1:1 gegen Polen gesehen haben, dass es mit Halbgas nicht geht? Zweifelhaft. Und auch die Tschechen werden am letzten Spieltag gegen den Gastgeber Probleme haben, wenn man wieder so nachlässig agiert und so bereitwillig dem Gegner das Spiel überlässt.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.