Vorschau – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Wed, 07 Mar 2018 14:43:08 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 Viele Kandidaten, aber keine klaren Favoriten bei der Frauen-WM https://ballverliebt.eu/2015/06/05/viele-kandidaten-aber-keine-klaren-favoriten-bei-der-frauen-wm/ https://ballverliebt.eu/2015/06/05/viele-kandidaten-aber-keine-klaren-favoriten-bei-der-frauen-wm/#comments Fri, 05 Jun 2015 04:07:50 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=11130 Viele Kandidaten, aber keine klaren Favoriten bei der Frauen-WM weiterlesen ]]> Die zwei personell besten Teams sind eindimensional. Der Gastgeber hat einen großartigen Trainer. Der Titelverteidiger kommt mit einem praktisch unveränderten Kader. Und ein Kandidat hat zwar alle Ansätze, aber ein leichtes psychisches Problem. Bevor die siebente Frauen-WM startet, ist nur klar, dass in der Favoriten-Frage eigentlich nichts klar ist – und genau das macht die Endrunde in Kanada so interessant.

Hier unsere ausführliche Vorschau auf den Women’s World Cup: Wer kann was, und wer kann was nicht? Denn wer die Teams halbwegs einschätzen kann, wer die Narrative kennt, wer das Gesehene einordnen kann, der wird an dem Turnier auch deutlich mehr Freude haben.

Was es grundsätzlich zu beachten gilt

In erster Linie natürlich die Sache mit dem Kunstrasen. In allen sechs Stadien – Vancouver, Edmonton, Winnipeg, Ottawa, Montréal und Moncton – wird auf Plastikgrün gespielt. Darüber haben sich die Spielerinnen selbst im Vorfeld seit Jahren aufgeregt und auch mit Klage gedroht, davon aber vor einem halben Jahr plötzlich (warum auch immer) Abstand genommen haben. Jedenfalls ist die Unterlage ein klarer Vorteil für die USA und Kanada, die diese Unterlage aus der heimischen Profiliga gewohnt sind.

Dann wird das auf 24 Teams aufgestockte Teilnehmerfeld eine Rolle spielen. Und zwar daher, weil einige Mannchaften dabei sind, die bei einer WM von ihrer Qualität her einfach nicht zu suchen haben. So sind auch die Gruppen sehr unterschiedlich in ihrer Besetzung und es werden auch Teams ins Achtelfinale kommen, die dort nicht zwingend hingehören. Das heißt: Manche Halbfinalisten werden einen recht leichten Weg dorthin und noch viele Körner übrig haben, andere Titelkandidaten (etwa Deutschland oder Frankreich, wenn es nach Papierform geht) müssen schon im Viertelfinale gegeneinander antreten.

Kein so großes Thema sollten dafür die Distanzen zwischen den Spielorten sein. Es wurde darauf geachtet, dass die Teams vor allem in der Vorrunde so wenig wie möglich reisen müssen.

Kanada: Hochspannender Gastgeber, enge Gruppe

Der Gastgeber spielt in der Gruppe A und ist vom taktischen Standpunkt her wohl die interessanteste Mannschaft im ganzen Turnier. Der englische Teamchef John Herdman hat es seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren geschafft, dem Team eine enorme Variabilität zu vermitteln und mit den so erzielten Erfolgen auch das nötige Selbstvertrauen.

Extrem variables 4-3-3 bei Kanada
Extrem variables 4-3-3 bei Kanada

Kanada, Olympia-Brozemedaillist, spielt grundsätzlich aus einem 4-3-3 heraus, interpretiert dieses aber sehr variabel. Das kann die Offensiv-Reihe auf einer Höhe spielen, um die gegnerische Spieleröffnung zu kappen (wie im denkwürdigen Olympia-Halbfinale gegen die USA), da können die Außenstürmerinnen auch nach hinten und ganz nach außen rücken. Auch im Mittelfeld ist von einer Höhe bis völlig individueller Positionierung alles möglich. Dazu wird vor allem in der gegnerischen Hälfte oft sehr weit in Ballnähe verschoben, um Überzahl herzustellen.

Die Schlüsselspielerinnen sind die routinierte Christine Sinclair ganz vorne und Sechser Desirée Scott. Sie lenken ihre Mitspielerinnen und agieren als spielintelligenter, verlängerter Arm von Herdman auf dem Platz. Prognose: Bei Olympia, dem bisher einzigen Turnier unter Herdman, verhinderte nur die individuelle Klasse von US-Kapitän Rapinoe, dass Kanada ins Finale einzieht. Taktisch ist man vermutlich allen 23 Konkurrenten überlegen, es fehlt aber ein wenig an der individuellen Qualität. Das Halbfinale ist ein realistisches Ziel, mehr wird schwer.

Gegner im Eröffnungs-Spiel ist China. Nach dem Super-Gau der verpassten WM vor vier Jahren hat die aktuelle Mannschaft überhaupt nichts mehr mit der einstigen Weltklasse-Truppe zu tun. Mit Li Dongna ist nur noch eine einzige Spielerin dabei, die vor acht Jahren bei der Heim-WM schon im Kader war. Der Roster für diese WM hat ein Durchschnitts-Alter von nur 23,5 Jahren. Es ist eine technisch gut ausgebildete Equipe zu erwarten, der es aber massiv in der internationalen Erfahrung fehlt. Alles, was über das Achtelfinale hinaus geht, ist als großer Erfolg zu betrachten.

Aber auch ein Vorrunden-Aus ist nicht ausgeschlossen. Vor allem dank WM-Debütant Niederlande. Der größte Unterschied zum tor- und trostlosen Auftritt bei der EM vor zwei Jahren ist Vivianne Miedema. Die 18-jährige Stürmerin vom deutschen Meister Bayern München gilt als eines der größten Talente weltweit, in den 14 Quali-Spielen erzielte der „Terrible Teenager“ 20 Tore. Sie schlägt sich zwar noch mit einer Fußverletzung herum, sollte aber rechtzeitig fit werden.

Viertes Team der Gruppe A ist Neuseeland. Die „Football Ferns“ – das ehemalige Team von Kanadas Trainer Herdman – sind dank absoluter Null-Konkurrenz in Ozeanien bei allen großen Turnieren dabei, machen sie nie lächerlich, eine wirkliche Rolle spielten sie aber auch nie. Es wäre auch diesmal ein Erfolg, nicht dreimal zu verlieren.

Deutschlands ultra-leichte Gruppe

Deutschland wird wie immer im 4-4-1-1 daherkommen. Nur das Personal ist variabel.
Deutschland wird wie immer im 4-4-1-1 daherkommen. Nur das Personal ist variabel.

Das große Plus von Europameister Deutschland ist das unglaubliche Reservoir, aus dem Teamchefin Silvia Neid schöpfen kann. Das größte Minus ist womöglich die nach Olympia 2016 scheidende Trainerin selbst: Neid ist keine Innovatorin, adaptiert selten einen nicht funktionierenden Matchplan und ihr Team ist taktisch sehr ausrechenbar. Neid ist eine Verwalterin von Talent, mehr nicht.

Nur: Es ist extrem viel Talent, das Neid da verwaltet. Nur fünf Spielerinnen sind tatsächlich unrotierbar (Sasic, Marozsán, Goeßling, Krahn und Angerer). Um dieses Gerüst herum kann sie praktisch den kompletten Kader einsetzen, ohne dass es einen wirklich Qualitäts-Verlust gäbe. So kann Mittag als zweite Spitze ran (Marozsán ginge dann auf die Acht), Lotzen wie Leupolz rechts, Laudehr statt Popp auf links, Kemme statt Maier rechts hinten, Peter statt Bartusiak und statt Cramer, Behringer sowohl in der Zentrale als auch links außen. Dazu gibt es mit Bremer und Petermann zwei Riesen-Talente in der Offensive.

Moment: Eine Spielerin wäre dann doch noch unrotierbar. Nadine Keßler, immerhin Weltfußballerin des Jahres. Die Spielgestalterin ist einmal mehr von ihrem Knie außer Gefecht gesetzt worden. Das könnte wehtun. Ansonsten hat Neid das Team, das ihr fast ein Dutzend Verletzungen vor zwei Jahren für die EM diktiert haben, praktisch eins zu eins beibehalten – kein Zeichen fehlender Alternativen, sondern von Gemütlichkeit. Prognose: Rein von der Klasse her muss Deutschland Weltmeister werden. Aber im Viertelfinale wartet vermutlich Frankreich – da kann gut schon Schluss sein.  Auch überraschende taktische Maßnahmen von Gegnern können zum Stolperstein werden.

In der Gruppe jedenfalls wird Deutschland sicher nicht hängenbleiben. Einziger ernsthafter Gegner ist EM-Finalgegner Norwegen. Der Weltmeister von 1995 hatte aber schon 2013 einiges Glück, ins Endspiel zu kommen, und besser wurde man seither nicht. Vor allem die Altersstruktur darf durchaus sorgen machen: Das schon bei der EM leicht überalterte Team wurde praktisch nicht verjüngt, in der Stammformation gibt es wohl nur zwei Spielerinnen unter 25 Jahren. Dazu hat sich Caroline Hansen, große Offensiv-Hoffnung, im Vorfeld verlertzt und fällt aus. Auch ob Gry Tofte-Ims in die Fußstapfen von Ingvild Stensland – das Mittelfeld-Hirn hat aufgehört – treten kann, ist fraglich. Mehr als das Viertelfinale ist kaum vorstellbar.

Für die anderen beiden Mannschaften der Gruppe ist das Dabeisein schon ein Riesenerfolg. Das Team aus der Elfenbeinküste verdiente sich das WM-Ticket, weil man Afrikas Nummer zwei, Äquatorialguinea, eliminiert hat und darf – auch wenn es dem Potenzial der Truppe nicht entspricht – sogar auf das Achtelfinale hoffen, wenn man Thailand schlägt. Dieses Team hat beim besten Willen nichts bei einer WM verloren und muss froh sein, wenn man nach drei Spielen weniger als 20 Gegentore auf dem Konto hat. Eine zweistellige Niederlage gegen Deutschland muss man fast schon erwarten.

Japan, der alternde Titelverteidiger

Vor vier Jahren schwang sich Japan, als Halbfinal-Kandidat gestartet, zur vor allem mental stabilsten Mannschaft des Turniers auf und holte erstmals den WM-Titel. Ein Jahr später gab’s bei Olympia Silber, mit etwas Pech im Finale gegen die USA. Doch dann passierte etwas, was Japan aus dem Tritt brachte: Der Rücktritt von Spielmacherin Homare Sawa. Teamchef Norio Sasaki probierte es, Sawa durch Miyama zu ersetzen, durch Utsugi zu ersetzen. Aber es sah alles holprig und nach Stückwerk aus.

Japan: Das WM-Team von 2011, praktisch unverändert
Japan: Das WM-Team von 2011, praktisch unverändert

Nach anderthalb Jahren ohne Sawa war man bei den Nadeshiko so verzweifelt, dass man Sawa um ein Comeback anbettelte. Nun tritt man also mit der mittlerweile 36-Jährigen auf der Acht an. Mit der praktisch unveränderten Mannschaft vom WM-Turnier 2011. Mit dem Effekt, dass das Durchschnittsalter bei 29,1 Jahren liegt – das wäre bei den Herren schon viel, bei den Frauen ist das geradezu biblisch.

Das Problem, das dadurch entsteht: Die Spielanlage von Japan ist mit hohem Aufwand verbunden. Das auf das Erobern zweiter Bälle angelegte Verlagerungsspiel verlangt konsequentes Pressing, sonst entstehen Räume für die Gegner. Nun ist die Nadeshiko dafür bekannt, körperlich in einer Top-Verfassung zu sein. Aber das Alter kann auch Japan nicht ewig überlisten. Das Team ist eingespielt und verfügt über hohe individuelle Klasse, ist aber anderen Titelkandidaten körperlich unterlegen. Prognose: Das einzige, was sich gegenüber 2011 verändert hat, ist die Farbe der Rückennummern auf den Trikots – die sind jetzt rosa statt weiß. Und alle sind vier Jahre älter. Man darf Resultate bei Algarve-Cup nicht überbewerten, aber maue Auftritte 2014 und ein neunter Platz 2015 sind kein Zufall. Mehr als das Halbfinale ist im Normalfall bei dieser WM nicht möglich.

Stärkster Gruppengegner ist die designierte Überraschung des Turniers. Die Schweiz ist bei den Frauen, was Belgien derzeit bei den Männern ist: The Hipster’s Choice. Die Eidgenössinen sind zwar erstmals bei einem großen Turnier dabei. Aber zum einen radierte man mit 28 von 30 Punkten souverän durch eine schwere Qualigruppe (EM-Halbfinalist Dänemark und EM-Viertelfinalist Island), zum anderen hat Teamchefin Martina Voss einen wirklich starken Kader mit internationaler Erfahrung von Klub-Ebene zur Verfügunng. Das Viertelfinale ist absolut drin.

Die anderen beiden Teams in der Gruppe werden keine große Rolle spielen. Bei Kamerun spielen eine Handvoll Legionärinnen aus Russland, Schweden und französischen Mittelständlern und man darf sich Chancen auf den dritten Platz ausrechnen; bei Olympia 2012 sah man aber bei den drei deutlichen Gruppen-Niederlagen, wie viel auf Weltniveau noch fehlt. Dass sich Ecuador qualifiziert hat, ist eine größere Überraschung, hier gibt es überhaupt keine Erfahrungswerte auf gutem Niveau. Bemerkenswert ist, dass Teamchefin Vanessa Arauz erst 26 Jahre alt ist. Man wird viel Lehrgeld zahlen.

USA und die vermeintliche Todesgruppe

Dass in den Staaten, wie es lange war, der Frauenfußball einen höheren Stellenwert als jener der Männer hat, stimmt mittlerweile so nicht mehr ganz. Was aber nichts daran ändert, dass das US-Team gemeinsam mit jenem aus Deutschland das größte Reservoir an Talent hat. Eine weitere Parallele: Die Besetzung auf der Trainerbank kann da nicht ganz mithalten.

Pia Sundhage (von 2008 bis 2012 im Amt) verpasste dem athletisch vermutlich besten Team der Welt, aber taktisch einem der unterentwickeltsten, eine stringente, auf Pressing und gezieltem Flügelspiel basierende Strategie. Mit dieser gewann man 2x Olympia-Gold und kam ins WM-Finale. Zudem hielt Sundhage durch ihr sonniges Gemüt ein Team, das viele Egos und starke Persönlichkeiten umfasste, zusammen.

Die USA
Die USA: Athletisch und viel individuelle Klasse, aber langweilig und ausrechenbar

Letzteres gelang Nachfolger Tom Sermanni, einem bärbeißigen Schotten, überhaupt nicht, weswegen er nach nur einem Jahr im Amt entlassen wurde. Nun ist Jill Ellis am Kommandostand. So farblos und bieder, wie die 48-jährige Engländerin (die mit 18 in die USA ging) wirkt, wirkt auch das Spiel des US-Teams. Das Pressing ist weitgehend gewichen, nun stehen wieder die alten US-Tugenden im Mittelpunkt: Athletik, Tempo, individuelle Klasse.

Für den Spielwitz ist im Grunde einzig Kapitänin Megan Rapinoe (Betonung auf dem i, nicht auf dem a) zuständig. Der platinblonde Rechtsfuß auf der linken Seite ist Antreiber, Integrationsfigur, Li-La-Launebär und Gesicht der Mannschaft in Personalunion. Das Zentrum mit Carli Lloyd und Lauren Holiday (ehemals Cheney) ist nur zur Absicherung da; im Ballbesitz wird aus dem 4-4-2 flott ein 4-2-4. Ellis ließ die Besetzung beiden Ketten in der Vorbereitung seit Monaten unverändert, Altstar Abby Wambach dürfte vorne gesetzt sein – die einzige offene Stelle ist jene der wendigen, technisch starken Stürmerin neben Brecher-Typ Wambach. Das kann Sydney Leroux werden (die eigentlich Kanadierin ist), aber auch Alex Morgan sein. Prognose: Es gilt ähnliches wie für Deutschland – von der grundsätzlichen Klasse ist das US-Team ein absoluter Top-Favorit, aber das Team agiert extrem ausrechenbar. Das Semifinale ist das Minimalziel, aber intelligentere Teams mit halbwegs Klasse können zum Problem werden.

Das kann schon im zweiten Gruppenspiel Schweden sein. Das Tre-Kronor-Team, ausgerechnet betreut von Pia Sundhage, besiegte schon 2011 die USA in der Gruppe 2:1 und sorgte so dafür, dass die Amerikanerinnen deutlich schwerere K.o.-Spiele hatten. Allerdings herrscht Skepsis beim WM-Finalist von 2003: Hatte Sundhage vor einem halben Jahr noch betont, dass sie bei einem Viertelfinal-Aus enttäuscht den Stuhl räumen würde, ruderte sie zuletzt gar heftig zurück und meinte, dass schon das Viertelfinale ein schöner Erfolg wäre.

Tatsache ist: Sundhage sorgt seit der begeisternden Heim-EM vor zwei Jahren in ihrer Heimat vermehrt für Kopfschütteln, weniger für Jubelstürme. Ihre sture Nominierungs-Politik, an ihren persönlichen Lieblingen festzuhalten – die samt und sonders schon einige Jahre auf dem Buckel haben – und große Talente, die deutlich besser in Form sind, zu ignorieren, wird von kaum jemanden goutiert. Zudem hat sich das Team in den zwei Jahren seit der EM keinen Zentimeter weiterentwickelt – wie auch. Sich nur auf die individuelle Klasse von Schelin (31) und Asllani (25) vorne und Fischer (30) hinten zu verlassen, wird zu wenig sein. Zumal Joker Nummer eins, Therese Sjögran, bereits schlanke 38 Jahre alt ist.

Da auch die anderen beiden Gruppengegner gute Namen im Frauenfußball sind, wird die Gruppe D gemeinhin als „Todesgruppe“ bezeichnet. Aber ist sie das wirklich? Wer gesehen hat, wie unfassbar hilflos Australien im April beim Testspiel in Österreich agiert hat, dem fällt es schwer zu glauben, dass es ein drittes Mal in Folge ins Viertelfinale gehen kann. Nach dem Generationswechsel fehlt es vor allem dem jungen Mittelfeld an internationaler Klasse, der komplette Kader (bis auf Goalie Williams) spielt in der heimischen Liga – da wird es gegen die Routine und die individuelle Klasse von Schweden und USA wenig zu holen geben.

Bei Nigeria schafft man es dafür seit Jahren, sich selbst konsequent ins Bein zu schießen. Neben dem strikten Verbot für homosexuelle Spielerinnen (der den lukrativen Deal mit Adidas kostete) beraubt man sich auch durch blindwütiges Wir-sind-größer-als-alle-anderen-Denken einiger fähiger Akteure. So bestand man darauf, dass das in Schweden spielende Trio Ikidi, Michael und Chikwelu mitten während der Saison zur Olympia-Quali kommen, da sie sonst nicht für die WM nominiert würden. Das Trio lehnte ab (auch mit der Erfahrung schlechter Behandlung beim Team in der Vergangenheit), die Olympia-Quali-Spiele wurden ohnehin abgesagt – und keine der drei ist im Kader für die WM.

Potenzial ist zwar auch so mit dabei – Nigeria erreichte, angetrieben von der großartigen Asisat Oshoala, letztes Jahr das Finale der U-20-WM – aber die Erfahrung hat gezeigt, dass sich die Spielerinnen beim Verband nicht wohl fühlen und bei WM-Endrunden regelmäßig ihr Potenzial nicht ausschöpfen können. Es deutet nichts darauf hin, dass das diesmal anders sein sollte.

Spanien gegen Marta +10

Brasilien bei den Frauen – das ist gefühlt Marta und zehn beliebige andere. Das wird von Jahr zu mehr mehr so, spätestens seit Ester, umsichtige Spieleröffnerin im zentralen defensiven Mittelfeld, aufgehört hat und seit Cristiane, trickreiche Flügelspielerin mit brutalem Zug zum Tor, ihren Stint bei europäischen und amerikanischen Topklubs beendet hat und in der brasilianischen Liga spielt – wie fast alle anderen im Kader.

Brasilien
So spielte Brasilien beim einzigen (!) WM-Test: Keine 3er-Kette hinten, Marta nicht solo vorne

Nun nimmt Brasilien den Frauen-Fußball und diese WM nicht so furchtbar ernst. Es gab nur ein einziges Testspiel seit dem Algarve-Cup im März, und das ging mit 0:4 in Deutschland mal so richtig daneben.

Teamchef Vadão eliminierte die bei Brasilien über Jahre institutionalisierte Dreier-Abwehr und das System mit Marta als völliger Freigeist im offensiven Zentrum mit zwei Flügelspielerinnen neben ihr. Bei besagtem 0:4 in Deutschland kam Brasilien in einem völlig gewöhnlichen 4-4-2 daher, mit zwei gelernten Stürmerinnen auf den Außenbahnen und mit Marta und Cristiane als Zweiersturm vorne. Es ist allerdings auch nicht auszuschließen, dass Vadão das System wieder umstellt.

Was sich aber sicher nicht ändern wird: Dass das Spiel der Mannschaft mit den (schwankenden) Launen von Marta steht und fällt. Ihr planetengroßes Ego überlagert alles andere, ihr Auftreten als unausstehliche Parade-Zicke macht es neutralen Beobachtern schwer, sie zu mögen – zumal ihr Verhalten gerne auf die Kollegen überschwappt. Zwei davon haben übrigens Österreich-Vergangenheit: Rosana spielte für Neulengbach, Darlene für Neulengbach und für St. Pölten. Prognose: Brasilien ist sicherlich der schwächste der Gruppenköpfe. Ein Aus im Achtelfinale wäre keine Überraschung, spätestens im Viertelfinale ist Endstation.

Eines der aufstrebenden Teams aus Europa ist Spanien. Die Truppe um Offensiv-Allrounderin Veró Boquete erreichte bei der EM vor zwei Jahren überraschend, aber verdient das Viertelfinale und setzte sich in der WM-Quali problemlos gegen Italien durch. Das Team spielt war fast geschlossen in der bestenfalls durchschnittlichen spanischen Liga, ist aber über Jahre eingespielt, im richtigen Alter und voller Selbstvertrauen. Die große Stärke ist die Offensiv-Power mit Boquete, Hermoso und Natalia Pablos, die größte Schwäche ist – untypisch spanisch – fehlende Kreativität im Mittelfeld. Hier regieren gerade gegen gute Gegner oft Alibipässe und Biederkeit.

Von den anderen beiden Mannschaften in dieser sicher eher schwächeren Gruppe darf man nicht zu viel erwarten. Für den Asiencup-Vierten Südkorea ist es die erste WM-Teilnahme seit 12 Jahren, gegen die guten Teams aus Asien ist hält man zwar halbwegs mit, aber mehr auch nicht. Während Costa Rica es beim Concacaf-Cup dank eines Sieges über Mexiko überraschend ins Finale geschafft hat und sich auch ohne die Aufstockung qualifiziert hätte. Mit Sechser Shirley Cruz-Traña von WCL-Finalist Paris St. Germain gibt es aber nur eine Spielerin von internationaler Klasse. Wunderdinge werden die Ticas wohl kaum vollbringen. Bemerkenswert: Wie ihre Kollegin aus Ecuador ist auch Trainerin Amelia Valverde (28) noch blutjung.

Geheimfavorit Frankreich

Ein perfekt eingespieltes, gut harmonierendes Team. Eine kaum zu überwindende Innenverteidigung mit 1.81-m-Riegel Wendie Renard, zwei wieselflinke Außenverteidigerinnen. Edeltechnikerin Nécib und Sprintrakete Thomis auf den Flanken, dazu mit Cammy Abily der wohl beste Achter weltweit. Und vorne Vollstrecker von internationaler Klasse und Mega-Talent Claire Lavogez (der letztes Jahr bei der U-20-WM dieses Schmuckstück hier gelang) als Joker.

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Frankreich: Weltklasse, wo man hinschaut. Nur die Psyche war oft ein großes Problem.

Und: Teamchef Philippe Bergeroo versucht nicht mehr, anders als Vorgänger Bini, allzu viele Kompromisse einzugehen, um jeden im Team zufrieden zu stellen. Was gegen Frankreich spricht? Eigentlich gar nichts – außer, dass man es trotz bester Voraussetzungennoch immer geschafft hat, zu scheitern. Oft auch spektakulär. Bei der EM 09 im Viertelfinale im Elferschießen raus, bei der WM 11 als besseres Team im Semifinale raus, dasselbe bei Olympia 12, und bei der EM 13 als Topfavorit schon im Viertelfinale an Dänemark gescheitert.

Am Können liegt es nicht, sondern rein an der Psyche, obwohl man über tonnenweise internationaler Erfahrung auf allerhöchstem Niveau verfügt. Teamchef Bergeroo hat seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren nur Nuancen verändert: Statt dem 4-2-3-1 unter Bini lässt er ein 4-4-2 spielen, er stellte Nécib auf die linke Seite (wo sie oft einrückt), während Thomis rechts mehr an der Linie bleibt. Und Bergeroo hat die Pressing-Linie ein wenig nach vorne gedrückt und das Gegenpressing verfeinert.

Die grundsätzliche Spielanlage blieb aber gleich: Frankreich will den Ball haben, will aktiv das Spiel gestalten, will dem Gegner sein Spiel aufzwingen. Dominanz durch Technik und Athletik ausüben. Einzige wirkliche Schwäche: Torhüterin Bouhaddi ist zwar gut beim Rauskommen und Weltklasse auf der Linie, hat aber panische Angst vor halbhohen Flanken vor den Fünfmeterraum. Gegner mit guten Scouts wissen das. Prognose: Wenn Frankreich die mentale Blockade in wichtigen Spielen abstellen kann, ist man ein ganz heißer Titelkandidat. Ein verzagtes Scheitern im Viertelfinale ist aber genauso möglich.

Die Konkurrenz in der Gruppe ist für Frankreich keine Konkurrenz. England startete nach einer haarsträubend schlechten EM völlig neu, der erst 32-jährige Waliser Mark Sampson soll mittelfristig die Früchte ernten, die mit der vor einigen Jahren ebenso neu gestarteten englischen Liga gesät wurden. Er setzt auf ein klares, britisches, etwas altbackenes 4-4-2, das sich gegen wirklich gute Kontrahenten aber erst bewähren muss: In der sicherlich leichtesten Quali-Gruppe waren die Three Lionesses maßlos unterfordert. Über den wirklichen Generationswechsel hat sich Sampson bisher aber nicht drübergetraut. Das Team in Kanada, für das das Viertelfinale ein schöner Erfolg wäre, ist ein Übergangsteam. Work in progress.

Die anderen beiden Gruppe-F-Teilnehmer zeigen, wie schwer es der Frauenfußball in Lateinamerika hat. Kolumbien ist immer noch ein Produkt von Ex-Teamchef Ricardo Rozo. Er zeigte in einem Land, das keine nationale Liga, sondern nur regionale Spielklassen hat, Sendungsbewusstsein und Eifer und etablierte das Team mühelos als Nummer zwei in Südamerika – wo bis auf Brasilien alle anderen Nationalteams alle drei Jahre mal bei der Copa America antreten, aber ansonsten schlichtweg nicht existieren. Bei Kolumbien wird der Unterschied zur restlichen Welt dann aber regelmäßig bei den Turnieren sichtbar.

Selbiges gilt für Mexiko. Dort wird sogar aktiv nach in den USA geborenen und aufgewachsenen Nachfahren mexikanischer Auswanderer gescoutet, die auf US-Univeristäten spielen, weil in Mexiko selbst die Strukturen einfach nicht da sind. Mit den lokalen Großmächten USA und Kanada kann Mexiko sowieso nicht mithalten, diesmal musste man sogar heftig zittern, um sich überhaupt zu qualifizieren. Eine Niederlage gegen Costa Rica brachte das Team schwer in die Bredouille. Immerhin: Im direkten Duell gleich zum Start kann Kolumbien oder Mexiko den jeweils ersten Sieg der WM-Geschichte einfahren.

Wer fehlt?

Kurz gesagt: Niemand von Belang. Einzig Nordkorea – an sich ein Team mit Achtelfinal-Potenzial, womöglich Viertelfinale – muss zuschauen, weil man sich bei der WM 2011 beim leistungssteigernden Rudelbumsen erwischen hat lassen (sprich: gleich fünf positive Dopingtests abgeliefert hat). Was auch ein wenig schade ist, weil wir so um die eine oder andere bizarre Meldung umfallen. Die fünf postiven Tests versuchte man vor vier Jahren etwa mit einem Blitzeinschlag im Training zu entschuldigen, der die entsprechenden Werte bei den armen Mädels spontan in die Höhe getrieben hat.

Sonst wurde vor allem außerhalb von Europa mit der Aufstockung von 16 auf 24 Teilnehmer darauf geachtet, dass alles dabei ist, was halbwegs gerade Pässe spielen kann (abgesehen vermutlich von Thailand, das sich quasi den für Nordkorea vorgesehenen Platz geholt hat). Dass Europa auf acht Plätze begrenzt wurde, hielt an sich fähige Teams wie Dänemark oder Italien draußen, einen bleibenden Eindruck hätten diese Mannschaften aber wohl ohnehin nicht hinterlassen.

Die WM im TV

Im Fernsehen zu sehen gibt es die WM im deutschen Fernsehen auf ARD und ZDF sowie auf Eurosport und Eurosport 2, auch das Schweizer Fernsehen berichtet umfassend. Übertragungen der Spiele zu finden, wird also sicher kein Problem sein – eher schon die Anstoßzeiten. Diese sind nämlich in erster Linie auf den nordamerikanischen Markt ausgelegt. Das heißt: Jede Menge Spiele sind mitten in der europäischen Nacht. Das Finale in Vancouver etwa um 1.00 Uhr von Sonntag auf Montag.

Mühsam.

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Unappetitlicher Ausrichter – aber ein appetitlicher Afrikacup? https://ballverliebt.eu/2015/01/15/unappetitlicher-ausrichter-aber-ein-appetitlicher-afrikacup/ https://ballverliebt.eu/2015/01/15/unappetitlicher-ausrichter-aber-ein-appetitlicher-afrikacup/#comments Thu, 15 Jan 2015 08:55:29 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=10795 Unappetitlicher Ausrichter – aber ein appetitlicher Afrikacup? weiterlesen ]]> „Eine Parodie von einem Land!“ so beschreibt Kurt Wachter, früher Koordinaten von FARE (Football against Racism in Europe), Äquatorialguinea. Jenes Land also, in dem nach dem panikhaften Rückzug des eigentlich vorgesehenen Veranstalters Marokko der Afrikacup stattfindet. „Die weißen Besucher aus Europa brauchen nicht mal einen Pass oder bei Flügen eine Boarding-Karte“, erzählt er, der vor drei Jahren beim Afrikacup schon im Land war, „die Einheimischen werden dafür drangsaliert.“ Es ist eine der unappetitlichsten Diktaturen der Welt, dessen Oberschicht dank Erdöl zu großem Reichtum kam, die als einziges Land bereit war, zwei Monate vor Turnierstart die Ausrichtung zu übernehmen.

Das darf man bei dem Turnier nicht vergessen.

Die Todesgruppe

Algerien. Teamchef: Christian Gourcuff
Algerien. Teamchef: Christian Gourcuff

Vier potenzielle Halbfinalisten alle in einer Gruppe – das ist fies, für die Beteiligten. Klarer Favorit in dieser Gruppe C ist Algerien. Schon bei der WM haben die Wüstenfüchse den stabilsten Eindruck hinterlassen, sowohl auf dem Feld als auch hinter den Kulissen. Christian Gourcuff, der nach der WM das Amt des Teamchefs von Vahid Halilhodzic übernommen hat, führt die hervorragende Arbeit seines Vorgängers recht nahtlos weiter und veränderte auch personell wenig.

Vor zwei Jahren spielte Algerien beim Afrikacup einen sehr gepflegten Fußball, aber schoss keine Tore. Dieses Manko wurde bei der WM behoben, und nach dem überzeugenden Sieg gegen Südkorea und dem großartigen Auftritt im Achtelfinale gegen Deutschland strotzt das Team auch nur so vor Selbstvertrauen. Zudem ist die algerische Mannschaft so ausgeglichen gut besetzt wie kaum ein anderer Teilnehmer. Mit M’Bolhi (Philadelphia) einen für afrikanische Verhältnisse sehr soliden Torhüter. Mit Ghoulam (Napoli) und Mandi (Reims) gute Außenverteidiger, mit den Routiniers Halliche und Bougherra eine sichere Innenverteidigung. Bentaleb (Tottenham) und Lacen (Getafe) bilden ein gutes zentrales Gespann, Feghouli ist bei Valencia absoluter Leistungsträger, Brahimi (Sporting) und Slimani (Porto) spielten starke Spiele in der Champions League.

Nur die Geographie spricht gegen Algerien: Zum einen wurde praktisch nie ein Maghreb-Team südlich der Sahara Champions, zum anderen fehlt es an der Publikums-Unterstützung, die es in Marokko gegeben hätte.

Ghana. Teamchef: Avraam Grant
Ghana. Teamchef: Avraam Grant

Ghana hätte grundsätzlich auch seit Jahren das Potenzial für den großen Wurf, scheitert aber regelmäßig mehr an sich selbst als an den Gegnern. Wer auch immer gerade Teamchef war – und von denen gab es in den letzten Jahren alarmierend viele – schaffte es nicht, eine echte Einheit zwischen sich, dem Team (das auch untereinander) und dem Verband zu schaffen. Avraam Grant ist nun auch schon der zweite Trainer seit der WM, bei der man so ziemlich alles verkehrt machte, was man verkehrt machen kann, und dennoch beinahe ins Achtelfinale eingezogen wäre – in einer echt nicht leichten Gruppe.

Die Stärken und Schwächen sind altbekannt. Die Abwehr ist solide, aber der Torhüter ist ein gigantisches Problem. Das Zusammenspiel nach vorne ist grundsätzlich gut, aber Kapitän Asamoah Gyan braucht einfach viel zu viele Chancen. Dazu gibt es seit Jahren immer wieder Kandidaten, denen im Zweifel ihr Ego vor dem Team geht – Gyan ist da oft ganz vorne dabei, auch die Ayew-Brüder sind als problematisch bekannt. Immerhin hat Grant auf notorische Unruhestifter wie Sulley Muntari und Kevin-Prince Boateng verzichtet.

Südafrika. Teamchef: Ephraim Mashaba
Südafrika. Teamchef: Ephraim Mashaba

Auf dem Papier sollten Algerien und Ghana durchgehen, aber auch Südafrika sollte man nicht unterschätzen. Nach dem Heim-WM 2010, bei der man überfordert war und dem erschreckenden Auftritt beim Heim-Afrikacup 2013 scheint man nun unter Ephraim „Shakes“ Mashaba – der im Sommer Ex-Admira-Kicker Gordon Igesund abgelöst hat – die Kurve bekommen zu haben. Unter Mashaba ist eine klare taktische Marschrichtung zu erkennen, die unter Igesund völlig fehlte.

Das Spiel der Bafana Bafana unter Mashaba ist ballbesitzorientiert. Die aufrückenden Außenverteidiger sorgen für die Breite im Spiel, während die Mittelfeld-Außen Manyisa (Orlando Pirates) und Masango (Kaizer Chiefs) nach innen rücken. Der bullige Tokelo Rantie (vom englischen Zweitligist Bournemouth) bearbeitet vorne den Strafraum, während sein fast zierlicher Sturmpartner Bongani Ndulula (AmaZulu) um ihn herum wuselt.

Was Südafrika aber auf den Kopf fallen könnte, ist die fehlende individuelle Klasse. Der Großteil der Mannschaft rekrutiert sich zwar weiterhin aus der selbst im afrikanischen Vergleich wertlosen südafrikanischen Liga und viele Resultate in der Qualifikation waren knappe, erkämpfte Arbeitssiege. Aber immerhin sehen die Beobachter in Südafrika nach einer langen Dürreperiode wieder so etwas wie Hoffnung.

Senegal. Teamchef: Alain Giresse
Senegal. Teamchef: Alain Giresse

Die Hoffnungen auf ein gutes Abschneiden beim Senegal ruhen zu einem beträchtlichen Teil auf Sadio Mané. Der Ex-Salzburger, der ein wesentlicher Bestandteil des Premier-League-Wunders von Southampton ist, meldete sich nun doch trotz einer Wadenverletzung fit.

Unter Teamchef Alain Giresse, der vor drei Jahren Mali auf den dritten Rang geführt hat, setzte in der Qualifikation auf ein 3-4-1-2, in dem Mané hinter den beiden Spitzen spielt. Überhaupt ist es beim Senegal schon lange so, dass es eine große Auswahl an Offensiv-Optionen gibt, aber der Rest der Mannschaft nicht so prominent besetzt ist. Die Dreierkette ist in der Regel mit Sané (Bordeaux), Mbodji (Genk) und Djilobodji (Nantes) besetzt, davor bilden Gueye (Lille) und Kouyaté (der bei West Ham eine großartige Saison spielt) die Basis im Mittelfeld. Die Außenbahnen gehören M’Bengue (Rennes) und Badji (Brann Bergen).

Wie es den individuellen Stärken der Mannschaft entspricht, legt der Senegal gerne den Vorwärtsgang ein. Ob das Team als Ganzes stark genug ist, um an die großen Erfolge vor zehn, fünfzehn Jahren anzuschließen – als man im WM-Viertelfinale und im Afrikacup-Finale stand – ist auch angesichts der harten Gruppe aber fraglich.

Der alte Großadel

Kamerun. Teamchef: Volker Finke
Kamerun. Teamchef: Volker Finke

In der Gruppe D treffen zumindest zwei nominelle afrikanische Schwergewichte aufeinander. Gespannt darf man vor allem auf den Kamerun sein. Denn nach der unfassbar peinlichen WM, als weder intern (Grüppchenbildung, Streit um die Prämien, in Frage gestellte Autorität des Trainers) noch auf dem Feld (viel zu passiv, viel zu undiszipliniert) auch nur irgendetwas stimmte, hat Volker Finke das Team nun doch in den Griff bekommen.

Das Samuel Eto’o sein krankhaftes Ego in den Mittelpunkt stellt, dass Alex Song Gegenspielern über das halbe Feld nachrennt nur um ihnen einen Faustschlag in den Rücken zu verpassen, dass Benoit Assou-Ekotto während des Spiels Mitspieler watscht – all das gibt es nun nicht mehr, weil keiner der drei Dickköpfe mehr dabei ist. Stattdessen hat Finke, wie schon einst in Freiburg, die Pressing-Maschine angeworfen. Stéphane Mbia, Europa-League-Sieger von Sevilla, hat er dabei vom Mittelfeld in die Verteidigung zurückgezogen.

Die Abwehr, seit Längerem schon ein besonderes kamerunisches Sorgenkind, soll dank der extrem proaktiven Spielweise gar nicht erst groß gefordert werden. Dazu beteuern die Spieler, die Lektionen gelernt zu haben – zum einen aus dem eigenen, regelmäßigen An-sich-selbst-Scheitern der Ära Eto’o, zum anderen aus den Titelgewinnen von Sambia 2012 und von Nigeria 2013. Beide waren ja jeweils als geschlossene Einheit und mit Ruhe im Kader Afrikacup-Sieger geworden.

Côte d'Ivoire. Teamchef: Hervé Renard
Côte d’Ivoire. Teamchef: Hervé Renard

Stichwort Sambia: Dort führte ja Hervé Renard die Chupolopolo vor drei Jahren zum sensationellen Turniersieg. Der blode Franzose mit der Vorliebe für weiße Hemden wurde nun vom ivorischen Verband verpflichtet, um nach dem Team-Rücktritt von Didier Drogba den Umbruch einzuleiten und gleichzeitig möglichst jenen Titel zu holen, der in den letzten zehn Jahren mit bemerkenswerter Konsequenz stets verpasst wurde.

Nun ist Yaya Touré der unumstrittene Boss im Team. Wie schon bei der WM wird Wilfried Bony, einer der beständigsten und besten Premier-League-Stürmer des letzten Jahres (und daher von Swansea zu Man City wechseln wird), Drogbas Rolle als Sturmspitze übernehmen. Genügend Talent für ein gutes Abschneiden ist immer noch da, dazu sind die Ivorer fast schon traditionell das wohl körperlich robusteste Team des Kontinents. Aber es fehlt ein wenig an der Ausgeglichenkeit im Kader: Die Außenverteidiger Tiene (Montpellier) und Aurier (hin und wieder bei PSG im Einsatz) sind keine echten Topleute, Kolo Touré (Liverpool) wird immer langsamer und sein IV-Partner Viera (Rizespor) hat kaum Erfahrung. Die Position neben Newcastles Tioté ist nur mit Notlösungen bestückt, egal ob Diomandé (St. Etienne), Serey-Dié (bei Basel am Abstellgleis) oder Doukouré (Metz) spielt.

Schon in der Quali bekam man es mit Kamerun zu tun, verlor auswärts 1:4 und kam daheim nicht über ein 0:0 hinaus.

Dass das Viertelfinale das absolute Minimal-Ziel ist, ist klar – daran darf auch Mali nichts ändern. Mit Altstar Keita (Roma), Linksaußen Maiga (Metz) und Linksverteidiger Tamboura (Randers) gibt es einzelne Spieler von guter Qualität, für das Viertelfinale ist es aber wohl zu wenig – wiewohl man nicht außer Acht lassen darf, dass Mali zuletzt fast immer über den Erwartungen blieb. Die letzten zwei Afrikacups schloss Mali jeweils auf dem dritten Platz ab. Mit Kadern, die auf dem Papier kaum über die Gruppenphase hinauskommen hätte sollen.

Guinea, wie schon 2012 vom Franzosen Michel Dussuyer betreut, kommt mit nur einem einzigen Spieler zum Turnier, der halbwegs regelmäßig in einer guten Mannschaft einer starken Liga spielt – Ibrahima Traoré von Borussia Mönchengladbach. Auch der Salzburg-Legionär Naby Keita ist dabei und Ex-Milan-Linksverteidiger Kevin Constant (Trabzonspor). Für diese Truppe wäre jeder Punktgewinn ein schöner Erfolg. Das Viertelfinale ist Utopie.

Der Finalist und der Gastgeber

Burkina Faso. Teamchef: Paul Put
Burkina Faso. Teamchef: Paul Put

Überraschender Finalist vor zwei Jahren war die Mannschaft aus Burkina Faso mit ihrem umstrittenen belgischen Teamchef Paul Put, der wegen eines Manipulations-Skandals aus seiner Heimat geflüchtet war. Er hatte dem Underdog eine klare, erfolgreiche, aber auch nicht besonders aufregende taktische Marschroute verpasst, die diese mit großem Erfolg umsetzte. Nach dem Finale 2013 schrammte man nur knapp an einer WM-Teilnahme vorbei, scheiterte haarscharf an Algerien.

Das Mittelfeld-Zentrum mit Djakaridja Koné (Evian) und Kaboré (Kuban Krasnodar) agiert sehr defensiv, schirmt die Abwehr mit Kapitän Bakary Koné (Lyon) und Yago (Toulouse) zusätzlich ab. Dafür gehen die Außenverteidiger Bambara (U. Cluj) und Koffi (Zamalek Kairo) konsequent mit nach vorne, wo die eher schmächtigen Pitroipa (früher Freiburg, HSV und Rennes, jetzt Al-Jazira in Abu Dhabi) und Zongo (Almería) zwei eher schmächtige Wusler von Außen gerne nach innen ziehen. Als hängende Spitze agiert Alain Traoré (Lorient), vorne streiten sich der jähzornige Schlacks Bancé (mittlerweile bei HJK Helsinki) und der Admiraner Issiaka Ouedraogo um den Startplatz.

Die Kaderqualität reicht normalerweise bestenfalls für das Viertelfinale. Aber erstens war das vor zwei Jahren auch schon so, und zweitens ist man in einer recht leichten Gruppe gelandet.

Obwohl da auch der unverhoffte Gastgeber wartet. Dass Äquatorialguinea mit den eigenen Fans im Rücken zu einigem fähig ist, hat der Viertelfinal-Einzug beim Heim-Afrikacup vor drei Jahren gezeigt. Aber, mal ehrlich: Eine Ansammlung aus Kickern von spanischen Nachwuchs- und Amateurliga-Mannschaften, aus den Ligen von Andorra, Malta, Vietnam und Indien – mit Spielmacher Javier Balboa (Estoril) und den Zweitliga-Kickern Nsue (rechte Außenbahn, Middlesbrough) und Randy (linke Außenbahn, Iraklis) gibt es nur drei halbwegs ernst zu nehmende Spieler im Kader. Dazu wurde vor zwei Wochen noch Teamchef Goikoetxea entlassen, der Argentinier Estebán Becker ist kurzfristig eingesprungen.

Deutlich höher ist der andere Co-Gastgeber von 2012, Gabun, einzuschäten. Das Team um Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang hat sich nicht nur auf sportlichem Wege qualifiziert, sondern verfügt auch über einige Spieler, die noch wissen, wie sich ein großes Turnier auf eigenem Boden anfühlt. Die Mittelfeld-Achse mit Poko (Bordeaux) und Madinda (Celta Vigo) war ebenso Teil einer aufregenden Mannschaft wie Innenverteidiger Ecuele-Manga (Cardiff) und der starke Torhüter Didier Ovono (Oostende). Um sie herum hat der portugiesische Teamchef Jorge Costa – der als Spieler beim FC Porto unter Mourinho Champions League und UEFA-Cup gewonnen hat – eine junge Truppe geformt, die ungeschlagen durch die Quali ging. Gruppengegner Burkina Faso wurden dabei vier Punkte abgeknöpft.

Der vierte im Bunde der Gruppe A ist die Mannschaft aus dem Congo. Auf dem Papier kein echter Viertelfinal-Kandidat, aber die No-Name-Truppe von Afrikacup-Veteran Claude le Roy hat in der Qualifikation Nigeria hinter sich gelassen. Die prominenteste Spieler im Kader sind Sechser Delvin N’Dinga, der 2007 bei der U-20-WM gegen Österreich spielte und später für Auxerre und Olympiakos in der Champions League aktiv war, und Thievy Biefouma von Primera-Division-Klub Almería.

Die Gruppe der Geheimtipps

Tunesien. Teamchef: Georges Leekens
Tunesien. Teamchef: Georges Leekens

Ähnlich wie bei Südafrika spielt auch der Großteil des tunesischen Kaders in der heimischen Liga. Der Unterschied zur Bafana Bafana: Die Liga der Adler von Karthago ist tatsächlich halbwegs stark. Das hat sich seit dem letzten Afrikacup, der für Tunesien mit einem verdienten Vorrunden-Aus geendet hat, nicht verändert.

Sehr wohl verändert hat der Belgier George Leekens, der den etwas überforderten Sami Trabelsi ablöste, aber den Kader. Mit Abwehrchef Aymen Abdennour (Monaco) und Flügelspieler Youssef Msakni (Lekhwiya in Katar) sind nur zwei Stammspieler von 2013 auch jetzt in der engeren Auswahl, mit Torhüter Mathlouthi (ES Sáhel) und Spielmacher Yassine Chikhaoui (FC Zürich) gibt es nur zwei weitere, die schon länger im Kreis der Nationalmannschaft sind. Aber bei allem Talent im Vorwärtsgang ist das Toreschießen selbst das wohl größte Problem Tunesiens. Das war schon vor zwei Jahren so, und auch den Viertelfinal-Einzug 2012 hatte man eher der individuellen Klasse von Msakni und Bilel Ifa (der Rechtsverteidiger ist nicht mehr dabei) zu verdanken.

Dennoch ist Tunesien ein nicht zu unterschätzender Underdog und zudem ist der Verband – als einer der wenigen in Afrika – nicht dafür berüchtigt, „poorly run“ zu sein.

Der vermutlich härteste Gegner dürfte die Mannschaft aus Kap Verde werden. Das Team von der Inselgruppe profitierte in den letzten Jahren von ausgezeichnetem Scouting nach irischem Vorbild (viele Portugiesen mit kapverdischen Wurzeln wurden eingebürgert) und von der hervorragenden Arbeit von Luis Antunes. Der ehemalige Teamchef nahm vor einem Jahr ein lukratives Angebot aus der angolanischen Liga an, sein Nachfolger Rui Aguas war klug genug, nicht alles über den Haufen zu werfen.

Bis auf den zurückgetretenen Innenverteidiger Nando Neves kommt Kap Verde mit der gleichen Besetzung an wie vor zwei Jahren, als man im Viertelfinale als klar überlegenes Team unglücklich gegen Ghana verlor. Man setzt auf ein 4-3-3 mit spielintelligenten Stürmern, die sich darin verstehen, die Spieleröffnung des Gegners zu kappen. Technisch ist man sowieso auf der Höhe und man kann auch einige Spieler aus guten Teams in guten Ligen aufbieten. So etwa Flügelstürmer Ryan Mendes (Lille), Stürmer Heldon (Sporting Lissabon), Achter Babanco (Estoril) oder Angreifer Djaniny (Santos Laguna in Mexiko). Das Viertelfinale ist absolut möglich, auch ein Halbfinal-Einzug ist absolut im Bereich des Möglichen.

Das ist es für Sambia so gut wie sicher nicht. Der Überraschungs-Titelträger von 2012 ist vor zwei Jahren mit dem Vorrunden-Aus auf dem Boden der Realität gelandet, auch Erfolgstrainer Hervé Renard ist nicht mehr mit an Bord. Der Nukleus des Meister-Kaders ist zwar immer noch dabei, aber der Überraschungs-Effekt ist längst weg. Die Gegner wissen, wie man den Sambiern beikommt – indem man ihnen den Ball gibt, nämlich. Wenn Sambia flink umschalten und kontern kann, sind die Chupolopolo gefährlich. Diesen Gefallen wird ihnen aber vor allem Kap Verde im wahrscheinlichen Schlüsselspiel um den Viertelfinal-Einzug nicht machen.

Grundsätzliche Qualität hätte auch die DR Kongo zu bieten, hier ist es aber wiederum ein heilloser Verband, der viel kaputt macht. 2013 war der damalige Teamchef Le Roy sogar drei Tage vorm Turnierstart entnervt zurückgetreten, konnte dann aber zum Bleiben überredet werden. Der aktuelle Trainer Florent Ibengé – einer von nur drei afrikanischen Trainern neben Südafrikas Mashaba und Sambias Honour Janza – kann aber eben durchaus auf Qualität zurückgreifen. Zum einen vom afrikanischen CL-Finalisten Vita Club, den Ibengé ebenfalls trainiert, zum anderen auf Europa-Legionäre wie die Stürmer Dieumerci Mbokani (Dynamo Kiew) und Yannick Bolasie (Crystal Palace), Achter Youssouf Mulumbu (West Bromwich) und dem hochtalentierten Innenverteidiger Mangulu Mbemba (Anderlecht).

afrikacup

Es ist dies die bereits 30. Auflage des Turniers, zum zweiten Mal nach 2012 (als mal Co-Gastgeber neben Gabun war) ist Äquatorialguinea der Austragungsort. Rekordsieger ist Ägypten mit sieben Triumphen, aber nach dem Titel-Hattick 2006, 2008 und 2010 unter dem legendären Hasan Shehata gab’s nun den Nicht-Qualifikations-Hattick – kein Ruhmesblatt.

Aber auch Titelverteidiger und WM-Achtelfinalist Nigeria hat sich nicht qualifiziert, weil man – wie nicht anders zu erwarten war – nach dem Abgang von Teamchef Stephen Keshi, der den Laden halbwegs zusammen gehalten hat, alles wieder im puren Chaos versank. Auch Angola – ein Land mit reicher Liga und unzulänglichen Strukturen – hat den Cut nach fünf Teilnahmen en suite nicht geschafft. Dabei hatte man sich selbst als aufstrebende Fußball-Macht betrachtet.

afrikacup finals

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Standort-Bestimmung nach WM-Demütigung: Asiencup in Australien https://ballverliebt.eu/2015/01/05/asiencup_australien_vorschau_japan_korea_iran_china_saudi/ https://ballverliebt.eu/2015/01/05/asiencup_australien_vorschau_japan_korea_iran_china_saudi/#respond Mon, 05 Jan 2015 18:55:56 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=10769 Standort-Bestimmung nach WM-Demütigung: Asiencup in Australien weiterlesen ]]> Asien galt als der absolute Boom-Kontinent im Weltfußball, schien Afrika nicht nur überholt, sondern längst abgehängt zu haben. Und dann das: Eine WM, bei der Asiens vier Vertreter so hergeprügelt wurden, dass am Ende drei Remis und neun Pleiten zu Buche standen, aber nicht ein einziger Sieg. Nun, ein halbes Jahr später, steigt in Australien der 16. Asiencup. Dieser wird der erste Anhaltspunkt sein, wer die Kurve am besten gekriegt hat. Die Favoriten sind die üblichen Verdächtigen: Japan, Südkorea, Australien, mit Abstrichen der Iran. Und zwei gefallene Riesen kämpfen um den Anschluss.

Titelverteidiger Japan (Gruppe D)

Japan
Japan. Teamchef: Javier Aguirre

Vor vier Jahren war Japan die deutlich beste Mannschaft des Turniers und fuhr mit einem 1:0-Finalsieg gegen Australien den verdienten Titel ein. Bei der WM vor einem halben Jahr aber zeigte man sich etwas überaltert und über dem Zenit – eine Blutauffrischung tat Not. Javier Aguirre, der schon zweimal Mexiko bei WM-Endrunden betreut hatte, übernahm von Alberto Zaccheroni und versuchte sich schon an einer sanften Verjüngung.

Die Zeit für einen echten Neuaufbau war aber zu kurz, so müssen es überwiegend noch die Alten richten – vor allem in der Mittelfeld-Zentrale gibt es Baustellen. Kapitän Hasebe und Routinier Endo haben ihre besten Jahre lange hinter sich, in den Testspielen war Dortmunds Kagawa gesetzt – trotz mangelnder Spielpraxis und völliger Formfreiheit. Auch Torjäger von internationalem Format konnte sich Aguirre in den sechs Monaten nicht schnitzen, so wird wohl wieder der Mainzer Okazaki vorne ran müssen. Der ist zwar ein guter Stürmer, wäre aber noch wertvoller auf dem Flügel.

Dorthin muss Keisuke Honda ausweichen, der aber eigentlich ein Zehner ist – wie auch Hiroshi Kiyotake von Hannover. Rechts verzichtete Aguirre auf den Schalker Uchida, dessen Klasse hat Gutoku Sakai nicht. Junge Kräfte wie Achter Gaku Shibasaki (22) und die Innenverteidiger Gen Shoji (22) und Naomichi Ueda (20, alle von den Kashima Antlers) sowie Flügelspieler Yoshinori Muto (22, FC Tokio) dürfen mal reinschnuppern, eine Hauptrolle werden sie aber kaum spielen dürfen.

Ernsthafte Konkurrenz haben die Japaner in ihrer Gruppe D dennoch nicht: Weder der Irak (Sensations-Sieger von 2007, aber sonst nicht mehr als ein beständiger Asien-Cup-Viertelfinalist) noch Jordanien (unter dem legendären Ex-Chelsea-Co-Trainer Ray Wilkins) haben die Qualität, um Japan zu gefährden. Palästina hat sich über die Runde der Fußballzwerge qualifiziert und wird dreimal deutlich verlieren.

Südkorea & Gastgeber Australien (Gruppe A)

Australien
Australien. Teamchef: Ange Postecoglou

Trotz dreier Niederlagen hat Australien von allen asiatischen Teams bei der WM den mit Abstand besten Eindruck hinterlassen. Für Teamchef Ange Postecoglou war das Turnier in Brasilien angesichts der übermächtigen Gruppengegner (Holland, Spanien und Chile) auch „nur“ ein Testlauf für den Asiencup im eigenen Land.

Schon vor der WM wurde eine radikale Verjüngung eingeleitet, von den „Alten“ sind nur noch Spielmacher Tim Cahill und die Mittelfeld-Routiniers Jedinak und Bresciano übrig. Das Team zeigte Schwung, unbändigen Willen und steckte nie auf. Die individuelle Qualität ist bei anderen Teilnehmern zweifellos zum Teil deutlich höher, aber kaum ein Titelkandidat präsentierte sich zuletzt annähernd so sehr als verschworene Einheit wie Australien.

Das alles, verbunden mit dem Heimvorteil und einem Publikum, das in den letzten zehn Jahren immer mehr seine Liebe zum Fußball entdeckt hat, macht Australien sicherlich einem der absoluten Titelkandidaten.

Südkorea. TC: Uli Stielike
Südkorea. Teamchef: Uli Stielike

Bei Südkorea musste nach der fürchterlich vercoachten WM Teamchef Hong Myung-Bo gehen, der Rekord-Teamspieler wurde durch den Deutschen Uli Stielike ersetzt. Was die Kaderqualität angeht, ist Südkorea einer der ganz großen Top-Favoriten. Die Frage ist nur, ob es in den vier Monaten von Stielikes Amtszeit gelang, aus einer extrem passiven Herangehensweise eine so aktive zu machen, wie es dem Kader entspräche.

Denn mit Leverkusens Son Heung-Min, dem Mainzer Koo Ja-Cheol und Lee Chung-Yong von Bolton ist wohl mehr Offensiv-Qualität vorhanden als in jeder anderen Mannschaft, mit dem in der Premier League gestählten Ki Sung-Yueng (Sunderland) und Park Joo-Ho (auch aus Mainz) ist auch Erfahung auf hoher Qualität im defensiven Mittelfeld vorhanden. Auch auf den Außenbahnen gibt mit Kim Jun-Su (Hoffenheim) und Cha Doo-Ri (früher Celtic und Freiburg) europäische Erfahrung. Dass es keinen Stoßstürmer von Format gibt, sollte dabei schon zu verschmerzen sein.

Schafft es Südkorea, die vorhandenen PS auf die Straße zu bringen, führt der Titel nur über dieses Team. Es wäre der erste für dieses Land seit 1960.

Mitfavorit Iran (Gruppe C)

Iran. TC Queiroz
Iran. Teamchef: Carlos Queiroz

Obwohl sie einem No-Budget-Verband unterstehen, zeigte die Mannschaft aus dem Iran eine – im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten – recht ordentliche WM. Entnervt von den vorsintflutlichen Arbeits-Bedingungen wollte Teamchef Carlos Queiroz eigentlich das Handtuch werfen, der frühere Trainer von Real Madrid und „Co“ bei Manchester United blieb dann aber doch.

Er wird beim Asien-Cup nun dem gleichen Personal vertrauen wie bei der WM in Brasilien. Es ist zu erwarten, dass der Iran nicht ganz so defensiv agieren wird wie letzten Sommer, die Probleme im Spiel nach vorne werden aber grundsätzlich die gleichen bleiben: Das zentrale Mittelfeld ist routiniert, aber nicht besonders kreativ. Der Vorwärtsgang ist nicht die Stärke, Stürmer Reza Ghoochannejhad wurde von Englands Zweitligist Charlton zuletzt nach Kuwait verliehen, Flügelspieler Jahanbakhsh spielt in Hollands zweiter Liga und Ashkan Dejagah, einst bei Wolfsburg deutscher Meister, spielt mittlerweile bei Al-Arabi – dem Neunten der Liga von Katar.

Härtester Konkurrent in der Gruppe C wird wohl Katar sein. Sieben Jahre vor der geplanten Heim-WM ist dieses Turnier ein erster wirklicher sportlicher Härtetest auf dem Weg dorthin – von dem Kader, der vor vier Jahren im eigenen Land unter dem mittlerweile verstorbenen Trainer Bruno Metsu sehr ordentlich agiert hat und im Viertelfinale am späteren Sieger Japan knapp gescheitert ist, sind nur noch sieben Spieler übrig, darunter nur drei der damaligen Stammkräfte. Im Gegensatz zu 2011 sind nun auch kaum noch Spieler dabei, die 2022 zu alt sind. Zumindest 15 Kaderspieler sind auch tatsächlich Kataris, acht eingebürgerte Kicker sind dabei. Ob der aktuelle Teamchef Djamel Belmoudi 2022 noch im Amt sein wird, ist hingegen äußerst unwahrscheinlich – seit 1984 amtierte kein Teamchef von Katar länger als drei Jahre.

Hauptgegner im Kampf um den erneuten Viertelfinal-Einzug für Katar ist das Team aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain ist mit einiger Sicherheit das schwächste Glied in dieser Gruppe.

Usbekistan und die schlafenden Riesen (Gruppe B)

Usbekistan. Teamchef Mirajlol Kosimov
Usbekistan. Teamchef Mirajlol Kosimov

Direkt sexy ist das Team aus Usbekistan, zumindest aus europäischer Sicht, ja nicht. Zwei Spieler aus der russischen Liga (Denisov von Lok Moskau und Ahmedov von Krasnodar), der Rest spielt überwiegend in verschiedenen asiatischen Ligen (China, Korea, Emirate). Auch eine prickelnde Spielweise ist vom Halbfinalisten des letzten Asiencups nicht zu erwarten.

Eher eine kompakt stehende Mannschaft, die mit guten Verteidigern daherkommt und einem routinierten Mittelfeld. Im Elo-Ranking ist Usbekistan der drittbeste Teilnehmer (hinter Südkorea und dem Iran, gleichauf mit Australien), ist daher auch als Gruppenkopf gesetzt. Deutlich interessanter sind, zumindest was die Entwicklung der jüngeren Vergangenheit angeht, allerdings die Gruppengegner China und Saudi-Arabien.

Bei beiden Ländern klaffen seit geraumer Zeit Anspruch und Wirklichkeit ganz massiv auseinander. Beide sind zuletzt in der WM-Quali nicht einmal in die mit zehn Teams besetzte Finalrunde eingezogen, beide Teams sind beim letzten Asiencup vor vier Jahren kläglich in der Vorrunde gescheitert. Und beide Länder verfügen über finanzstarke Ligen, wo es für die heimischen Spieler wenig Anreiz gibt, ins Ausland zu wechseln.

Bei den Saudis ist der Rumäne Cosmin Olaroiu seit dem Desaster vor vier Jahren bereits der vierte Teamchef, weder Ex-Barça-Coach Frank Rijkaard noch Ex-Real-Madrid-Coach Ramon Lopez Caro konnten einen Aufschwung einleiten. Die Liga, aus der sich der komplette Kader rekrutiert, ist laut AFC-Ranking die zweitbeste Asiens, Olaroiu hat acht Spieler des Champions-League-Finalisten Al-Hilal mit dabei. Das größte Problem ist aber das permanente Chaos, die fehlende Kontinuität und die Inkompetenz im nationalen Verband. Dass die Saudis ihre Teamchefs nach einem schlechten Start während der Turniere entlassen, ist eher die Regel als die Ausnahme.

In China hatte José Antonio Camacho nach den unsagbar peinlichen Vorstellungen vor vier Jahren vom heillos überforderten Teamchef Gao Hongbo übernommen, besser wurde es nicht. Im Gegenteil: Camacho kassierte fürstliche 16 Millionen Dollar in zwei Jahren, in denen er China zielsicher von Platz 47 im Elo-Ranking auf Rang 69 führte und nach einem 1:5-Debakel gegen Thailand entlassen wurde. Alain Perrin, einst Meistertrainer von Olympique Lyon, übernahm. Die mit europäischen Startrainern wie Marcello Lippi, Sven-Göran Eriksson und Radomir Antic künstlich hochgepimpte Liga ist zahlungskräftig, aber Chinas Spieler würden von mehr davon profitieren, gingen sie in sportlich bessere Meisterschaften wie jene in Japan oder Südkorea, oder gar nach Europa. Von ausrangierten Altstars wie Gilardino und Misimovic und einer Heerschaar an mittelmäßigen Brasilianern lernen sie nicht genug.

Dass bei Nordkorea die WM-Teilnahme 2010 eine Eintagsfliege war, ist mittlerweile auch evident. Zwar spielen im aktuellen Kader für das Land ungewöhnlich viele Legionäre (vier – zwei in Japan, zwei in der Schweiz). Aber der Rest schmort in der eigenen Liga, deren Klubs vom Diktator befohlen nicht einmal an Asiens Klub-Bewerben teilnehmen dürfen – und die so geheim ist, dass oft nicht einmal Tabellen oder gar Ergebnisse an die Öffentlichkeit außerhalb des Landes durchgelassen werden.

Der Modus

asiencup

Vier Vierergruppen, aus denen jeweils die besten zwei Teams ins Viertelfinale kommen – es ist genau jener Modus, der auch bei den EM-Endrunden von 1996 bis 2012 höchst erfolgreich zum Einsatz gekommen ist. Die Spiele in Melbourne, Sydney, Canberra, Brisbane und Newcastle werden wegen der Zeitverschiebung am europäischen Vormittag stattfinden und werden auf Eurosport-2 live zu sehen sein.

Australien ist erstmals Ausrichter des Asien-Cups. Rekord-Titelträger ist Japan mit vier Titeln, gefolgt von Saudi-Arabien und dem Iran mit jeweils drei Triumphen. Insgesamt ist dies die 16. Auflage des Turniers, das damit (wie auch die Copa America und der Afrika-Cup) älter ist als die Europameisterschaft. Das Finale findet im Olympiastadion von Sydney statt.

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Bayern gegen Dortmund: Kurzvorschau auf das Duell im DFB-Pokal https://ballverliebt.eu/2013/02/27/bayern-gegen-dortmund-kurzvorschau-auf-das-duell-im-dfb-pokal/ https://ballverliebt.eu/2013/02/27/bayern-gegen-dortmund-kurzvorschau-auf-das-duell-im-dfb-pokal/#respond Wed, 27 Feb 2013 13:02:34 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=8406 Bayern gegen Dortmund: Kurzvorschau auf das Duell im DFB-Pokal weiterlesen ]]> So eine Woche ohne Champions League ist wirklich ziemlich langweilig. Am gestrigen Dienstag mussten wir uns mit einem Clasico zwischen Barcelona und Real Madrid abgeben, heute trocknet das Duell zwischen Bayern München und Borussia Dortmund unsere Tränen. Dem internationalen Auftreten der beiden Teams in dieser Saison zufolge, ist das möglicherweise sogar das derzeit beste Spiel am Kontinent. Wir erwarten es jedenfalls mit Spannung.

Während Bayerns 4-2-3-1 ein Dauerbrenner ist, ließ Jürgen Klopp gegen Ballbesitz-dominierende Gegner wie die Münchner zuletzt erfolgreich sein System kippen. Spielverlagerung interpretiert es als 4-5-1, Philipp hat es hier als 4-3-3 beschrieben.

Dies beschneidet die Offensivfähigkeiten des BVB etwas, dass Dortmund dadurch aber nicht zuviel an Potenz verliert, liegt daran, dass sie an den Seiten extrem flinke Spieler haben und dass das Zentrum mit Druck umgehen kann. Und defensiv scheint es besser geeignet um bedächtig vorgehenden Mannschaften den Schrecken der Breite zu nehmen und gleichzeitig die Mitte abzudichten. Der Kniff auch gegen den englischen Meister Manchester City gut funktioniert und im Dezember immerhin mit einem 1:1 in München die Serie der Spiele gegen Bayern ohne Niederlage verlängert.

Dortmund spielt ohnehin schon seit Jahren ein beeindruckendes Umschaltspiel. Aber auch die Bayern haben in dieser Saison an schneller Vertikalität gewonnen. Durch die Mitte zu Kontern ist gegen die Bayern schwierig, das hat zuletzt schon Arsenal trotz Speedy Walcott feststellen müssen. Mit Lewandowski hat Dortmund dort einen anderen Charakter stehen, der Bälle behaupten und an die flinken Außenspieler abgeben kann. Ob wir heute zwei Teams sehen, die sich neutralisieren, oder ein flottes Hin und Her, die entscheidenden Positionskämpfe dürften sich zwischen David Alaba und Mario Götze bzw. Philip Lahm und Marco Reus abspielen. Wer kann die Flügelspieler des Gegners neutralisieren und seine eigenen vorne in Stellung bringen?

Zur Einstimmung nochmal unsere beiden letzten Analysen von Spielen zwischen Bayern und Dortmund:

Bundesliga 2012/13, 13. Spieltag: 1:1

Bayern München - Borussia Dortmund 1:1 (0:0) (1.12.2012)
Bayern München – Borussia Dortmund 1:1 (0:0) (1.12.2012)

DFB-Cup 2011/12, Finale: 5:2 für Dortmund

Borussia Dortmund - Bayern München 5:2 (3:1) (12.5.2012)
Borussia Dortmund – Bayern München 5:2 (3:1) (12.5.2012)

(tsc)

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Deutschland – Österreich: Vorschau auf den unwahrscheinlichen ÖFB-Pflichtsieg https://ballverliebt.eu/2011/09/02/deutschland-osterreich-vorschau-auf-den-unwahrscheinlichen-ofb-pflichtsieg/ https://ballverliebt.eu/2011/09/02/deutschland-osterreich-vorschau-auf-den-unwahrscheinlichen-ofb-pflichtsieg/#comments Fri, 02 Sep 2011 00:55:44 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=5607 Deutschland – Österreich: Vorschau auf den unwahrscheinlichen ÖFB-Pflichtsieg weiterlesen ]]> Kürzlich habe ich an einem Konferenz-Podcast mit den beiden deutschen Journalisten Raphael Honigstein und Christoph Ruf teilgenommen. Im von Andreas Renner und Markus Krawinkel moderierten Gespräch war ich im Vorfeld des heutigen Länderspiels als Quoten-Österreicher geladen. Die deutschen Journalistenkollegen waren äußerst höflich und haben es nicht so direkt gesagt, aber im Gespräch war durchaus ein mangelndes Interesse am Spiel zu spüren. In Deutschland nimmt man diese Begegnung so nebenbei mit, sieht es als eine Art verschärftes Testspiel in dem alles andere als ein Sieg eine Sensation wäre. Der nur knapp errungene Sieg vom Hinspiel (hier die Analysen von mir und Philipp) hat dort in der Öffentlichkeit also wenig Eindruck hinterlassen. In Österreich gilt er ja als Grund, wieso immer noch Dietmar Constantini am Trainerstuhl sitzt.

Weil wir jüngst auch vom ZDF um eine Analyse gebeten wurden (die dann leider durch Tonprobleme im Mülleimer landete), haben wir uns die Partie noch einmal angesehen und mit dem zeitlichen und emotionalen Abstand zu diesem Abend erkennen müssen: Das Gedächtnis ließ dieses Spiel ziemlich gut wegkommen, aber mehr als sehr ordentlich war das gar nicht.

Österreich - Deutschland: Die Formationen des Hinspiels

Deutschland trat damals im Happel-Stadion wie nebenstehend gezeichnet auf. Die Mannschaft war einigermaßen dezimiert im bekannten 4-2-3-1 aufgelaufen und wurde dort von einem hochmotivierten und talentierten ÖFB-Team (mit seinerseits einigen Ausfällen) an den Rand eines Punkteverlustes getrieben. Aber eben nicht darüber hinaus.

Jogi Löw spielte damals bei der Pressekonferenz nach dem Spiel alles eher runter und machte die Müdigkeit seiner Spieler für die Probleme verantwortlich. Er wollte aber schon damals eigentlich mit zwei Stürmern agieren um die ÖFB-Innenverteidigung unter Druck zu setzen. Die passenden Leute waren allerdings nicht fit – und sind es auch diesmal nicht.

Deutschland

Erwartete Aufstellung von Deutschland im Heimspiel gegen Österreich
Trotzdem wird Deutschland sowohl personell als auch taktisch anders aussehen als in Wien. Auf Schalke ist damit zu rechnen, dass die Formation näher an dem 4-1-4-1 ist, das vor etwa einem Monat gegen Brasilien für mediale Jubelmeldungen gesorgt hat.

Jogi Löw hat im Prinzip bereits schon im Vorfeld alle personellen Dinge geklärt, nur ob Lukas Podolski oder Andre Schürrle starten werden, ist noch nicht ganz klar. Ansonsten ist heute mit der nebenstehenden Aufstellung zu rechnen. Lahm wird diesmal über die linke Seite kommen und dort Druck über die Flanken machen. Von Podolski kann man sich einige Läufe in zentralere Schussposition erwarten (Schürrle würde sich wohl vertikaler bewegen). Auf der rechten Seite ist mit Höwedes eher die defensivere Verteidigervariante gewählt worden. Dort wird vorne wohl Müller der Mann für die Flanken sein. Die Innenverteidigung wird wohl komplett umgekrempelt, bietet aber wenig Angriffspunkte. Davor darf Schweinsteiger wieder einmal ran als Ballverteiler. Kroos dürfte weiter aufrücken als im Hinspiel um in der kritischen Zone für die gefährlichen Pässe zu sorgen, Özil neben ihm seine gewohnte Brillianz ausleben und mit Tempodribblings auf die Abwehr losgehn. Vorne wartet mit Klose ein beweglicherer Stürmer.

Österreich

Variante 1: Österreich im 4-2-3-1 gegen Deutschland
Bei Österreich hört man auch von zahlreichen Umstellungen, es fällt aber noch schwerer sich ein wirkliches Bild von Constantinis Absichten zu machen. Auch deshalb, weil man die Pressekonferenzen der Deutschen im Web verfolgen kann, die der Österreicher aber nur aus Medienberichten deuten muss. Fuchs, Pogatetz, Schiemer und Klein wären (weil Scharner leider gesperrt ist und Klein bei Constantini gesetzt scheint) noch keine größere Überraschung. Fuchs wird versuchen müssen, den Spagat zwischen der Bewachungs Müllers und eigenen Antritten zu schaffen. Klein muss Acht geben, dass er sich von Podolski nicht zu weit in die Mitte ziehen lässt, weil dann die Flanke für Lahm offen wäre.

Dass Alaba neben Baumgartlinger ins Zentrum rückt, scheint zwar neu aber auch eine gemachte Sache zu sein. Das bringt (endlich) zwei defensiv UND offensiv fähige Leute in diese Stellung. Dass sich diese Variante gerade gegen die heftige deutsche Offensive erstmals richtig behaupten muss (die Umstellung in der zweiten Testspielhälfte gegen die Slowakei fand unter gänzlich anderen Voraussetzungen statt), ist natürlich bedauerlich. Özil und Klose werden wegen ihrer Beweglichkeit Kollektivaufgabe sein und verlangen eine gut eingespielte Defensivzentrale.

Variante 2: Österreich im 4-4-1-1 gegen Deutschland
Der Rest ist personell unklarer. Über eine Seite dürfte Neo-Hannoveraner Royer kommen – ob der Rechtsfuß links oder rechts powern darf, bleibt abzuwarten. Es hängt wohl davon ab, wer auf der anderen Seite stehen wird. Kommt der pardonierte Arnautovic über links, würde das System zum konterstarken 4-2-3-1, in dem Fuchs sich offensiv zurückhalten könnte, Alabas Balleroberungen und vertikale Pässe aber umso wichtiger wären?

Oder wählt Constantini wie im Hinspiel Dag auf der rechten Seite und lässt den Türkei-Legionär zur Unterstützung gegen Podolski und Lahm eher absichern (was eher ein 4-4-1-1 darstellen würde das sehr stark von Harnik und dem Stürmer abhängig wäre – beide werden gut bewacht sein)? Auch Arnautovic und Dag scheinen an den Seiten als asymmetrischer Mix denkbar. Harnik dürfte wieder vor der Zentrale als Mann für alle Fälle agieren und das Spiel zu prägen versuchen. In der Spitze gibt es dann wieder zwei Varianten: Sowohl Hoffer als auch Arnautovic bringen das gegen sicherlich höher stehende Deutsche erwünschte Tempo mit.

Andere Varianten sind unwahrscheinlich und gefährlich

Hausaufgaben-nicht-gemacht-Variante: Österreich im 4-4-2 gegen Deutschland
Mancherorts wird überhaupt ein flaches 4-4-2 kolportiert mit Arnautovic und Hoffer vorne, Royer und Harnik an der Seite. Das wäre eine Blendervariante die Mut vortäuschen würde. Sie würde erhebliche Schwierigkeiten im Mittelfeld garantieren, hätte Schweinsteiger dann wegen der nicht besonders bekannten Deckungsqualitäten der beiden Stürmer doch Narrenfreiheit, um aus der Tiefe genüsslich die ÖFB-Defensive zu zerpflücken. Ein zurückfallender Kroos könnte sich zudem entweder jeder Bewachung entreißen oder einen Mittelfeldspieler aus der Formation ziehen, um die Defensivorganisation der Österreicher zu zerstören. Gerade dieses Loch gilt es zu vermeiden. Würde Österreich heute mit diesem 4-4-2 antreten, müsste man zudem nach der Logik fragen, nur drei echte Stürmer in den Kader aufzunehmen. Nein. An einem zentralen Offensivspieler und einer Solospitze führt für Constantini meiner Ansicht nach kein erfolgversprechender Weg vorbei.

Personell ein eher unwahrscheinlicher Starter ist Junuzovic, dessen gestalterische Fähigkeiten auf der rechten Seite diesmal nicht gebraucht werden (und von Lahm stark geprüft würden), in der Mitte hingegen ein selbstsicheres Spiel der Mannschaft benötigen würden, das nicht zu erwarten ist. Würde Janko spielen, dürfte man dem ÖFB zumindest zu einem gekonnten Kasperltheater über die letzten Tage gratulieren. Dass Dag in der Verteidigung aufläuft, wäre eine Variante die schon länger nicht mehr zu sehen war.

Hoffen auf die stabile Abwehr

Dass der ÖFB mit einer oft unnötig verjuxten EM-Qualifikation nun im schwersten aller Spiele einen Pflichtsieg feiern muss, sagt bereits viel aus. Selbst mit einem sehr guten Spiel, kann man bei Deutschland zu Gast immer noch ordentlich unter die Räder kommen. Die Deutschen werden die Qualifikation zumachen wollen. Österreich wird wohl eine heftige Anfangsphase überstehen müssen. Deutschland muss nicht alles riskieren, wird aber möglicherweise wenig Grund sehen, sich allzu sehr zurück zu halten. Das ist auch die scheinbar paradoxe Chance für Österreich: Kontern kann man. Etwas anderes als ein stark konterlastiges Spiel wurde von Österreich in den vergangenen Jahren hingegen nicht erfolgreich etabliert. Die Mannschaft kennt die heutigen Gegenspieler und wird um ihr Leben laufen.

Es könnte ein knappes Spiel werden, aber wenn Deutschland die Führung gelingt, dürfte für Österreich die Sache gegessen sein. Wenn die Constantini-Elf dann noch den für die Qualifikation nötigen Sieg anstrebt, muss man auch mit einer hohen Niederlage rechnen. Wenn man einige Spezialfälle außer Acht lässt, wäre eine knappe Niederlage vielleicht das enttäuschendste Ergebnis aus österreichischer Sicht. (tsc)

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Es geht also wieder los: Die Rückrunde der Bundeliga wartet. Vorschau gefällig? Bitte schön!

Weg mit dem Speck

Die Bullen haben sich im Winter auf zwei Sachen konzentriert: Marc Janko zu halten und mit einem Vertrag auszustatten, der bei seinem wahrscheinlichen Abgang im Sommer noch etwas mehr Kohle bringt – und den aufgeblähten Kader auszudünnnen. In beiden Fällen muss man sagen: Hat funktioniert. Der zwischen Aufsässig- und Lustlosigkeit schwankende Ilic, die wandelnde Marketing-Maschine Miyamoto und die Bankdrücker Bobson, Traoui und Pamic wurden abgegeben bzw. verliehen. Sportlich substantiell kein Verlust, denn keiner dieser Kicker hat wesentlich zum Gewinn des Herbstmeistertitels beigetragen (Pamic, Bobson und der verletzte Miyamoto kamen in der Bundesliga gar nicht zum Einsatz, Ilic drei Mal und Traoui hatte zwei Kurzeinsätze). Im Grunde saßen sie nach dem frühen Europacup-Aus dem Verein nur auf der Tasche.
[ad#bv_test]Janko hat seinen Vertrag verlängert, bleibt also zumindest bis zum Sommer in Salzburg und wird dort seine Chance suchen, Meister und Torschützenkönig zu werden, und so eventuell seinen Marktwert noch weiter zu steigern. Nicht ohne Risiko: Wenn er sich verletzt, war der ganze schöne Herbst für die Würscht. Geholt haben sich die Bullen mit dem Schweden Eddie Gustafsson (32) einen Torhüter. Nachvollziehbar, denn Arzberger wird nicht jünger, Ochs ist lange verletzt und die jungen Kaltenhauser und Schober haben zwar Talent, eine tragende Rolle im Meisterrennen kann oder will Adriaanse ihnen aber (noch?) nicht zumuten.
Und für die linke Abwehrseite konnte Jung-Nationalspieler Andi Ulmer (23) von Ried losgeeist werden. Die große Entdeckung der Herbstsaison soll die weder von Ronald Gercaliu (dessen Karriere nach dem Zwischenhoch bei der Austria nun doch endgültig zu versanden droht), noch von Barry Opdam zufriedenstellend bekleide Position in der linken Defensive ausfüllen. Die Salzburger sahen also von spektakulären Neuzugängen ab, ergänzten sich gezielt und bauen darauf, dass die nur geringfügig (und im Tor verletzungsbedingt) veränderte und daher im Grunde eingespielte Mannschaft mit den Toren von Marc Janko den Vorsprung über die verbleibenden Runden bringt, bzw. selbigen gegenüber der um die Europa-League-Plätze kämpfenden Konkurrenz ausbauen zu können. Prognose: Schlagen sich die Bullen nicht wieder, wie letztes Jahr, selbst, werden sie Meister.

Sparkurs oder nicht?
Mit Peter Pacult haben die Hütteldorfer jetzt um ein weiteres Jahr verlängert. Er wollte zwar grundsätzlich schon einen längeren Vertrag, aber die Altlasten von (wie Präsident Edlinger einräumte) etwa vier Millionen Euro lassen nicht mehr zu. So war auch der einzige im Winter veränderte Kaderpunkt, dass der seit dem hinterhältigen Böller-Angriff außer Gefecht gesetzte Torhüter Georg Koch von der Gehaltsliste gestrichen wurde. Erfreulich für den Deutschen: Sollte er einen Verein finden, bedeutet der Skandal vom ersten Saison-Derby nicht sein Karriereende, denn gesundheitlich soll er wieder halbwegs in Schuss sein.
Dass der Schuldenberg nicht kleiner wurde, liegt natürlich auch an den nach dem frühen Europacup-Aus fehlenden Einnahmen aus mindestens zwei Heimspielen (gegen durchaus attraktive Gegner, Olympiakos Piraeus hätte sehr wahrscheinlich für ein volles Stadion gesorgt). So war es auch nicht möglich, im Winter den Kader nachzubessern. Was nach der auf nationaler Ebene recht ordentlichen Herbstsaison auch nicht zwingend notwendig war: Maierhofer und Hoffer trafen nach belieben, Helge Payer versucht sich nach neunmonatiger Pause an einer Rückkehr ins Rapid-Tor.
Für Peter Pacult, der auch im Winter einige Anflüge von niederer Paranoia aufblitzen ließ (wie der Sager, dass die Absage der Partien von Kärnten gegen Salzburg und Sturm im Herbst wettbewerbsverzerrend sei, weil Kärnten im Frühjahr schwächer besetzt ist und das ein unfairer Nachteil für Rapid ist; oder das Trainingslager, das – gaaaanz zufällig natürlich – genau auf den Länderspieltermin gelegt wurde), gilt es nach seiner Vertragsverlängerung aber sehr wohl, sich langsam aber sicher über den Sommer hinaus Gedanken zu machen. Maierhofer wird den Verein wohl verlassen, Tokic und Patocka bauen in der Innenverteidigung merklich ab, und auch hinten rechts wird auf Sicht einer gebraucht, der mit der Doppelbelastung (also die eigene Position plus die oftmals verwaiste Hofmann-Position) nicht überfordert ist. Einstweilien wird das Augenmerk aber auf der laufenden Meisterschaft liegen. Prognose: Rapid wird Salzburg nicht mehr einholen können, aber der Europacup-Platz wird am Ende zu Buche stehen.

Verletzungsverbot!
Marko Stankovic, trickreicher Linksaußen, verließ Sturm also schon im Winter. Der Platz des nach Italien abgewanderten Jungstars soll von Dominic Hassler (27) eingenommen werden. Der Wandervogel, der schon beim GAK, in Salzburg und beim LASK unter Vertrag war, kommt aus Gratkorn. Er hat zwar weder das Talent noch die Karriere-Aussichten von Stankovic, besitzt mit seinen 70 Bundesliga-Spielen (15 Tore) aber eine gewisse Routine, die es ihm erleichtern sollte, den Platz in der ansonsten dank der hervorragenden Arbeit von Franco Foda intankten und in sich gefestigten Mannschaft einzuhehmen. Im Tauschgeschäft ging dafür Mario Kreimer, dem sie es bei Sturm wohl nicht zugetraut haben, Stankovic zu ersetzen, zum Zweitligisten vor den Toren von Graz.
Sieht man von der Neubesetzung des Zweiergoalie-Postens (Baotic für Schicklgruber) ab, ist dies die einzige schon im Winter vorgenommene Adjustierung, Kärntens Haris Bukva wechselt erst im Sommer an die Mur. Was für die Frühjahrssaison und die damit stattfindende Jagd nach den Europacup-Plätzen heißt: Bei Sturm herrscht weiterhin absolutes Verletzungsverbot! Schlüsselspieler wie Haas oder Muratovic können sowieso nicht ersetzt werden, aber auch auf allen anderen Positionen fehlen Foda die Alternativen, er hat im Grunde nur die (zugegeben talentierten) Burschen aus der Regionalliga-Mannschaft in der Hinterhand. Aber so gut wie keinen gestandenen Bundesliga-Spieler, der mit dem Druck des Kampfes um den dritten Platz vertraut wäre.
Der Vorteil von Sturm gegenüber Rapid: Man könnte sich die Teilnahme am Europapokal auch über den ÖFB-Cup sichern. Doch nach dem Viertelfinalspiel gegen die Austria könnte es mit dieser Hoffnung auch vorbei sein. Weshalb keiner der Leistungsträger längerfristig fehlen darf. Prognose: Bleiben alle fit, sollte Sturm unter die ersten drei kommen. Gibt es Ausfälle, wird es verdammt eng.

Ungewohnte Sachlichkeit
Daran können sich wohl nicht einmal Historiker erinnern! Wann gab es das schon, dass die Austria in einem Transferfenster keinen Spieler holt? Niemanden! Keinen einzigen! Manager Parits und Trainer Daxbacher vertrauen der Mannschaft, die im Herbst zwar nicht immer schönen, aber doch effektiven Fußball zeigte und noch voll dabei ist im Kampf um die begehrten Plätze im internationalen Geschäft. Deutlicher kann man die nun erfolgte Emanzipation von Frank Stronach nicht machen. Im Sommer bekommt die Austria auch noch eine eigene Akademie, ist damit auch auf diesem Sektor nicht mehr vom ehemaligen Big Spender abhängig. Und wie Parits ankündigte, werden auch keine Spielerverträge abgeschlossen, bevor nicht das Budget für die kommende Saison steht.
Klar: Dass die Violetten sehr daran interessiert sind, Spieler wie Milenko Acimovic und Jocelyn Blanchard zu halten, ist kein Geheimnis. Dass man am Verteilerkreis aber erst einmal auf der wirtschaftlichen Seite Tatsachen schaffen möchte, ist löblich. Zumal man ja unter Umständen nicht auf die Meisterschaft angewiesen ist, will man sich für das Last-Minute-Scheitern in dieser Uefa-Cup-Saison rehabilitieren. Gewinnt die Austria Anfang März das Cup-Viertelfinale bei Sturm, steht dort keine Mannschaft mehr zwischen der Austria und dem vierten Cup-Sieg in Folge, gegen den die Violetten nicht Favorit wären (ein eventuelles Semifinale in Ried mal ausgenommen). Zudem vertreten die Verantwortlichen bei der Austria die Meinung, dass junge Spieler wie Okotie, Dragovic und Suttner durchaus gut genug und hungrig genug sind, auch in der Bundesliga ihren Weg zu gehen. Gefahr besteht nur, wenn bei Sturm der Lauf den Herbstes mitgenommen wird und dort keine Verletzungen Löcher in das Spiel der Grazer reißen. Prognose: Strauchelt Sturm, wird die Austria zuschlagen. Strauchelt Sturm nicht, wird es schwer.

Zukunftsangst
Frenkie Schinkels ist wahrlich nicht zu beneiden. Die Zukunft des Vereines wackelt bedenklich und ist zu einem großen Teil vom Ausgang der Landtagswahl in Kärnten abhängig. Sprich, wenn das BZÖ gewinnt und der zur FPÖ übergelaufene und in der Generalversammlung als Vereinspräsident bestätigte Canori auf Schmusekurs geht, schaut’s gut aus. Wenn die SPÖ gewinnt, die den Verein als sinnlos von Steuergeld künstlich am Leben gehaltenen Haider-Prestigeobjekt sieht, wird man sehr wahrscheinlich, wie der alte FC Kärnten, ausgehungert. Soll heißen: Die fehlende Million Euro wird nicht aufzutreiben sein, damit die Lizenz nicht zu bekommen. Dennoch muss der Trainer/Manager mit aller Macht versuchen, jetzt schon an einer brauchbaren Mannschaft für die nächste Saison zu basteln (so es denn eine gibt). Und das alleine ist schwer genug.
Mit Torjäger Adi und Flügelflitzer Wolf haben die Klagenfurter im Winter schon die Spieler verscherbelt, die noch Geld in die Kassen spülen. Im Sommer sind mit Haris Bukva, Manuel Weber und Manuel Ortlechner die nächsten Stützen weg. Und bei jeder Menge anderen Spielern laufen die Verträge ebenso aus. Jetzt muss einerseits geschaut werden, wer bleibt, andererseits aber genauso versuchen, adäquaten und leistbaren Ersatz dazu zu bewegen, auf das womöglich sinkende Schiff aufzuspringen. Im Winter hat das mit Altachs verstoßenem Stürmer Jagne (26), den bei der Austria gescheiterten Sand (21), Schinkels-Protegé Salvatore (23) und dem brasilianischen Innenverteidiger Zé Adriano (23) geschafft.
Was für ein Glück für Schinkels, dass sportlich nichts mehr anbrennen kann. Mit einem erstaunlich guten Herbst im Rücken kann er zumindest die unmittelbar bevorstehenden sportlichen Aufgaben mit großer Gelassenheit entgegenblicken. Wann auch immer die ersten Spiele stattfinden – schließlich fehlt im Wörtherseestadion die Rasenheizung. Und da es sich um einen Neubau handelt, sind Sanktionen der Bundesliga nicht auszuschließen… Prognose: Sportlich wird Kärnten nicht mehr in Gefahr kommen. Viel spannender wird die wirtschaftliche und politische Seite.

Sir Pauls erste volle Vorbereitung
Im Sommer übernham Paul Gludovatz sehr kurzfristig das Traineramt bei den Riedern. Die Vorbereitung fiel noch in die Verantwortlichkeit von Georg Zellhofer und Gludovatz‘ Co Gerhard Schweitzer. Die Mannschaft, vor der Zellhofer mangels Qualität die Flucht ergriff, überwintert meilenweit von jeder Abstiegsangst entfernt auf einem sicheren Mittelfeldplatz – auch dank des ausgeklügelten taktischen Konzepts, das der alte Fuchs Gludovatz seiner Mannschaft verordnete, die damit vor allem im eigenen Stadion einige Gegner auf die Hörner nahm. Nun kann der Burgenländer für die Frühjahrssaison seine erste echte, volle, eigene Vorbereitung durchziehen.
Einige der vor allem jungen Generation sind dabei ziemlich ins Schwitzen gekommen, haben etwas derart Intensives noch nicht miterlebt. Mit etwas Personalsorgen wird Ried jedoch in die Rückrunde gehen. Der Abgang von Andi Ulmer wurde zwar finanziell einigermaßen vergütert, für ihn soll Kujabi in die mittlere Dreierreihe im Rieder 3-3-3-1 zurückwandern. Für den linken Platz in der vorderen Reihe holten sich die Innviertler den Yeray Ortega (29) aus der dritten spanischen Liga, aus der sie schon Knipser Nacho Ortiz ausgegraben haben. Die Abgänge von Daniel Toth und Daniel Hofer betreffen zwar nicht die Stammformation, aber nun fehlt es etwas an Alternativen.
Die frei werdenden Plätze wurden mit jungen Spielern aus der Akademie und der Reservemannschaft aufgefüllt. Natürlich wissen die Rieder: In den Abstiegskampf würden sie nicht mal mehr zurückrutschen, wenn sie überhaupt keine Punkte mehr machen würden. Darum wird es im Frühjahr darum gehen, mit dem Weitblick eines Gludovatz schon jetzt zu schauen, wer das Zeug hat, über den Sommer hinaus die Vorstellungen des Trainers umzusetzen. An welchen Positionen es noch fehlt, wo nachgebessert werden muss. Und natürlich auch zu versuchen, die Abwehrstützen Burgstaller, Stocklasa und Brenner zu halten – sie sind die einzigen Leistungsträger, deren Verträge im Sommer auslaufen. Prognose: Da das Umfeld bei Ried wesentlich unproblematischer ist als in Klagenfurt, wäre ein fünfter Endrang keine Überraschung.

Ruhe, bitte!
Während in Ried beinahe langweilige Ruhe herrscht, war der LASK auch in diesem Winter der Traum jedes Boulevard-Journalisten. Kaum eine Woche verging ohne neue Meldung, bei der Fans und Beobachtern die Tränen kamen – sei es vor Lachen, oder vor lauter Unverständnis über den Sauhaufen, als der sich die Linzer präsentierten.
Da wurde Flo Klein schon von Testspielen ausgeladen, weil „der Transfer zu Frosinone eh schon fix“ wäre, nur um selbigen Transfer im letzten Moment doch noch platzen zu lassen. Die Forderung der Linzer, an einem Weiterverkauf beteiligt zu werden, wiesen die Italiener zurück. So bleibt dem LASK statt einer mittelmäßig hohen Ablösesumme im Winter nur die deutlich geringere Ausbildungsentschädigung im Sommer und ein Spieler, den man in wenigen Monaten dennoch los ist, und jetzt eigentlich gar nicht mehr wirklich weiß, was man mit ihm anfangen soll. Da wird dann noch Hoffnung Thomas Piermayr zu den Amateuren zwangsversetzt, weil er sich weigert, seinen in anderthalb Jahren (!) auslaufenden Vertrag jetzt schon zu verlängern.
Da verschreibt man sich im Spätherbst dem Fördern eigener Jung-Talente, um nach ansehnlichen Achtungserfolgen dieser Burschen den abgewrackten Roman Wallner (27), den in Altach vor einem halben Jahr nicht ohne Grund aussortierten Abwehrspieler Pablo Chinchilla (30) und den simbabwischen Mittelfeld-Spieler Justice Majabvi (24) zu holen. Die Folge ist ein veritables Gedränge im zentralen Mittelfeld, wo nun acht Spieler um zwei Plätze rittern.
Zudem wurde in der Führungsetage die Notbremse gezogen: Ehe der im Herbst (einmal mehr) mit seinen Aussagen wild Amok laufende LASK-Boss Peter-Michael Reichel noch größeren Schaden anrichten kann, wurde mit dem ehemaligen Bundesliga-Chef Reinhard Nachbagauer ein beruhigendes Ventil als Geschäftsführer installiert. Eigentlich wäre der Frühling jetzt mangels sportlicher Gefahren und Ambitionen eine schöne Gelegenheit, wieder etwas Ruhe einkehren zu lassen. Aber der LASK wäre nicht der LASK, wenn er diese Chancen nützen würde. Prognose: Die Linzer werden kaum vor Ried ins Ziel kommen. Das sollte die einzige sportliche Sorge der Linzer sein, denn nach hinten brennt im Normalfall nichts mehr an.

Bruchlandung voraus?
Es war verdächtig ruhig, in diesen Wintermonaten in Kapfenberg. Der monströs große Kader wurde um einige Reservisten verkleinert, vom sich gerade im Wachkoma befindenden Nachbarn aus Leoben sicherten sich die Falken die Dienste der Stürmer Deni Alar (19) und Srdjan Pavlov (25). Grundsätzlich keine schlechte Idee, denn die 24 Tore in den ersten 22 Spielen waren nicht gerade eine überzeugende Quote. Die Frage ist nur, ob die beiden Spieler, die selbst in der Ersten Liga noch nicht lange zum Stammpersonal gehört hatten, im Bundesliga-Abstiegskampf wirklich weiterhelfen können. Denn auch, wenn Kapfenberg fünf Punkte Vorsprung auf den Abstiegsplatz hat, wirklich viel mit Bundesliga-Niveau hatten einige Auftritte des Aufsteigers nicht zu tun. In Klagenfurt fingen sie sich sechs Stück ein, in Salzburg gleich sieben. Drei der fünf Punkte Vorsprung haben sie zudem der mangelnden Berufsauffassung der Salzburger Bullen zu verdanken, die sich von Kapfenberg eine völlig lächerliche 2:5-Pleite andrehen ließen.
Ansonsten sind es vor allem die beiden direkten Konkurrenten, gegen die das Team von Werner Gregoritsch das Punktekonto auffetten konnte: Sechs Punkte gegen Mattersburg, drei gegen Altach – zählt man die drei Punkte aus Salzburg dazu, bleiben noch exakt sechs Punkte (darunter genau ein Sieg) aus den 14 restlichen Spielen. Und das reicht natürlich nicht annähernd, sollten Mattersburg und Altach ihre Möglichkeiten in den verbleibenden Spielen halbwegs an den Tag legen können, denn diese beiden sind (jetzt) jederzeit in der Lage, auch mal ein Team von Platz sieben aufwärts zu schlagen. Woran Kapfenberg vor allem krankt: Die grundsätzliche Spielanlage, gut zu stehen und mit Kampfkraft dagegen zu halten, ist für einen Aufsteiger zwar legitim, 49 Gegentore torpedieren diesen Plan aber gehörig. Nach vorne fehlt das spielerische Element, auch mal mit besseren Mannschaften mithalten zu können. Und so werden Erfolgserlebnisse auch im Frühjahr eher selten sein. Prognose: Läuft es halbwegs normal, steigt Kapfenberg ab.

Charaktersache
Unglaubliche 15 Spiele ist Mattersburg nun schon sieglos – die längste Serie seit den 25 Spielen von Austria Lustenau in deren Abstiegsjahr 1999/00. Dass Trainer Franz Lederer noch im Amt ist, liegt wohl nur am guten persönlichen Einvenehmen mit Klub-Boss Pucher – und der Tatsache, dass Mattersburg trotz der schwarzen Serie nicht nur voll dabei sind im Kampf um den Klassenerhalt – sondern nicht einmal Letzer sind. Das Glück der Burgenländer, dass Altach und Kapfenberg auch nicht entscheidend besser agieren, wird sich aber nicht in gleichem Maße im Frühjahr fortsetzen lassen.
Darum ist es unbedingt notwendig, dass sich in Mattersburg keiner mehr vor der Realität verschließt, und die heißt nun mal Abstiegskampf. Sicher ist, dass auch ohne Didi Kühbauer und dem in Deutschland auftrumpfenden Christian Fuchs der Kader absolut stark genug ist, um im Rennen gegen den letzten Platz zu bestehen. Ein Michael Mörz ist zwar kein Thema mehr im Nationalteam, Bundesliga-Format hat er aber. Genauso wie die meisten anderen im Team. Der Klassenerhalt wird aber, trotz der Erfahrung im Kader, nur dann gelingen können, wenn sich die Mannschaft auf das Sportliche konzentriert, und nicht immer wieder unnötige Nebenschauplätze eröffnet. Ilco Naumoski ist da in erster Linie gefordert, sich zurückzunehmen – seine Ego-Trips haben Mattersburg schon einiges an Punkten gekostet.
Mithelfen beim Unternehmen Klassenerhalt sollen auch zwei Slowaken: Mittelfeld-Aktuer Stanislav Velicky (27) kommt vom slowakischen Spitzenteam Artmedia Bratislava, der 1.88m große Stürmer Robert Ujcik (19) aus der Jugend von Derby County. Im Gegenzug trennten sich die Burgenländer von Blondschopf Csaba Csizmadia und Akos Kovrig – ansonsten müssen es diejenigen richten, die den neuten Platz im Herbst zu verantworten haben. Prognose: Zerfleischen sich die Mattersburger nicht selbst, bleiben sie drin. Blöd spielen dürfen sie sich aber nicht.

Kaufrausch, auf wessen Kosten auch immer
Wer hat’s bezahlt? Das ist die große Frage aller Fragen, wenn es um die umfassenden Transfertätigkeiten des Schlusslichts im Winter geht. Denn nicht nur, dass die Altacher viel eingekauft haben – nein, was sich da nach Vorarlberg lotsen ließ, hat (zumindest auf dem Papier) richtig Qualität. Tomas Jun (26) war schon tschechischer Teamspieler, Torschützenkönig und Spieler des Jahres, wurde von Teplice ausgeliehen. Der Montenegriner Srdjan Radonjic (27), der sein Sturmpartner sein wird, war vor zwei Jahren erfolgreichster Torjäger der serbischen Liga, trug ebenso schon den Teamdress. Rechtsverteidiger Olubayo Adefemi (23) holte mit dem nigerianischen Team Silber bei Olympia in Peking, kommt von Rapid Bukarest.
Zellhofer-Spezi Pepi Schicklgruber (41) soll im Tor verhindern, dass der Gegentorschnitt weiterhin bei drei pro Spiel liegt. Vor ihm soll unter Anderem Ousman Sonko-Pa (24) aufräumen – der Teamspieler aus Gambia kommt von den Salzburger Jungbullen. Markus Kiesenebner (29), der auch verletzungsbedingt in Norwegen keinen Fuß auf den Boden brachte, soll das Mittelfeld zusammenhalten und mit seinen Gewaltschüssen für Gefahr sorgen. Und ob schließlich Horst Freiberger (23), von den Rapid Amateuren gekommener Stürmer, viel zum Spielen kommen, darf angesichts der neuen Konkurrenz durchaus bezweifelt werden.
Wie auch die Aussichten auf deutliche Besserung in der im Herbst kaum regionalligatauglichen Defensive eher düster sind – denn hier wurde nur mit dem Gambier Sonko nachgebessert, der den Nachweis von Bundesliga-Format bei den Jungbullen noch nicht erbringen konnte. Und mit Adefemi natürlich, dessen Arbeitserlaubnis aber noch auf sich warten lässt – weshalb die Vorarlberger kurz vor dem Start noch die Dienste des vereinslosen Serben Slavoljub Djordjevic (28) sicherten. Ja, und woher kam es nun, das Geld? Wirklich nur von den nicht fälligen Punkteprämien im Herbst und dem aufgelösten Fuchsbichler-Vertrag? Kaum vorstellbar. Half wirklich Franz Grad seinem guten Freund Zellhofer aus, um ihm mit Altach die schnelle Flucht aus dem Keller zu ermöglichen? Alle dementieren das, aber was sollen sich auch sonst tun. Tatsache ist jedoch: Die Neuen, wer auch immer sie bezahlt haben mag, heben das Niveau vor allem in der Offensive der Mannschaft schon deutlich. Und wenn das heißt, notfalls vier Tore zu schießen, wenn man hinten drei bekommt, soll das dem neutralen Beobachter durchaus recht sein. Prognose: Fangen sich die Altacher entscheidend weniger Gegentore ein als vor der Winterpause, sollte dem Klassenerhalt nichts mehr im Wege stehen.

(phe)

Foto: Valter Jacinto | Portugal (CC2.0 BY-NC-SA)

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Die Ballverliebt-Bundesligavorschau https://ballverliebt.eu/2008/07/02/die-ballverliebt-bundesligavorschau/ https://ballverliebt.eu/2008/07/02/die-ballverliebt-bundesligavorschau/#comments Wed, 02 Jul 2008 11:54:46 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=242 Die Ballverliebt-Bundesligavorschau weiterlesen ]]> Nur neun Tage nach dem Finale der sportlich hochklassigen Europameisterschaft werden wir recht abrupt wieder auf den harten Boden der deprimierenden Tatsachen zurückgeholt: Schon am kommenden Dienstag stehen sich im Eröffnungsspiel zur neuen Saison das ausgeblutete Sturm und Meister Rapid gegenüber. Zehn Teams wollen Meister werden, in den UEFA-Cup kommen, oder nicht absteigen. Was ist für diese zehn Teams möglich?

SK Rapid Wien
Wer hätte das gedacht? Rapid holte den Titel, baute den Rekordmeister-Status mit der 32. Meisterschaft aus. Die Grünen waren zur Stelle, als die haushohen Favoriten aus Salzburg immer wieder Punkte liegen ließen. Und das, obwohl Trainer Pacult ob seinem umstrittenen (und zuweilen kommunikationslosen) Umgang mit der Mannschaft kein uneingeschränkter Publikumsliebling ist. Zudem bot seine Mannschaft, taktisch betrachtet, Steinzeit-Fußball und der Titel wurde nicht eingefahren, weil man so gut war, sondern die Konkurrenz so schwach. So oder so: Wirbelwind Ümit Korkmaz spielte sich mit seiner starken Saison in den EM-Kader und in die deutsche Bundesliga, ist somit der ganz große Gewinner des Jahres. Auch Angriffs-Hüne Maierhofer, das „Phantom von Hütteldorf“, holte sich nach missglückten Abstechern nach Koblenz und Fürth wieder Selbstvertrauen, Kapitän Hofmann nützte die im gewährten Freiheiten ebenso. Doch ist beim Meister nicht alles friedlich: Pacult stänkerte schon lautstark in Richtung der sportlichen Führung, weil neben Korkmaz auch Bazina abgegeben wurde, auf der anderen Seite aber kaum adäquater Ersatz geholt wurde – Marcel Ketelaer ist das nämlich sicher nicht, und ob sich Zweitliga-Torschützenkönig Gartler nun doch beim Meister durchsetzen kann, ist längst nicht sicher. Zudem fällt Torhüter Payer wegen der Erkrankung, die ihm auch die EM-Teilnahme kostete, mindestens bis Winter aus. Als Ersatz wurde Georg Koch geholt – wenn Payer zurückkommt, ist zwischen Sturkopf Koch und Sturkopf Payer der Konflikt vorprogrammiert. Dem Meister steht eine Saison voller Fallen bevor, die es zu meistern gilt. Titelfavorit sind die Grünen sicher nicht – eine UEFA-Cup-Qualifikation muss das realistische Ziel sein.
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Red Bull Salzburg
Mit den Bullen verhält es sich so ein wenig wie mit den Bayern: Auch, wenn sie einmal ein Jahr nicht Meister werden, sind sie in der neuen Saison dennoch klarer Favorit. Die Salzburger haben sich in der abgelaufenen Saison eindrucksvoll selbst geschlagen, das 0:7-Desaster gegen Rapid auf heimischem Kunstrasen ist dafür ein Spiegelbild. Mit großen Ambitionen gestartet, es folgte der schnelle Rückschlag – und die Selbstaufgabe, sobald es schwierig zu werden drohte. Trapattoni schaffte es nicht mehr, in seiner Legionärstruppe das nötige Feuer zu entfachen. Nun versucht sich nach Defensiv-Apostel Trap ein neuer Mann an der Kommandobrücke: Der Holländer Adriaanse versprach den Offensivfußball, den Verein und Fans sehen wollen. Vom ebenso angekündigten österreichischen Weg ist indes nicht viel zu sehen. Viel mehr mutierte Salzburg im Sommer zu einer Art „Barcelona für Arme“, nämlich eine echte Holland-Filiale. Nach dem verpatzten letzen Jahr ohne Meisterschaft und ohne Champions League-Qualifikation steht Adriaanse aber nicht unter Erfolgsdruck – sondern unter Erfolgszwang. Der Meistertitel, und nichts anderes, zählt. Und natürlich endlich auch überzeugende Auftritte auf europäischer Ebene, nachdem in den letzten beiden Jahren jeweils schon im September das Kapitel Europacup erledigt war. Außerdem will das große Stadion gefüllt werden: Denn nach dem langen Hickhack um Rückbau oder Nicht-Rückbau steht nun fest, dass der für die EM erfolgte Stadionausbau bestehen bleibt. Und da in der Meisterschaft das Stadion praktisch nie voll zu bekommen ist, müssen die Bullen umso mehr nach der Champions League trachten. Alles andere als der Titel ist daher nicht akzeptabel, und auf dem Weg dahin können sie sich wieder nur selbst schlagen.
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FK Austria Wien
Eine neue Saison, eine neue Ära – also alles wie immer am Verteilerkreis… Wieder kennt man bei der Austria das Wort „Kontinuität“ nur vom Hörensagen, wieder bekommt die Mannschaft ein völlig neues Gesicht. Was diesmal aber auch im verstärkten Maße an Frank Stronach liegt: Der „Big Spender“ vergangener Tage holte sich gleich vier Spieler, zum Teil echte Stützen, zu seinem Projekt in der 2. Liga; der von Salzburg geliehene Teamverteidiger Gercaliu muss du den Bullen zurück, den schlampigen Lasnik zieht es nach Deutschland. Dafür schließt sich auf der Trainerbank ein Kreis: Austria-Legende Karl Daxbacher, einst vielfacher Meister und Europacupfinalist mit den Violetten, konnte zu einer Rückkehr bewegt werden. Und das, obwohl er bei seinem alten Verein, dem LASK, im Wort stand: Der Rosenkrieg zwischen LASK und Austria um den Trainer war wochenlang das Lieblingsthema der Presse. Nun ist Daxbacher also wieder in Wien, und er wird alle Hände voll zu tun haben, aus dem einmal mehr neu zusammen gewürfelten Haufen zu eine schlagkräftigen Truppe zu machen. Die Liste der Neuen lässt vermuten, dass der Fußball bei der immer eher als „elegant“ bekannten Austria künftig gearbeitet werden soll. Hattenberger ist ein Kämpfer im defensiven Mittelfeld, Krammer eine Arbeitsbiene auf der Außenbahn, U20-Held Madl ein humorloser Verteidiger – nur Mario Bazina, von Rapid geholt, steht für echte Kreativität, und an ihm wird wohl auch die Hauptlast der Angriffsarbeit hängen bleiben. Mössner wird sich erst beweisen müssen, und ober der Chinese Sun Xiang viel mehr als ein Werbegag ist, werden wir ebenfalls erst sehen. Eine Meistermannschaft hat die Austria wohl eher nicht beisammen, viel mehr als der Kampf um die internationalen Plätz wird für die Violetten in dieser Saison kaum drin sein.
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SK Sturm Graz
Auferstehung, Junge Revolution, Senkrechtstarter – wie auch immer man die letzte Saison der Grazer nennt, sie war einzigartig. Denn nur ein Jahr, nachdem der Verein auf dem Sterbebett lag, war Sturm Winterkönig. Und das mit der jüngsten Mannschaft der Liga! Sturm-Urgestein Foda (der Deutsche geht in seine zwölfte Saison in Graz) formte aus einigen hochtalentierten Spielern wie Säumel, Prödl und Salmutter eine gewachsene Truppe, die wohl den schönsten und sicher den modernsten Fußball der Liga spielt. Aber: Im Frühjahr waren die im Herbst so erfrischend und locker aufspielenden Jungstars – mit Haas und Muratovic stehen nur zwei erfahrene Spieler im Kader – dem Druck nicht ganz gewachsen, rutschten noch ab. Am Ende wurde es ein dennoch respektabler vierter Platz, und damit die Qualifikation immerhin für den UI-Cup. Auf eine Wiederholung der letzten, starken Saison braucht man aber in dieser Form nicht zu hoffen: Zu groß ist der Aderlass, den die Grazer hinnehmen mussten. Kapitän Säumel wechselt wohl ebenso ins Ausland wie Abwehr-Turm Prödl, Salmutter wechselt innerhalb der Liga, Krammer ebenso, und auch Außenverteidiger Prettenthaler geht. Sturm steht also vor einem Neustart. Es gilt nun, zum einen die Neuzugänge schnell zu integrieren, und zum Anderen, weitere Talente aus dem riesigen Reservoir, das den Blackies zur Verfügung steht, an die Bundesliga heranzuführen. Der Kader ist immer noch gut genug, um nicht in den Abstiegskampf verwickelt zu werden. Aber vom Meistertitel zu sprechen, wäre pure Träumerei: Auf die treuen Fans wartet also wohl oder übel ein Übergangsjahr – denn selbst für die UEFA-Cup-Plätze ist Sturm nicht gerade der heißeste aller Anwärter.
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SV Mattersburg
War’s das in Mattersburg? Sind die fetten Jahre bei den Burgenländern vorbei? Es deutet einiges darauf hin. Was sich letztes Jahr schon gezeigt hat, ist die zurückgehende Unterstützung der Fans. War Mattersburg 2003 in der Aufstiegssaison als Zweitligist der zuschauerstärkste Verein Österreichs, war man, was diese Wertung betrifft, in der vergangenen Saison nicht einmal annähernd in der oberen Hälfte der Bundesliga-Rangliste. Was jedoch noch viel schwerer wiegt: Mit dem alterswahnsinnigen Kühbauer (Karriereende) und dem schnellen Fuchs (Bochum) gehen das Herz und die Lunge der Mannschaft (Hirn hatte sie vorher schon keines). Wer soll die ersetzen? Gut, Lindström vom Absteiger aus Innsbruck, das sollte zumindest den Kühbauer-Abgang kompensieren (Lindström ist auch sicher nicht so oft gesperrt wie der Ex-Kapitän). Aber nun fehlen der Mannschaft die prägenden Figuren. Jancker wird nicht jünger und ist kein Antreiber, der auf dem Platz eher ruhige Mörz ist keine Führungsfigur, Cem Atan muss erst einmal seine privaten Probleme in den Griff bekommen. Hinzu kommt, dass Mattersburg seit jeher eine Mannschaft ist, die über die Härte kommt. Der Kader war ohnehin schon klein, und ohne Fuchs droht das Team noch mehr zur Tretertruppe zu verkommen, als es ohnehin schon ist. Wie will man die sich häufenden Sperren ausgleichen? Zwei Mal Cupfinale, Europapokal: Das war mal. Die in den letzten zwei Jahren schwächelnde Konkurrenz um die internationalen Plätze hat sich stabilisiert, dazu stellt der LASK eine objektiv deutlich bessere Mannschaft. Ohne Frage: Wenn es nicht von Anfang an läuft, droht Mattersburg der Abstiegskampf. Das Glück der Ostösterreicher: Die Konkurrenz im Kampf gegen den Abstieg sieht so schwach aus, wie seit Jahren nicht mehr. Darum werden sie, auch wenn es knapp zu werden droht, zumindest heuer noch drinbleiben.
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LASK Linz
Lange war sie eine Erfolgsgeschichte, die Rückkehr des LASK in die Bundesliga. Bis wenige Wochen vor Schluss waren die Linzer noch voll dabei im Titelrennen, aber nach dem 0:4 in Salzburg und spätestens nach dem 1:2 gegen Rapid ging es nur noch bergab. Es wurde der sechste Platz, der der Mannschaft auch vor der Saison schon zugetraut wurde. Ob die lange Stärkephase des LASK nun für die Linzer oder gegen die Liga spricht, steht dabei freilich auch einem ganz anderen Blatt Papier. Tatsache ist: Durch seine gute Saisonleistungen (und weil landauf, landab es viele Medien forderten) hüpfte sogar Oldboy Ivica Vastic noch auf den EM-Zug auf. Dort wurde er zwei mal eingewechselt, und war (wie kaum anders zu erwarten war) zwei mal absolut unsichtbar – mit der Ausnahme seines Elfmetertores. Auf nationaler Ebene reicht die Kraft noch für etwas länger als eine halbe Stunde, und außerdem ist er ja nicht der einzige alte Hase beim LASK. Vastic ist, genauso wie Abwehr-Boss Michael Baur, nur unwesentlich jünger als der neue Trainer, der eigentlich ein Teamchef nach englischem Vorbild sein soll: Andrej Panadic kommt auf ausdrücklichen Vorschlag von Vastic, der ihn aus gemeinsamen Tagen in Graz und in Japan kennt. Mit der Bestellung von Panadic zeigte Vastic zudem eindrucksvoll, wer im Verein wirklich das Sagen hat. Neben den erfahrenen Kräften konnten aber auch einige hoffnungsvolle Junge ihr Talent aufblitzen lassen: Niklas Hoheneder spielte in seiner allerersten Bundesligasaison alle 36 Spiele durch, Christoph Saurer löst bei seinem Ex-Verein Austria Wien (der Sauerer billig hergab) mit starken Leistungen Hinternbeißen aus, Florian Klein steht auf dem Wunschzettel der Salzburger. Der Blick geht nun schon ein wenig in die Zukunft beim LASK: Neben dem erfahrenen Markus Weissenberger, der nach zehn Jahren zurückkommt, wurden zudem die jungen Rasswalder (war in Kanada dabei) und Salmutter geholt, vom 16-jährigen Kroaten Budimir erwartet man sich auf Sicht auch einiges. Ein Mittelfeldplatz ist mit dieser Mannschaft das Minimum – vielleicht kann der LASK sogar um den UEFA-Cup mitspielen.
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SV Ried
In einem sind sich alle einig: Die vergangene Saison war eine einzige Katastophe. Wie es Ried schaffte, am Ende immerhin Siebenter zu werden, ist nach dem Chaos-Jahr vielen aber unklar. Mit dem Abgang von Erfolgstrainer Helmut Kraft (der nach Innsbruck ging) fing die Provinzposse erst so richtig an. Mit Co-Trainer Weissenböck und Akademie-Trainer Schimpl wurde eine Doppelspitze auf der Trainerbank gebildet, nach der Winterpause war dann plötzlich nur noch Weissenböck der Coach, das alles begleitet von einer beispiellosen Negativ-Serie. Auswärts zeigte sich der Vizemeister von 2007 (wie das möglich war, wird wohl ein ewiges Mysterium bleiben) stets als williges Opferlamm ohne jede Gegenwehr. Und auch die Heimspiele waren selten überzeugend. Die Siege gegen Altach und Kärnten (die an diesen Tagen einfach noch schlechter waren) besiegelten den Klassenerhalt, aber die Situation wurde dadurch nicht entscheidend besser. Als drei Spiele vor Schluss dann Weissenböck noch gegangen wurde, kam Michael Angerschmid als „Übungsleiter“ – die Ried-Legende übernahm nach seinem Rücktritt als Spieler vor einem Jahr die Bezirksliga-Amatuere der Rieder, und schlug ein Angebot aus der Landesliga aus, weil er sich für diese noch nicht reif fühlte… Das Ende vom Lied: Angerschmid wurde nach den letzten drei Saisonspielen wieder erlöst, und nun soll Georg Zellhofer die völlig neuformierte Mannschaft in ruhigere Fahrwasser leiten. Oder besser: Sollte! Denn schon vor dem ersten Spiel sagte Zellhofer auch schon wieder Auf Wiedersehen. Vier, fünf echte Stützen verlassen den Verein mit dem kleinsten Budget der Liga, Riesentalent Hackmair fällt lange verletzt aus, Spielmacher Drechsel ist gefühlt schon halber Rentner – und mit Stefan Lexa kommt nur ein namhafter Spieler hinzu, ansonsten holte man sich nur Leute aus der 2. Liga. Ob das gutgeht? Ried ist in jedem Fall ein ernsthafter Abstiegskandidat.
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SCR Altach
Der Aufstieg der Altacher im Jahr 2006 war eine Sensation, der Klassenerhalt vor einem Jahr zu einem großen Teil auch dem massiven Punktabzug des GAK zu verdanken. Dass sich die Vorarlberger aber auch noch ein zweites Jahr in der Bundesliga halten konnten, ist schon erstaunlich. Umso mehr, da bis zur Winterpause – also zwei Drittel der vergangenen Meisterschaft – mit Manfred Bender ein Mann den Trainerposten innehatte, der sich sowohl bei der Mannschaftsführung als auch im Umgang mit den Medien als weitgehend unfähig erwies. Der bärbeißige Bender brach den sensiblen Leonardo (die Sensation des ersten Bundesliga-Jahres) endgültig, beschimpfte seine Mannschaft gerne auch über die Medien („Diese Waschlappen könnten nicht mal meine Tochter ausspielen!“) und war überrascht, als er in der Winterpause die Tür gezeigt bekam. Das Spiel der Altacher war zwar vom uralten Roland Kirchler (der seine Karriere nun in der Regionalliga ausklingen lässt) abhängig, aber gegen die noch schwächere Konkurrenz war das mehr als genug. Nun geht Altach also in die dritte Bundesliga-Saison und Trainer Fuchsbichler bekam neben einigen Zweitligaspielern einen echten Kracher in seine Mannschaft: Zé Elias, einst Ballkünstler bei Inter Mailand und mehrfacher brasilianischer Teamspieler, soll dem biederen Spiel der Altacher etwas Glanz verleihen. Und, wenn möglich, den Abstieg ein weiteres Mal verhindern. Das Spielermaterial, mit dem Fuchsbichler operieren muss, ist zwar (abgesehen von Zé Elias, aber ob der wirklich spielen oder nur lässig das Bergpanorama genießen will, ist noch offen) nicht gut genug, um ans Mittelfeld zu denken. Aber dank drei bis vier weiterer äußerst ernsthafter Abstiegskandidaten könnte es auch diesmal etwas werden.
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SK Austria Kärnten
Das haben sich die politischen Entscheidungsträger, die den Retortenklub vor einem Jahr aus der Taufe gehoben haben, ganz anders vorgestellt! Statt mit GAK-Meistermacher Schachner um die Europacup-Plätze zu kämpfen, verpasste sich Schachner nach dem verunglückten 1860-Abenteuer die nächste herbe Delle in seiner Trainer-Karriere. Die Mannschaft, die unter Schachner nie eine war, quälte die erstaunlich zahlreich in die moderne Arena kommenden Zuschauer mit schlimmstem Anti-Fußball. Kaum waren die Kärntner am Tabellenende angekommen, wurde Schachner seines Traineramtes enthoben – seine Tätigkeit als Sportdirekter, die er sich erstritt, war dann nach der Winterpause dran. Als im Winter Frenkie Schinkels aus Sportdirektor geholt wurde, war allen klar: Der farblose Schachner-Nachfolger Klaus Schmidt war auf der Trainerbank nur eine Übergangslösung. Schnell setzte sich Schinkels, mit der Austria immerhin Meister von 2006, selbst auf die Bank und bald stellte sich der Erfolg ein: Schinkels ist kein gewiefter Taktiker, aber eine Stimmungskanone der Marke Klopp. Er schaffte es, die einzelnen Mannschaftsteile zu einer Einheit zu machen, die zwar immer noch nicht Fußball spielen konnte, aber immerhin kämpfte. Das reichte gegen die Innsbrucker, deren Mannschaft sich zur gleichen Zeit immer mehr voneinander entfernte. Nun soll der nächste Schritt nach vorne gemacht werden, und zwar etwas behutsamer, als mit der Holzhammer-Methode von vor einem Jahr. Ob das gelingt, hängt auch von der psychischen Komponente ab: Adam Ledwon, Kampfsau im defensiven Mittelfeld, nahm sich in der Sommerpause das Leben. Nur wenn dieser Verlust (menschlich wie sportlich war Ledwon eminent wichtig) schnell verkraftet wird, kann Kärnten etwas weiter nach oben schauen. Denn mit dem Kader können auch ohne die Vorkommnisse keine Bäume ausgerissen werden.
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Kapfenberger SV
Unglaublich, aber wahr: Kapfenberg ist erstmals nach 41 Jahren wieder in der obersten Spielklasse vertreten. Dabei hätten die Obersteirer in der vergangenen Saison eingentlich Regionalliga spielen müssen! Immerhin sind sie 2007 Vorletzter der 2. Liga geworden und sind somit, zumindest sportlich, aus dieser abgesteigen. Doch die Lizenz-Entzüge von GAK und Admira rettete die Falken, sodass es doch in der 2. Liga weiterging: Als klarer Abstiegskandidat, versteht sich. Doch die Mannschaft spielte sich schon im Herbst in einen Lauf, den man ihr nie und nimmer zugetraut hätte. Im Winter waren es fünf Punkte Vorsprung auf die Verfolger – ein zu kleines Polster, da waren sich alle einig, denn diese Herbstsaison kann Kapfenberg nicht bestätigen. Denkste! Das Team von Werner Gregoritsch (der damit zum 2. Mal in die Bundesliga aufsteigt, er führt schon Mattersburg dorthin) erwies sich auch in der zweiten Saisonhälfte als wesentlich stabiler als die immer mehr schwächelnde Konkurrenz. Schon Wochen vor Saisonschluss stand der sensationelle Meistertitel und damit der Aufstieg der Kapfenberger fest. Doch die wahre Herausforderung kommt erst: Denn ob die junge No-Name-Truppe tatsächlich das Zeug hat, auch in der Bundesliga mitzuhalten, ist doch mehr als fraglich. Zudem wurde bislang kein einziger Spieler geholt, der wirklich über Bundesliga-Erfahrung verfügt. Zumindest in der Defensive wären diese bitter notwendig, denn die Abwehr war schon in der 2. Liga kaum mehr als Durchschnitt. Dafür verfügt die Offensive über Schlagkraft: 79 Mal trafen die Steirer ins Tor, allen voran Michael Liendl: Der offensive Mittelfeld-Mann explodierte förmlich und stand schon bei einigen Bundesliga-Vereinen auf dem Wunschzettel. Dennoch, ein Liendl alleine (zumal der ja auch noch nie Bundesliga spielte) wird die Klasse für Kapfenberg nicht halten können. Da müssen schon auch andere mithelfen – durchaus auch die Konkurrenz.

(phe)

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