Nordkorea – Ballverliebt https://ballverliebt.eu Fußball. Fußball. Fußball. Thu, 13 Mar 2014 07:34:34 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.7.2 Bilanz des Algarve-Cups: Der gigantische Schatten kam 15 Minuten vor Schluss https://ballverliebt.eu/2014/03/13/bilanz-des-algarve-cups-der-gigantische-schatten-kam-15-minuten-vor-schluss/ https://ballverliebt.eu/2014/03/13/bilanz-des-algarve-cups-der-gigantische-schatten-kam-15-minuten-vor-schluss/#respond Wed, 12 Mar 2014 23:02:46 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=9986 Bilanz des Algarve-Cups: Der gigantische Schatten kam 15 Minuten vor Schluss weiterlesen ]]> Vier Spiele lang austesten, wie man den verletzungsbedingten Ausfall von Abwehr-Boss Carina Wenninger kompensiert. So war der Plan beim Algarve Cup. Hat funktioniert. Was nicht geplant war: Dass sich eine Viertelstunde vor Ende des letzten Spiels Laura Feiersinger schwer verletzt. Schien- und Wadenbein sind durch, die Saison für die Bayern-Legionärin vorbei. Bitter! Denn in den 345 Spiel-Minuten davor war eine kontinuierliche Steigerung erkennbar – ausgehend vom völligen Fehlstart in das Turnier.

2:3 gegen Portugal

2:3 (2:2) gegen Portugal
2:3 (2:2) gegen Portugal

„So viele individuelle Fehler…“, stöhnte Teamchef Thalhammer nach dem 2:3 zum Auftakt gegen Gastgeber Portugal. Bei dem er Heike Manhart, zuletzt als RV eingesetzt, neben Gini Kirchberger in die Zentrale zog, jene Position also, die sie auch im Klub bei Szombathely spielt. Statt ihr musste Jenny Pöltl, eigentlich immer auf links unterwegs, als Rechtsverteidigerin aushelfen. Das klappte alles zusammen überhaupt nicht. Die Abstimmung innerhalb der Kette war schlecht, Portugal konnte schnell 2:0 in Führung gehen. Bis zur Halbzeit hatte Österreich auf 2:2 ausgeglichen, aber sowohl Manhart (von Bell ersetzt) als auch Pöltl (von Tieber ersetzt) erlebten die zweite Halbzeit nicht mehr auf dem Platz. Auf das 3:2 von Portugal gab’s keine Antwort mehr.

Das Problem: Mit der wackeligen Defensive ließ sich auch der erhoffte und geplante Druck im Mittelfeld nicht ausüben. Quasi als „Folge-Fehler“: Wenn das Fundament nicht steht, kann man darauf nicht aufbauen. So gab’s gegen ein Team, das man in der letzten Quali zweimal geschlagen und das eigentlich von Österreich deutlich distanziert werden sollte, eine Niederlage. „Ein Selbstfaller“, konstatierte Thalhammer.

0:2 (0:0) gegen Nordkorea
0:2 (0:0) gegen Nordkorea

0:2 gegen Nordkorea

Für das Spiel gegen Nordkorea kehrte Manhart in die IV zurück, rechts von ihr startete aber Lisi Tieber. Im zweiten Spiel mit umformierter Abwehr war die Abstimmung schon deutlich besser, aber die schnellen Vertikal-Pässe nach Ballgewinnen, um die Sturmspitzen Burger und Makas einzusetzen, fielen Österreich sehr schwer. Grund dafür: Die sehr kompakte, flinke und disziplinierte Spielweise des im (von Nordkorea gewohnten) 4-4-1-1 spielenden Gegners – dieses Team kratzt nicht umsonst an den Top-10 in der Weltrangliste. „Dadurch haben wir keinen Zugriff auf den Raum zwischen den Linien bekommen“, nickte Thalhammer nach dem Spiel, in dem man aber selbst so solide agierte, dass man den Koreanerinnen wenig Chancen ermöglichte.

Erstaunlich bei Nordkorea waren indes vor allem die Wechsel von Teamchef Kim Kwang-Min: Er vollzog drei Spielertäusche, alle drei in der ersten Hälfte, wobei er eine nach 19 Minuten gekommene Spielerin in der 36. Minute wieder vom Feld nahm. „Er war wohl nicht ganz zufrieden, das ist aber schon etwas gar wild“, schüttelte Thalhammer den Kopf, „das sind andere Methoden als bei uns…“ In der zweiten Hälfte setzte sich dann doch die höhere Klasse durch, Nordkorea erzielte zwei Tore, Österreich kam nicht wieder ins Spiel zurück. Aber immerhin: Die Leistung war deutlich sicherer als gegen Portugal zwei Tage zuvor.

3:2 gegen Russland

3:2 (2:1) gegen Russland
3:2 (2:1) gegen Russland

Eine Knöchelverletzung bei Gini Kirchberger zwang Thalhammer im dritten Spiel, der EM-Playoff-Revanche gegen Russland, zu einem so nicht ganz geplanten Experiment, das aber gut funktionierte: Neben Manhart rückte nun Sechser Viki Schnaderbeck in die Innenverteidigung zurück. Das hatte der Teamchef eigentlich nicht wollen, weil er auf die Präsenz, die Übersicht und das Passspiel von Schnaderbeck im Mittelfeld nicht verzichten wollte. So rückte Puntigam von der Acht auf die Sechs und Sarah Zadrazil, die im ersten Spiel ganz vorne agierte, wie schon im zweiten Spiel wieder ins zentrale Mittelfeld zurück. Den Gegentreffer nach 18 Minuten glich Nina Burger postwendend aus, nach einer halben Stunde erzielte Nadine Prohaska die Führung.

„Das war phasenweise schon so, wie ich mir das wünsche und vorstelle“, lobte der Trainer. Was heißt: Die Abwehr stand zumeist sicher, der Druck im Mittelfeld war vorhanden und die Russinnen kamen nicht so recht zur Entfaltung. Auch vom 2:2-Ausgleich durch einen Elfmeter ließ sich das Team nicht aus der Bahn werfen, sondern kam dank Nina Burgers Tor kurz vor dem Schlusspfiff sogar zu einem 3:2-Erfolg.

Nur ums nochmal zu sagen: Vor anderthalb Jahren kam Russland im EM-Playoff mit einem 2:0 in St. Pölten und einem 1:1 in Rostov über Österreich drüber und man hatte konstatieren müssen: Österreich hatte Russland Schwächen aufgezeigt, sie aber nicht nützen können.

2:1 gegen Portugal

Die Gruppe C hatte Nordkorea mit drei Siegen vor den jeweils punktgleichen Teams aus Russland, Österreich und Portugal gewonnen – Russland hatte im Dreiervergleich jedoch die bessere Tordifferenz, weshalb sich im Platzierungsspiel Österreich und Portugal noch einmal trafen.

2:1 (2:0) gegen Portugal
2:1 (2:0) gegen Portugal

Diesmal netzte Nadine Prohaska nach nicht einmal drei Minuten, Sarah Zadrazil legte nach einer halben Stunde nach. Die Mannschaft war personell gegenüber dem Russland-Sieg – von der Goalie-Rotation zwischen Kristler und Zinsberger abgesehen – unverändert geblieben. Auf eine abkippende Sechs wurde verzichtet, in der Eröffnung von hinten raus mussten immer wieder lange Bälle herhalten – aber wenn man den Ball mal in der gegnerischen Hälfte hatte, sah das ganz gut aus. Der Druck auf die portugiesische Spieleröffnung war präsent, nach Ballgewinnen wurde schnell der Vorwärtsgang eingelegt. Die Laufwege von Lisa Makas waren gewohnt gut, ihr Torabschluss allerdings leider ausbaufähig.

Hinten brannte nichts an, Portugal war nur aus Standards und aus Weitschüssen in der Lage, Torschüsse zu fabrizieren. Nach der Pause brachte Thalhammer Kirchberger für Manhart, so wurde die vermutliche Variante getestet, mit der es im April wohl in die WM-Quali-Auswärtsspiele in Bulgarien und Frankreich gehen wird.

Zu beobachten war allerdings ein Phänomen, dass schon im August beim Test gegen Belgien zu sehen war: Nachdem Österreich das Spiel kontrolliert hatte, lässt ein Gegentor alles ein wenig flattern – wiewohl sicherlich auch die Kräfte eine Rolle gespielt haben dürften, angesichts der fordernden Spielweise und vier Spielen in sieben Tagen. Unmittelbar vor dem Anschlusstreffer hatte Portugal bereits einen Elfmeter vergeben.

Dass die Mannschaft nach dem Vorfall um Laura Feiersinger, die von Regina Pereira (die dafür nicht mal gelb sah) frontal umgenietet wurde, auch psychisch erledigt war, ist durchaus verständlich. Unverständlich aber, warum Portugal auch in der Nachspielzeit dieses Spiels immer noch so reinholzte, dass Lisi Tieber auch noch ausgetauscht werden musste.

Gut: Variante in der Abwehr wohl gefunden & Standards

Sehr auffällig: Waren Standards, vor allem Eckbälle, in der Vergangenheit alles andere als österreichische Stärken, schlug es beim Algarve Cup häufig nach ruhenden Bällen ein. Beide Tore im ersten Spiel gegen Portugal, das zweite Tor gegen Russland und auch das zweite Tor im letzten Spiel gegen Portugal – vier der sieben rot-weiß-roten Treffer fielen aus Eckbällen. „Es ist uns oft gut gelungen, unmittelbar vor dem Tor unsere Spielerinnen freizublocken“, nickte Thalhammer.

Nach eigenen Ecken entwickelte Österreich (hier in weiß beim 2:1 gegen Portugal) eine ungemeine Torgefahr, aber auch an Defensiv-Standards wurde gefeilt.
Nach eigenen Ecken entwickelte Österreich (hier in weiß beim 2:1 gegen Portugal) gut Torgefahr, auch an Defensiv-Standards wurde gefeilt. (Screenshot: Twitter @iDesporto)

Ebenfalls sehr positiv zu bewerten: Nach anfänglichen Problemen klappte die Variante mit Heike Manhart in der Innenverteidigung ganz gut, auch von jener mit Viktoria Schnaderbeck in der zentralen Abwehr war der Teamchef durchaus angetan. Qualitativ wird Carina Wenninger natürlich weiter fehlen, aber diese vier Spiele waren extrem wichtig, um die Abstimmung mit einer anderen Besetzung zu finden.

Schlecht: Die Feiersinger-Verletzung

Die nicht so gute Chancen-Verwertung bei Möglichkeiten aus dem Spiel heraus ist ein alter Hut, vor allem bei Lisa Makas, daran änderte leider auch dieses Turnier nichts. Das ist aber verkraftbar und daran kann man arbeiten – nicht so tragisch.

Richtig beschissen ist aber die Verletzung von Laura Feiersinger. Natürlich in erster Linie für sie selbst, auch für ihren Klub Bayern München (der neben ihr bei diesem Algarve-Cup auch die Deutsche Leonie Maier durch Kreuzbandriss verlor). Und selbstredend auch für das ÖFB-Team. Bei den letzten 28 Länderspielen war die bald 21-Jährige immer in der Startformation, ihre Energie, ihr Zug nach vorne, ihre Bereitschaft ins 1-gegen-1 zu gehen, all das ist praktisch unverzichtbar.

Inhaltlich ist die rechte Mittelfeld-Seite natürlich weniger diffizil neu zu besetzen wie ein Platz in der Innenverteidigung (wiewohl Feiersinger oft auch ins Zentrum ging, dieses zu überladen half – dafür braucht’s Gespür), aber qualitativ wird’s hart. Jelena Prvulovic kann da eine Option sein – die 18-Jährige vom Wiener Klub Landhaus ersetzte Feiersinger in der Schlussphase. Lisi Tieber hat diese Position schon im Play-Off gegen Russland gespielt, kann das auch. Jenny Pöltl, obwohl die sich links wohler fühlt, kann auch eine Überlegung wert sein. Carina Mahr spielt RM bei Vizemeister St. Pölten und ist auch im U-19-Team auf der rechten Seite daheim – war aber noch nie im Kader der A-Nationalmannschaft.

Alles Spekulation. Und ein ziemlich gigantischer Schatten über einem ansonsten vielleicht nicht superguten, aber doch zumindest ganz okayen Turnier.

(phe)

PS: Ein großer Dank an Dominik Thalhammer und Iris Stöckelmayr für die gute Zusammenarbeit während dieses Algarve Cups. Und den Genesungswünschen für Laura Feiersinger schließen wir uns natürlich an!

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Hinten links nach rechts: Teammanagerin Watzinger, Schnaderbeck, Pöltl, Zadrazil, Kirchberger, Bell, Burger, Prvulovic und Puntigam. Vorne links nach rechts: Manhart, Zinsberger, Tabotta, Kristler, Eder, Prohaska, Aschauer, Tieber, Makas und Sportpsychologin Wolf. Foto: ÖFB/Freunde des ÖFB Frauen Nationalteams (Facebook)
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Asiencup, Tag 13: Ungefährdete Favoriten https://ballverliebt.eu/2011/01/19/asiencup-tag-13-ungefahrdete-favoriten/ https://ballverliebt.eu/2011/01/19/asiencup-tag-13-ungefahrdete-favoriten/#respond Wed, 19 Jan 2011 22:04:11 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=3801 Asiencup, Tag 13: Ungefährdete Favoriten weiterlesen ]]> Wer es in drei Spielen nicht schafft, auch nur ein einziges Tor zu schießen, scheidet verdient aus. Das gilt für die Nordkoreaner genauso wie für das Team aus den Emiraten – und so war es den Favoriten aus dem Irak und dem Iran letztlich ein Leichtes, souverän ins Viertelfinale einzuziehen.

Irak – Nordkorea 1:0 (1:0)

Irak - Nordkorea 1:0

Dem Titelverteidiger aus dem Irak reichte mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Remis zum Viertelfinale. Aber Teamchef Wolfgang Sidka wollte es nicht darauf ankommen lassen und ließ seine Mannschaft von Beginn an nach vorne spielen, das Kommando übernehmen. Wieder war sein System ein Mittelding aus 4-1-4-1 und 4-2-3-1, diesmal mit Karim Mustafa als fleißig aufrückendem Achter auf halblinks. Linksverteidiger Mahid Karim wanderte ins rechte Mittelfeld, und Karrar Jassem kam für Hawar auf der linken Seite zum Einsatz – allesamt Maßnahmen, die sich auszahlten.

Vor allem mit Karim auf der rechten Flanke wussten die Nordkoreaner nicht umzugehen. Zumal sich der irakische Sechser Akram ebenfalls auf diese Seite orientierte und Qusay seine Vorstöße auch über halbrechts setzte – die Iraker schufen so ein deutliches Übergewicht auf dieser Seite, und einige gefährliche Situationen entstanden über dieses Trio. So war es nur folgerichtig, dass das zu diesem Zeitpunkt schon hochverdiente 1:0 für den Irak über genau diese rechte Flanke vorbereitet wurde, Jassem brauchte den Abklatscher von Torhüter Ri Myong-Guk nur noch über die Linie bugsieren.

Die Nordkoreaner spielten wieder in ihrem 4-4-1-1, es fehlte ihnen aber die Breite im Mittelfeld. Immer wieder zogen sich die vier Spieler dort zusammen – das wäre eine gute Idee gewesen, wenn (wie etwa gegen die Iraner) die beiden Außenverteidiger nach vorne gekommen wären, um über die Außen für Druck zu sorgen. Das passierte aber viel zu selten. Immer wieder versuchten es die Nordkoreaner durch die Mitte, über die hängende Spitze Hong, oft auf mit langen Bällen auf Stoßstürmer Jong Tae-Se. Auch das Nachrücken wurde viel zu halbherzig vorgetragen: Kam tatsächlich mal ein Ball vorne an, waren Hong und Jong zumeist gegen eine zahlenmäßige Übermacht der Iraker auf sich alleine gestellte. So hatten die Iraker wenig Mühe, die Führung in die Pause zu bringen.

Völlig unverständlich blieb aber auch nach dem Seitenwechsel, weshalb die Koreaner die Flanken derart vernachlässigten. In den wenigen Situationen, die mal tatsächlich über die Seiten vorgetragen wurden und in denen dann stets durchaus ungehindert geflankt werden konnte, wankte die irakische Abwehr sofort. Es fehlt im koranischen Mittelfeld ganz deutlich ein Spieler, der ein Spiel lenken kann, der Ideen nach vorne hat, der ein Spiel wirklich lesen kann. So blieben die Nordkoreaner eindimensional und berechenbar.

Die Iraker waren – auch aufgrund des Spielstands in der Parallelpartie, bei der die VAE mittlerweile im Rückstand waren – im Wissen, dass nun auch in Remis in jenem Fall reicht, nun nicht mehr allzu versessen darauf, ein zweites Tor zu erzielen und sie zogen sich demnach auch etwas weiter zurück. Mit Amaa Abdul-Zehra kam halb durch die zweite Hälfte dann auch ein zusätzlicher Sechser, wodurch sich nun ein defensiv ausgerichtetes 4-2-3-1 ergab. Natürlich konnten die Nordkoreaner gegen die nun immer tiefer stehenden Iraker nichts mehr ausrichten. Der Ausgleich gelang nicht mehr – geschweige denn, der notwendige Sieg.

Fazit: Die Iraker fanden nach dem Un-Spiel gegen die VAE hier recht schnell wieder zurück in die Spur. Die klare Konzentration auf die rechte Angriffsseite brachte dem Titelverteidiger den frühen Vorteil, die durchaus abgeklärte Spielweise in der zweiten Hälfte war ein Ausdruck des Wissens, dass der Gegner komplett harmlos war. Die Nordkoreaner enttäuschten ähnlich wie im ersten Spiel: Uninspiriert und langweilig schafften sie es nie, den notwenigen Druck zu erzeugen und deshalb müssen sie auch ohne Torerfolg in drei Spielen die Heimreise antreten.

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Iran – Vereinigte Arabische Emirate 3:0 (0:0)

Iran - VAE 3:0

Im ersten Spiel recht ordentlich, im zweiten hingegen ganz und gar nicht überzeugend – für den iranischen Teamchef Afshin Ghotbi, dessen Mannschaft schon vor dem Spiel als Gruppensieger festgestanden war, musste sich die Frage stellen, ob er lieber seiner Stammformation eine weitere Partie zum aufeinander abstimmen gibt, oder ob er die Reservisten zum Einsatz kommen lassen soll. Ghotbi entschied sich für letztere Variante: In der Startformation gab es gegenüber dem mühseligen 1:0 gegen Nordkorea acht Änderungen und am Ende des Spiels hatte er nach seinen Wechseln sämtlichen Feldspielern in seinem Kader schon Einsatzminuten bei diesem Turnier gegönnt.

Das genaue Gegenteil war bei Srecko Katanec zu sehen: Der slowenische Teamchef der Vereinigten Arabischen Emirate schickte im dritten Spiel zum dritten Mal die exakt selbe Formation auf das Feld. Seine Mannschaft musste gewinnen und auf ein Remis im Parallelspiel hoffen, um noch ins Viertelfinale zu kommen, und sie begann auch durchaus forsch. Vor allem über die Seiten schafften es die VAE zu Beginn des Spiels immer wieder, zur Grundlinie durchzukommen. Zudem machte der iranische Zweier-Goalie Shahab Gordan bei seinem Länderspiel-Debüt eine in zwei, drei Situationen eine mehr als unsichere Figur.

Nach etwa einer Viertelstunde rissen sich die Iraner dann aber am Rahmen. Im Mittelfeld wurde nun ein Pressing aufgezogen, dass im Aufbauspiel der VAE wie ein Grenzwall wirkte: Spielerisch war kein Durchkommen mehr. So war der Außenseiter gezwungen, vermehrt auf hohe Bälle in die Spitze zu setzen. Diese wurde aber zumeist relativ sichere Beute der iranischen Defensive – wie schon in den ersten beiden Spielen offenbarten sich auch diesmal große Schwächen im Offensivspiel der VAE. Es fehlte der Zug zum Tor, das Mittelfeld rückte zu halbherzig nach und Khalil fehlt es vorne an der Durchsetzungskraft.

Anders war die Entwicklung bei den Iranern. Nach den Abstimmungsproblemen in den Anfangsminuten wurde das Mittelfeld schnell kompakter, zudem stand im 4-1-4-1 diesmal (anders als gegen Nordkorea) nicht einer der Außenspieler zu weit vorne, um miteingebunden zu werden. Nein, diesmal starteten die Außen (Afhsin rechts und Shojaei links) oftmals erst nach Ballgewinn ihre Sprints, die sie zielstrebig Richtung Strafraum führten; die Seitenlinien wurden vernachlässigt. Das stellte die VAE durchaus vor Probleme, auch wenn es vor der Pause noch keine Tore gab.

Für die zweite Hälfte stellte Ghotbi geringfügig um: Rezaei kam für Shojaei und ging auf seine angestammte rechte Seite, Afshin dafür nach links. Der Eindruck der Schlussphase der ersten Hälfte manifestierte sich aber weiterhin: Gegen die immer stärker werdenen Iraner schafften es die VAE immer weniger, auch nur halbwegs sinnvoll vor das gegnerische Tor zu kommen. Bei den Iranern galt nun „Angriff ist die beste Verteidigung“ und auch Katanec‘ Umstellungen (Omar statt Al-Wehaibi für das Zentrum, dafür Al-Hammadi nach links; danach Al-Shehhi als neuer Quarterback statt Amer) halfen da wenig – und als die Iraner in Minute 70 nach einem (seltenen) Tohuwabohu in der VAE-Abwehr das verdiente 1:0 erzielten, war die Partie entschieden.

Denn im Parallelspiel stand es schon lange nicht mehr Unentschieden, selbst waren die VAE hinten und dass ihnen noch zwei Tore gelingen würden, wo es doch im ganzen Turnier zuvor noch kein einziges gegeben hatte, dass wussten sie sichtlich selbst, war nicht mehr realistisch. Da passte es auch ins Bild, dass eine numerische Überlegenheit (Afshin hatte in der 75. Minute nach einer ungestümen Attacke an VAE-Goalie Nasser Gelb-Rot gesehen) gleich wieder aus der Hand gegeben wurde, als nur vier Minuten später Rechtsverteidiger Sebil nach einer rüden Attacke ebenso vom Platz musste. Und als wenige Augenblicke später das 2:0 für den Iran fiel (durch den im zentralen Mittelfeld extrem starken Nori) war die Partie endgültig gelaufen.

Nicht aber, ohne in der Nachspielzeit noch für ein Kuriosum zu sorgen: Denn ausgerechnet VAE-Innenverteidiger Walid Abbas, der gegen den Irak in der Nachspielzeit das Eigentor zum entscheidenden 0:1 erzielt hatte, lenkte kurz vor dem Schlusspfiff auch in diesem Spiel einen Ball im Laufduell mit Rezaei ins eigene Tor. Dass es diesmal ein bedeutungsloser Lapsus war, der nur noch von statistischem Wert ist, mag ihn trösten. Und die Tatsacher, dass er kein Kolumbianer ist…

Fazit: Nach kurzen Anlaufproblemen war diese Leistung der iranischen Reservisten sicherlich deutlich besser als jene der ersten Mannschaft gegen Nordkorea. Gutes Pressing im Mittelfeld, wenig Probleme in der Defensive und letztlich auch mit den nötigen Toren – sicherlich ist der Iran ein verdienter Gruppensieger, gegen Südkorea im Viertelfinale wird es aber deutlich schwerer als gegen die doch recht biederen Konkurrenten in der Gruppe. Den Spielern aus den Emiraten fehlte es, wie schon im ganzen Turnier, an einem wirksamen Offensivkonzept, an Durchschlagskraft vor dem Tor und sicherlich auch ein wenig an der Spielübersicht. Der zu Beginn äußerst unsichere iranische Schlussmann etwa wurde viel zu wenig geprüft, und wäre es nur aus Distanzschüssen gewesen.

(phe)

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Asiencup, Tag 9: Rückfall https://ballverliebt.eu/2011/01/15/asiencup-tag-9-ruckfall/ https://ballverliebt.eu/2011/01/15/asiencup-tag-9-ruckfall/#respond Sat, 15 Jan 2011 22:47:22 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=3770 Asiencup, Tag 9: Rückfall weiterlesen ]]> Im direkten Duell boten der Iran und der Irak ein wunderbares Spiel. In ihrer jeweils zweiten Partie aber… Die Iraner würgten sich zu einem glücklichen 1:0 gegen Nordkorea und beim Irak wackelte in einem schrecklichen Spiel gegen die VAE fünfmal das Aluminium, ehe in der Nachspielzeit ein Eigentor fiel.

Iran – Nordkorea 1:0 (0:0)

Iran - Nordkorea 1:0

Bei der eher bedrückenden Leistung gegen die Verinigten Arabischen Emirate hatten es die Nordkoreaner nur angedeutet. Gegen die Iraner haben sie dann wirklich gezeigt, dass sie tatsächlich auch offensiven Fußball spielen können! Es kam ihnen allerdings auch ziemlich entgegen, dass die Iraner mit ihrer neuen Formation nicht so richtig zu Rande kamen.

Denn hatte Afshin Ghotbi seine Iraner beim 2:1 gegen den Irak noch in einem 4-4-2 aufgestellt, versuchte er es gegen Nordkorea mit einem etwas schrägen 4-1-4-1, dass etwas hinkte. Denn Mohammedreza Khalatbari, der die linke Offensivbahn einnahm, stand oftmals viel zu weit vorne, um eine Bindung zum Spiel bekommen zu können. Wenn man schon, wie bei es bei der WM einige Mannschaften mit Erfolg gemacht haben, eine schiefe Formation spielt, sollte man auch schauen, dass der vorgerückte Außenstürmer daran auch tatsächlich teilnehmen kann.

Die Koreaner attackierten früh, standen hoch und schoben in ihrem 4-4-1-1 die Mittelfeldkette oftmals zusammen, sodass Platz für die Außenverteidiger entstand. Außerdem ließ sich Hong mitunter ganz in die Mittelfeldreihe zurückfallen, wodurch dort eine koreanische Überzahl entstand und das Trio in der iranischen Zentrale nicht zur Geltung kam. Die Folge: Der Iran war auf lange Bälle in die Spitze angewiesen, um das blockierte Mittelfeld zu überbrücken. Und hierbei kam nichts heraus, was das koransiche Gehäuse nachhaltig gefährden hätte können.

Anders Nordkorea: Nachdem sich der anfängliche Staub etwas gelegt hatte – in den extrem zerfahrenen ersten zehn Minuten hatte der Referee aus Bahrain schon elf Fouls (!) gepfiffen – spielten sie sich immer wieder munter in Richtung iranischen Strafraum, vor allem der körperlich starke und dennoch schnelle Jong Tae-Se sorgte immer wieder für Unruhe. Was den Spielverlauf angeht, mussten die Iraner mussten froh sein, mit einem 0:0 in die Pause zu kommen. Andererseits durften sie sich auch über eine Situation nach einer halben Stunde ärgern, als das vermeintlichte 1:0 (das alles, aber nicht verdient gewesen wäre) von Karim Ansari-Fard aus unerfindlichen Gründen nicht gegeben wurde – denn weder war es Abseits, noch Handspiel…

Für den zweiten Abschnitt nahm Ghotbi dann Iman Mobali aus dem Spiel – gegen den Irak hatte er auf der linken Seite noch eine gute Partie gemacht, hier war er in der Mittelfeldzentrale aber nicht gut aufgehoben. Für ihn kam Mohamed Nouri in die Partie, und er beruhigte das Zentrum sehr schnell. Er zeigte wesentlich mehr Präsenz als Mobali, stand defensiv deutlich sicherer und hatte auch den Blick für den Mitspieler. Einziges Manko: Auch mit Nori wurde das Tempo bei den Iranern nicht höher. Waren die Koreaner immer noch bemüht, das Spiel schnell zu halten, wich bei iranischem Ballbesitz jeder Schwung sofort.

Aber immerhin war durch das verstärkte Mittelfeld die Gefahr deutlich geringer geworden, dass die Iraner in Rückstand geraten könnten. Nach einer Stunde kam dann ein vorentscheidender Wechsel bei den Nordkoreanern: Mun In-Guk, der Mann am linken Flügel, verließ das Spielfeld und für ihn kam mit Ryang Yong-Gi ein gelernter Sechser, der sich nicht sofort für die linke Seite verantwortlich fühlte. Prompt ging kaum eine Minute nach dem Wechsel der Iraner Nouri nach einem Einwurf von Ryang andächtig betrachtet auf dieser Seite durch, flankte zur Mitte und Ansari-Fard verwertete zum durchaus glücklichen 1:0 für den Iran.

Auch Ghotbi hatte gewechselt, und damit auch sein Sytem adaptiert: Mit Gholami Rezaei kam ein neue Offensiver für die rechte Seite statt Rechsverteidiger Nosrati, dessen Position der zuvor als RM agierende Heidari einnahm. Das hieß, dass die Iraner nun mit einem astreinen 4-3-3 auf dem Feld standen. Einziges Manko dabei: Die drei Stürmer Khalatbari, Ansari-Fard und Rezaei standen sehr weit vor dem Rest der Mannschaft, bewegten sich nicht allzu viel und kümmerten sich kaum um die Defensive.

Die ja nun gefragt war, denn die Nordkoreaner mussten ob den Rückstands natürlich vermehrt Risiko gehen. Das Match, das vor dem 1:0 nur vor sich hingeplätschert war, hatte nun merklich an Schwung gewonnen, weil zumindest die sieben restlichen Iraner das erhöhte Tempo mitgingen. Doch obwohl es zur einen oder anderen Chance für Nordkorea kam, ein echter Druck auf das Tor der Iraner konnte nicht entwickelt werden. Dennoch sah Ghotbi das Treiben wohl mit wachsender Sorge, sodass es in der 85. Minute ein Signal an Rezaei und Khalatbari gegeben haben muss – denn schlagartig standen die beiden Außenstürmer nun wieder brav in der Mittelfeldreihe.

Für Nordkorea ergab sich erst in der Nachspielzeit die größte Chance auf einen Ausgleich, der hochverdient gewesen wäre – aber weil Hong aus zehn Metern nur die Latte traf, blieb es beim 1:0 für den Iran.

Fazit: Eine überzeugende Leistung war das von den Iranern beileibe nicht. Langsam, ohne echte Zielstrebigkeit, ja, mitunter gar behäbig traten sie auf. Torchancen wurde über die gesamte Spielzeit sehr wenige herausgespielt, das Tor entstand aus einer Schlafmützigkeit auf Seiten der Nordkoreaner. Diese ließen mit diesem Spiel die drögen Erinnerungen an die destruktive WM vergessen und zeigten, dass sie duchaus auch Offensivblut in ihren Adern fließen haben. Letztlich fehlte es an der Cleverness, die offensichtlichen Schwächen bei den Iranern – die schon fix im Viertelfinale sind – auszunützen.

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Irak – Vereinigte Arabische Emirate 1:0 (0:0)

Irak - Vereinigte Arabische Emirate 1:0

Wolfgang Sidka, deutscher Teamchef der Iraker, wusste: Gegen die VAE ist seine Mannschaft, der Titelverteidiger, gefragt. Gegen die konnte er nicht erwarten, die Bürde des Spielgestaltens – wie im offenen Spiel gegen den Iran – zumindest zu gleichen Teilen zu splitten. Darum zog er auch Alaa Abdul-Zehra aus dem defensiven ins offensive Mittelfeld und ließ mit einem 4-1-4-1 spielen. Vor allem in der Anfangsphase ging Linksfuß Hawar auch immer mal wieder auf die rechte Seite, um nach innen zu ziehen; viel Gelegenheit dazu bekam er aber nicht. Denn es passierte – nichts.

Das Team aus den Emiraten fühlte sich ganz offensichtlich sehr wohl damit, den Irakern das Spiel zu überlassen und selbst nur abzuwarten und auf Konter zu lauern. Und dem Team aus dem Irak fiel absolut nichts ein, die zwar tief stehenden, aber nicht einmal besonders aggressiven Gegner aus dem Konzept zu bringen. Ohne jedes Tempo wurde der Ball nur hin- und hergeschoben, ohne dass viele Pässe in die Tiefe gewagt wurden. Und so konnten auch keine ankommen.

Das VAE-Team des Slownenen Katanec brauchte über 20 Minuten, um sich das erste Mal aus dem Kokon zu wagen, aus dem Spiel heraus klappte aber auch bei ihnen kein gewinnbringender Vorstoß. Dafür waren die Standards umso gefährlicher: Der köpfte Al-Kamali nach einem Eckball an den Pfosten (23.), dann setzte Khater einen Freistoß an die Latte. Dazwischen und danach: Wenig Tempo, einigeln, die Iraker machen lassen. Die wurden dann auch mal gefährlich, wenn auch nicht aus dem Spiel heraus. Samal Said traf nach einer Ecke ebenso nur die Latte (39.), und kurz vor der Pause drosch Qusay einen 30-Meter-Verzweiflungsschluss an den Pfosten (42.).

Das Bild änderte sich auch unmittelbar nach der Pause nicht, aber nach einer Stunde merkte das Team aus den Emiraten dann doch, dass dem Irak absolut beizukommen wäre. So zogen sie als erstes an der Temposchraube und intensivierten ihre eigenen Bemühungen nach vorne nun merklich, Ismail Al-Hammadi sorgte für den dritten Aluminium-Treffer seiner Mannschaft (63.), den fünften insgesamt. Da den Irakern nun die Bürde genommen wurde, alleine das Spiel zu schultern, tauten sie nun auch ein wenig auf. Damit wurde das Match nun durchaus flotter. Besser wurde es aber nicht.

Denn wie schon gegen die Nordkoreaner verstanden es die VAE nicht, sich vor das gegnerische Tor zu spielen – wieder stellten sie zwar das sicher nicht schlechtere Team, aber die Iraker mussten in Wahrheit noch weniger Angst vor einem Gegentor haben als die Nordkoreaner vor vier Tagen. So plätscherte das uninteressante Spiel einem vermeintlich logischen 0:0 entgegen – ehe in der 94. Minute der irakische Stürmer Yunes Mahmud eine Flanke zur Mitte schlug, die VAE-Verteidiger Walid Abbas am Fuß traf – und von dort ins Tor kullerte.

Fazit: Der 1:0-Sieg des Irak ist mehr als glücklich, denn der Titelverteidiger hat rein gar nichts dafür getan, sich die drei Punkte zu verdienen. Mit ideenlosem Standfußball quälte man sich eine Stunde lang, mit hektischem und wenig durchdachtem Panik-Fußball die restlichen 30 Minuten. Besonders bitter ist das Ende natürlich für das Team aus den Emiraten: Einmal mehr das wachere Team, aber einmal mehr krankt es einfach an den Ideen nach vorne. So hat der Irak im letzten Spiel gegen Nordkorea das Schicksal in eigener Hand: Nur bei einer Niederlage wird das Viertelfinale noch verpasst. Dann allerdings fix.

(phe)

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Asiencup, Tag 5: Ultimatives Verschieben https://ballverliebt.eu/2011/01/11/asiencup-tag-5-ultimatives-verschieben/ https://ballverliebt.eu/2011/01/11/asiencup-tag-5-ultimatives-verschieben/#comments Tue, 11 Jan 2011 22:56:23 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=3706 Asiencup, Tag 5: Ultimatives Verschieben weiterlesen ]]> Wie spielt man ein 4-4-2 gegen ein Fünfermittelfeld, ohne permanent in Unterzahl zu sein? Die Iraner machten es in der hochinteressanten Partie gegen Titelverteidiger Irak vor: Mit massivem Verschieben! Gegen diese Partie verblasst das 0:0 der VAE gegen Nordkorea richtiggehend.

Irak – Iran 1:2 (1:1)

Irak - Iran 1:2

Es ist eine großen Problemstellungen dieser Zeit im Fußball: Wie interpretiert man ein 4-4-2, wenn es gegen ein Fünfermittelfeld geht? Der iranische Teamchef Afshin Ghotbi (ein US-Amerikaner übrigens, der als Kind mit seiner Familie den Iran verlassen hatte) bot eine Variante an, die sehr laufintensiv ist, aber durchaus funktionert. Mit massivem Verschieben nämlich. Die Außenspieler Rezaei und Mobali gingen oftmals sogar in die andere Platzhälfte, wenn der Ball in jener war; die beiden Zentral-Defensiven Teymourian und Nekounam sowieso. So wurde in der gerade bespielten Platzhälfte permanent die numerische Unterlegenheit im Mittelfeld ausgeglichen und die irakischen Außenverteidiger (genauso wie die Flügelspieler natürlich) in Arbeit verwickelt, sodass diese sich kaum nach vorne entfalten konnten.

Diese Spielweise bringt natürlich eine riesige Verantwortung für die eigenen Außenverteidiger mit sich, denn diese stehen somit oft alleine gegen eine komplette gegnerische Angriffsseite. Die Schwachstellen im iranischen System des totalen Verschiebens wurden nach etwa einer Viertelstunde erstmals wirklich bestraft: Linksverteidiger Hajisafi (der ansonsten eine blitzsaubere Partie machte) war so weit eingerückt, dass hinter ihm am zweiten Pfosten Emad Mohamad völlig frei zum Schuss kam, Kapitän Younes Mahmoud lenkte den Ball zur 1:0-Führung ab. Umso mehr waren die Iraner nun gefragt – und sie ließen sich von dem Rückstand nicht nachhaltig schocken.

Der Titelverteidiger aus dem Irak erkannte die Problematik im iranischen System und schickte die AV durchaus fleißig nach vorne. Die von ihrem deutschen Teamchef Wolfgang Sidka (früher u.a. bei Bremen Trainer) in einem 4-2-3-1 aufgestellten Iraker versuchten, nicht nur mit dem Vorstoßen in entstehende Räume dagegen zu halten (was nicht übermäßig gut gelang, zu aufmerksam waren die Iraner), sondern durchaus auch mit körperlichem Einsatz. Das Resultat: Das erste wirklich hochinteressante Spiel dieses Asiencups!

Die Iraner kamen zu ihrem Glück noch vor der Halbzeit zum verdienten Ausgleich, weil die permanent auch nach vorne marschierenden Außenspieler im Mittelfeld nach vorne gingen und Fehler zu provozieren versuchten. Eine dieser Unachtsamkeiten nützte Gholam Rezaei (der rechte Mittelfeldspieler) – wenn auch aus abseitsverdächtiger Position – zu jenem 1:1, mit dem die Seiten gewechselt wurden.

Ghotbi muss erkannt haben, dass das schnelle Umschalten der starken Iraker von Defensive auf Offensive seiner Mannschaft durchaus Probleme bereitet hat. Seine Reaktion darauf: Neben dem vielen Verschieben kam nun auch noch massives Pressing gegen den Ball hinzu. Damit kamen die Iraker überhaupt nicht zurecht und so verlagerten sich die Spielanteile nun immer mehr zu Gusten der Iraner. Die kamen nun vermehrt zu Tormöglichkeiten und der sehr sichere irakische Torhüter Mohammed Khassid rückte immer mehr in den Mittelpunkt.

Alleine, das Führungstor wollte den Iranern nicht und nicht gelingen – auch nicht, als die irakische Innenverteidigung bei einem zu kurzen Abstoß geschlafen hatte. Man muss den Iranern aber Respekt zollen, dass die Intensität ihrer Spielweise kaum merklich nachließ und sie den Sieg absolut wollten – während die zunehmend müder werdende Mannschaft aus dem Irak, je näher der Schlusspfiff rückte, immer mehr mit dem Punktgewinn zufrieden war.

Dass die Iraner letztlich doch noch als Sieger hervorgingen, haben sie einem Glückstor zu verdanken. Der eben erst eingewechselte Samer Said hielt den für Stürmer Shojaei gekommenen Khalatbari an der Seitenlinie am Trikot fest, der fällige Freistoß von Mobali sprang an allen vorbei und unter Khassids Bein hindurch zum 2:1 ins Tor. Nach dem rechten Mittelfeldmann hatte nun auch der linke getroffen – und die Iraker hatten keine Antwort mehr.

Fazit: Ein tolles Fußballspiel mit einem verdienten Sieger. Die Iraner interpretierten ihr 4-4-2 mit einigem Risiko und dem Mut zur großen Lücke, konnten den Titelverteidiger aber dank großem Einsatzwillen, hohem Laufpensum und durchaus umsichtiger Verteidigung in Schach halten – und auch vom frühen Rückstand ließen sich die Perser nicht aus der Ruhe bringen.

Die Iraker sollten sich aber nicht allzu lange grämen, denn auch die boten eine wunderbare Leistung und zeigten, dass ihr überraschender Titel vor vier Jahren kein kompletter Zufall war. Die in diesem Spiel an den Tag gelegte Klasse sollte reichen können, sowohl Nordkorea als auch die VAE hinter sich lassen zu können.

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Nordkorea – Vereinigte Arabische Emirate 0:0

Nordkorea - VAE 0:0

Ob Kim Jong-Hun, Teamchef der Nordkoreaner bei der WM in Südafrika, nach dem Turnier tatsächlich in ein Arbeitslager gesteckt wurde, wie mancherorts berichtet wurde, ist nur schwer nachzuprüfen. Sicher ist allerdings: Teamchef von Nordkorea ist er nicht mehr, und mit ihm hat sich auch das 5-3-2 der WM-Tage verabschiedet. Der neue Mann an der Seitenlinie, Jo Tong-Sop, setzte auf ein klassisches 4-4-2, und somit auf eine etwas offenere Spielanlage.

Was sich gegen die Vereinigten Arabischen Emirate auch schnell zeigen sollte: Die Nordkoreaner verzeichneten den besseren Start und hätten durch einen Elfmeter in der 8. Minute auch eigentlich in Führung gehen müssen – aber Hong Yong-Jo knallte den Ball an die Latte. In den Eröffnungsminuten zeigten die Koreaner ansprechendes Kurzpass-Spiel, mit dem die Araber zunächst ihre Probleme hatten. Bald jedoch eroberten die vom Slowenen Srecko Katanec (der sein Heimatland schon zur Euro2000 und zur WM 2002 geführt hatte) betreuten VAE die Kontrolle über das Spiel – und zwar, so hatte man den Eindruck, eher aus der Verlegenheit heraus.

Denn die Spielgestaltung klappte zunächst überhaupt nicht und die VAE kamen nur dann gefährlich in den Strafraum, wenn es gelang, mit schnellen Steilpässen aus dem Mittelfeld Sturmspitze Khalil (oder auch den dahinter postierten Matar) mit Tempo zu schicken. Nach zwei, drei dieser Aktionen trauten sich die Nordkoreaner dann nicht mehr so richtig aus ihrem defensiver werdenden Schneckenhaus. Die Außenverteidiger – die etwa bei der WM gegen Portugal noch fleißig mitgingen (zugegeben, mit verheerenden Folgen) – blieben nun hinten kleben, auch die Mittelfeldreihe postierte sich tief und so wurden die Gegner in der eigenen Hälfte erwartet.

Ohne jedoch eine seriöse Form des Pressing zu spielen, weswegen es den VAE nun immer leichter fiel, den Koreanern ihr durchaus ansprechendes Spiel aufzuzwingen. Katanec stellte sein Team in einem 4-2-3-1 auf, und dieses wurde durchaus qualitativ hochwertig interpretiert. Die beiden Sechser waren sehr agil und wechselten häufig die Seiten und die Höhe am Spielfeld, die Flügelspieler rückten oftmals ein und gewährten den aufrückenden Außenverteidigern so Platz um nach vorne zu gehen, die Nordkoreaner hatten dem kaum etwas entgegen zu setzen – auch, weil die Stürmer Jong Tae-Se (vom VfL Bochum) und Kapitän Hong sich praktisch nicht an der Defensivarbeit beteiligten, die VAE-Sechser Amer Abdulrahman und Subait Khater somit unbehelligt blieben und sich um die Spieleröffnung kümmern konnten.

Dieses Bild änderte sich auch nicht, nachdem es mit einem torlosen Remis in die zweite Hälfte ging. Jo Tong-Sop blieb auch nach seinen Wechseln dem recht statischen und nicht allzu flexiblen 4-4-2 treu und hatte in einigen Situationen durchas Glück, nicht in Rückstand zu geraten. Was dem Team aus den VAE allerdings nicht gelang war es, aus dem deutlichen Übergewicht auch wirklich Kapital zu schlagen – denn der letzte Pass kam immer seltener an.

Die Koreaner verlegten sich zunehmend auf lange Bälle nach vorne, weil sie sich weiterhin nur zögerlich trauten, ihren (ganz ordentlich funktionierenden) Defensivverbund aufzulösen. Was nicht zum Erfolg führte – und weswegen es letztlich beim 0:0 blieb.

Fazit: Eine echte Weiterentwicklung gegenüber der WM ist bei den Nordkoreanern trotz sehr ähnlichem Personal nicht zu erkennen. Im Gegenteil, der Punkt schmeichelt ihnen; dem frühen verschossenen Elfmeter zum Trotz. Das Team aus den Vereinigten Arabischen Emiraten dafür machte einen äußerst patenten Eindruck: Jeder Spieler wusste offenkundig ganz genau, wie seine Aufgaben aussehen, das dem Zeitgeist entsprechende System wurde recht ansehnlich mit Leben erweckt – nur das mit dem Toreschießen haben, wie so viele andere Mannschaften bei diesem Asiencup, auch die VAE nicht erfunden.

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Ein Fleck für den Weltmeister https://ballverliebt.eu/2010/06/26/ein-fleck-fur-den-weltmeister/ https://ballverliebt.eu/2010/06/26/ein-fleck-fur-den-weltmeister/#comments Sat, 26 Jun 2010 10:27:10 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2376 Ein Fleck für den Weltmeister weiterlesen ]]> Die Vorrunde ist geschlagen! Keines der Teams, welches das Achtelfinale wirklich verdient gehabt hätte, hat es verpasst. ballverliebt verteilt den 32 Teilnehmern Noten – und wenig überraschend gibt es für die beiden Finalisten von 2006 einen glatten Fleck…

1

Argentinien – Drei sichere Siege verdienen sich natürlich einen Einser, aber wirklich getestet wurden die Gauchos noch nicht. Die dämliche Performance gegen Griechenland könnte heilsam sein, oder ein Vorzeichen.

Chile – Das wohl aufregendste Team der Vorrunde wäre beinahe an seiner mangelhaften Chancenverwertung gescheitert, zieht aber absolut verdient ins Achtelfinale ein. Und auch wenn dort Schluss sein dürfte, es ist ein erfreulicher Auftitt.

Japan – Viel erwartet haben die Japaner selbst nicht, umso mehr haben sie sich selbst und auch die Beobachter erstaunt. Mit klarer taktischer Ausrichtung und hoher Disziplin geht’s zu Recht ins Achtelfinale.

Neuseeland – Die wahre Sensation dieses Turniers! Die All Whites wären schon zufrieden gewesen, nicht allzu sehr verprügelt zu werden. Und am Ende blieben sie sogar ungeschlagen! Das verdient sich einen Einser mit Sternchen.

Niederlande – Die Holländer haben die besten Voraussetzungen für ein ganz großes Turnier: Drei leichte Siege, ohne annähernd an die Grenzen gehen zu müssen, und absolute Ruhe im und um das Team. Heißer Tipp!

Spanien – Es macht wahre Champions aus, im Krisenfall die absolute Ruhe zu bewahren und sich nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Der Europameister erholte sich wunderbar vom Schweiz-Schock, kam durch und macht vor allem mental einen absolut stabilen Eindruck.

Uruguay – Zugegeben, das ist kein Party-Fußball. Aber die Urus machten in der Defensive staubtrocken ihren Job und vorne schlagen Forlán und Co. zu, wenn es nötig ist. Da ist noch einiges möglich.

2

Brasilien – Ohne Probleme die schwere Gruppe überstanden, aber noch nicht begeisternd: Die Seleção musste noch nicht ihre volles Potential ausschöpfen. Es sah bislang aber schon recht abgebrüht aus.

Deutschland – Die junge Truppe zeigte sich spielstark und behielt vor allem die Nerven, als es zum Alles-oder-Nichts-Spiel kam. Die Pleite gegen die Serben hat man sich selbst zuzuschreiben. Für den ganz großen Wurf wird es aber nicht reichen.

Mexiko – Den Franzosen haben sie eine Lehrstunde erteilt, die Mexikaner, die anderen beiden Spiele waren ebenfalls in Ordnung. Aber das letzte Stück zu einem Topteam fehlt dann doch noch.

Slowenien – Ohne Zweifel, die Ergebnisse waren besser als die Leistung tatsächlich war. Dennoch zeigten die Slowenen, dass ihre Qualifikation kein Zufall war, und fast hätte es ja sogar zum Achtelfinale gereicht.

USA – Für die Amerikaner scheint Südafrika ein guter Boden zu sein. Mit großem Kampfgeist retten sich die US-Boys ins Achtelfinale, und zwar völlig verdient. Und dort muss noch nicht Schluss sein.

3

Algerien – kaum eine Mannschaft zeigte sich in der Defensive derart sicher wie die Algerier, allerdings war auch kein eine andere vorne so derart harmlos. Für ihr Potential waren die Resultate aber in Ordnung.

Australien – Die Socceroos haben sich von Spiel zu Spiel gesteigert, und haben vom Auftaktspiel abgesehen nicht enttäuscht. Mehr war in dieser Mannschaft aber nicht mehr drin.

Ghana – Die Black Stars wurden ihrem Ruf als solidestes Team Afrikas gerecht und ziehen als einzige Mannschaft ihres Kontinents eine Runde weiter. Dennoch: Vorne war’s zu harmlos, der Aufstieg ist eher glücklich.

Honduras – Dass die Mittelamerikaner keine Chance haben würden, war klar. Dass sie sich eher unglücklich vor des Gegners Tor anstellen, war ersichtlich. Dass sie sich dennoch für ihr Potential ganz ordentlich dabei waren, kann aber auch nicht geleugnet werden.

Paraguay – Ja, am Ende steht der Gruppensieg. Aber war das bisher wirklich überzeugend? Vom starken Spiel gegen die Slowaken abgesehen, ist Paraguay bis hierhin fraglos noch unter den Möglichkeiten geblieben.

Portugal – Wirklich überzeugend waren Cristiano Ronaldo und Co. ja nur beim 7:0 gegen Nordkorea. Was das Team wirklich kann, wurde aber noch nicht klar. Das Achtelfinale gegen Spanien gibt darüber sicher Aufschluss.

Südafrika – Dem Gastgeber fehlte es schlicht an der Qualität, um die Vorrunde zu überstehen. Ich im Rahmen ihrer Möglichkeiten haben sie sich ordentlich präsentiert und müssen sich nicht schämen.

4

Côte d’Ivoire – Dass sie’s drauf haben, zeigten sie gegen Nordkorea. Aber das Spiel gegen Portugal gingen die Elefanten zu zaghaft an, jenes gegen Brasilien mit allzu viel Einsatz. Da wäre sicherlich mehr möglich gewesen.

Dänemark – Dem guten Spiel gegen Kamerun zum Trotz reicht es verdient nicht. Zu bieder das Auftreten der Mannschaft, zu harmlos nach vorne, und am Ende versagten dem eigentlich routinierten Team auch noch die Nerven.

England – Ein Glück, dass die Slowenen den Ausgleich nicht mehr geschafft haben, denn über ein Ausscheiden hätte sich in England keiner beschweren dürfen. Immerhin haben die Three Lions im entscheidenden Spiel das Resultat erbracht.

Nigeria – Es war schon wesentlich besser als beim haarsträubenden Afrikacup, aber die Super Eagles müssen sich das Aus mehr dummen Fehlern (die Rote gegen Griechenland, die verpassten Chancen gegen Südkorea) als fehlendem Potential zuschreiben.

Nordkorea – die Abwehrleistung gegen die Brasilianer war durchaus beeindruckend, aber danach trat die geheimnisvolle Mannschaft nur noch als Panikorchester auf. WM-Reife? Na, in vier Jahren vielleicht. Diesmal noch nicht.

Schweiz – Trotz des überraschenden (und glücklichen) Sieges gegen Spanien fahren die Eidgenossen zu Recht nach Hause. Ohne jede Kreativität und Esprit versprühten die Schweizer eher Langeweile und Biederkeit.

Serbien – Arbeitsverweigerung im ersten Spiel, schlechte Chancenverwertung im dritten. Das reicht richtigerweise nicht für ein Weiterkommen, dem Sieg gegen die Deutschen zum Trotz.

Slowakei – Der WM-Debütant war der großen Bühne in den ersten zwei Spielen deutlich nicht gewachsen und profitierte im Dritten von der unsagbaren Schwäche des Gegners. Das Achtelfinale ist wohl doch mehr, als diesem Team zusteht.

Südkorea – Dem überzeugenden Auftritt gegen Griechenland folgte nicht mehr viel, die Asiaten schlichen sich eher ins Achtelfinale. Ein schöner Erfolg, aber ob wirklich noch mehr möglich ist?

5

Frankreich – Schlimmer kann man sich nicht präsentieren. Kopflos auf dem Platz, chaotisch im Umfeld. Als ob sich der Finalist von vor vier Jahren selbst für die umstrittene Qualifikation bestrafen wollte.

Griechenland – Eigentlich ist die Schande noch größer als vor zwei Jahren. Denn die Griechen zeigten gegen Nigeria, dass sie eine starke Offensive hätten. Leider hatte Rehhagel wohl eine Allergie dagegen und Spaß daran, dass man sein Team hasst.

Italien – Es hat sich ja in den letzten Jahren schon abgezeichnet. Aber dass es so schlimm werden sollte? Dem Titelverteidiger fehlte es kurz gesagt an allem. Hinten löchrig, in der Mitte ideenlos, vorne ein Lüfterl. Mehr hat dieses Team nicht mehr drin.

Kamerun – Den Auftritt der Löwen kann man ohne Umschweife als genauso missraten bezeichnen wie den der Franzosen, denn die Ansammlung von Individuen hat sich zu hundert Prozent selbst aus dem Turnier genommen.

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Day 15 / G – Tust du mir nix, tu ich dir nix https://ballverliebt.eu/2010/06/25/day-15-g-tust-du-mir-nix-tu-ich-dir-nix/ https://ballverliebt.eu/2010/06/25/day-15-g-tust-du-mir-nix-tu-ich-dir-nix/#respond Fri, 25 Jun 2010 17:56:07 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2364 Day 15 / G – Tust du mir nix, tu ich dir nix weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Tag 15 – Gruppe G | Zu 99,9% war es ja ohnehin schon entschieden – darum war der letzte Spieltag dieser Staffel auch spannungsarm. Portugal und Brasilien langweilen sich und Publikum mit einem faden 0:0, und die Ivorer holten sich beim 3:0 gegen Nordkorea zumindest noch einen Sieg.

Brasilien – Portugal 0:0

Brasilien - Portugal 0:0

Nicht allzu hoch verlieren – das war wohl die Vorgabe von Queiroz vor dem Spiel seiner Portugiesen gegen Brasilien. Hinten sicher stehen, und kontern, wenn sich die Gelgenheit gibt. Dabei fingen Cristiano Ronaldo und Co. durchaus forsch an, mit einem 4-3-3 – und dem im Nordkorea-Spiel bewährten Tiago in der Mittelfeldzentrale statt des Bremsers Deco. Vor allem über die linke Seite, über die Shooting-Star Coentrão wieder viel Betrieb machte, lief in den ersten 15 bis 20 Minuten einiges. Doch war Cristiano Ronaldo, der als zentraler Stürmer aufgeboten wurde, wegen der brasilianischen Verteidigung nicht vergönnt, wirklich gefährliche Szenen auch vor dem Tor zu haben.

Mit Fortdauer der ersten Hälfte verlegten sich die Portugiesen immer mehr auf die Defensive, was aus der Grundformation eher ein 4-1-4-1 werden ließ. Vor allem die drei etatmäßigen Mittelfeldspieler (Tiago, Pepe und Meireles) standen sehr eng zusammen vor dem eigenen Strafraum, um den Gegnern nicht die Möglichkeit zu geben, sich in selbigen hinein zu kombinieren. Dazu zogen sich Linksaußen Duda (der ja in Málaga und auch im Team schon oft den LV spielt) und Rechtsaußen Danny oft sehr weit zurück, um die starken Flügel der Brasilianer zu bremsen.

Die Seleção war wieder im gewohnten 4-2-3-1 angetreten, aber mit eine komplett neuen Besetzung im offensiven Mittelfeld: Nilmar spielte für Robinho, zeigte aber eine äußerst diskrete Leistung und hat sich fraglos nicht für weitere Einsätze angeboten; Júlio Baptista ersetzte den gesperrten Kaká und spielte eher unauffällig; und Dani Alves durfte für den angeschlagenen Elano als Rechtsaußen ran. Eine Rolle, mit der sich der gelernte Rechtsverteidiger schnell anfreunden konnte, schließlich war er so viele seiner sonstigen Defensivaufgaben los. In der Tat agierten diese drei sehr weit nach vorne gerückt, sodass zuweilen fast eine Vierer-Angriffskette die portugiesische Defensive – zumeist vergeblich – auszumanövrieren versuchte.

Klar ging es für die Brasilianer in diesem Spiel im Grunde um nichts, und angesichts der Ungewissheit, wie die Spanier ihre Gruppe beenden würden, konnte man auch nicht das Resultat kontrollieren, um dem Mitfavoriten wenn möglich aus dem Weg zu gehen. Dass Dunga aber dennoch volle Disziplin einfordert, musste Felipe Melo sehen: Als sich der Sechser auf einen persönlichen Rachefeldzug gegen den ruppigen Pepe begab, musste er noch unmittelbar vor der Pause für Josué das Feld räumen. Die Höchststrafe.

In der zweiten Hälfte wurde noch ein wenig gewechselt und ein wenig der Ball hin und her geschoben, aber da Meldungen von einem möglichen Kantersieg der Ivorer ausblieben, verlor sich das Spiel in harmlosem Ballgeschiebe im Mittelfeld. Das Spiel, dass schon vor der Pause nicht viel hergab, schlief nun komplett ein; mehr als vereinzelte Versuche auf schnelle Vorstöße war von beiden Mannschaften nicht zu sehen. Der mit Abstand aktivste aller Beteiligten war Carlos Dunga, dem der lustlose Auftritt deutlich missfiel. Meireles konnte einen Querschläger von Lúcio nicht im Tor unterbringen; Der eingewechselte Ramires forderte mit seinem 25m-Schuss den portugiesischen Torhüter Eduardo erst in der Nachspielzeit zu einer ernsthaften Rettungstat – mehr war nicht.

Fazit: Es war kein zweites Gijon, aber man wurde von Beginn an das Gefühl nicht los, dass hier beide Mannschaften mit einem 0:0 bei geschonten Kräften vorzüglich leben konnten, zumal ja keiner wusste, mit welchem Resultat man Spanien aus dem Weg gehen kann. Womöglich war auch in den Köpfen der Brasilianer, dass sie mit einem Remis auch den Ivorern noch eine für deren Schweinereien im zweiten Spiel mitgeben könnte. So oder so, das war ohne Frage das bislang langweiligste und auch sinnloseste Spiel dieser WM.

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Côte d’Ivoire – Nordkorea 3:0 (2:0)

Nordkorea - Côte d'Ivoire 0:3

Die eingenordeten Koreaner begannen von der Formation genauso wie in den ersten beiden Spielen (also mit einem 5-3-2) und vom Spielverlauf her genauso wie in der zweiten Hälfte gegen Portugal: Völlig unterlegen. Die Ivorer haben die größte taktische Schwäche der Nordkoreaner – das Stellungsspiel der Außenverteidiger – natürlich erkannt und spielen daher konsequent über die Außen. Gervinho machte das besser, Kader Keita weniger effizient. Diese beiden tauschten auch permanent ihre Plätze, um die ohnehin schon überforderten Außenverteidiger Cha und Ji noch mehr zu verunsichern.

Zudem wurden die beiden gut von Eboué rechts (der sich als Außenverteidiger sichtlich wohler fühlt als noch im Mittelfeld) und Boka links unterstützt, weil diese beiden in der Rückwärtsbewegung praktisch nichts zu tun hatten. Yaya Touré machte den zentralen Ballverteiler, Didier Drogba zeigte im Sturmzentrum, was er draufhat – sinnbildlich die Szene, als sich ihm zwei Verteidiger in den Weg stellen und letztlich beide das Nachsehen haben. Zudem vermieden es die Koreaner, wie schon in den ersten beiden Spielen, allzu heftig in Zweikämpfe zu gehen. Logisch, aufgrund der körperlichen Statur der kleingewachsenen Asiaten. Aber dann hätte das Stellungsspiel wesentlich sicherer sein müssen und der Vorwärtsdrang, um Entlastung zu schaffen, viel deutlicher erkennbar.

So standen die komplett verunsicherten und körperlich um Lichtjahre unterlegenen Koreaner hinten drin und hofften, dass die Ivorer es nicht so flott angehen wie die Portugiesen. Weil aber die Ivorer wussten, dass nur ein Kantersieg ihnen die theoretische Chance auf das Achtelfinale erhalten würde, spielten sie natürlich gnadenlos nach vorne und führten folgerichtig nach zwanwzig Minuten schon mit 2:0. Die Afrikaner hatten Ballbesitz ohne Ende und nagelten den Gegner hinten weitgehend fest (mehr als einen Freistoß brachten die Nordkoreaner vor der Pause nicht zustande), verpassten es aber, die Führung noch weiter zu erhöhen.

Das führte sich auch in der zweiten Hälfte fort: Die Koreaner verteidigen viel zu nachlässig, standen oft viel zu weit von den Gegenspielern weg und sahen sich weiterhin rollenden Angriffen der Ivorer gegenüber. Diese realisierte dann aber doch, dass das Achtelfinale ein Wunschtraum bleiben wird, auch weil nicht annähernd das verdiente Kapital aus der drückenden Überlegenheit geschlagen wurde. So wurde das Tempo nach einer Stunde deutlich gedrosselt, auch die Genauigkeit der Angriffsbemühungen ging merklich zurück.

Der Sieg war nun sicher, allerdings auch, dass es nicht für das Achtelfinale reichen wird. Das sah man dem nun aufsteckenden Team der Ivorer auch an – da half auch die Einwechslung von Seydou Doumbia als viertem Stürmer nichts. Ja, es gab noch das 3:0, aber mehr als Kosmetik war das nicht mehr. Und bei den Koreanern? War es wieder einzig Jong Tae-Se, der sein durchaus vorhandenes Können zeigen konnte. Ein Mann von internationalem Format reichte aber um Längen nicht.

Fazit: „Sechs Stück waren locker drin“, bilanzierte der sky-Kommentator, und er hatte damit absolut Recht. Die Ivorer waren von der ersten bis zu letzten Minute das besser, reifere und gefährlichere Team. Die Koreaner versuchten von Anpfiff weg, die Niederlage im erträglichen Rahmen zu halten. Das gelang zwar, aber weniger wegen der eigenen Defensivstärke – von der war nichts mehr zu sehen – sondern am schlampigen Gegner.

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Das war die Gruppe G: Samba-Fußball war es nicht – aber das durfte auch keiner, der sich auch nur ein kleines bisschen mit Fußball beschäftigt, von diesem Team aus Brasilien erwarten. Unterkühlt und geduldig kamen sie zu zwei verdienten Siegen gegen die Koreaner und die Ivorer, im Spiel gegen Portugal tat sich dann keiner mehr weh. Es ist nicht anzunehmen, dass sich die Spielweise in der K.o.-Runde ändern wird. Aber die Antwort auf die Frage, wie das Team auf einen Rückstand reagiert, steht noch aus.

Auch für Portugal geht’s ins Achtelfinale. In erster Linie war es natürlich das 7:0 über Nordkorea, das die Gruppe de facto schon am zweiten Spieltag entschied, der vorsichtigen Nullnummer zum Auftakt gegen die Ivorer zum Trotz. Das Minimalziel ist nun erreicht, aber wirklich Bemerkenswertes gegen Teams mit Achtelfinal-Format war noch nicht dabei. In erster Linie an sich selbst gescheitert ist Côte d’Ivoire: Nicht konsequent genug das an sich gute Spiel gegen Portugal genützt, gegen Nordkorea nicht annähernd das Ergebnis geholt, das der hochüberlegenen geführten Partie entsprochen hätte – und so ist das Aus womöglich die gerechte Strafe für die Attentate auf die Brasilianer.

Und dann wäre da noch Nordkorea. Keine Frage, das 1:2 zum Auftakt gegen Brasilien war die beste Leistung, aber dieses Spiel gegen ein Team, das sich nur für den Sieg und nicht für das Ergebnis interessiert hat, ließ die Koreaner auch glauben, man könne zumindest halbwegs mithalten. Doch gegen Portugal wurde der Mannschaft sehr drastisch aufgezeigt, wie viel zum WM-Format wirklich noch fehlt; gegen die Ivorer hätte es leicht ein ähnliches Debakel geben können. Wenn das Team nicht aus seiner (natürlich auch politisch bedingten) Isolation herauskommt und sich öfter mit guten Teams misst, wird die Konkurrenzfähigkeit nicht steigen.

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Day 11 – Effektive und weniger Effektive https://ballverliebt.eu/2010/06/21/day-11/ https://ballverliebt.eu/2010/06/21/day-11/#comments Mon, 21 Jun 2010 13:25:28 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2303 Day 11 – Effektive und weniger Effektive weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Tag 11 | Portugal zeigt nach der Pause, wie man was für die Tordifferenz macht und gewinnt 7:0. Die Spanier (gegen harmlose Honduraner) und die Chilenen (gegen dezimierte Schweizer) zeigen, wie man das nicht macht und verpassen mögliche höhere Siege.

Portugal – Nordkorea 7:0 (1:0)

Portugal - Nordkorea 7:0

Da schau her: Die Nordkoreaner zeigten sich gegen die Porugiesen wesentlich frecher als beim 1:2 gegen Brasilien, aus dem 5-3-2 in der Defensive wurde nun über weite Strecken ein 3-5-2, weil die beiden Außenverteitiger Ji und Cha deutlich mehr aufrückten und die Außen der Portugiesen (Cristiano Ronaldo und Simão) schon früh stellen konnten. Vor allem Cristiano Ronaldo (der, anders als gegen die Ivorer, diesmal über die linke Seite kam) war nicht besonders lauffreudig und es wurde schnell deutlich, dass der vor allem langen Bällen auf ihn keinen Schritt entgegen geht – so hatten die aufmerksamen Koreaner wenig Probleme, ihm immer wieder die Bälle zu nehmen, bevor er sie überhaupt hatte.

Zudem hatte man den Eindruck, dass die Portugiesen mit den deutlich mutigeren Koreanern nicht gerechnet hatten, vor allem im Mittelfeld kamen die Favoriten kaum zum Zug, die Außenverteidiger (vor allem Cha rechts) waren ständig nach vorne unterwegs und es gab durchaus die Möglichkeiten, dass die Portugiesen sogar in Rückstand geraten. Diese versuchten zu selten, gegen die Dreierabwehr in den schnellen Vorwärtsbewegung breit zu machen, bevor die Außenverteidiger zurück waren. Doch die Nordkoreaner machten in der Abwehr dann den Fehler, der schon gegen Brasilien zu zwei Gegentoren geführt hat: Halbherziges Stellungsspiel auf der linken Abwehrseite, ein schneller Pass und Meireles stand frei vorm Tor, 1:0. Eine der wenigen gelungenen Aktionen von der Flanke, auf der Simão ansonsten nichts zeigen konnte und .

Nach der Pause machten die Portugiesen vieles besser, was davor nicht zur Zufriedenheit passierte – vor allem das schnelle Spiel über die Außen. Kaum ging Crsitiano Ronaldo mal mit Tempo zur Grundlinie, riss die koreanische Dreierkette auseinander. Dass allerding bei einem Mondball aus dem Mittelfeld selbige auch schon die Orientierung verliert, ist eher erstaunlich – und wieder war es mit Ri Kwang-Chon der linke Innenmann, der den Stellungsfehler beging. Und wieder kam die Aktion zum 2:0 über die recht Seite, die ja zuvor gar nichts zeigte.

Dass Queiroz in der Halbzeit seine Mannschaft ganz offensichtlich darauf aufmerksam machte, „Hallo, wir spielen hier gegen eine Dreierkette – also konsequent ab über die Außen!“, trug früchte. Sowohl beim 3:0 als auf beim 4:0 rissen Coentrão und Cristiano Ronaldo mit beherzten Läufen über die Seite die Dreierkette auseinander, flankten, und der Mann in der Mitte (erst Almeida, dann Thiago) nützten den Platz in der Mitte und sagte „Danke“. Kurz darauf das selbe Spielchen über rechts (wieder über Ronaldo), das hätte schon das 5:0 sein müssen – die Koreaner wussten darauf überhaupt nicht zu reagieren. Darum legten die nun wesentlich sichereren Portugiesen konsequent den Finger in diese Wunde.

Die Koreaner waren nun sichtlich durch mit den Nerven (Ri Kwang-Chon, der schon bei den ersten vier Toren schlecht gestanden war, produzierte den Querschläger, den Liédson zum 5:0 ausnützte), konnten das disziplinierte Spiel wie gegen Brasilien und das mutige der ersten hälte heute nicht mehr aufrecht erhalten. Nur Sturmspitze Jong Tae-Se ließ sich nicht entmutigen, doch sonst ging es für die Nordkoreaner nun nur noch darum, das Ausmaß der sportlichen Katastrophe einzudämmen – was nicht gelang, denn die völlig entnervte Defensive kassierte gegen die nun groß aufspielenden Portugiesen dann noch zwei Treffer. Cristiano Ronaldo durfte seine großartige zweite Hälfte mit dem Ende seiner Torsperre belohnen, beim 6:0 schlief Park Chol-Jin, der rechte Innenverteidiger; und beim 7:0 der sonst so sichere zentrale Mann, Ri Jun-Il.

Fazit: Die Portugiesen enttäuschten vor der Pause gegen freche Koreaner, spielten aber nach der Pause groß auf, weil sie die Schwächen der Asiaten brutal aufdecken konnten. Das höchste WM-Sieg seit dem 8:0 der Deutschen gegen Saudi-Arabien vor acht Jahren hievt Portugal zu 99% ins Achtelfinale. Den Koreanern kann man nur wünschen, dass der „Geliebte Führer“ in der Heimat das Spiel nicht gesehen hat.

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Chile – Schweiz 1:0 (0:0)

Chile - Schweiz 1:0

Der überraschende Sieg der Schweizer über Spanien bedeutete für Chile: Siegpflicht! Aber die Südamerikaner, die gegen die zwei Schweizer Spitzen mit einer Dreierkette (Medel, Ponce, Isla) verteidigten, kamen gegen die im Mittelfeld sehr aktiven Gegner zu Beginn überhaupt nicht zurecht. Die Eidgenossen waren wie gegen Spanien recht defensiv ausgerichtet, mit Inler und Huggel in der Zentrale, und auch Gelson auf der linken Seite ist eigentlich gelernter defesniver Mittelfeldspieler. So kam die chilenische rechte Seite mit Isla und Sánchez, die gegen Honduras groß aufgespielt hatte, nicht in die Partie, und weil auch Behrami auf der rechten Seite der Schweizer eher defensiv denkt und spielt, konnte auch das Duo Vidal/Beausejour in Schach gehalten werden.

Wollten aber die Schweizer nach vorne spielen, bot sich ihnen ein Spiegelbild: Carmona und seine Kollegen im chilenischen Mittelfeld machten die Räume ebenso eng, sodass es auch für die Schweizer kein Durchkommen gab. Das Resultat war ein wenig ansehnliches Kampf- und Krampfspiel, das sich fast ausschließlich im Mittelfeld abspielte; und weil der arabische Schiedsrichter recht kleinlich agierte, sammelten sich schon früh diverse Verwarnungen an. Bewegung kam erst ins Spiel, als nach einer halben Stunde der Schweizer Valon Behrami für einen Ellbogencheck (völlig zurecht) vom Platz flog.

Nun ging Stürmer Alex Frei auf die Behrami-Position zurück, und die Chilenen reagierten insofern darauf, dass sie sofort die Seite mit Frei und Lichtsteiner anbohrten. Sofort kamen zwei, drei gefährliche Situationen zu Stande, die Hitzfeld noch vor der Pause dazu zwangen, mit Barnetta einen echten Mittelfeldspieler anstatt des defensiv überforderten Frei einzuwechseln.

Für die zweite Hälfte ließ zwar Bielsa nicht, wie eigentlich zu erwarten gewesen wäre, gegen nun nur noch einen Stürmer seine Dreierkette auf, brachte aber mit Valdivia einen spielstärkeren Stürmer für Suazo und mit Mark González einen Linksaußen für Vidal; Beausejour rückte eine Position zurück ins linke Mittefeld. Gegen die dezimierten Schweizer übernahmen die Chilenen nun voll das Kommando, kamen aber auch aufgrund ihrer kleineren Statur gegen die physisch starken Schweizer Abwehrspieler nicht so richtig zum Zug; ein vermeintliches Tor wurde zu Recht wegen Abseits nicht anerkannt.

Nach einer Stunde kam noch Sturmspitze Paredes für Matí Fernández, der als Spielgestalter gegen die vielbeinige gegnerische Abwehr kein Mittel fand, und Bielsa stellte nun doch auf zwei Innenverteidiger um – Jara ging auf die linke Seite. Der spielerische Druck, den die Chilenen ausübten, wurde dann doch noch mit dem 1:0 belohnt (wenn es Abseits gewesen sein sollte, reden wir hier von Millimetern – kein Vorwurf), weswegen Hitzfeld reagierte und mit Bunjaku doch wieder eine zweite nominelle Spitze brachte. Bunjaku brachte zwar die meiste Zeit auf der linken Mittelfeldseite zu, auf der er Gelson ersetzte, die Chilenen gingenaber wieder zurück zur Dreierkette und lauerten auf Konterchancen. Diese boten sich zwar, wurden aber ebenso kläglich vergeben wie Derdiyoks Hundertprozenter kurz vor Schluss für die Schweizer.

Fazit: Die Chilenen feiern einen hochverdienten Sieg, weil sie nach dem Ausschluss das Heft des Handelns in die Hand nahmen. Weil es ihnen aber an der Abgeklärtheit vor dem Tor fehlte, dürfte dieser zweite 1:0-Sieg wohl dennoch zu wenig sein – vorausgesetzt, die Spanier werden ihrer Favoritenrolle gegen Chile gerecht und die Schweizer der ihren gegen Honduras.

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Spanien – Honduras 2:0 (1:0)

Spanien - Honduras 2:0

Nominell stellte Del Bosque mit Torres und Villa zwei Spitzen auf, er veränderte aber sein 4-2-3-1 nicht, weil Villa die Position auf der linken offensiven Mittelfeldseite einnahm. Das hatte Sinn, weil Villa somit einigen Platz vor sich hatte, um seine Fähigkeiten auszuspielen. Und es funktionierte auch: Vor allem in der Anfangsphase ging jede gefährliche Aktion über Villas linke Seite, folgerichtig auch die schöne Einzelleistung zur 1:0-Führung. Dass über seiner an sich starken Leistung der Makel der Tätlichkeit liegt, die ihn nach einer halben Stunde vom Platz fliegen hätte lassen müssen, ist schade.

Torres agierte als Sturmspitze im Zentrum, bekam einige Bälle und seine Teamkollegen versuchten vor allem nach der Führung, ihren durch viele Verletzungen im Saisonverlauf sichtlich verunsicherten Teamkollegen in Szene zu setzen – dass er nicht ganz auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit ist, wurde aber schon deutlich. Nicht ganz mit Villas Zug zum Tor mithalten konnte der eher diskrete Navas, der mehr damit beschäftigt war, den äußerst umtriebigen Ramos abzusichern, als selbst den unmittelbaren Weg zum Tor zu suchen.

Die Honduraner stellten sich in einem 4-1-4-1 auf, mit Wilson Palacios als Sechser und einer sehr defensiv orientierten Viererkette im Mittelfeld, die (oft erfolglos) versuchte, dem spanischen Kurzpassspiel den Weg zu versperren. Auffälligster Mann nach vorne war Walter Martínez, was nicht nur an seiner bunten Frisur lag, sondern daran, dass er sich nicht sklavisch an seine Position im rechten Halbfeld hielt, sondern auch anderswo Lücken im spanischen Mittelfeld ausnützten wollte. Da aber die Honduraner nur recht zaghaft nach vorne spielten, war David Suazo in der Spitze erwartungsgemäß harmlos – zudem beteiligte er sich zumeist an der Defensivarbeit.

Nach der Pause wurde Honduras mutiger – zumindest nominell: Stürmer Welcome kam für den linken Mittelfeldmann Espinoza, er orientierte sich sofort in die Spitze. Suazo wich ins linke Mittelfeld zurück, Guevara ins defensive Mittelfeld – nun agierte Honduras aus einem 4-2-3-1, und sie spielten nun auch beherzter nach vorne. Die unmittelbare Folge: Mehr Platz für die Spanier, und schon stand’s nur fünf Minuten nach der hondurasnischen Neuausrichtung 0:2. Nachdem Villa den Elfmeter verballert hat, brachte Rueda mit Núñez noch einen Offensiven, stellte auf 4-4-2 um, und die Spanier hatten hinten noch mehr Platz. Fàbregas hätte eine halbe Minute nach seiner Einwechslung (für Xavi) zum 3:0 einschieben müssen – aber die Spanier haben, das bestätigt den Eindruck vom Schweiz-Spiel, einige Schwierigkeiten im Verwerten der Chancen.

Was sich auch in der restlichen Partie nicht besserte, sondern eher noch schlimmer wurde – weil, wohl auch mit der sicheren Führung im Rücken, jeder noch einen Haken machte, noch einmal abgeben wollte, und im Endeffekt keiner tatsächlich auch aufs Tor schoss. Selbst, als die Honduraner dann sogar noch die Viererkette aufgelöst hatten, auf Dreierkette gingen und den (ohnehin nominell stark besetzten) spanischen Außen noch mehr Platz ließen, nahmen die Spanier diese Einladung nicht an – speziell Navas muss als Enttäuschung angesehen werden. Ja, vorne wurde Honduras nicht mehr gefährlich, aber sie können sich durchaus damit rühmen, gegen Chile und Spanien nur drei Tore kassiert zu haben.

Fazit: Die Spanier kamen zu einem leichten Sieg, verpassten es aber, etwas für Selbstvertrauen und Tordifferenz zu tun. Mit einer zum Teil fast schon überheblich schlampigen Offensivleistung wird es gegen Chile nicht gehen. Honduras darf man bescheinigen, nach der Pause durchaus auch nach vorne etwas machen zu wollen – gegen Spanien, wohlgemerkt – und sich auch vom 0:2 darin nicht beirren zu lassen. Den größten Vorwurf bei Spanien muss man aber Villa machen: Seine zwei Tore in allen Ehren, aber die Tätlichkeit liegt wie ein Schatten darüber, und den Elfmeter hätte er Torres überlassen sollen, um diesem den dringend notwenigen Schub zu geben.

(phe)

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Day 5 – Innere Handbremse https://ballverliebt.eu/2010/06/15/day-5/ https://ballverliebt.eu/2010/06/15/day-5/#comments Tue, 15 Jun 2010 13:55:27 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2244 Day 5 – Innere Handbremse weiterlesen ]]> Südafrika 2010 – Tag 5 | Im Spitzenspiel des Tages neutralisierten sich die Ivorer und die Portugiesen auf hohem Niveau, die innere Handbremse wurde aber nicht ganz gelöst. Die Brasilianer standen gegen Nordkorea zu lange am Bremspedal, die Slowaken stiegen gegen freche Kiwis zu früh drauf.

Neuseeland – Slowakei 1:1 (0:1)

Neuseeland - Slowakei 1:1

Damit haben die Slowaken ganz eindeutig nicht gerechnet: Die Neuseeländer, in einem etwas eigentümlichen 3-1-3-3 angetreten, spielten von Beginn an richtig mutig, ohne Angst und ohne übertriebenen Respekt auf. Die Dreierkette in der Abwehr mit Routinier Nelsen und den Jungspunden Reid und Smith bekam nicht mal allzu viel zu tun, weil Sechser Vicelich und die Mittelfeldkette schon sehr viel von den Slowaken abfingen und sich gleich auch selbst um den Spielaufbau kümmerten. Bälle nach vorne auf die drei Spitzen kamen zwar vornehmlich über lange Bälle, mit denen Škrtel und Ďurica zumindest aus dem Spiel keine allzu großen Probleme hatten, aber im Mittelfeld waren die erfrischend frechen Neuseeländer den vom spielerischen Potential auf dem Papier deutlich besseren Slowaken überlegen.

Das slowakische Mittelfeld fand dafür überhaupt nicht statt. Štrba, der Sechser, war eine Katastrophe im Spielaufbau, er schaffte es nie, den in der (nominell) offensiven Zentrale aufgestellten Hamšík in irgendeiner Weise zu unterstützen. Und überhaupt, der Star von Napoli. Hamšík war nicht in der Lage, gegen das massierte defensive Mittelfeld der Neuseeländer ein auch nur halbwegs taugliches Offensivspiel aufzuziehen. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis die Slowaken die Überraschung über und die Verunsicherung durch das so nicht erwartete neuseeländische Spiel abzulegen begann. Gegen einen stärkeren Gegner ist das natürlich zu lang.

Nicht zufällig wurde die erste spielerisch gute und schnelle Aktion nicht durch den blassen Hamšík, sondern den produktiveren Flügelspieler Weiss eingeleitet, natürlich über rechts, und natürich hatte die All-Whites-Abwehr sofort Probleme. Generell war das Spiel der Slowaken rechtslastig, einfach weil dort mit Weiss junior der aktivste Spieler beheimatet war. Der gelernte Stürmer Jendrišek war auf der linken Seite verschenkt: Weder konnte er dort seine Torgefährlichkeit ausspielen, noch irgend etwas für die Offensive produzieren. Dass Weiss senior in der Pause darauf nicht reagiert hat und Stoch brachte, lag daran, dass dieser angeschlagen war. Weiss junior belebte dann auch die linke Seite, als er gegen Ende der ersten Hälfte mit Jendrišek Platz tauschte. Und nach der Pause natürlich über seine rechte Seite das 1:0 für die Slowaken eingeleitet wurde. Dass es Abseits war: Pech für die Neuseeländer.

Nach dem 1:0 war das Spiel im Grunde entschieden: Die Neuseeländer fielen nun deutlich zurück, kamen kaum mehr vor das Tor, weil Weiss junior nun viel in die Mitte zu Gange war und die Agenden des weiterhin maßlos enttäuschenden Hamšík übernahm. Šesták rückte dafür von der Spitze auf die rechte Seite. Somit konnten die Schwächen von Hamšík und Štrba ausgeglichen werden. Je länger das Spiel dauerte und je besser die Slowaken es optisch in den Griff bekamen, desto mehr merkten aber auch die Neuseeländer die durchaus wackeligen Beine vor allem in der slowakischen Defensive.

Zwanzig Minuten vor Schluss kam mit dem jungen Wood ein Prellbock für die Spitze, um lange Bälle abzufangen; mit Christie statt Vicelich wurde in der Mittelfeldzentrale ein etwas offensiverer Spieler gebracht. Dass der Ausgleich tief in der Nachspielzeit noch fiel, haben sich die Slowaken selbst zuzuschreiben, sie ließen sich von den Neuseeländern einlullen, Fahrlässigkeiten des an sich besten Defensivspielers Škrtel waren dafür ein Anzeichen. Und es ist kein Zufall, dass gerade Štrba erst den Kopfball vor dem Assist zum Ausgleich verlor, als auch danach bei der Flanke schlief.

Fazit: Die Slowaken brauchten lange, um sich auf die lange frechen Kiwis einzustellen und hätten mit de facto zwei Mann in wichtigen Positionen weniger (Hamšík und Štrba) dennoch gewinnen müssen. Die taten es nicht, weil sie sich im Gegensatz zu den meisten Slowaken nicht vor dem Anlass in die Hose machten.

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Côte d’Ivoire – Portugal 0:0

Côte d'Ivoire - Portugal 0:0

In Port Elisabeth startete Portugal mit einigem Schwung in die Partie. Besonders Cristiano Ronaldo versuchte das Spiel an sich zu reissen. Nach etwa 10 Minuten bimmste der „Pfau“ den Ball aus großer Distanz auf die Stange und machte die Ivorer damit darauf aufmerksam, dass er eine Sonderbehandlung braucht. Die bekam er dann auch in Form von einigen Fouls. Der abgeklopfte Ronaldo verlor dann deutlich an Elan, besonders weil der Schiedsrichter aus Uruguay nicht besonders viel com Credo „Spielmacher schützen“ hielt und generell mit fragwürdigen Entscheidungen ein ruppiges Spiel verursachte. Die Elfenbeinküste nutzte das um sich eine leichte Feldüberlegenheit zu erarbeiten.

Beide Mannschaften spielten ein 4-3-3 mit rotierenden Spitzen und sehr dynamischen Adaptionen im Defensivspiel. Taktisch erste Sahne. Ausgelegt wurden die Systeme aber unterschiedlich. Während die Portugiesen den Ball in der eigenen Feldhälfte kontrollierten (die Innenverteidiger waren Hauptanspielstationen) und dann eher durch die Mitte vorstießen, ging es bei den Ivorern etwas flotter und vertikaler über die Seiten zur Sache – besonders über links, wo auch der rechts nominierte Gervinho immer wieder auftauchte. Die Außenverteidiger schalteten sich dabei gut ein.

Auffällig: Beide Mannschaften verteidigten sehr hoch und machten die Räume sehr eng – im Mittelfeld war Dauerstau. Das änderte sich in der zweiten Hälfte. Nach einem starken Beginn der Elfenbeinküste stellte Portugal um, ging stark in Richtung defensives 4-4-2 und zog sich eher bewusst zurück um den schnellen Attacken der Verteidigung der „Elefanten“ zu entgehen, die zu flotten Ballverlusten und schnellen Gegenstößen führten. Das machte im Mittelfeld Luft für alle und eine sehr attraktive Phase des Spiels war die Folge. Auf den Versuch von Carlos Queiroz, des Teamchefs der Europäer, die Mittelfeldhoheit zurück zu erobern, reagierte natürlich auch Sven-Göran Eriksson, seinerseits Coach der Afrikaner. Auch seine Mannschaft stabilisierte das defensive Mittelfeld, packte ein 4-2-3-1 aus.

In der 66. Minute jubelte das Stadion über die Einwechslung von Didier Drogba für seinen Chelsea-Kameraden Kalou. Mit diesem Tausch endete aber auch das gefährliche Rochadenspiel der Ivorer im Sturm und der Sturmlauf fand sein Ende. Portugals Taktik wirkte, die Iberer konnten wieder mehr Ballbesitz erringen und Druck aufbauen. Ihr System war dann sehr dynamisch, ließ den Spielern einige Freiheiten, ohne sie von zu vielen Aufgaben zu entbinden. Das Gegenmittel „Schnelle Konter“ wirkte für die Ivorer dann erst wieder in den letzten Minuten. Allerdings wurden auch die Räume auf diese Weise wieder enger, und damit endeten die 20-30 Minuten an sehenswert offenem Spiel. So ließ sich dann das 0:0 auch nicht mehr überwinden.

Fazit: Gerechtes Remis in einem und sehenswerten Spiel, dem nur Tore fehlten. Beide Mannschaften spielen hochklassigen Fußball und wären ein Verlust für die WM – sie werden in dieser Form aber auch Brasilien gefährden können.

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Brasilien – Nordkorea 2:1 (0:0)

Brasilien - Nordkorea 2:1

Die Rollen waren klar verteilt – aber so richtig flutschen wollte es für die Brasilianer vor allem vor der Pause nicht. Die Seleção war in einem 4-2-3-1 angetreten, mit dem statischen Luís Fabiano ganz vorne und mit den offensiven Elano (rechts) und Kaká (zentral, sehr unauffällig) und Robinho (links) an den Flanken. Grundsätzlich genug Potential, um der koreanischen Fünferkette zuzusetzen, aber es kam gar nichts. Die Brasilianer spielten um den Strafraum herum, recht behäbig. Keine versuchte mal, sich mehr zu bewegen, keiner bot sich an, so hatten es die Koreaner nicht allzu schwer, die Null zu halten.

Hauptachse der Brasilianer war die rechte Seite über Maicon, den mit Abstand besten Mann auf dem Platz. Praktisch alle Angriffe wurden über seine Seite eingeleitet, versandeten aber. Der Favorit verstand es nicht, die sich trotz der massierten Abwehr bietenden Freiräume auch auszunützen. Zu selten ging mal einer bis zur Grundlinie durch, immer wieder zog es alle in die Mitte, dorthin, wo die meisten Koreaner standen. Diese waren genau im erwarteten 5-3-2 angetreten, und ihr enorm fleißiger Stürmer Jong Tae-Se hielt als ständig drohende Gefahr für Konter die brasilianische Defensive vorsichtig.

An der Spielanlage änderte sich auch nach der Pause wenig: Die Koreaner mit drei sicheren Innenverteidigern, von denen maximal einer bei Standards im gegnerischen Gebiet nach vorne geht, und zwei durchaus fleißigen Außenverteidigern (vor allem Cha auf rechts war sehr engagiert). Davor Japan-Koreaner Ahn zentral, rechts der kleine, wuseligen Mun, und Kapitän Hong als Bindeglied zu Jong ganz vorne. Dunga musste seinerseits der Seleção in der Pause klar gemacht haben, dass es sich lohnen könnte, auch mal schnell in freie Räume zu spielen, denn genau so viel das 1:0 – nach einem Vorstoß waren die Koreaner noch nicht ganz sortiert, Elano spielte schlau hinter die Abwehr (LV Ji Yun-Nam war zu weit eingerückt), und Maicons Kunstschuss sorgte dann doch für die Führung. Dass es gerade Maicon war, ist kein Zufall, er war wie erwähnt noch der beste Brasilianer.

Auch das änderte aber nichts am Spiel der Koreaner. Ja, sie suchten nun etwas häufiger den Weg nach vorne, aber hinten blieb alles beim Alten. Brasilien atmete mit der Führung im Rücken deutlich auf und nützte einen der wenigen Unachtsamkeiten bei den Asiaten. Ri Kwang-Chon, der linke IV, rückte zwei Schritte raus um Luís Fabiano zu stellen, Zentral-IV Ri Jun-Il verschob nicht mit, und Elano sprintente hinter dem zu schon wieder zu weit eingerückten LV Ji Yun-Nam in das feine Zuspiel von Robinho und hatte keine Mühe mehr. Damit war das Spiel gelaufen, der Arbeitssieg des Favoriten fixiert. Dass Ji Yun-Nam seine beiden schlimmen Stellungsfehler mit dem (zu) späten Anschlusstor noch linderte, auf gute Vorlage von Jong Tae-Se, änderte nichts Grunsätzliches mehr.

Fazit: Vor der Pause enttäuschte die Seleção maßlos, danach ging es etwas besser, vor allem nach dem Führungstor. Ein Maßstab war dieses Spiel aber noch nicht. Die Koreaner verteidigten zumeist geschickt und können auch Portugal und Côte d’Ivoire noch Kopfschmerzen bereiten.

(phe/tsc)

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Das wandelnde Staatsgeheimnis https://ballverliebt.eu/2010/06/03/das-wandelnde-staatsgeheimnis/ https://ballverliebt.eu/2010/06/03/das-wandelnde-staatsgeheimnis/#comments Thu, 03 Jun 2010 14:59:31 +0000 http://ballverliebt.eu/?p=2112 Das wandelnde Staatsgeheimnis weiterlesen ]]> WM-SERIE, Teil 30: NORDKOREA | Im Frauenfußball gehört das Team aus dem nördlichen Teil der koreanischen Halbinsel zur absoluten Weltspitze – das Männerteam umgibt bei der ersten WM-Teilnahme seit 44 Jahren hingegen ein dicker Nebel des Unbekannten. Sicher nicht ohne Hintergedanken.

Hinten dicht und vorne beten – so könnte man das Spielprinzip des jungen Teams aus Nordkorea bezeichnen. Wären die Bewohner des kommunistisch regierten Staates nicht offiziell konfessionslos. Sehr viel mehr sportliche Erkenntnisse konnten aus der überraschenden Qualifikation, immerhin vor arrivierten Teams wie Saudi-Arabien und Iran, nicht gewonnen werden. Bis auf die drei Spieler, die außerhalb des von der Außenwelt abgeschotteten Staates spielen, sind Beobachtungsmöglichkeiten nur auf Nationalmannschafts-Ebene gegeben. Es steht aber zu vermuten, dass nicht ausschließlich der Staatsdoktrin schuld daran ist, dass auch so etwas profanes wie die Fußballmannschaft als wandelndes Staatsgeheimnis auftritt.

Denn Teamchef Kim Jung-Hun, von dem bis vor Kurzem nicht einmal ein Geburtsdatum herauszufinden war, weiß ganz genau: Sportlich hat seine blutjunge Rasselbande in der Gruppe mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste realistisch betrachtet nicht den Funken einer Chance. Also muss man die überlegenen Gegner über so viele Details im Unklaren halten, wie nur irgend möglich. Zudem gefallen sich die Nordkoreaner durchaus in der Rolle des unbekannten Außenseiters. Das hat in der Qualifikation wunderbar funktioniert, also warum ändern, was Erfolg hat?

Und es ist der größte Erfolg für Nordkoreas Männerfußball seit immerhin 44 Jahren. Damals, bei der Endrunde in England, schalteten sie sensationell mit einem 1:0 die Italiener aus, ehe das Viertelfinale gegen Eusebios Portugiesen nach einer 3:0-Führung noch 3:5 verloren ging. Das war das letzte große Ausrufezeichen für viele, viele Jahre. Erst in jüngster Vergangenheit deutete sich ein Aufschwung an. Denn die Junioren-Teams waren sowohl bei der U20-WM in Kanada 2007 dabei, als auch bei der U17-WM in Peru zwei Jahre zuvor. Und zwar jeweils mit respektablen Ergebnissen! In Peru schalteten die Burschen in der Vorrunde immerhin die Altersgenossen aus Italien aus (klingelt was?), und in Kanada wurden die Nordkoreaner zwar nur Gruppendritter – aber das hinter den späteren Finalisten Argentinien und Tschechien.

Kein Zufall also, dass diverse Spieler dieser beiden Teams auch im jetzigen WM-Kader zu finden sind, wenn auch nicht als Stammkräfte. Wie überhaupt die Asiaten mit einer recht jungen Mannschaft daherkommen, das Durchschnittsalter beträgt lediglich 24,8 Jahre. Was natürlich auch heißt: Die Erfahrung auf internationalem Top-Niveau fehlt komplett. Ja, insgesamt sechs der Kaderspieler haben schon Turniererfahrung durch die Nachwuchs-Endrunden und immerhin drei Führungskräfte sind in Japan und Russland in durchaus konkurrenzfähigen Ligen aktiv, aber verglichen mit den Gegnern, die nun warten, ist das natürlich sehr dünn.

Hinzu kommen auch andere kleine Problemchen. Etwa die Suche nach einem neuen Ausrüster – die chinesische Firma Erke, welche in den letzten Jahren der Zulieferer war, sprang vor kurzem ab, aber keiner der arrivierten, großen Firmen wollte sich mit dem Schmuddelkind der Weltpolitik einlassen. Am Ende erbarmte sich die italienische Firma Legea. Auch der Schachzug von Teamchef Kim Jong-Hun, einen Stürmer (namentlich Kim Myung-Won) zusätzlich als dritten Torhüter zu benennen, wurde von der FIFA durchkreuzt, nun darf sich der 26-Jährige gar nur noch als Torsteher betätigen.

Ein Anfängerfehler, womöglich. Aber auch, wenn über die Nordkoreaner kaum etwas bekannt ist: Blöd sind sie sicher nicht. Durchaus möglich also, dass das Spielchen mit dem dritten Torwart ein gezieltes Manöver war, vergleichbar mit der Art und Weise, mit der vor zwei Jahren der türkische Teamchef Fatih Terim bei der EM alle für dumm verkaufte, als er immer wieder betonte, er habe so wenige Spieler zur Verfügung, dass er fast noch selbst auflaufen müsse. Die Gegner bekamen so ein Gefühl des „die sind so kaputt, die schlagen wir im Vorbeigehen“, an dem letzlich die an sich klar besseren Kroaten scheiterten und die Deutschen im Semifinale beinahe ebenso. Verunsichern der starken Konkurrenz ist in der „Todesgruppe“, in welche die Koreaner gelost wurden, zweifellos ein probates Mittel.

Denn sicher, die Gegner sind von ihrer Klasse her allemal stark genug, um die Nordkoreaner auch ohne allzu ausführliche spezielle Vorbereitung schlagen zu müssen. Aber bei der extrem defensiven Spielweise wäre es keine Sensation, wenn sie einem der Gegner auch mal ein 0:0 abtrotzen würden. Zwei Punkte, die dem Gegner im Kampf um den Achtelfinal-Einzug extrem schmerzen würden! Und wehe, die Koreaner gehen in Führung. Nicht nur, dass eine Niederlage gegen die völlig unbekannten Asiaten für die großen Gegner eine extreme Peinlichkeit wäre, nein, es würde mit einiger Wahrscheinlichkeit das Aus bedeuten. Wenn nicht gleich, dann im Achtelfinale gegen Spanien, denn für den Gruppensieg wird man die Koreaner zweifellos schlagen müssen.

Und zwar mit eigener Offensive, denn selbst wird der Fußball-Zwerg nicht initiativ. Der Schlüssel zur erfolgreichen WM-Teilnahme war eine extrem defensive Spielweise und eine starke körperliche Verfassung, die es erlaubt, das Abwehr-Konzept auch über 90 Minuten aufrecht zu erhalten. So blieben die Nordkoreaner in allen sechs (!) Vorrundenspielen der Qualifikation ohne ein einziges Gegentor, und in den acht Finalrunden-Partien musste der gute Torwart Ri Myung-Guk auch nur fünf Mal hinter sich greifen. Davon nur ein einziges Mal in den letzten fünf Spielen – beim 0:1 in Südkorea, der einzigen Niederlage in den vier Spielen gegen den ungeliebten Nachbarn.

Geduld ist also angesagt, wenn man der Abwehr einen einschenken will. Man darf nicht die Nerven verlieren sollte es nach 70 Minuten immer noch 0:0 stehen, denn genau darauf lauern die Koreaner, die sich ihrer Stärken, aber auch ihrer Schwächen sehr genau bewusst sind und sich hervorragend den Angriffssystemen der Gegner einstellen können. Zumindest war dies in der Qualifikation der Fall – wenn grandiose Einzelkönner wie Cristiano Ronaldo auf die zwar hervorragend organisierten, aber eher kleinen und schmächtigen Abwehrspieler treffen, kann das durchaus schon wieder ganz anders aussehen. Solche Spieler gibt es in Asien nun mal nicht. Und in der nordkoreanischen Liga, in der alle Abwehrspieler aktiv sind, schon gleich gar nicht.

Dass die Defensive der Trumpf ist, zeigt auch die ultra-vorsichtige Grundformation eines 5-3-2 bzw. 5-4-1, wie es Teamchef Kim Jong-Hun bevorzugt. Das Grundgerüst bilden Spieler vom Armeeklub 4.25 Sports Group, deren Name sich auf den 25. April, dem Gründungsdatum der Armee, bezieht. In der Abwehr streiten sich hier die routinierten Mannschaftskollegen Nam Song-Chol (28) und Ji Yun-Nam (33) um den Platz auf der linken Seite. In der Qualifikation war hier eher Ji die erste Wahl, aber da dieser auch als Sechser eine Alternative ist, kann sich Nam durchaus Chancen ausrechnen. Daneben ist auch Ri Kwang-Chon (24), einer der drei Zentralen, in Diesten des Armeevereins, der in Nampho etwa 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Pyöngyang stationiert ist. Die andere Seite gehört zwei Spielern des nach dem nordkoreanisch-chinesischen Grenzfluss benannten Vereins Amrok-Gang, welcher dem Sicherheitsministerium unterstellt ist. Es sind dies Pak Chol-Jin (24) und Rechtsverteidiger Cha Jung-Hyuk (24).

In der unmittelbaren Zentrale steht zudem, ähnlich wie etwa bei der griechischen Mannschaft, noch ein zusätzlicher Verteidiger, der die Rolle eines echten Organisators, gar einer Art Libero, spielt. Der junge Ri Jun-Il (22) dirigiert mit grimmigem Blick die seine beiden Innenverteidiger, die mit 1.84m (Ri KC) und 1.85m (Pak CJ) auch die körperlich größten Spieler der Mannschaft sind. Vor allem bullige Strafraumstürmer wie Didier Drogba oder Luís Fabiano könnten die nordkoreanische Verteidigung hier durchaus für unlösbare Probleme stellen. Zumal ein Spieler wie Drogba den Körperkontakt gerade im Strafraum durchaus sucht, um Strafstöße heraus zu holen.

Vor der Fünfer-Abwehrkette stellt Teamchef Kim Jong-Hun ein Dreiermittelfeld auf, deren Spieler nicht mehr gar so jung sind wie in der Abwehr. Hier agier Ahn Yong-Hak als Sechser, also als weiteren defensiv orientieren Spieler. Ahn gehört der nordkoreanischen Minderheit in Japan an, wurde dort geboren und spielt bei Omiya Ardiya auch in der sportlich durchaus starken J-League. Der 31-jährige Routinier, der kurioserweise auch schon mal bei Suwon in der südkoreanischen Liga aktiv war, ist der Denker und Lenker, das Bindeglied zwischen Defensive und der (eher spärlich vorhandenen) Offensive. Ihm zur Seite stehen wieder zwei Spieler vom Armeeklub, nämlich der nur 1.69m kleine Flügelflitzer Mun Ing-Guk (31), sowie Pak Nam-Chol (24) – sein Namensvetter ist drei Jahre jünger und stellt eine Alternative in der Innenverteidigung dar. Auch das Mittelfeld denkt überwiegend defensiv, ist nicht gerade ein Ausbund an Kreativität.

Für diese sind die beiden explizit offensiven Kräfte zuständig – die Legionäre Jong Tae-Se (26) und Hong Yong-Jo (28). Letzterer kommt eher aus der Etappe und agiert mehr aus dem Mittelfeld heraus, was dieses schnell zu einer Viererformation in einer Raute werden lässt. Ob man das System also nun als 5-3-2 oder als 5-4-1 liest, ist Interpretationssache. Die Crux bei Hong ist, dass er zwar in der Qualifikation der erfolgreichste Torschütze seines Teams war, bei seinem Klub – dem russischen Mittelständler FC Rostov – aber kaum eine Rolle spielt und über ein Dasein als Joker nicht hinauskommt. Die einzige wirkliche auch als solche erkennbare Sturmspitze ist Jong Tae-Se, wie der Sechser Ahn ein bereits in Japan geborener Spieler, der sich aber laut eigener Aussage „zu 100% als Nordkoreaner“ fühlt – solche linientreuen Aussagen sind das einzige, was aus dem Kreis der Nationalmannschaft dringt.

Der 26-jährige Stürmer, der aufgrund seines robusten Körperbaus so ein wenig wie ein Riesenbaby aussieht, ist im Gegensatz zu seinem verkappten Sturmpartner absolut Stammspieler bei seiner Mannschaft, und ist in der J-League auch durchaus torgefährlich. Zwar kommt ihm bei Kawasaki Frontale auch die offensivere Spielweise dieser Mannschaft zugute, aber Jong erzielte knapp ein Viertel der Treffer seiner Klubmannschaft und hat somit durchaus seinen Anteil daran, dass zur WM-Pause der Abstand zur Tabellenspitze nur gering ist. Auf seinen Qualitäten als Vollstrecker verlassen sich die Nordkoreaner, wenn es Konter gibt.

Was die einzige Möglichkeit sein dürfte, zu Torchancen zu kommen. Besonders attraktiv anzusehen ist das natürlich nicht, das ist aber auch nicht der Anspruch. Im Grunde genommen ist die bloße Teilnahme schon deutlich mehr, als man sich in Nordkorea realistischerweise erhoffen konnte. Selbst wenn es drei klare Niederlagen gäbe, würde das dem grundsätzlichen Erfolg der Qualifikation keinen Abbruch tun.

Nur die Bevölkerung des so völlig von der Außenwels abgeschnittenen Landes wird von den Spielen ihrer Mannschaft in Südafrika nichts mitbekommen, was nicht vorher schon durch den staatlichen Propaganda-Fleischwolf gedreht wurde – denn der TV-Feed, der wie etwa vor vier Jahren bei der Endrunde in Deutschland von Südkorea aus in den Norden gesendet wurde, ist wegen des jüngsten kriegerischen Säbelrasselns zwischen den beiden Staaten ausgesetzt.

Vielleicht gar nicht so schlecht, denn anders dürften Kim Jong-Il und sein Regime die Spiele kaum als großen, staatstragenden Erfolg verkaufen können.

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NORDKOREA
ganz in rot, Legea – Platzierung im ELO-Ranking: 82.

Spiele in Südafrika:
Brasilien (Abendspiel Di 15/06 in Johannesburg/E)
Portugal (Mittagsspiel Mo 21/06 in Kapstadt)
Côte d’Ivoire (Nachmittagsspiel Fr 25/06 in Nelspruit)

TEAM: Tor: Kim Myung-Gil (25, Amrok-Gang), Kim Myung-Won (26, Amrok-Gang, eigentürlich Stürmer), Ri Myong-Guk (23, Pyöngyang City). Abwehr: Cha Jong-Hyok (24, Amrok-Gang), Nam Song-Chol (28, 4.25 Sports Group), Pak Chol-Jin (24, Amrok-Gang), Pak Nam-Chol I (21, 4.25 Sports Group), Ri Jun-Il (22, Sobaeksu), Ri Kwang-Chon (24, 4.25 Sports Group), Ri Kwang-Hyok (22, Kyong Gongop). Mittelfeld: Ahn Yong-Hak (31, Omiya Ardiya), Ji Yun-Nam (33, 4.25 Sports Group), Kim Kyong-Il (21, Rimyongsu), Kim Yong-Jun (26, Pyöngyang City), Mun In-Guk (31, 4.25 Sports Group), Pak Nam-Chol II (24, 4.25 Sports Group), Pak Sung-Hyok (20, Sobaeksu), Ri Chol-Myong (22, Pyöngyang City). Angriff: An Chol-Hyok (25, Rimyongsu), Choe Kum-Chol (23, 4.25 Sports Group), Hong Yong-Jo (28, Rostov), Jong Tae-Se (26, Kawasaki Frontale), Kim Kum-Il (22, 4.25 Sports Group).

Teamchef: Kim Jong-Hun (53, Nordkoreaner, seit Februar 2008)

Qualifikation: 4:1 in und 5:1 gegen die Mongolei. 1:0 in Jordanien, 0:0 auf neutralem Boden gegen Südkorea, 0:0 in und 1:0 gegen Turkmenistan, 2:0 gegen Jordanien, 0:0 in Südkorea. 2:1 in den VAE, 1:1 auf neutralem Boden gegen Südkorea, 1:2 im Iran, 1:0 gegen Saudi-Arabien, 2:0 gegen die VAE, 0:1 in Südkorea, 0:0 gegen den Iran, 0:0 in Saudi-Arabien.

Endrundenteilnahmen: 1 (1966 Viertelfinale)

>> Ballverliebt-WM-Serie
Gruppe A: Südafrika, Mexiko, Uruguay, Frankreich
Gruppe B: Argentinien, Nigeria, Südkorea, Griechenland
Gruppe C: England, USA, Algerien, Slowenien
Gruppe D: Deutschland, Australien, Serbien, Ghana
Gruppe E: Holland, Dänemark, Japan, Kamerun
Gruppe F: Italien, Paraguay, Neuseeland, Slowakei
Gruppe G: Brasilien, Nordkorea, Côte d’Ivoire, Portugal
Gruppe H: Spanien, Schweiz, Honduras, Chile

* Die Platzierung im ELO-Ranking bezieht sich auf den Zeitpunkt der Auslosung

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