Erst stark, dann schwach – und umgekehrt

Ein seltsames Spiel: Vor der Pause zeigt Stuttgart, wie gut die Mannschaft eigentlich spielen könnte, das 1:1 aus VfB-Sicht zu wenig. Nach der Pause zeigt Schalke, dass die Mannschaft lebt, gerät aber dennoch in Rückstand. Und am Ende steht ein Remis, das beiden zu wenig ist.

Schalke - Stuttgart 2:2 ... Startformationen

Letztes Jahr noch Vizemeister und beste Rückrunden-Mannschaft – dieses Jahr im Abstiegskampf: Das ist die Situation bei Schalke und Stuttgart in diesem für beide Teams enttäuschenden Herbst. Was bei Stuttgart zuletzt Konsequenzen hatte: Trainer Christian Gross musste vor diesem Spiel gehen; Jens Keller übernahm diesen Posten – zumindest vorläufig. Er stellte um: Statt des bislang enttäuschenden und zudem gesperrten Camoranesi spielte Giftzwerg Gebhart auf rechts, Boka machte statt des formschwachen Molinaro den LV, dazu spielte Marica vorne für Pogrebnyak; Abwehrboss Delpierre fehlte rotgesperrt. Von Gross’ taktischer Grundordnung, einem 4-4-2 mit flacher Mittelfeldreihe, rückte Keller nicht ab.

Die wichtigste Umstellung bei seinem Gegenüber Felix Magath betraf die Position im rechten Mittelfeld, wo der bullige Edu statt Farfán auflief – der Peruaner war beim Nationalteam und hatte Reisestress. Schalke lief im schon gewohnten 4-4-2 mit Mittelfeldraute auf, mit Jurado als Spielgestalter hinter den Spitzen. Auffällig aber bei beiden Teams: Die beiden Sturmduos spielten praktisch nie auf einer Höhe, sondern stets mit einer hängenden Spitze (Raúl bzw. Cacau) und einer echten (Huntelaar bzw. Marica).

Der neue VfB-Coach hatte Schalke-RV Uchida als defensiven Schwachpunkt ausgemacht, weswegen die Schwaben ihre Angriffe hauptsächlich über diese Seite vortrugen. Cacau, der als hängende Spitze halblinks spielte, zog den Japaner immer wieder nach innen, wodurch Gentner in dessen Rücken Platz hatte, um bis zur Grundlinie zu gehen – immer wieder wurde Uchida aber auch von Gentner ausgetanzt, wenn er auf der Linie blieb. Nur logisch somit, dass die frühe Führung für Stuttgart aus einem Vorstoß über die Uchida-Seite gelang, Metzelder war im Zentrum unglücklich im Zweikampf, und der völlig frei stehende Gebhart musste nur noch einschieben.

Schalke kommt nicht ins Spiel

Der Gastgeber versuchte nun, deutlich höher zu stehen um den VfB zurück zu drängen. Das gelang kaum, weil Stuttgart sehr früh und sehr konsequent auf den Ballführenden presste und das Mittelfeld hervorragend verschob. Die Schalker hatten also sehr wenig Zeit am Ball und freie Mitspieler waren so gut wie nie zu finden. Wodurch Stuttgart hinten nicht in Gefahr kam – und nach Ballgewinn durch schnelle Steilpässe auf Cacau und Marica gegen die hoch stehende Schalker Abwehrreihe stets brandgefährlich blieb.

Uchida entwickelte in dieser Phase mehr Vorwärtsdrang und kam mit Hilfe von Edu auch öfters bis zum gegnerischen Strafraum durch, spätestens dort versandete sein Elan aber. Jurado wirkt immer noch nicht wie wirklich ins Spiel eingebunden, weswegen sich vor allem Raúl oft ins Mittelfeld fallen ließ, um sich dort Bälle zu holen. Huntelaar war in der ersten Hälfte praktisch nicht im Spiel. Kurz: Stuttgart hatte alles voll im Griff.

Der VfB hatte sich für sein starkes Spiel sogar mit dem 2:0 belohnt, dass aber wegen vermeintlichen Abseits nicht gegeben wurde. Eine unglaubliche Fehlentscheidung, denn Tasci und Cacau waren nicht mal annähernd im Abseits. So kam, was kommen musste – und nur so kommen konnte: Nach einem Eckball nützte es Edu aus, von der VfB-Abwehr nicht beachtet zu werden, und traf völlig frei zum schmeichelhaften 1:1-Ausgleich.

Aus der Pause kamen allerdings die Gastgeber deutlich besser zurück. Schalke versuchte nun, direkter und schneller in die Spitze zu kommen, was auch prompt gelang. Zudem konnte Uchida, der nun defensiv kaum mehr gefordert wurde, seine Stärken in der Offensive immer mehr einbringen.

Stuttgart fällt deutlich zurück

Stuttgart ließ sich vom nun deutlich verschärften Schalke-Tempo schnell den Schneid abkaufen und verstand es nicht mehr, im defensiven Mittelfeld die Räume eng zu machen. Schalke kam nun zu einigen Chancen, verdiente sich den Ausgleich im Nachhinein und auch ein Führungstreffer wäre absolut nicht mehr unverdient gewesen. Außerdem ließen sie sich nun vom Stuttgarter Spiel, das in jeder Hinsicht auf das Entnerven der Gastgeber ausgerichtet war, nicht mehr aus dem Konzept bringen. Was wiederum den Stuttgartern deutlich den Mut nahm.

Die Schwaben fielen nun in jene Lethargie zurück, die für die sportliche Misere verantwortlich war. Der zuvor recht ordentliche Boka konnte Uchida nicht mehr Einhalt gebieten, Kuzmanovic und Träsch im DM waren unsichtbar, und Gebhart verrannte sich zusehens in blindlings vorgetragene Attacken. Kurz wurde noch versucht, das mit einem Flankentausch Gebhart-Gentner in den Griff zu bekommen, aber in der 71. Minute musste der Torschütze zum 1:0 für Martin Harnik den Platz verlassen.

Der Österreicher orientierte sich auf jene rechte Seite, auf die Gebhart kurz zuvor gewechselt war, interpretierte seine Rolle auf der Flanke aber offensiver als Gebhart, der hauptsächlich damit beschäftigt war, Schmitz und Moritz die Lust am Spiel zu nehmen. Mit Erfolg: Gleich mit seinem zweiten Ballkontakt, nach einem schönen Pass von Träsch, konnte er Neuer überwinden und auf 2:1 für Stuttgart stellen. War vor der Pause der Schalker Ausgleich schmeichelhaft gewesen, war die neuerliche Führung für Stuttgart nun gänzlich unverdient – zu stark hatten die Schwaben nach der Pause nachgelassen.

Bei Schalke ersetzte nun Christian Pander den Sechser Joel Matip; Pander ging auf links, dafür der zuvor dort ansässige Moritz in die defensive Mittelfeldzentrale. Kurz danach musste Jurado dann Baumjohann Platz machen – der Spanier zeigte sich deutlich verbessert, ist aber immer noch keine echte Verstärkung. Der neue Mann hatte auch gleich seine Füße im Spiel: Bei einem seiner Freistöße hielt Tasci im eigenen Strafraum Metzelder fest, Huntelaar verwandelte den fälligen Stafstoß mit Urgewalt zum verdienten 2:2.

Doch nicht einmal der eine Punkt wäre es beinahe für Schalke geworden! Denn ein weiterer Traumpass von Träsch, der ja schon beide Tore aufgelegt hatte, kam direkt in den Lauf den für Cacau eingewechselten Pogrebnyak – so rettete in der 92. Minute nur ein beherztes Herauslaufen von Neuer zumindest den einen Punkt.

Fazit: Ein Remis mit zwei Verlierern

Wer das Stuttgart der ersten Hälfte sieht, muss sich fragen, wie diese Mannschaft so in den Schlamassel kommen konnte – klare Marschrichtung, zumeist sichere Defensive, giftig für den Gegner und stets gefährlich. Wer das Stuttgart der zweiten Hälfte sieht, kann sich den letzten Tabellenplatz dafür schon deutlich besser erklären: Unsicher, zu weit weg vom Mann, lange nicht vorhanden in der Offensive, wackelig in der Hintermannschaft.

Schalke zeigte sich vor der Pause gegen einen gut stehenden Gegener äußerst ideenarm und kam nur durch schlechte Zuteilung bei einem Eckball zum glücklichen Ausgleich. Nach Seitenwechsel drehten die Hausherren aber auf, zeigten Moral und Willen, hätten sich da eine Führung verdient. Im Endeffekt kommt bei so einem Spiel fast folgerichtig ein Unentschieden heraus, das sich für beide Teams wie eine Niederlage anfühlt.

(phe)

Über Philipp Eitzinger

Journalist, Statistik-Experte und Taktik-Junkie. Kein Fan eines bestimmten heimischen Bundesliga-Vereins, sondern von guter Arbeit. Und voller Hoffnung, dass irgendwann doch noch alles gut wird.